Rossini: L’Italiana in Algeri

Wiener Staatsoper 25.11

Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Mustafà, Bey von Algerien: Ildar Abdrazakov
Lindoro, ein junger Italiener, Lieblingssklave des Mustafa: Maxim Mironov
Isabella, italienische Dame: Stella Grigorian
Elvira: Chen Reiss
Zulma: Rachel Frenkel
Haly: Hans Peter Kammerer
Taddeo: Alfred Šramek

Rossini komponierte diese opera buffa für das Publikum in Venedig, wo sie 1813 sehr erfolgreich uraufgeführt wurde. Es war seine zweite Oper für Venedig. Das Thema hat für eine komische Oper immer noch aktuelle Anklänge: L’Italiana in Algeri spielt wie Mozarts Entführung aus dem Serail im Orient. Der Bey von Algerien kommt im Libretto nicht gut weg, wird er doch als ebenso dummer wie geiler Haremsinhaber dargestellt. Man fühlt sich unwillkürlich an Gaddafi und Konsorten erinnert. Selbstverständlich wird Mustafa von der entführten Italienerin Isabella intellektuell (und nur intellektuell!) aufs Kreuz gelegt.

Wie es sich für eine opera buffa gehört, sind auch die anderen Figuren als komische Typen gezeichnet (Taddeo!), so dass sich letzten Endes fast ein Gleichgewicht zwischen Orient und Okzident herstellt. Mustafa versucht ja auch wie ein zivilisierter Osmane seine Isabella zu verführen, und wendet keine Gewalt an.

Das Libretto wirkt heute noch amüsant, wozu auch die Inszenierung beiträgt, die sehr erfolgreich auf die komischen Elemente setzt. Die schauspielerische Leistung des Ensembles war in dieser Hinsicht exzellent. Musikalisch war der Abend ebenfalls sehr gelungen. Das Staatsopernorchester spielt in einer kleinen Besetzung sehr präzise. Alle Sängerinnen und Sänger waren gut in Form.

Rossini gilt als der wichtigste Begründer des Bel Canto. Deshalb sind seine frühen Opern auch musikhistorisch sehr interessant.

Südamerika-Reiseliteratur

In vier Ländern war ich unterwegs, was an die Reisebuch-Logistik einige Anforderungen stellt. Als Vorbereitung las ich u.a. bereits eine historische Quellensammlung über die Entdeckung Perus.

Der Schwerpunkt meiner Reise lag auf den Andenkulturen in Peru und Bolivien, weshalb mir Rolf Seelers Kunstreiseführer über diese beiden Länder, wie fast alle Bände der Reihe bisher, gute Dienste leistete. Sich nur theoretisch mit den vielen Präinkakulturen zu beschäftigen, ist nicht leicht. Sobald man aber deren Werke in Museen sah und einige Ausgrabungsstätten besichtigte, ändert sich das schnell.

Seeler hat einen exzellenten einführenden Teil geschrieben, in dem er auf die Kultur und Geschichte der beiden Andenländer eingeht. Auch der konkrete Reiseteil ist sehr informativ. Rund um den Titicacasee hätte er allerdings etwas ausführlicher sein dürfen.

Als Ergänzung hatte ich aus der Reihe C.H. Beck Wissen Berthold Rieses kleine Monographie über Machu Picchu mit. Das kleine Büchlein ist sehr kenntnisreich verfasst und auch vor Ort hoch nützlich. Erfrischend ist die an Fakten orientierte Darstellungsweise und das Aufräumen mit zahlreichen Legenden. Auch wenn keine Reise nach Peru ansteht, für alle an Archäologie Interessierten sehr empfehlenswert.

Für Buenos Aires gab ich mich dem Lonely Planet City Guide zufrieden. Er erfüllte seinen Zweck gut. Ich sah mir fast alle „Top Picks“ an, die nachvollziehbar ausgewählt waren. Wie bei der Reihe nicht anders zu erwarten, liegt der Schwerpunkt natürlich auf Praktischem, weshalb die Wissensvermittlung sehr kompakt ist.

Für die wenigen Tage in Iguazu und Rio de Janeiro gönnte ich mir nur noch den ADAC Reiseführer Brasilien, die für eine Billigreihe immer sehr solide Reiseinformationen bieten.

