Der Barbar Karl der Große

Einen sehr hübschen Artikel über das Verhältnis zwischen den Europäern des Frühmittelalters und den Muslimen in el-Andalus schrieb Kwame Anthony Appiah für die New York Review of Books Nr. 17/08. Vergleicht man den kulturellen Stand der beiden Regionen, fällt das Ergebnis für Karl den Großen nicht sehr schmeichelhaft aus:

      But the empire he created was, as Lewis puts it trenchantly, „religiously intolerant, intellectually impoverished, socially calcified, and economically primitive,“ ruled by a „warrior caste and its clerical enforcers.“ Despite the new currency, the economy was dominated by barter; there were few cities of any size; and wealth was measured in land, peasants, and slaves.

 

      Charlemagne had no national system of taxation. He lived off plunder and the product of his own estates. What his lords owed him was military service. They were obliged to show up annually in the late spring, armed for a military campaign, in case he thought it necessary. (Very often, he did.) The Franks had once been a relatively free agrarian people; now they were largely a nation of serfs, working alongside slaves—many of them Slavs from Bohemia and the southern shores of the Baltic.

 

      Charlemagne’s royal hall, in his new capital at Aachen, was built on a fifty-acre complex of buildings, secular and religious, and was the largest stone structure north of the Alps. But it paled in comparison to the architectural majesty of Byzantium or Rome. The King endowed libraries with hundreds of manuscripts, impressive by comparison with anything that had been seen hitherto by the Franks, but pitiful (as Gibbon observed) beside the thousands of documents in the libraries of Italy or Spain.

 

    […] The fact is that Charlemagne’s empire, impressive as it was, lacked many of the marks of what we think of as civilization: cities, commerce, great libraries, a literate elite. This is especially clear if we compare the world he made with the cultivated society of his new Muslim neighbors.

Anlass des Artikels ist das neue Buch von David Levering Lewis God’s Crucible: Islam and the Making of Modern Europe, 570–1215.

Privatbibliothek: Neuzugänge

So, die Kriminalgeschichte des Christentums ist nun komplett. Die Monographie über „The Gothic Cathedral“ ist ein antiquarisch erworbenes Standardwerk. Das Böse und Soldaten lese ich für einen Artikel, den ich zu schreiben versprach. The Filter Bubble ist ein skeptisches Buch über die zunehmende Bevormundung bei Suchergebnissen aller Art im Internet.

Notizen-Statistik: 2. Quartal 2011

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Gestartet im April 2001.

Friedrich Schiller: Der Parasit

Burgtheater

Regie: Matthias Hartmann

Narbonne: Udo Samel
Madame Belmont, seine Mutter: Kirsten Dene
Charlotte, seine Tochter: Yohanna Schwertfeger
Selicour: Michael Maertens
La Roche: Oliver Stokowski
Firmin: Johann Adam Oest
Karl Firmin: Gerrit Jansen
Michel, Kammerdiener: André Meyer
Robineau, Selicours Vetter: Dirk Nocker

Schiller als Autor zu nennen, ist eigentlich nur bedingt korrekt. Das Stück stammt vom heute weitgehend vergessenen französischen Erfolgsautor Louis-Benoît Picard. Schiller übersetzte und bearbeitete den Parasit für die Bühne in Weimar. Man muss Matthias Hartmann sehr dankbar sein, dass er diese Rarität ausgegraben hat. Es mit den großen Schillerdramen zu vergleichen (wie Hartmann in einem Text zur Aufführung), geht freilich zu weit. Der Parasit ist eine handwerklich perfekte komponierte Komödie, die das Favoritenwesen in einem Pariser Ministerium satirisch unter die Lupe nimmt.

