Neues aus der ReligionsWISSENSCHAFT

Seit einigen Jahren gibt es verstärkt Projekte mit dem Ziel, die Existenz der Religion mit (natur)wissenschaftlichen Methoden besser zu verstehen. The Economist fasst nun in einem Artikel die ersten Ergebnisse des seit drei Jahren laufenden, multinationalen Projekts zusammen:

At the moment, most students of the field would agree that they are still in the “stamp collecting” phase that begins many a new science—in which facts are accumulated without it being clear where any of them fit in. But some intriguing patterns are already beginning to emerge. In particular, the project’s researchers have studied the ideas of just deserts, of divine disapproval and of the nature of religious ritual.

One theory of the origin of religion is that it underpins the extraordinary capacity for collaboration that led to the rise of Homo sapiens. A feature of many religions is the idea that evil is divinely punished and virtue is rewarded. Cheats or the greedy, in other words, get their just deserts. The selflessness which that belief encourages might help explain religion’s evolution.

[…]

Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen

Wiener Staatsoper

Das Rheingold 6.4.
Die Walküre 7.4.
Siegfried 10.4.
Götterdämmerung 13.4. (Franz Welser-Moest)

Musikalische Leitung: Adam Fischer
Regie: Sven-Eric Bechtolf

Wotan: Juha Uusitalo
Alberich:Tomasz Konieczny
Siegmund:Christopher Ventris
Sieglinde: Edith Haller
Brünnhilde: Eva Johansson
Mime: Wolfgang Schmidt
Siegfried: Stephen Gould
Gunther: Markus Eiche
Hagen: Eric Halfvarson
uvm.

Wien bietet als meines Wissens einzige Stadt weltweit die Möglichkeit, jedes Jahr mindestens einmal den kompletten Ring anzuhören, inzwischen ein Fixtermin für mich. Gesanglich war die aktuelle Aufführungsreihe unter den besten je gehörten. Je öfter ich diese sechszehn Stunden Musik höre, desto interessanter erscheinen sie. Strukturelle und musikalische Details werden nach und nach klarer. Die Bewunderung für die enorme künstlerische Leistung des Richard Wagner steigt von Jahr zu Jahr.

Alle Hauptrollen wurden auf exzellentem Niveau gesungen. Besonders herausragend waren Juha Uusitalo (Wotan), Eva Johansson (Brünnhilde) und Stephen Gould (Siegfried). Letzterer sang selbst den langen Siegfried bis zum Ende so frisch und ausgeruht als wäre er nicht schon viele Stunden auf der Bühne gestanden. Siegfried war zweifellos der musikalische Höhepunkt des Zyklus.

Die Orchesterleistung war leider inhomogen. Schwach im Rheingold, guter Durchschnitt in der Walküre und schließlich eine sehr gute Leistung in den beiden letzten beiden Teilen. Für sie war Franz Welser-Moest angekündigt. Auch wenn er letztendlich nur Götterdämmerung dirigierte, hat sich diese Planung offensichtlich auch schon sehr positiv auf die Besetzung des Orchestergrabens bei Siegfried ausgewirkt. Das bestätigt meine Hypothese, dass es in der Wiener Staatsoper für eine exzellente Leistung nicht in erster Linie auf den musikalischen Leiter ankommt, sondern welche Musiker am Abend im Graben sitzen.

Kunsthistorisches Museum: Ausstellungen

al-Fann. Kunst der islamischen Welt aus der Sammlung al-Sabah, Kuwait (bis 19.4.)
Schaurig Schön – Ungeheuerliches in der Kunst (bis 1.5.)

