Charles Dickens: Zwei neue Biographien

Nächsten Februar wird der 200. Geburtstag Charles Dickens gefeiert. Die Jubiläumsbuchproduktion läuft bereits an: Es sind zwei neue Biographien zu vermelden! Robert Douglas-Fairhurst beschäftigt sich in Becoming Dickens: The Invention of a Novelist mit der Jugend des Autors.
Claire Tomalin legt mit Charles Dickens: A Life eine komplette Lebensbeschreibung vor. Beide werden im aktuellen The Economist rezensiert.

Die Notizen sind umgezogen!

Wie angekündigt, sind die Notizen nun umgezogen. Die alte Plattform war inzwischen völlig veraltet.

  • Am Erscheinungsbild und auch der Funktionalität wird in nächster Zeit noch ein wenig nachjustiert werden; vieles ist erst jetzt im laufenden Betrieb sichtbar und korrigierbar.
  • Kategorien wird es auch wieder komplett geben. Sie müssen manuell nachgetragen werden, was einige Zeit benötigt.
  • Einige Adaptionen sowohl in der Struktur (Plugins, Updates,…), als auch im Erscheinungsbild sind mit diesem Umzug zum neuen Provider erstmals möglich.
  • Künftige Änderungen am Erscheinungsbild werden in jedem Fall den minimalistischen, auf den Inhalt (=Text) konzentrierten Charakter des Blogs erhalten bzw. verstärken.
  • Die Retro-Design Seite koellerer.de wurde fürs erste lediglich kopiert und ist unter koellerer.net/museum erreichbar.

Anregungen, Kritik etc. sind sehr willkommen. Am besten gleich hier als Kommentar.

Die Entdeckung Perus

Die Entdeckung von Peru 1526-1712. Die Eroberung des Inkareiches durch Pizarro und andere Conquistadoren (Edition Erdman)

Als Reisevorbereitung las ich diese Anthologie mit den Augenzeugenberichten von Celso Gargia, Gaspar de Carvajal und Samuel Fritz. Die unwahrscheinliche Eroberung des Inkareiches durch Francisco Pizarro im Jahr 1531 zählt zu den bekanntesten Entdeckungsgeschichten überhaupt. Desto spannender ist es, die dazugehörigen Quellen zu lesen. Die Darstellung der den Ereignissen beiwohnenden Kleriker ist kritischer als von mir erwartet. Pizarros „Verdienste“ werden zwar zu Beginn sehr herausgestrichen. Als Peru dann aber zum Spielplatz unterschiedlicher spanischer Fraktionen wird, die sich aus Gier bekämpfen, schildert Gargia diesen Bürgerkrieg mit der entsprechenden kritischen Distanz. Auffallend auch, dass die Missionare immer wieder Initiativen zum Schutz der Indianer starten. So lehnen sie es strikt ab, dass diese in die Sklaverei verkauft werden, was natürlich auch eigennützige Gründe hat. Die jeweiligen Statthalter Perus werden schnell Opfer von Größenwahn und Machtrausch. Die spanische Krone kann immer nur sehr langsam reagieren, dauert der Transport von Nachrichten doch oft länger als ein halbes Jahr.

Klassische Abenteuerberichte bekommt man bei den ersten Erkundungen und der Durchquerung des Kontinents durch Francisco Orellana geboten, die entlang des Amazonas stattfinden: Indianerüberfälle, Kannibalismus, gruselige Insekten und Krankheiten – das ganze Repertoire. Hier ist der letzte Bericht des Samuel Fritz, eines Steiermärkers, besonders ergiebig, der zu Beginn quasi alleine im Urwald unterwegs ist.

Die Augenzeugenberichte sind in ein vergleichsweise modernes Deutsch übertragen. Das geht etwas auf Kosten der Authentizität, fördert aber die Lesbarkeit.

[Hier geht es zu meinem eigenen Peru-Reisebericht.]

