Gelesen im April und Mai

Egon Schiele: Selbstporträts und Porträts

Unteres Belvedere 30.5.

Viel, vermutlich zu viel Impressionismus und Expressionismus sah ich den letzten 10 Jahren. Dass Schiele zu den besten „Expressiven“ gehört, läßt sich noch bis 13. Juni in der Orangerie des Belvedere verifizieren. Zu sehen sind dort viele seiner Selbstporträts, abwechselnd mit diversen gemalten und gezeichneten Porträts. Die Bilder sind chronologisch sortiert, so dass man Schieles Entwicklung vom mit sich selbst beschäftigten jungen Mann bis zu seinen reiferen Phasen Revue passieren lassen kann. So geballt ausgestellt, tritt die Monomanie des Künstlers besonderns stark hervor. Aber er reflektiert auch andere soziale Situationen, wenn er etwa unglaublich ausdrucksstark die Ausdruckslosigkeit einer jungen Familie malt.

Alvis Hermanis: Väter

Akademietheater 26.5.

Regie: Alvis Hermanis

mit
Gundars Abolins
Juris Baratinskis
Oliver Stokowski

Hermanis gilt inzwischen als eine Art Regiestar und ist ein ständiger künstlerischer Begleiter von Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann. Väter wurde von Zürich mit nach Wien gebracht. Es ist ein interessantes Theaterprojekt. Die drei oben erwähnten Personen, zwei davon Schauspieler, erzählen mit theatralischen Mitteln drei Stunden lang über ihr Leben, speziell über ihre Väter. Der Versuch ein Teil-Autobiographie auf der Bühne. Das Ergebnis ist ein sehr eindrucksvoller, authentischer, zum Nachdenken anregender, oft auch sehr witziger Abend. Man hört gebannt zu, erfährt auch viel über die Lebenswirklichkeit in Lettland vor der Wende. Das Bühnenbild besteht, nebst diversen Requisiten, aus großformatigen Fotos und Bildern der betreffenden Väter im Hintergrund. Werde mir jetzt alles von Alvis Hermanis in Wien ansehen. Eine Entdeckung.

San Francisco Symphony Orchestra

Dirigent: Tilson Thomas

Wiener Konzerthaus 21.5.

Wiener Singakademie, Chor
Laura Claycomb, Sopran
Katarina Karnéus, Mezzosopran
Michael Tilson Thomas, Dirigent

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 2 c-moll für Sopran, Alt, Chor und Orchester «Auferstehungs-Symphonie» (1888-1894)

Mahlers Zweite ist ein schönes Beispiel dafür, dass Größenwahn im Bereich der Kultur, anders als etwa in der Politik, zu großartigen Ergebnissen führen kann. Alles an dem Werk ist monumental. Vom metaphysischen Anspruch bis zur orchestralen Umsetzung. Letztere führt auch heute noch einen Orchesterbetrieb an seine Grenzen angesichts der Vielzahl an Beteiligten. So war das Podium im Großen Saal des Konzerthauses auch bis zum Bersten voll.

Tilsons Interpretation der Symphonie spielte die furiosen Passagen voll aus, legte sich aber dafür in den leisen Passagen höchste Zurückhaltung auf, was für eine interessante Spannung sorgte. Das Orchester war technisch glänzend disponiert. Speziell die Bläser legten eine Referenzleistung hin. Die Solistinnen und der Chor sangen ebenfalls makellos. Insgesamt also eine höchst hörenswerte Aufführung.

Wiener Konzerthaus 22.5.

Henry Cowell: Synchrony (1931)
Alban Berg: Violinkonzert «Dem Andenken eines Engels» (1935)
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 5 c-moll op. 67 (1804-1808)

Mit dem amerikanischen Komponisten Henry Cowell hatte ich in diesem Konzert meinen Erstkontakt. Cowells Musik war im Vergleich zu seinen komponierenden Landsleuten avantgardistisch und so überrascht es nicht, dass er die musikalische Avantgarde in den USA maßgeblich mitprägte.
Alban Bergs Violinkonzert klingt auch nach siebzig Jahren noch frisch und aufregend, was man nicht von jeder Komposition aus dieser Zeit behaupten kann. Die Interpretation war zupackend und direkt. Beide Stücke wurden auf technisch erstklassigem Niveau gespielt.

Spannend nach der Pause dann die Fünfte von Beethoven. Wie würde Tilson dieses so oft gespielte Werk anlegen? Er entschied sich für eine unprätentiöse Interpretation. Ich wäre fast geneigt, von einer „klassisch amerikanischen“ Interpretation zu sprechen. Die Besetzung war vergleichsweise groß und Tilson ließ sein Orchester sehr auf Effekte fokussiert spielen. Ganz so als hätte es in den letzten Jahrzehnten keine andere Sichtweisen auf die Musik dieser Zeit gegeben. Das Hörlerlebnis war aber ein durchaus erfreuliches.

Wiener Konzerthaus 25.5.