Rolf Seeler: Peru und Bolivien. Indianerkulturen, Inka-Ruinen und barocke Kolonialpracht der Andenstaaten (DuMont Kunstreiseführer)

Berthold Riese: Machu Picchu. Die geheimnisvolle Stadt der Inka (C.H. Beck Wissen)

Sandra Bao; Bridget Gleeson: Buenos Aires. (Lonely Planet City Guide)

ADAC Reiseführer: Brasilien. (ADAC)

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Wie so vieles in diesem Roman ist der Untertitel Bildungsroman doppeldeutig. Der Roman ist personal aus der Perspektive der Inge Lohmark erzählt, einer Biologie- und Sportlehrerin an einem Provinzgymnasium in einer kläglichen Kreisstadt in Vorpommern. Die nach Charles Darwin benannte Schule steht kurz vor der Schließung, weil die Bevölkerung in Scharen aus der wirtschaftlich trostlosen Gegend flieht. Es ist also einerseits ein Schulroman.
Das Weltbild der Inge Lohmark wird schnell deutlich: Es ist das einer verbitterten Zynikerin mit sozialdarwinistischem Einschlag. Sie verachtet ihre Schüler und Kollegen und lässt das ihr Umfeld auch spüren. Spannend bei der Lektüre ist es nun, dass Lohmark trotz dieses unsympathischen Hintergrunds viele treffende Beobachtungen formuliert. Die Sätze des Romans sind von einer beeindruckenden Intensität. Nun gibt es in jedem gelungen Buch gelungene Sätze, aber mit wenigen Ausnahmen in der Gegenwartsliteratur (Thomas Bernhard!) gibt nur wenige Bücher, die nur aus gelungen Sätzen bestehen.

Zu Beginn war ich etwas skeptisch. Ich befürchtete die Durcharbeitung des Klischees „Autorin entlarvt kalte und boshafte Naturwissenschaftlerin“. Wäre die literarische Komposition nicht so brillant, hätte der Roman an diesem Thema sehr leicht scheitern können. Was Schalansky höchst beeindruckend gelingt: Sie integriert die Biologie auf mehreren Ebenen furios in ihren Text. Es gibt nicht nur jede Menge gelungene Vergleiche und Metaphern aus diesem Bereich. Selbst die erklärenden personalen Exkurse der Lohmark sind so „organisch“ und überzeugend eingearbeitet, wie ich das bisher selten las.
Der Hals der Giraffe ist selbstverständlich kein klassischer Bildungsroman. Es findet nämlich keine Persönlichkeitsveränderung durch einen Bildungsprozess statt. Allerdings wird Inge Lohmark massiv irritiert. Sie fühlt sich völlig unerwartet zur Schülerin Erika hingezogen, entwickelt während einer Autofahrt mit ihr seltsame Fantasien, was ihr emotionales Gleichgewicht ins Wanken bringt.

Die Kaltschnäuzigkeit gegenüber ihren Schülern rächt sich am Ende: Ihr Direktor kündigt ihr wegen des massiven Mobbings einer Schülerin unter ihren Augen disziplinäre Konsequenzen an.

Der Roman spielt überwiegend an der Schule. Abgerundet wird das Porträt der Inge Lohmark durch die Beschreibung der nüchternen Beziehung zu ihrem zweiten Gatten Wolfgang und ihrer seit vielen Jahren in den USA lebenden Tochter Claudia. Schließlich schildert Schalansky auch noch die Stimmung in Ostdeutschland nach der Wende mit diversen Rückblenden in die DDR Vergangenheit.

Abschließend sei erwähnt, dass sich die Autorin auch selbst der Buchgestaltung annahm. Das Ergebnis ist ein auch handwerklich perfekt produziertes Buch.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman (Suhrkamp)

Der Freud, das Koks und die Psychoanalyse

Beschäftigt man sich wissenschaftstheoretisch mit der Psychoanalyse wird schnell klar, dass es sich um keine Wissenschaft handelt, sondern eher wie eine Religion funktioniert. Es wurden zwar jede Menge empirische Behauptungen aufgestellt, diese aber von den Psychoanalytikern nie selbst unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher Methodik überprüft. Je weiter die empirisch betriebene Psychologie fortschritt, desto deutlicher wusste man bald, auf wie wackeligen Beinen die Kernthesen stehen. Wie sollte etwa Sexualität in Kleinkindern ohne Sexualhormone funktionieren?