Ulrich Schmid: Lew Tolstoi

Es ist kein Geheimnis, dass ich sachlich geschriebene Bücher über Literatur gegenüber den jargonbeladenen Texten vieler Literaturwissenschaftler bevorzuge. Ein gutes Beispiel für die erste Kategorie ist Ulrich Schmids kleine Einführung in das Leben und Werk Lew Tolstois. Angesichts der bei der Reihe vorgegebenen Platzbeschränkung, konnte Schmid nicht sehr in Tiefe gehen, behandelt aber die wichtigsten Lebensstationen und Werke für eine Einführung ausführlich genug. Der Slawistik-Professor nähert sich Tolstoi über unterschiedliche Themenkreise. Einer davon ist Tolstois Religion. Hier wäre etwas mehr kritische Distanz wünschenswert gewesen. Tolstoi schreibt in diesem Zusammenhang sehr oft von „Vernunft“. Mit den gängigen philosophischen Vernunftbegriffen hat das nichts zu tun. Schmid übernimmt die Bezeichnung referierend aber völlig unkritisch. Dafür arbeitet Schmid die problematische Beziehung zwischen Tolstois Leben und seinem Werk sehr gut heraus. Auch die umstrittene Nachlass- und Erbfrage wird relativ ausführlich behandelt.

Ulrich Schmid: Lew Tolstoi. (C.H. Beck Wissen)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Der neue Roman von Genazino ist ein Rezensionsexemplar. Das Buch über den Weimarer Hof war ein Geschenk. Brasilien, Buenos Aires und Machu Picchu dient der Reisevorbereitung.

James Wood übersetzt

Nachdem nun die deutsche Übersetzung von James Woods How Fiction Works erschienen ist, verweise ich an dieser Stelle auf meine damalige Rezension der Originalausgabe.

Warum Goethe lesen?

Diese nicht-rhetorische Frage stellte man mir kürzlich auf Twitter und sie erheischt natürlich eine über 140 Zeichen hinaus gehende Antwort. Warum Klassiker-Lektüre allgemein wünschenswert ist, beantwortete ich ja bereits an anderer Stelle. Goethe ist einer der stetigen Begleiter meines Leselebens. Woran das liegt, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Um mit dem offensichtlichsten Grund anzufangen: Er hat einige der besten Bücher geschrieben, die ich kenne. Dazu zähle ich neben der Lyrik zuvörderst den Faust, die Wahlverwandtschaften und seinen Briefwechsel mit Schiller.

Goethe bemühte sich wie kaum ein anderer um ein solides intellektuelles Fundament seiner Schriften. Die Faszination für die Antike und seine Katalysatoren-Rolle für ihre Rezeptionsgeschichte (und damit die Grundlage für die humanistische Erziehung in Deutschland) ist für uns Freunde des Altertums prinzipiell erfreulich. Goethes geistige Unabhängigkeit ist von zwei konträren Seiten spannend. Als Kind der Aufklärung vertraute er seinem Verstand, ließ sich auch von prominenten Kritikern nicht einschüchtern, und ging gerade und aufrecht den verschlängelten Weg des Polyhistors. Diese Autonomie war damals und ist auch heute noch eine Seltenheit. Die Schattenseite dieser Medaille war, dass Goethe speziell bei naturwissenschaftlichen Fragestellungen mit Vorliebe und voller Inbrunst in Sackgassen stolziert ist. Besonders stolz war er beispielsweise darauf, in der Optik Newton widerlegt zu haben. Nimmt man beides zusammen, erhält man ein großartiges Lehrstück, warum geistige Freiheit von methodisch ausgebildetem Denken begleitet werden muss.

Mit anderen Worten: Goethe ist mein liebster intellektueller Reibebaum. Geniales steht neben dem Dummen. Anarchie neben einem braven Minister- und Hofratsleben. Große Prosa neben reaktionärer Propaganda. Intellektuelle Hebammenkunst neben boshaftester Vernichtung von Kritikern. Gastfreundschaft neben Ausbeutung von Mitarbeitern (Eckermann!). Internationalität und Multikulturalismus (Divan!) neben Weimarer Provinzialismus. Kunstenthusiasmus neben Musikdilettantismus.

Goethes Leben ist das erste große Paradebeispiel eines modernen Intellektuellenlebens und den damit verbundenen unvermeidlichen Kompromissen. Wer den Briefwechsel Bernhards mit Unseld liest, der erkennt als Blaupause die Beziehung zwischen Goethe und Cotta. Je länger man sich mit Goethe beschäftigt, desto mehr Facetten seines Lebens und Schreibens treten an den Tag. Probiert es aus!