Michael Maertens gibt brillant den zeitlosen Yuppie Selicour, der sich opportunistisch allen Vorgesetzten andient, gerne auch als Handlanger für Unappetitliches, und auf diese Weise erfolgreich seine Karriere befördert. Bis vor kurzem Helfershelfer eines korrupten Ministers, ist er bald auch für den neuen, rechtschaffenen Nachfolger unverzichtbar. Der Versuch, ihn durch diverse Machenschaften zu entlarven, scheitert scheinbar. Da es sich aber um zeitgenössisches Unterhaltungstheater handelt, gibt es natürlich ein happy end: Die Verdienstvollen werden belohnt, der Heuchler verstoßen.

Um diesen wirklichkeitsferne Schluss zu relativieren, greift Hartmann zu einem witzigen Regietrick: Er lässt das Ende mehrmals wiederholen – mit unterschiedlichen Ausgängen. Der berufstätige Zuseher kann sich selbstverständlich hervorragend mit dem Gesehenen identifizieren. In Sachen Bürointrigen hat sich scheinbar kaum was geändert in den letzten 200 Jahren, denkt man sich. Das Genre des Stücks kommt Hartmanns locker-komischen Regiestil sehr entgegen, den er ja leider auch bei „unpassenden“ Texten einsetzt. Eine klare Empfehlung.

Thomas Bernhard: Auslöschung

Obwohl ich von Thomas Bernhard fast alles mehrmals las, war die Auslöschung hier die Ausnahme. Meiner Erinnerung nach war sie mein erstes Buch von Bernhard, das ich kurz nach dem Erscheinen in den achtziger Jahren erwarb. Es brachte mich auf den Geschmack, und ich las mich nach und nach durch das Gesamtwerk.

Jetzt also die Zweitlektüre. In meinem Lesegedächtnis hatte ich es als boshafter abgespeichert als ich es nun empfunden habe. Aber das liegt sicher daran, dass es Bernhard-Texte gibt, deren Beschimpfungsdichte noch furioser ist. Die Auslöschung wird gerne als opus magnum des Autors anzusehen und dafür es gibt dafür viele gute Argumente. Nicht nur greift er alle ihm wichtigen Themen in einer fast systematischen Form wieder auf. Er reflektiert im Text auch ungewöhnlich oft über seine Ästhetik. Selbstverständlich ist auch diese Selbstreflexion wieder ironisch gebrochen, etwa wenn nach einer Passage zum Thema Übertreibung dann die Behauptung folgt, in Wahrheit sei der Erzähler ein Untertreiber.

Wie souverän Bernhard seine Erzählmittel beherrscht, zeigt bereits der Anfang des Buches. Die ersten knapp 250 Seiten steht der Erzähler mit Familienbilder an seinem Schreibtisch und setzt zu jeder Menge an Exkursen an, welche nicht nur seine aktuelle Lebenssituation samt Vorgeschichte beleuchten, sondern auch Wolfsegg und seine Familienangehörigen ausführlich einführen. Sollte es wirklich noch jemand geben, der Bernhard als Realisten missversteht (wie zu Lebzeiten viele österreichische Politiker und der Boulevard), der sollte über derartige Strukturen einmal ausführlicher nachdenken.

Wenn man literarische Geistesverwandte von Bernhard sucht, wäre es völlig falsch, an politisch engagierte Autoren im engeren Sinn (wie etwa Sartre) zu denken. Man versteht ihn besser, wenn man seine Werke in eine Tradition mit denen von Laurence Sterne oder Jean Paul stellt. Bernhard spielt mit seinen Lesern ein Katz-und-Maus-Spiel auf mehreren Ebenen und macht sich gleichzeitig in raffinierter Weise über sie lustig. Je länger ich Bernhard lese, desto fester bin ich davon überzeugt, dass man ihn am besten als hochkomischen Autor versteht.

Thomas Bernhard: Auslöschung. Werke Band 9 (Suhrkamp)

Gelesen im Juni

  • Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head)
  • Evamaria Grün (Hrsg.): Die Entdeckung von Peru 1526-1712. Die Eroberung des Inkareiches durch Pizarro und andere Conquistadoren (Edition Erdman)

  • Der Parasit oder die Kunst, sein Glück zu machen. Ein Lustspiel aus dem Französischen von Schiller.