Ein Besuch im Kunsthistorischen Museum ist angesichts der großartigen Sammlung immer lohnenswert. Derzeit aber aufgrund von mehreren Sonderausstellungen besonders. Keine „offizielle“ Ausstellung, aber in der Gemäldegalerie wurde in einem Saal eine barocke Hängung nachvollzogen, d.h. mehrere Reihen eng gehängter Bilder neben und übereinander, wie man das aus entsprechenden Bildern kennt, die Sammler aus der Barockzeit in ihrer Galerie zeigen. Die Bilder sind überwiegend „klassisch niederländisch“ und enthalten Leihgaben. Diesen Kunstraumeindruck sollte man sich auf keinem Fall entgehen lassen.

In Wien gibt es bekanntlich keine nennenswerte Sammlung mit islamischer Kunst. Deshalb sollte man die Gelegenheit nutzen, und sich die hochkarätige Auswahl aus der Sammlung al-Sabah ansehen. Sie ist didaktisch als Einführung konzipiert. Man findet wenige, aber gut ausgewählte und sehr anschauliche Kunstwerke, die thematisch angeordnet sowie mit guten Erläuterungen versehen sind (Kalligraphie, Geometrie, figürliche Darstellungen….). Man schlendert durch die islamische Kunstgeschichte als durchblätterte man einen guten Kunstband, nur dass man hier vor Originalen steht.

Schaurig Schön lebt überwiegend vom eigenen Bestand des KHM und stellt Werke thematisch zu mythologischen Figuren zusammen. Als wäre die Ausstellung dazu gedacht, meine eben laufende zweite Lektüre der Metamorphosen des Ovid zu illustrieren. Gemälde, Skulpturen und Kunsthandwerk zu Sphinx, Phönix, Einhorn, Drache und ähnliches Getier ist zu sehen. Eine kleine, lehrreiche, vergnügliche Sache. Sie zeigt, dass man nicht für jede Ausstellung auf viele Leihgaben zurückgreifen muss.

Eine Jahreskarte für das KHM bekommt man übrigens für nur 29 Euro.

Reise-Notizen: Malta

Die ersten Eindrücke von Malta waren zwiespältig. Die kleine Insel (27 km lang, 14 km breit, 400.000 Einwohner) gehört zu den drei am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt. Fährt man über den bewohnten Teil der Insel, wirkt die Besiedelung disparat und die Häuser aufgrund des überall verbauten gelbbeigen Sandsteins eintönig. Man wird aber schnell eines Besseren belehrt, wenn man sich systematisch die Städte ansieht. „Stadt“ ist freilich mit Vorsicht zu genießen, viele „Städte“ gingen in anderen Ländern nur als Dörfer durch. Dörfer freilich, die zum Teil mit riesigen Kirchen protzen, wie in Mosta, wo eine der größten Kuppelkirchen der Welt steht.

Speziell die am Meer gelegenen Orte wie Valletta oder Vittoriosa sind aufgrund der vielen Hafenbecken und Blicke aufs Meer sehr malerisch. Mdina würde gut in diese Reihe passen, wäre das Städtchen inzwischen nicht fast unbewohnt und fest in Touristenhand. In der Vorsaison halten sich die Touristenströme noch angenehm in Grenzen, was bei Mdina aber den Eindruck einer Kulissenstadt noch verstärkt. Wer in Süditalien oder Griechenland unterwegs war, wundert sich außerdem über den fehlenden Müll im öffentlichen Raum.

Die Insel ist sehr britisch geprägt. Linksverkehr, Schuluniformen und 40 Jahre alte, gelbe Bedfort-Busse im Linienverkehr erinnern ebenso an die Kolonialzeit wie das zentralisierte „britische“ Gesundheitswesen.

Die Insel Gozo ist kleiner als Malta. Nur 30.000 Maltesen leben dort. Es gibt keine Industrie. Nach dem Übersetzen mit der Fähre hatte ich den Eindruck, ich wäre mit einer Zeitmaschine einige Jahrzehnte in die Vergangenheit gereist. So könnte es in Mittelmehrländern in den sechziger Jahren ausgesehen haben.