Midnight in Paris

USA 2011
Regie: Woody Allen

Pünktlich wie eine Atomuhr liefert Woody Allen jedes Jahr seinen neuen Film ab. Dieses Mal landete er wieder einmal einen Volltreffer, weil der Film auf jeder Ebene gut funktioniert. Angesichts der fantastischen Elemente, hätte das Projekt sehr leicht scheitern können. Es handelt sich um eine romantische Komödie, die Paris ähnlich furios verklärt wie das in Manhattan für New York gelang. In Sachen Großstadt-Verklärung ist Woody Allen filmische Referenz. In Midnight in Paris gelingt es ihm auf eine ausgesprochen witzige Art, die Kulturgeschichte der Stadt mit einzubeziehen. Die Vorliebe des Regisseurs für die Ära zwanziger bis vierziger Jahre ist bekannt (Purple Rose of Cairo, Bullets over Broadway…).

Der Protagonist des Films ist ein sehr erfolgreicher und finanziell wohlhabender Drehbuchschreiber für Hollywood, der mit seiner Verlobten aus dem Großbürgertum kurz vor der Hochzeit Paris besucht. In Arbeit ist ein seriöser Roman und seine ersehnte Privatutopie wäre, als seriöser Autor in Paris zu leben. Eines Nachts wird er um Mitternacht auf geheimnisvolle Weise in das Paris der zwanziger Jahre (und später auch der Jahrhundertwende) entführt, wo er jede Menge Geistesgrößen trifft (Fitzgerald, Hemingway, Dali, Stein, Picasso u.v.m.) und sich (natürlich) auch verliebt. Das ist alles sehr amüsant und witzig, speziell wenn man die intellektuelle Szene dieser Zeit kennt. Selbstverständlich fördern die Ausflüge in die Vergangenheit die Selbsterkenntnis, weshalb unser Held am Ende ein Pariser Mädchen der großbürgerlichen US-Göre vorzieht.

Die Nostalgiesucht des Protagonisten wird immer wieder ironisch reflektiert, was ein hübscher Kontrapunkt zur „romantischen“ Seite des Films ist. Meiner Meinung nach Woody Allens bester Film seit „Deconstructing Harry“ (1997).

Die Geisteswissenschaften und das Internet

Eine Scheindebatte.

Michael Seemann polemisiert in seinem Blog gegen die Internet-Ignoranz der Geisteswissenschaftler. Die Debatte über diesen Beitrag ist in vollem Gang. Jetzt.de der Süddeutschen Zeitung brachte deshalb ein Interview mit ihm über seine Kritik. Wer meine akademischen Arbeiten kennt, weiß, dass ich dem aktuellen Betrieb der Geisteswissenschaften ebenfalls sehr kritisch gegenüberstehe, allerdings in erster Linie aus erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Gründen. Begründet habe ich das in dem Essay Die Errungenschaften der Postmoderne als Theorie und ein Gegenmodell in meiner Dissertation vorgestellt.

Seemann scheint mit der prinzipiellen methodischen Unart, wie Geisteswissenschaftler derzeit zu Werke gehen, kein Problem zu haben, hat er doch selbst das Sammelsurium Kulturwissenschaften studiert. Was ihn dagegen ungemein stört, ist die Ignoranz gegenüber den Neuen Medien. Nun ist es ein prinzipielles Missverständnis, dass die gerne als Orchideenfächer geschmähten Disziplinen mit heraus hängender Zunge jeweils dem neuesten „Hype“ hinterher rennen müssen. Die Hauptaufgaben der Geisteswissenschaften sind doch erstens die Kultur- und Geistesgeschichte kompetent präsent zu halten (von hethitischen Inschriften über die islamischen Naturwissenschaften des Mittelalters bis hin zur Bedeutung der Werke Franz Kafkas für die Moderne) und sie für die Gegenwart in verschiedener Form fruchtbar zu machen. Zweitens sollten Geisteswissenschaftler nach ihrer Ausbildung über ein kritisch-rationales Denkvermögen samt Methodenwissen verfügen, das universal anwendbar ist. Ein Geisteswissenschaftler ist im Idealfall ein hoch gebildeter und aufgrund seines Wissens sehr skeptischer Intellektueller mit kritischer Distanz zur Gegenwart.