Über Goethe

Aus Thomas Bernhards Auslöschung:

Von Spadolini war ich dann merkwürdigerweise auf Goethe gekommen: auf den Großbürger Goethe, den sich die Deutschen zum Dichterfürsten zugeschnitten und zugeschneidert haben, habe ich das letzte Mal zum Gambetti gesagt, auf den Biedermann Goethe, den Insekten- und Aphorismensammler mit seinem philosophischen Vogerlsalat, so ich zu Gambetti, der natürlich das Wort ‚Vogerlsalat‘ nicht verstand, so hatte ich es ihm erklärt. Auf Goethe, den philosophischen Kleinbürger, auf Goethe, den Lebensopportunisten, von welchem Maria immer gesagt hat, daß er die Welt nicht auf den Kopf gestellt, sondern den Kopf in den deutschen Schrebergarten gestellt hat. Auf Goethe, den Gesteinsnumerierer, den Sterndeuter, den philosophischen Daumenlutscher der Deutschen, der ihre Seelenmarmelade abgefüllt hat in ihre Haushaltsgläser für alle Fälle und alle Zwecke. Auf Goethe, der den Deutschen die Binsenwahrheiten gebündelt und als allerhöchstes Geistesgut durch Cotta hat verkaufen und durch die Oberlehrer in ihre Ohren hat schmieren lassen, bis zur endgültigen Verstopfung. Auf Goethe, der den deutschen Geist mehr oder oder weniger für Jahrhunderte verraten und auf das Mittelmaß der Deutschen gestutzt hat mit jener Emsigkeit, die ich Gambetti gegenüber als die goethische Emsigkeit bezeichnet habe. Auf Goethe, den philosophischen Rattenfänger, wie ich zu Gambetti das letzte Mal gesagt habe. Goethe sei der Gebrauchsdeutsche, habe ich zu Gambetti gesagt, sie, die Deutschen, nehmen Goethe ein wie eine Medizin und glauben an ihre Wirkung, an ihre Heilkraft; Goethe ist im Grunde nichts anderes, als der Heilpraktiker der Deutschen, der erste deutsche Geisteshomöopath. Sie nehmen sozusagen Goethe ein und sind gesund. Das ganze deutsche Volk nimmt Goethe ein und fühlt sich gesund. Aber Goethe, habe ich zu Gambetti gesagt, ist ein Scharlatan, wie die Heilpraktiker Scharlatane sind und die Goethesche Dichtung und Philosophie ist die größe Scharlatanerie der Deutschen. Seien Sie vorsichtig, Gambetti, habe ich zu diesem gesagt, seien Sie vor Goethe auf der Hut. Allen verdirbt der den Magen, sagte ich, nur den Deutschen nicht, sie glauben an Goethe wie an ein Weltwunder. Dabei ist dieses Weltwunder nur ein philiströser Schrebergärtner. Gambetti hatte laut aufgelacht, als ich ihm erklärte, was ein Schrebergarten ist. Das hatte er nicht gewußt. Insgesamt, habe ich zu Gambetti gesagt, ist das Goethesche Werk ein philiströser philosophischer Schrebergarten. In nichts hat Goethe das Höchste geleistet, sagte ich, in allem nur das Mittelmaß zustande gebracht. Er ist nicht der größte Lyriker, er ist nicht der größte Prosaschreiber, habe ich zu Gambetti gesagt, und seine Theaterstücke sind gegen die Stücke Shakespeares beispielsweise so gegeneinander zu stellen, wie ein hochgewachsener Schweizer Sennenhund gegen einen verkümmerten Frankfurter Vorstadtdackel. Faust, hatte ich zu Gambetti gesagt, was für ein Größenwahnsinn! Der total mißglückte Versuch eines schreibenden Größenwahnsinnigen, hatte ich zu Gambetti gesagt, dem die ganze Welt in seinen Frankfurter Kopf gestiegen ist. Goethe, der größenwahnsinnige Frankfurter und Weimarianer, der größenwahnsinnige Großbürger auf dem Frauenplan. Goethe der Kopfverdreher der Deutschen, der sie jetzt schon hundertfünfzig Jahre auf dem Gewissen hat und zum Narren hält. Goethe ist der Totengräber des deutschen Geistes, habe ich zu Gambetti gesagt. Wenn wir ihm Voltaire, Descartes, Pascal entgegensetzen zum Beispiel, habe ich zu Gambetti gesagt, Kant, aber natürlich auch Shakespeare, ist Goethe erschreckend klein. Dichterfürst, was für ein lächerlicher, dazu aber grunddeutscher Begriff, hatte ich zu Gambetti gesagt. Hölderlin ist der große Lyriker, hatte ich zu Gambetti gesagt, Musil ist der große Prosaschreiber und Kleist ist der große Dramatiker, Goethe ist es dreimal nicht.