Frederick Crews ist einer der scharfsinnigsten Kritiker der Psychoanalyse, etwa in seinen sehr empfehlenswerten Büchern Unauthorized Freud: Doubters Confront a Legend und Memory Wars. In zwei Artikeln für die New York Review of Books fasst er anlässlich von Neuerscheinungen hübsch Freuds „Verhältnis“ zum Kokain zusammen, das er Jahre lang konsumierte. Laut aktuellem Wissenstand sind viele Kernschriften Freuds unter Drogeneinfluss erstanden, was nun ein interessantes Schlaglicht auf diese schrägen Thesen wirft.

Darüber hinaus nahm Freud die Schädigung seiner Patienten durch Kokain auch dann noch in Kauf, als die Gefährlichkeit der Droge kein Geheimnis mehr war:

From a miracle drug to a near-miraculous “science”: that was Freud’s progress as an exponent of purported therapeutic marvels. At no point in either campaign did he place the safety and welfare of patients ahead of ambition. When cocaine was found to be tragically addictive for physicians and patients who had followed his thoughtless advice, he fought back desperately in 1887, bending the truth in order to exculpate himself. And when, after decades of claiming that psychoanalysis is the sovereign remedy for psychoneuroses, he allowed that he had “never been a therapeutic enthusiast,” he didn’t apologize; by then his fame as the Columbus of the unconscious was secure.

Freud’s triumph in reaching that pinnacle without the aid of any confirmed discoveries or cures may be the most amazing chapter in the entire history of self-promotion. Neither Rousseau nor Nietzsche enjoyed such success in reconstituting the intellectual world to match his idiosyncrasies. But Freud’s own transformation was remarkable as well. Without cocaine, the polite and unhappy young doctor of April 1884 might never have become so reckless, so adamant, so sex preoccupied, and so convinced of his own importance that the contagion was caught by millions. Cocaine, along with nicotine, was Freud’s drug of choice—but in the century to come, the opiate of the educated classes would be psychoanalysis.

Frederick Crews:
Physican. Heal Thyself: Part I.
Physican. Heal Thyself: Part II.

Augustinus: Der Gottesstaat

Diese Notizen schrieb ich im Sommer 2005 in fünfzehn Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Buch 1 und 2

Augustinus zu lesen ist eine interessante Erfahrung: Intellektuelles Vergnügen über die Brillanz und Schärfe vieler Gedankengänge einerseits, Verwunderung über die geistige Verschwendung an wenig ergiebigen Fragestellungen andererseits.

Beschäftigt man sich mit den besten religiösen Denkern, Thomas von Aquin wäre ein weiteres Beispiel, so wird man mit klugen Systemen konfrontiert, deren logische Kohärenz und argumentative Konsistenz Bewunderung abnötigen. Nun hat die Sache freilich einen großen Haken: Diesen mit viel Aufwand und Liebe zum Detail errichteten Gedankengebäuden fehlt jegliches Fundament. Man steht vor mit großer Begabung errichteten Luftschlössern.

Nun könnte man diese theoretischen Gebäude als l’art pour l’art genießen, als hervorragende Gedankenliteratur. Diese Rezeptionshaltung setzte sich jedoch zwei Einwänden aus: Erstens waren Denker wie Augustinus ungemein einflussreich und konnten deshalb nicht nur im Geistesleben signifikanten Schaden anrichten. Zweitens wird hier ein expliziter Wahrheitsanspruch erhoben, der redlicherweise Ernst genommen werden sollte.

„Der Gottesstaat“ ist eine fulminante Verteidigung des Christentums gegenüber zahlreichen Vorwürfen seitens nichtchristlicher Römer, welche die neue Religion für den Untergang des Imperiums maßgeblich verantwortlich machten, speziell für die Eroberung Roms durch die Westgoten im Jahr 410. Gleichzeitig ist das Buch ein Pamphlet gegen die Heiden im allgemeinen und die römische Religion im besondern und damit ein Dokument zeitloser religiöser Intoleranz. Augustinus schrieb sich in Hippo, einer kleinen nordafrikanischen Provinzstadt, in einen wahren Furor gegen die Sittenlosigkeit Roms hinein. Wie aktuell dieser religiöse Hass der Stadt als Symbol der Dekadenz immer noch ist, kann man in „Occidentalism“ von Ian Buruma und Avishai Margalit nachlesen.