Die Realität sieht leider oft anders aus: Aus den Universitäten kommen Absolventen, die viele Jahre lang damit verbrachten, eine „Wissenschafts“sprache zu erlernen. Sie können dann am laufenden Band ähnlich klingende Texte produzieren (etwa „kulturwissenschaftliche“ oder „dekonstruktivistische“), ohne dass sie je von den Regeln der formalen Logik oder anderen Konzepten überhaupt nur gehört hätten, die unverzichtbar für kritisches Denken sind. Gleichzeitig erlernen sie ihre „Sprachen“, in dem sie TV Serien oder Nudelverpackungen als Gegenstand wählen. Man kann heutzutage ein Germanistikstudium abschließen, ohne je den Faust gelesen zu haben.

Es spricht nun selbstverständlich nichts dagegen, dass Geisteswissenschaftler ihren kritischen Blick auch auf Social Media, Blogs usw. richten. Das aber als Aufhänger für eine Fundamentalkritik zu nehmen, geht an den eigentlichen, oben angedeuteten Problemen völlig vorbei. Die Geisteswissenschaften sind keine schnelle Eingreiftruppe. Wer mehrere Jahrtausende kulturgeschichtlich überblickt, hat nicht nur das Recht auf eine gewisse Gegenwartsträgheit. Er sollte sogar besonders kritisch und distanziert sein und vieles aus der Metaperspektive betrachten. Hätte es die (akademische) Welt wirklich weiter gebracht, gäbe es jetzt hunderte geisteswissenschaftliche Arbeiten mehr über Second Life, in dem vor wenigen Jahren viele Zeitgeistler die Zukunft strahlend hell abgebildet sahen und das heute niemanden mehr interessiert?

Ich stimme Seemann allerdings zu, dass Geisteswissenschaftler die aktuellen Kommunikationstechniken als Handwerk (!) ebenso gut beherrschen sollten wie die Mönche in den mittelalterlichen Klöstern ihr Buchhandwerk. Junge Kulturwissenschaftler, welche behaupten, „auch das Buch [sei] ebenso zum Teil eine überkommene Wissensstruktur“ sehe ich jedenfalls als größeres Problem des aktuellen Wissenschaftsbetriebs an als ein paar paar Professoren, die E-Mail verweigern.

Weitere Beiträge zum Thema:

»Liebe Geisteswissenschaftler, […] vielleicht braucht Euch ja doch keiner«

Yorick, der Dritte

Philip Hautmann exhumiert in seinem ersten Roman einen alten Bekannten. Eine abenteuerliche Geschichte.

Wenn ein Autor sein erstes Buch vorlegt, ist es meist sorgfältig dem aktuellen Literaturbetrieb angepasst. Unschwer ist ja herauszufinden, welche Themen Verlage, Kritiker und Leser derzeit bevorzugen, oder was dem prototypischen Mitglied einer Literaturpreisjury ästhetisch zusagt. Deshalb gibt es bei der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur selten wirkliche Überraschungen. Philip Hautmann ließ sich beim Verfassen seines Erstlings nicht von solchen schnöden Überlegungen leiten. Sein Yorick. Ein Mensch in Schwierigkeiten ist ein sehr ambitioniertes Buch, das sich erfolgreich dagegen sperrt, in eine der gängigen feuilletonistischen Schubladen gesteckt zu werden. Sogar der sonst heutzutage unverzichtbare Untertitel Roman fehlt. Stattdessen erfährt man beim ersten Aufschlagen, dass es sich um ein Hybridbuch handelt. Viele Seiten sind unten mit grafischen Markern ausgestattet, die man mit der auf der Verlagsseite herunterladbaren Software (Mac only!) scannen kann.

Wer mit der Weltliteratur vertraut ist, der denkt bei Yorick natürlich nicht nur an den berühmten Totenschädel in Shakespeares Hamlet, sondern auch an den gleichnamigen Pfarrer in Laurence Sternes furiosen Klassiker Tristram Shandy. Hautmanns Yorick teilt mit dem berühmten Vorbild nicht nur die Spottsucht. Beide bringt ihre Scharfzüngigkeit in diverse gesellschaftliche Schwierigkeiten. Im ersten der drei Teile lernen wir den neuen Yorick ausführlich kennen und begleiten ihn auf seine Konversationsabenteuer. Yorick ist felsenfest davon überzeugt, dass er mit seinem philosophischen Kopf und seinem unwiderstehlichen Humor eine Bereicherung für jede Gesellschaft darstellt. Seine „Auflockerungsversuche“ sind jedoch nur selten von Erfolg gekrönt. Zu Beginn bleibt man unschlüssig darüber, inwiefern man Yorick als Intellektuellen ernst nehmen soll. Spätestens im zweiten Teil aber, in dem zwei ausführliche Abhandlungen Yoricks zu lesen sind, bekommt man Respekt vor seiner Denkleistung. Insofern erfüllt Yorick ein klassisches Intellektuellenklischee: Unbeholfen im Leben, aber ein passabler Denker.