metropolis, hell yeah!

Der Artikel erschien in The Gap Nr. 117

Der Harvard-Ökonom Edward Glaeser schrieb eine Hymne auf das urbane Leben.

Städte sind in vielen Kreisen übel beleumundet. Lärm, Autolawinen, Smog und andere Gesundheitsübel führen Betonphobiker gerne exemplarisch an, bevor sie entnervt an den Stadtrand ziehen. Slums, Krankheiten und Kriminalität verlängern die Liste dieser Einwände, wenn man Städte weltweit ins Blickfeld rückt. Speziell Megacities mit einem großen Anteil an Armen, wie Mumbai oder Lagos, sind eine Fundgrube für herzzerreissende Geschichten. Spendiert man großzügig ein Happy End dazu, lassen sich damit sogar Kassenschlager wie Slumdog Millionaire (2008) drehen.

Harvard-Ökonom und New-York-Times Autor Edward Glaeser widerspricht den Stadtskeptikern in seinem neuen Buch Triumph of the City vehement. Der barocke Untertitel fasst seine Hauptthesen bereits zusammen: How our greatest invention makes us richer, smarter, greener, healthier and happier. Glaeser beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Thema und legt nun eine fundierte Zusammenschau vor.

Städte waren laut Glaeser nicht nur kulturhistorisch die Grundvoraussetzung für fast alle zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit. Auch die großen Zukunftsprobleme seien nur durch adäquate Stadtentwicklung zu lösen. Das treffe speziell für das rasante Bevölkerungswachstum in Indien und China zu, samt dem prognostizierten Energie- und CO2-Umsatz.

Mit der Gründung der ersten Städte setzte ein riesiger Innovationsschub ein, der bis heute anhält. Neben offensichtlichen ökonomischen Faktoren wie die durch die Landwirtschaft erstmals in größerem Ausmaß mögliche Spezialisierung in Berufsgruppen, waren dafür auch anthropologische Gründe maßgebend. Glaeser geht so weit, den Menschen als eine „urban species“ zu bezeichnen. Erst wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, schaffe dies die Voraussetzung, dass sich Ideen und Innovationen schnell verbreiteten. Unter vielen tausend Menschen steigt die Möglichkeit, Talentierte und Gleichgesinnte zu finden.

Wald und Wiesen

Aus kulturgeschichtlicher Perspektive ist Glaesers These tatsächlich leicht zu belegen, auch wenn er selbst nur wenige kurze Beispiele dafür anführt. Die größten Kreativitätsschübe fanden fast immer in Städten statt, und die entsprechenden Fälle sind bekannte ideographische Ikonen. Das klassische Athen, wo einer der größten Kreativitätsschübe der Weltgeschichte stattfand. Chang’an (heute: Xi’an), das während der Tang-Dynastie in China vom siebten bis ins neunte Jahrhundert als Zentrum einer neuen Stadtkultur eine kulturelle Blütezeit auslöste. Baghdad, die Welthauptstadt der Gelehrsamkeit während der arabischen Hochkultur. Das Florenz der Renaissance oder Wien um 1900 könnte man ebenfalls noch anführen.