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 9 (1908-1909)

Bei Mahlers Neunter wählte Tilson einen ganz anderen Zugang als zu Beethovens Fünfter. Es war eine intellektuelle, sehr kopflastige Interpretation. Bekanntlich endet die Symphonie mit einem langsamen Verklingen. Die Musik wird leiser und leiser bis sie am Ende verstummt. Dieses metaphysisch aufgeladene Motiv der Stille stand im Zentrum der subtilen Aufführung. Die leisen Stellen ließ Tilson unglaublich langsam, bis zum Zerreißen ausspielen. Mit so gedehnten Tempi hörte ich die Neunte noch nie. Tilson gab viele Denkanstöße. Man könnte auch sagen, seine Herangehensweise richtete sich mehr an das Großhirn als an das Stammhirn (bei Beethoven war es genau umgekehrt). Das SFO spielte auch dieses Konzert auf einem technischen Weltklasse-Niveau. Es gehört aktuell ohne Zweifel zu den Spitzenorchestern. Wer in San Francisco wohnt, der braucht sich keine Sorgen machen, dass er musikalisch depravieren könnte.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Eine unzensierte Neuausgabe des Dorian Gray darf in einer Klassiker-Bibliothek natürlich nicht fehlen. Die Bücher rund um Peru weisen auf meine Südamerika-Reise im Oktober voraus. Nachdem mir die Übersetzung der Metamorphosen von Michael von Albrecht exzellent gefiel, bestellte ich auch seine Ovid-Einführung.

Ovid: Metamorphosen

Man kann endlos über den Kanon der Weltliteratur streiten. Es gibt aber eine Reihe von Klassikern, deren überragender Status außer Zweifel steht: Homer, Dante und Shakespeare wären zu nennen, aber auch die Metamorphosen des Ovid. Wenn man sich bei dieser Kategorisierung nicht auf ästhetische Kriterien einlassen will, gibt es eine plausible Alternative: Den Einfluss auf die Kulturgeschichte.

Die Metamorphosen zählen mit der Bibel und den Epen Homers zu den meist rezipierten Werken der Antike. Bis in die Neuzeit hinein waren sie die wichtigste Quelle für mythologische Stoffe. Auffallend ist hier besonders die Wirkung über die Grenzen der Literatur hinaus. Egal, welche der großen europäischen Gemäldegalerien man besucht: Man wird jede Menge „Verbilderungen“ der Geschichten des Ovid finden. Deshalb kennen Kunsthistoriker das Werk oft besser als Literaturfreunde. Innerhalb der Literatur war die Sammlung ebenfalls höchst wirkmächtig. Shakespeare etwa kannte die Metamorphosen gut, sie waren eine seiner Hauptinspirationsquellen.

Ich las den Zyklus nun nach fünfzehn Jahren zum zweiten Mal und war noch faszinierter über Ovids überragende Erzählkunst als damals. Er ist ein Meister der Verknappung. Immer wieder hatte ich den Eindruck, dass er so kurz und knapp wie ein moderner amerikanischer Erzähler schreibt. Die etwa 250 Geschichten werden meist aus minimalen Motiven und mit wenig Kontext entwickelt, entfalten aber trotzdem eine starke Wirkung. Auf der anderen Seite kann Ovid Ereignisse so packend und plastisch beschreiben als sei er ein niederländischer Maler. Man findet fulminante Schilderung quer durch den Zyklus. Das bezieht sich nicht nur auf die Figuren, sondern auch auf Naturerlebnisse. Ein über mehrere Seiten ausgemalter Schiffsuntergang samt Meeresunwetter gehört zum Besten, was ich diesbezüglich las. Auch Kampfschilderungen sind oft von einem Detailreichtum, die jedem Splattermovie zur Ehre gereichten. Da tritt Hirn aus Augenhöhlen aus, und es zucken die Muskeln und Venen von lebendig Gehäuteten. Der Effekt auf den Leser ist frappant.

An dieser Stelle ein Wort zur Übersetzung durch Michael von Albrecht. Er findet einen exzellenten Mittelweg zwischen Genauigkeit und Ästhetik. Die oben beschriebenen Vorzüge kämen ohne von Albrechts Übersetzungskunst nicht so stark zu tragen. Generell bin ich ein großer Freund von Prosa-Übersetzungen. Antike Versmaße ins Deutsche zu übertragen wirkt meist sehr künstlich und führt zur Verwendung von „überflüssigen“ Wörtern, nur um das Metrum zu halten. Das verfälscht dann den Stil des Originals.