Meine kulturelle Erwartungshaltung war eine zweifache: Prähistorische Tempel und der Malteser Ritterorden. Manche Tempel sind älter als die Pyramiden in Ägypten. Redet man von der Steinzeit, wird schnell Stonehenge erwähnt. Die Ruinen auf Malta sind aber sehenswerter und dürften neben den Höhlenmalereien in Lascaux zu den am besten erhaltenen Kulturleistungen der Prähistorie zählen. Wobei von den mehr als zwei Dutzend nachgewiesenen Tempel nur eine Handvoll so gut erhalten ist, dass man als sich als Laie etwas vorstellen kann. Besichtigen sollte man auf jedem Fall Hagar Qim, Hagar M, T und H auf Gozo. Steht man vor diesen monumentalen Steinanhäufungen (Steine bis zu 20t schwer), drängt sich die Frage auf, wie die prähistorischen Bewohner der Insel diese Lasten überhaupt bewegen konnten. Die vorherrschende Theorie besagt, dass die Steine von den mindestens einen Kilometer entfernten Steinbrüchen auf Steinkugeln heran gerollt wurden. Auch die Statik der Bauten verblüfft. Bindemittel waren noch unbekannt, d.h. die Steine wurden aufeinander gestapelt und hielten aufgrund ihres Eigengewichts, der Verankerung im Boden und einer leichten Neigung nach innen. Ob in den Tempeln Priesterinnen eine Muttergöttin verehrten, ist umstritten. Das erhaltene Unterteil einer großen Statue stützt diese These aber.

Der Malteser Ritterorden hat auf Malta nicht nur beeindruckende Befestigungsanlagen und Forts hinterlassen, welche die „Skyline“ bis heute maßgeblich prägen, sondern auch jede Menge sehenswerter Kirchen und Paläste. Das Armutsgelübde war schnell vergessen und die Großmeister bauten wie andere Herrscher zu Repräsentationszwecken. Der innen opulent geschmückte Großmeisterpalast ist dafür ebenso ein Beispiel wie die St. Johns Co-Cathedral. Die Innenausstattung ist vom Barock inspiriert. Die Prächtigkeit wirkt für moderne Augen aufgrund von kompetenter Farbwahl und hoher Stilsicherheit weniger überbordend als Kirchen in Mitteleuropa. Ästhetisch besonders ansprechend sind die Grabplatten für die Ritter, aus denen oft die Fußböden bestehen. Der kriegerische Auftrag des Ordens schlägt sich in der Ikonographie nieder, wo man gerne einmal nordafrikanisch aussehende Statuen buchstäblich unterdrückt.

Malta ist bis heute sehr katholisch geprägt. 98% der Bewohner sind Katholiken. Abtreibungen sind verboten, Scheidungen gesetzlich nicht vorgesehen. Witzigerweise beten die Malteser „Allah“ an, da sie eine semitisch-arabische Sprache sprechen (mit vielen europäischen Lehnswörtern). Von den Bootsflüchtlingen ist im Alltag nicht viel zu sehen. Man begegnet ab zu einem Afrikaner. Im Vergleich zu multikulturellen europäischen Städten, wirkt Malta sehr homogen, die Touristen einmal ausgeklammert. Ansonsten sah ich im Süden eine Zeltstadt für Flüchtlinge mit (anscheinend) kaum Infrastruktur.

Hermann Kulke / Dietmar Rothermund: Geschichte Indiens

Von der Induskultur bis heute. (C.H. Beck)

Urprünglich wollte ich dieses Gesamtdarstellung der indischen Geschichte vor meiner Rajasthan-Studienreise im Oktober lesen. Letztendlich wurde ich damit aber erst vor einigen Wochen fertig. Ich war auf der Suche nach einem fundierten Überblick der indischen Geschichte in einem Band. Diesem Anspruch erfüllen Hermann Kulke und Dietmar Rothermund gut. Sie spannen den Bogen von den ersten berühmten Kulturen am Indus über die Reiche des Mittealters und die Kolonialzeit bis (fast) hin zur Gegenwart. Die einzelnen Kapitel sind sehr dicht geschrieben und vollgepackt an Informationen, was der Lesbarkeit nicht sehr förderlich ist. Es bleibt auch wenig Platz für den historischen oder kulturellen Kontext. Das wird aber durch eine Darstellung am aktuellen Stand der Forschung wett gemacht, soweit ich das beurteilen kann. Das Buch richtet sich offensichtlich an ein Laienpublikum. Anders ist der Verzicht auf Fußnoten nicht zu erklären.