Hier drängen sich nun einige Einwände auf. Einerseits gab es überragende intellektuelle Einzelleistungen. Man denke etwa an Montaigne, der seine berühmten Essais alleine im Bücherturm seines Schlosses schrieb. Andererseits konnte in der tiefsten Provinz Weltkultur entstehen. Das Weimar Goethes und Schillers kommt in den Sinn. Allerdings waren hier in beiden Fällen die kulturgeschichtlichen Auswirkungen nicht so tiefgreifend, wie bei den oben aufgezählten Beispielen. Glaeser erwähnt den berühmten Naturapostel und Waldhüttenapologeten Henry David Thoreau. Sein Bestseller Walden hätte in dieser Form nie entstehen können, wäre Thoreau nicht in Harvard ausgebildet worden, und lange in dessen urbanen intellektuellen Zirkel eingebettet gewesen.

Einen Aspekt, den Glaeser völlig ignoriert, ist die Tatsache, dass die Kreativitätsmechanik einer Stadt naturgemäß wertneutral ist, und sich auch für Unerfreuliches nutzen lässt. Das klassische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philosophie und Historiographie hervor, sondern auch die intellektuelle Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipulativer Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbeiredete.
Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch einen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört.

Die bei Glaeser meist nur angedeutete kulturgeschichtliche Argumentation ist sehr plausibel. Sie stützt auch seine Ableitung, dass diese Beobachtungen eine anthropologische Grundlage hätten, welche mit der Evolution des Menschen zusammenhänge. An dieser Stelle wünscht man sich als Leser allerdings mehr empirische Belege. Zumal Glaeser so weit geht, dass virtuelle Nähe via Internet aus diesen Gründen nie ein Ersatz für die Innovationskraft „echten“ Stadtlebens sein könne.

Städte bündeln und verstärken menschliche Fähigkeiten laut Glaeser nicht nur wie eine Lupe Lichtstrahlen, sondern sie haben zahlreiche weitere Vorzüge. Erhöhte soziale Mobilität und der Wettbewerb vieler Begabungen sind zwei davon, weshalb viele Talentierte in Städte ziehen. Der Professor illustriert diese Punkte mit einem Feuerwerk an konkreten Beispielen über das gesamte Buch hinweg. Allgemeinen Thesen folgen meist veranschaulichende Exkurse. Man sieht dem Entstehen der Autoindustrie in Detroit zu und hundert Jahre später dem Verfall der Stadt. Man begleitet den Autor in die Slums von Mumbai und auf die Pariser Boulevards. Man staunt über das Funktionieren so riesiger Städte wie Tokyo und über den Aufstieg Singapurs zur von fester Hand gelenkten Wirtschaftsmetropole.

Grüne Lunge

Spannend wird es, wenn Glaeser mit dem eingangs erwähnten Klischee aufräumt, Städte seien große Umweltfeinde. Der Energie- und Platzverbrauch ist nämlich in dicht bebauten Innenstädten pro Person oder Haushalt signifikant geringer. Eine Stadtwohnung ist mit einem kleinen Teil der Energie zu heizen bzw. zu kühlen wie das Haus in einem Vorort. Wer mit dem öffentlichen Nahverkehr oder zu Fuß bequem seinen Arbeitsplatz erreicht, produziert weniger CO2 als ein Pendler, der täglich vor seiner Reihenhaushälfte ins Auto steigt. Der starke Trend in den USA, von den Innenstädten in die Vororte zu ziehen, bietet Glaeser jede Menge Datenmaterial zur Veranschaulichung.