Die Bildsprache ist faszinierend. Die Metaphern sind ungemein geschickt gewählt und vermitteln einen informativen Eindruck in die kognitive Welt der Antike. Wer einen Sinn für einzelne Phrasen und Bilder hat, wird Ovid mit großer Freude lesen. Sieht man sich die Struktur der Metamorphosen an, stößt man ebenfalls auf viel Unerwartetes. Ovid verwendet nämlich bereits diverse „Rahmentechniken“ für seine Erzählungen. Oft erzählen sich die Figuren gegenseitig Geschichten, ein Setting, dass dann durch Boccaccios Decamerone mehr als tausend Jahre später berühmt werden sollte. Die Chronologie einer solchen Serie von Geschichten variiert oft. D.h. es gibt Geschichten, die plötzlich eingeschoben werden, um die Vorgeschichte zu erleuchten. Ovid betreibt bereits ein sehr modernes „Zeitmanagement“. Bei einzelnen Geschichten verwendet Ovid oft unterschiedliche „Register“. Eine Passage kann sehr verknappt erzählt, eine andere derselben Geschichte sehr detailliert und rhetorisch aufgeladen.

Ovids Rhetorikausbildung schlägt sich ebenfalls an verschiedenen Stellen explizit nieder. So gibt es immer wieder sehr wirkungsvolle Reden in einzelnen Erzählungen. Pathetische Liebes-Verwicklungen wären an erster Stelle zu nennen, aber auch zu unerwarteten Themen. So hält Pythagoras im fünfzehnten Buch ein höchst beeindruckendes Plädoyer für den Vegetarismus, an dem auch ein PETA-Aktivist heute noch seine Freude hätte.

Abschließend ein Wort zum Lesetempo: Die Metamorphosen liest man am besten langsam und ohne Zeitdruck. Satz für Satz, Geschichte um Geschichte. Ich ließ mir für diese Zweitlektüre mehrere Monate Zeit und habe dieses Leseprojekt sehr genossen.

Ovid: Metamorphosen (Reclam)

Empfehlungen: WBG

Der im besten Sinne anspruchsvollste „Buchclub“ im deutschsprachigen Raum ist die Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Im Gegensatz zum Namen handelt es sich um keine rein akademische Angelegenheit. Es gibt dort auch immer Klassiker-Ausgabe mit einem exzellenten Preis-Leistungsverhältnis sowie günstige Lizenzausgaben vieler spannender Fach- und Sachbücher. Man zahlt einen moderaten jährlichen Mitgliedsbeitrag und muss ein Buch pro Jahr kaufen. Viele Bücher meiner Bibliothek habe ich dort bestellt.

Invitation to World Literature

So nennt sich eine dreizehnteilige Reihe mit halbstündigen Videos über ausgewählte Klassiker der Weltliteratur. Solche Projekte sind natürlich sehr begrüßenswert.

Harold Bloom

The Western Canon The Books and School of the Ages. (Riverhead Books)

Bloom ist ein großer Kenner, wenn es um Klassiker geht. Seine von der Psychoanalyse inspirierten literaturtheoretischen Vorstellungen sind aber sehr fragwürdig. Man liest Bloom also am besten als Leser und als Polemiker, nicht als Literaturwissenschaftler. Polemiker deshalb, weil er an der postmodernen Umgestaltung der Literaturinstitute in den USA kein gutes Haar läßt, und sogar das Ende des substanziellen Literaturunterrichts in den USA ausruft.

The Western Canon ist deshalb als eine Art Nachruf auf den Kanon konzipiert. Der Anhang enthält eine umfangreiche Empfehlungsliste mit Klassikern der Weltliteratur. Im Zentrum des Kanons steht für Bloom Shakespeare, der als Bezugspunkt implizit und explizit immer präsent ist. Blooms Klassikerlektüre ist immer dann sehr interessant, wenn es um konkrete Beobachtungen und das Herstellen von Bezügen geht. Je mehr er in (s)eine Form des Interpretierens hineinrutscht, desto fragwürdiger werden die Kapitel. Meine Empfehlung wäre, diese Passagen einfach zu überblättern, und sich die Perlen aus den jeweiligen Kapiteln herauszusuchen.

Das Pathos, mit dem Bloom die Lektüre von Klassikern preist, ist mir naturgemäß nicht unsympathisch. Von den gängigen postmodernen Literaturtheorien halte ich genausowenig wie Bloom, was sich in meinem Essay Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie nachlesen läßt. Bei seiner Kanonauswahl dominieren, wenig überraschend, angelsächsische Klassiker. Insgesamt ein für Klassikerfreunde sehr anregendes Buch, wenn man Bloom nicht jede interpretatorische Eskapade durchgehen läßt.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Schmid über Tolstoi könnte interessant sein. Alek Popov lernte ich auf dem „Abend der bulgarischen Kultur“ kennen, der kürzlich in Wien im Wittgenstein Haus stattfand. Für das Buch von Philip Hautmann habe ich einen Rezensionsauftrag. Die Neuauflage der Johann-Heinrich-Voß-Übersetzung der Erzählungen aus Tausend und eine Nacht ist eine sehr hübsche Buchidee von C.H. Beck und ebenfalls ein Rezensionsexemplar. Die neu aufgelegte Enzyklopädie der Entdecker wird bei zukünftigen Reisevorbereitungen sehr hilfreich sein.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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