Notizen-Statistik: 2. Quartal 2011

Besucher (Visits): 130.039
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Insgesamt sind 2131 Notizen und 230 Kommentare online.

Gestartet im April 2001.

Allgemeinbildung 2020…

… oder soll man noch Klassiker lesen?

Zu Teil 1

Seit der Renaissance war ein wichtiger Bestandteil der gehobenen Allgemeinbildung, Klassiker zu lesen. In erster Linie sollte man die antiken Autoren im Original gelesen haben. Dieses humanistische Bildungsideal wurde bei den gesellschaftlichen Eliten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beibehalten. Immer ergänzt durch weitere kanonisierte Autoren: Shakespeare, Goethe und Schiller sind hier prominent zu nennen.

Was versprach man sich davon? Ich denke, man kann die Motive auf drei Gründe reduzieren: Kenntnis des nationalen und europäischen Kulturerbes (mit entsprechender ideologischer Aufladung), Abgrenzung einer Bildungselite nach unten, und die Hoffnung, durch Bildung besonders edle Charaktere zu formen. So schön diese Hoffnung auch war, dass der Mensch durch (klassische) Bildung edel hilfreich und gut würde, speziell die deutsche Geschichte zeigt das Gegenteil. Regelmäßige Goethe-Lektüre schloss eine SS-Mitgliedschaft ebenso wenig aus, wie eine Altphilologie-Professur das Hinausmobben jüdischer Kollegen aus deutschen Universitäten. Edle Taten fanden sich dafür ebenso bei humanistisch völlig ungebildeten Menschen. Goebbels war als Germanist ebenfalls ein großer Kenner der Klassiker. Ich neige deshalb der These zu, dass (klassische) Bildung zwar bereits vorhandene Charaktereigenschaften in Menschen beeinflussen kann, sie aber auf keinen Fall ausreicht, Menschen allgemein von unmoralischen Taten abzuhalten oder sie zu moralischen Taten zu motivieren.

Abgrenzung durch klassische Bildung als Statussymbol funktioniert heutzutage auch immer weniger. Im Österreich des 21. Jahrhunderts kann man sich damit eher als jemand profilieren, der einen seltsamen Spleen hat. Goethe-Leser? Das ist aber ein originelles Hobby! Ich selbst lerne gerade Aikido…

Plausibel von den ursprünglichen drei Motiven bleibt als die Kenntnis des eigenen Kulturerbes. Wie im ersten Teil ausgeführt halte ich das im Sinne eines abstrakten Überblickswissen für sinnvoll.

Warum also sollte man 2020 noch Klassiker lesen? Anders formuliert: Welchen Nutzen bringt die Klassikerlektüre dem Einzelnen oder gar der Gesellschaft?

Klassiker zu lesen und zu verstehen, ist eine Fähigkeit wie viele andere, die man zumindest einige Jahre lang trainieren muss. Eine passende Analogie ist vielleicht das Schachspiel. Die Regeln sind schnell gelernt. Ein oberflächliches Verständnis über strategische Grundzüge des Spiels ebenfalls. Ein wirklich guter Spieler zu werden setzt neben Talent aber sehr viel Aufwand voraus. Je mehr man spielt, je ausführlicher man sich mit der „Mechanik“ des Schach beschäftigt, je öfter man Partien analysiert, desto besser wird man werden. Bis man die Feinheiten einer Stellung oder die Finessen eines über viele Züge gehenden Manövers zu würdigen weiß, können viele Jahre vergehen. Eine weitere Analogie wäre das Erlernen einer Fremdsprache.