Analysiert man die urbane Entwicklung in China und Indien, gibt es drei plausible Zukunftsszenarien: Erstens weite Teile der Bevölkerung bleiben dort wie bisher in ihrer landwirtschaftlichen Armutsfalle auf dem Land sitzen und benötigen weiterhin wenig Energie. Zweitens große Teile der Bevölkerung ziehen, wie in den letzten Jahren, in die Städte. Aber diese Städte entwickeln sich analog der amerikanischen mit riesigen Vororten und einer unüberschaubaren Zahl an Autos. Drittens die Verstädterung hält an, aber das Modell dafür ist nicht Los Angeles, sondern Tokyo. Viele Menschen leben in Wolkenkratzern auf engem Raum bei vergleichsweise niedrigem Energieumsatz und mit wenig Autos. Glaeser legt überzeugend dar, dass nur das letzte Szenario ökologisch verträglich ist: „If you love nature, stay away from it.“

Um zu diesem Ziel zu gelangen, benötigt es allerdings einer Urbanitätspolitik, die zu den gewünschten Ergebnissen führt. Glaeser beschreibt an vielen Beispielen, warum manche Städte scheitern, während andere wie New York auch große Krisen überwinden konnten. Im Gegensatz zu anderen berühmten Urbanismustheoretikern wie Jane Jacobs plädiert Glaeser für eine möglichst dicht besiedelte Stadt durch Hochhäuser. Der großzügige Bau von Wolkenkratzern hielte gleichzeitig auch die Preise in Schach. Solche Viertel sollten aber trotzdem ein reges Straßenleben aufweisen. Viele Geschäfte, Restaurants und andere „HotSpots“ müssten die Menschen von ihren Wohnungen auf die Straße ziehen. Unschwer zu erraten, dass Glaeser hier Manhattan als Prototyp im Hinterkopf hat.
Ein großer Fehler sei es, in Orte statt in Menschen zu investieren. Anstatt Geld in prestigeträchtige Bauten oder gar neue Stadtviertel zu stecken, empfiehlt Glaeser Problemstädten wie Detroit sich lieber auf Bildung und Innovationsförderung zu konzentrieren.

Privatbibliothek: Neuzugänge

Antiquarisch erwarb ich die erstaunlich gut erhaltene Schnitzler-Werkausgabe, welche mein Schnitzler-Taschenbuchsammelsurium ablöst. Deschners verdienstvolle Kriminalgeschichte des Christentums wird jetzt endlich vervollständigt! Eine weitere Prosaübersetzung der eben wieder gelesenen Metamorphosen gibt es günstig bei Albatros. Gorkis autobiographische Romane hatte ich bisher nicht in der Bibliothek. Die letzten vier der aufgeführten Bücher war meine Auftaktbestellung bei der bibliophilen The Folio Society in London.

Stefan Winterstein: Die Strudlhofstiege

Die Strudlhofstiege ist dank des gleichnamigen Romans Heimito von Doderers zu einer nicht nur zu einer literarischen Ikone Wiens geworden. In dem schönen, kleinformatigen Bildband beleuchten mehrere Autoren diese berühmte Treppenanlage von vielen Seiten. Natürlich wird ausführlich auf den verantwortlichen Architekten Theodor Johann Jaeger (1874-1943) eingegangen und auf die Geschichte des Bauprojekts. Aber auch dessen Vorgeschichte und die Namensgebung wird behandelt. Die Eröffnung der Stiege fand 1910 statt. Jahrelang erregt die Anlage keine größere Aufmerksamkeit, was sich erst 1951 nach Erscheinen des Romans änderte. Wer also daran zweifelt, dass Literatur „Orte“ machen kann, der hätte hier ein prominentes Beispiel. Die Baupläne sind ebenso im Band zu finden wie zahlreiche Fotos. Auch frühere Texte über den Ort werden erneut abgedruckt, etwa einer von Dietmar Grieser.

Ein sehr schönes und erfreuliches Buchprojekt.

Stefan Winterstein (Herausgeber): Die Strudlhofstiege. Biographie eines Schauplatzes (Bibliophile Edition)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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