Yoricks Bekanntenkreis besteht aus jeder Menge seltsamer Gestalten, die einen trotz (oder wegen?) der satirischen Überzeichnung sehr bekannt vorkommen. Der bei seiner Vernissage seine Zuseher zu Tode langweilende Gegenwartskünstler. Die selbst ernannte Psychoanalytikerin. Der provokative Anti-Gutmensch. Kurz, Hautmann lässt eine Reihe mehr oder weniger durchgeknallter Bobos mit hohem Wiedererkennungseffekt auf seine Leser los.
Im zweiten Teil bricht Yorick ins reale Leben auf. Er will sich „einen sogenannten Beruf“ suchen. Die Berufswelt wird daraufhin aus verschiedenen Blickwinkeln bloßgestellt. Angefangen bei den bei genauer Lektüre absurd formulierten Stellenanzeigen, über groteske Bewerbungsgespräche bis hin zum seltsamen Sozialkosmos in unseren Büros. Einer der komischen Höhepunkte des Romans ist Yoricks Intermezzo in einer Unternehmensberatung. Sein erster Auftrag lautet, er möge ein Konzept entwickeln, wie die skandalgebeutelte katholische Kirche wieder mehr Mitglieder gewinnen könnte. Wenn man mit dem aktuellen Beratungswesen vertraut ist, ein durchaus realistisches Ansinnen. Yorick schreibt daraufhin eine im Buch ausführlich abgedruckte Abhandlung über das Wesen von Religion. Dieser Exkurs ist eine ebenso präzise Zusammenfassung der Sachlage wie die späteren Ausführungen Yoricks über den Neoliberalismus. Letztere bringt ihm eine Einladung in den Club der Milliardäre und die Bekanntschaft des reichen Jim John Mearsheimer, dessen zahlreiche ausufernde Monologe (Achtung: Thomas-Bernhard-Alarm!) den zweiten Teil beschließen und ein trotz aller Satire aufschlussreiches Psychogramm ergeben.

Die Kindheit und Jugend der Psychotherapeutin Sabine steht im Mittelpunkt des dritten Teils. Selbstverständlich eingerahmt und unterbrochen von zahlreichen anderen Abschweifungen und abgerundet durch die seltsame Beziehung Sabines mit dem Großunternehmer Pierce Inverarity (Achtung: Thomas-Pynchon-Alarm!).

Eines der unzähligen Projekte Yoricks besteht darin, einen großen Roman zu schreiben. Er schickt das umfangreiche Manuskript an die „größten und renommiertesten Verlage“ und erläutert: „Schnell werden Sie bemerken, dass die Angelegenheit herkömmlicher Erzählstrategien sich verweigert sowie herkömmlicher Muster und Versuchen literarischer Deutung und Hermeneutik sich entzieht.“ Es ist natürlich kein Zufall, dass dies auch auf Hautmanns Yorick zutrifft, wobei diese Deutungsverweigerung als ästhetische Strategie sehr wohl zu identifizieren ist. Man könnte natürlich schnell den ebenso beliebten wie ausgebleichten Aufkleber „postmoderner Roman“ auf das Buch kleben. Dafür sind aber einige der Themen wie der Neoliberalismus oder nationalsozialistische Erschießungskommandos nicht beliebig genug. Hautmann selbst bevorzugt die Bezeichnung „Anti-Roman“ (siehe Interview).