Es gibt auch unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Ein verständnisvolles Lesen der Romane des 19. Jahrhunderts ist früher möglich, als ein verständnisvolles Lesen von antiker, mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Literatur. Dickens ist weniger fremd als Homer, Dante oder Shakespeare.

Der Deutschunterricht ist beim Erlernen dieser Fähigkeit eher hinderlich als hilfreich, aber das wäre ein anderes Thema. Warum ist Klassiker-Lektüre so kompliziert? Weil der Gegenstand auf mehreren Ebenen komplex ist. Vergleichsweise banal ist die Notwendigkeit, intellektuell größere Zeiträume zu überwinden, was ein gewisses Kontextwissen voraussetzt. Auch das fiktionale Lesen an sich stellt nicht die größte Herausforderung dar. Wer den Abenteuern Harry Potters zu folgen vermag, der schafft das prinzipiell auch bei „Wilhelm Meister“. Die Hauptschwierigkeit liegt im Kern der Sache begründet, wie Klassiker funktionieren. Ein detaillierter Beschreibungsversuch findet sich im entsprechenden Abschnitt meiner Dissertation. Qualitätsvolle Literatur macht es dem Leser quasi aus Prinzip schwer, ihm zu folgen. Gute Literatur erfindet sich formal ständig neu, variiert das Alte und hebt es auf eine neue Komplexitätsstufe. Widerborstigkeit ist ein Kernbestandteil von Klassikern. Sie sind meist seltsam, ungewöhnlich und schwer in vorhandene Erfahrungsraster einzuordnen. Kognitionspsychologisch gesprochen: Es fehlt an den notwendigen Frames. Wir Menschen wollen aber gerne alles sofort in vorhandene Schubladen legen. Ist das nicht möglich, löst das Irritation und oft Ablehnung aus. Das gilt auch für andere Kunstsparten. Beispielsweise wurde die Musik Mozart von den Zeitgenossen zunächst als ungewöhnlich schwierig empfunden.
Klassiker lesen lernen heißt auf einer abstrakten Ebene, mit diesen Komplexitäten umgehen zu können. Man lässt sich nicht nur auf Unbekanntes, Herausforderndes und „Schwieriges“ ein, sondern hat daran sogar Vergnügen. Dieses Können bringt den Einzelnen individuell weiter und nützt auch der Gesellschaft, weil kognitive Komplexitätsbewältigung und Ausdauer eine wichtige Voraussetzung für Erfolge aller Art ist. Kurz sei noch angemerkt, dass Weltliteraturleser zwangsläufig zu Weltbürgern werden.

Einzigartig sind Klassiker noch in einer weiteren Hinsicht: Man kann Fremdes aus der Innensicht kennenlernen. Natürlich kann man sich Wissen über eine Zeit oder ein Land durch Sachbücher aneignen. Aber egal wie viele Studien und Aufsätze man über den Landadel in England um 1800 liest oder über das Stadtleben in Paris der 1830er Jahre: Man wird dadurch nie einen vergleichbaren Einblick bekommen wie durch die Lektüre der Romane Jane Austens oder Honoré de Balzac‘. Das gilt nicht nur für vergangene Zeiten, sondern auch für andere Kulturen in der Gegenwart.

Klassiker-Lektüre im Jahr 2020? Selbstverständlich!

Privatbibliothek: Neuzugänge

Bunt gemischt heute. Die Monographie über Maltas Frühgeschichte erwarb ich in einem archäologischen Museum vor Ort. Die Gedichte Dickinsons dürfen in einer Klassikerbibliothek natürlich nicht fehlen.

  • David H. Trump: Malta. Prehistory and Temples (Midsea Books)
  • Emily Dickinson: Collected Poems. (Gramercy Books)
  • Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre (Fischer TB)
  • Gerd Schwerhoff: Die Inquisition. Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit (Fischer TB)
  • Jürgen Manthey: Hans Fallada. (rororo monographie)

Joseph Roth

Zipper und sein Vater. (Werkausgabe, KiWi verlinkt)

Ich lese derzeit alle Romane Joseph Roths in chronologischer Reihenfolge. Zipper und sein Vater (1928) zählt nicht zu seinen bekanntesten Büchern. Angesiedelt im kleinbürgerlichen Wien entfaltet sich die Handlung rund um die beiden Zippers. Zipper senior ist ein geschäftsuntüchtiger Prahlhans, der seine kommerziellen Misserfolge durch „Networking“ auszugleichen versucht. Zu Beginn ein Hasser der Monarchie mit durchaus „vernünftigen“ Ansichten, entwickelt er sich nach Beginn des 1. Weltkriegs zu einem hysterisch-patriotischen Idioten. Sein pädagogisches Talent scheitert an seinem Sohn Cäsar kläglich, der sich erst zu einem Tunichtgut klassischen Formats entwickelt und nach einer Beinamputation während des Kriegs schließlich in der Psychiatrie endet.

Arnold, Zipper junior, wird ebenfalls nicht das Genie zu dem ihn sein Vater gerne erzogen hätte. Nachdem seine Karriere als Geiger und Jurist scheitern, heiratet er schließlich eine Schauspielerin, die Karriere in der Filmindustrie macht. Arnold arbeitet als Redakteur für eine Filmzeitschrift. Roth schildert fulminant die Eitelkeiten und Korruption des frühen Filmwesens.

Die Stärken des Romans liegen, wie so oft bei Roth, in der sprachlich fulminanten Schilderung des Milieus und seiner Figuren. Roth kann ironisch und sogar sarkastisch schildern, ohne in inhumanen Voyeurismus abzugleiten. Viele Sätze sind so treffend, das man gerne seitenlang aus den Buch zitieren möchte. Die Konstruktion des Romans ist, diplomatisch formuliert, schlampig. Zwar funktioniert die Erzählsituation psychologisch gut, die Geschichte wird von einem Freund Arnolds aus der Ich-Perspektive erzählt. Aber das Zusammenhalten der unterschiedlichen Handlungsstränge und das Ende ist strukturell vergleichsweise holprig. Trotzdem mit Vergnügen gelesen.

Burgporträts

Burgtheater 2.4.

Regie und Konzept: Michael Laub

mit
Elisabeth Aref
Claudia Durstberger
Monika Höflinger
Mavie Hörbiger
Petra Morzé
Christiane von Poelnitz
Irene Rottensteiner
Kinga Walus
Michaela Wimmer

Eine sympathische Idee, einmal am Burgtheaterbetrieb Beteiligte auf die große Bühne des Hauses zu bitten. In Porträts von unterschiedlicher Länge präsentieren sich Komparsen, eine Platzanweiserin, ein Mitglied der Burgtheaterfeuerwehr, ein Mitarbeit der Kantine, und viele andere mehr, mit oft erstaunlichem Talent und Bühnenpräsenz. Am wenigsten beeindrucken die Profis wie Maria Happel oder Christiane von Poelnitz. Die „Kleindarsteller“ gehen aus sich heraus, demonstrieren ihr Können, und ergeben erstaunlich intime Einblicke in ihr Leben. Von psychischen Problemen bis hin zum Drehen von Heimpornos. Laub wandelt hier auf einen schmalen Grad, der ihn vom Voyeurismus trennt. Fragwürdig auch, das ständige Herauf- und Herablassen unterschiedlich gefärbter Lein- und Stoffwände als Hintergrund.

Der Abend wäre im Kasino sicher besser aufgehoben gewesen. Wer sich für das Burgtheater interessiert, sollte sich ein eigenes Bild von dem Projekt machen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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