Yorick ist insofern der Versuch eines enzyklopädischen Gegenwartsromans als er mit einer riesigen Menge an Themen angefüllt ist. Zu den bereits erwähnten kommen noch Esoterik, Verschwörungstheorien, Feminismus, Kosmologie, schwarze Löcher, Quantenphysik, Ameisenstaaten und viele andere mehr hinzu. Die meisten dieser Passagen sind voller Witz und mit treffsicherer Ironie geschrieben. Durch die episodische Struktur wird die Fülle der Themen im Text auch gut gebändigt. Zusätzlich gibt es für literarische Rätselfreunde jede Menge Anspielungen zu erkunden. Hautmann interessiert sich ausschließlich für die Erlebnisse seiner Figuren und für intellektuelle Fragestellungen. Eine Konsequenz davon ist, dass er auf jegliche detaillierte Beschreibung der Handlungsorte verzichtet. Im Vergleich zu einem realistischen Roman sind Zeit und Raum also stark unterdeterminiert, was beim Lesen einen etwas diffusen Eindruck hinterlässt.
Ähnliches gilt auch für die Makroebene des Buches. Zwar sind die drei Teile durch eine Reihe von Bezügen untereinander verknüpft, es bleibt aber beim Leser ein gewisser Eindruck der Disparatheit zurück. Anders formuliert: Je weiter man in den Roman hineinzoomt, desto besser funktioniert die ästhetische Strategie.
Das Schreiben guter Literatur setzt immer eine hohe Risikobereitschaft voraus. Mehr Autoren wie Philip Hautmann, welche das Wagnis eingehen, die ausgetretenen literarischen Trampelpfade zu verlassen, wären der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dringend zu wünschen.

Philip Hautmann: Yorick (Traumawien)

[Langfassung des in thegap Nr. 118 veröffentlichten Artikels]

Interview

„Yorick“ unterscheidet sich inhaltlich und ästhetisch sehr von dem, was im deutschsprachigen Raum sonst literarisch publiziert wird.

Grundsätzlich und in erster Linie interessiere ich mich für den Geist und für das was Geist hat. Insofern interessiere ich mich für Literatur primär dann, wenn sie Geist hat. Intensiv mit Literatur habe ich mich erst dann beschäftigt, als es mit meiner wissenschaftlichen und sonstigen Karriere nicht funktioniert hat. Zu diesem Zeitpunkt entstand diese Romanidee. Der Schreibprozess war mit vielen Unsicherheiten verbunden, eben aufgrund der Ungewohntheit der Form. Erst nachdem die Hälfte des Buches fertig war, hat sich das gefestigt.

Ihr Buch enthält umfangreiche Exkurse über Religion und Neoliberalismus: Wollen Sie den „Yorick“ als dezidiert politischer Roman verstanden wissen?

Ich verstehe mich durchaus auch als politischen Autor, allerdings ist das nur ein Aspekt unter vielen. Ich komme ja ursprünglich von der linken Studentenbewegung her, auch wenn ich mich inzwischen davon emanzipiert habe. Vor allen Dingen kann ich es aber nicht fassen, wie sehr die Erzeugnisse der jüngeren deutschsprachigen Schriftstellergeneration thematisch hauptsächlich um Ego- und Beziehungs-, fast schon nur mehr um Lifestylegeschichten herum kreisen! Klar, wir haben keinen Krieg oder dessen Nachwirkungen miterlebt, die gesellschaftlichen Verhältnisse sind stabil und die Inhalte unserer Lebenserfahrungen, aus denen wir schöpfen können, gewissermaßen gleichförmig und langweilig, aber ein bisschen mehr um die Welt, in der man lebt, sollte man doch schon besorgt sein, wenn man eben der Welt was mitteilen will.

Vieles deutet darauf hin, dass „Yorick“ in Wien spielt, auch wenn Sie mit expliziten Ortsangaben sehr zurückhaltend sind. Manches lässt auch an Linz denken. Ist „Yorick“ ein Wien-Roman?

Nein, der Roman ist eigentlich orts- und zeitlos gehalten, trotz einiger Anspielungen auf Linz und Wien. Oder eben Entenhausen. Das war durchaus Absicht, unter anderem, weil mich in der Gegenwartsliteratur die vielen Beschreibungen nerven, die eigentlich irrelevant sind. „Yorick” ist auch ein kosmopolitisches Buch, etwa die Passagen rund um den Milliardärsklub als transnationale Superklasse. Was man vielleicht als „österreichisch“ an dem Roman bezeichnen könnte, ist die Verschrobenheit der Figuren.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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