Augustinus war hochgebildet, hatte nicht nur die römischen Historiker und Philosophen sorgfältig gelesen, sondern auch viele griechische Klassiker. Darunter Plato, den er gar nicht genug dafür loben kann, die Dichter aus seinem Idealstaat verbannt zu haben:

Sollte man nicht vielmehr dem Griechen Plato die Palme reichen, der, als er das Vernunftideal eines Staates entwarf, die Dichter als Feinde der Wahrheit aus der Stadt zu vertreiben empfahl? Er in der Tat wollte weder die Beleidigung der Götter dulden noch die Seelen der Bürger durch Hirngespinste umnebeln und verderben lassen. [S. 78]

Erwähnt sei am Rande, dass der große Platon, trotz dieser für die Kirche nützlichen totalitären Anregungen, selbstverständlich jedem Christen – der Natur des katholischen Kastenwesens gemäß – unterlegen ist:

Wir halten zwar Plato weder für einen Gott noch für einen Halbgott, stellen ihn auch nicht einem der heiligen Engel des höchsten Gottes oder einem prophetischen Wahrheitszeugen oder irgendeinem Apostel oder Märtyrer Christi oder auch nur einem beliebigen Christen an die Seite […] [S. 79f.]

Bei der Lektüre der ersten beiden Bücher des „Gottesstaats“ hatte ich mehrmals den Eindruck als würde Augustinus aufgrund seines großen geistigen Horizonts die Schwachstellen seiner Argumentation durchaus erkennen. Eine strukturelle Schwäche seines Gedankenganges besteht darin, mythologische und/oder literarische Geschichten als empirisches Fundament für seine Kritik zu verwenden. Als Plato- und Cicero-Kenner musste er aber wissen, auf wie wackeligen ontologischen Beinen diese Vorgehensweise steht. Gleich zu Beginn bezieht er sich ausführlich auf Vergils Hauptwerk als Quelle und schreibt am Ende schuldbewusst:

Es müßte denn sein […], dass aber Vergil nach Dichterweise alles frei erfunden hätte. [S. 10]

Was ja bei Dichtern schon vorgekommen sein soll und weshalb sie Augustinus wie Platon aus seinem utopischen Gemeinwesen verbannt sehen will. Deshalb schiebt er noch eine Rechtfertigung nach:

Doch nein, er hat beschrieben, was bei Zerstörung von Städten feindlicher Brauch ist. [S. 10]

Ein weiteres Beispiel. Augustinus vergleicht die alttestamentarische Geschichte vom Propheten Jonas im Walfischbauch mit der des Arion von Methymnä, der von einem Delphin an Land gezogen wurde. Dabei ist er sich sehr wohl bewusst, dass die Bibelgeschichte empirisch wesentlich unplausibler ist, und schreibt deshalb entschuldigend:

Gewiß klingt unsere Erzählung vom Propheten Jona noch unglaublicher. Ohne Frage unglaublicher, weil wunderbarer, und wunderbarer, weil von größerer Macht zeugend. [S. 27]

Zwischen den Zeilen kann man also den Streit zwischen dem vergleichsweise aufgeklärten spätantiken Intellektuellen und dem dogmatischen Christen beobachten. Ein Nebenaspekt des Buches, aber ein reizvoller.

 

Buch 3 und 4

Wer wissen will, wie boshaft man Geschichte schreiben kann, der lese das dritte Buch des „Gottesstaats“. Augustinus unternimmt einen etwa fünfzigseitigen Parforce-Ritt durch die Historie des römischen Reiches. Zweck dieser Polemik ist es zu zeigen, dass die Römer ständig von ihren Göttern im Stich gelassen worden sind. Ein geschichtlicher Tiefpunkt nach dem anderen wird genüsslich beschrieben. Die Leitfrage: Wo waren eure Götter denn damals? Als Beispiel diene der Untergang der Stadt Sagunt während des zweiten Punischen Krieges:

Zunächst verschmachteten sie fast vor Hunger, denn es wird berichtet, daß manche Einwohner die Leichen der eigenen Angehörigen verzehrten. Sodann, von allen Mitteln entblößt, errichtete man, um nicht gefangen in Hannibals Hände zu fallen, auf freiem Platze einen gewaltigen Scheiterhaufen, zündete ihn an und ließ sich selbst nebst allen Angehörigen, zuvor mit dem Schwert durchbohrt, von den Flammen verzehren. Hier hätten doch die Götter, diese Schwelger und Nichtsnutze, die nach Opferfett gieren und mit trügerischen Prophezeiungen die Leute umnebeln, etwas tun sollen […] Diese Stadt, die ihrer Verpflichtung nachkam, die sie unter Anrufung der Götter eingegangen war und durch Treuwort und Eidschwur bekräftigt und geheiligt hatte, wurde von einem Wortbrüchigen belagert, überwältigt, vernichtet! [S. 150/151]

Augustinus argumentiert immer wieder mit der Theodizee. Richtet sich sein Scharfsinn gegen die römische Religion, wird der gütige Kirchenvater zum fulminanten Religionskritiker. Scharfzüngig und geistreich treibt er das „Heidentum“ vor sich her. Nahm Voltaire das Christentum brillant in die Mangel, so steht ihm Augustinus in Bezug auf seine Heiden um nichts nach.

Im vierten Buch wendet er sich dem antiken Götterwesen inhaltlich zu und setzt dabei ein kritisch-rationales Instrumentarium ein, das ihn den besten, nicht nur antiken Philosophen an die Seite stellt. Paradigmatisch sei die Argumentationsstrategie genannt, die sich mit den verschiedenen Zuständigkeitsbereichen der Götter befasst. Süffisant weist er auf logische Inkonsistenzen und inkohärente Aufgabenverteilungen hin. Anachronistischerweise ist ihm auch Ockhams Razor nicht fremd: Er versucht den Nachweis, dass die Glücksgöttin Felicitas religionsökonomisch völlig hätte ausreichen müssen. Wenn man auf allen Gebieten Glück hat, wozu braucht man dann noch Spezialgötter für Ernte und Krieg, Pflanzen und Liebe?

Sogar „naturwissenschaftliche“ Überlegungen führt er ins Feld: Wenn die Welt aus vier Elementen bestehe, reichten dann nicht auch vier Götter für alles aus (statt viele Dutzend)?

Beim Leser stellt sich nach und nach aber Ratlosigkeit ein: Wie ist es möglich, dass ein so scharfsinniger Kopf sein kritisches Instrumentarium nicht auf seine eigene Religion anwendet, sondern hier naiv dogmatisch bleibt? Würde er seinen logischen Werkzeugkasten gegen das Christentum einsetzen, bliebe von der neuen Weltreligion ebensowenig Plausibles übrig, wie vom römischen Polytheismus. Diese intellektuelle Schizophrenie ist ebenso erstaunlich wie rätselhaft.

 

Buch 5

Drei Themen bestimmen dieses Buch: Weitere Kritik am Aberglauben, speziell der Astrologie; die Willensfreiheit; die Antwort auf die Frage, warum Gott das römische Reich so groß gemacht hat.

Augustinus’ Argumente gegen die Astrologie sind immer noch valide, weist er doch eloquent auf die zahlreichen Widersprüche hin, in die man sich verwickelt, wenn man an den Einfluss der Sterne als determinierend für das menschliche Schicksal ansieht:

Aber zur Erklärung der gleichartigen Erkrankung die Konstellation des Himmels oder der Gestirne, wie sie zur Zeit der Empfängnis oder Geburt war, heranziehen zu wollen, wo doch so viele Geschöpfe von verschiedenster und größter Verschiedenheit im Wirken und Ergehen zur gleichen Zeit, in derselben Gegend und unter demselben Himmel empfangen und geboren werden konnten, das verrät unglaubliche Dreistigkeit. [S. 222]

Erörtert und widerlegt werden noch bekannte antike “Beweise” für astrologische Behauptungen. Augustinus sucht auch nach Falsifikationsinstanzen und verweist auf zweigeschlechtliche Zwillingspaare, die sich höchst unterschiedlich entwickeln. Schließlich unterscheidet er höchst modern zwischen konstruierten und empirisch plausiblen Einflüssen der Gestirne:

Es wäre freilich nicht ganz so absurd, wollte man sagen, daß gewisse Ausstrahlungen der Gestirne körperliche Verschiedenheiten – aber nur solche – bewirken, wie wir ja auch sehen, daß durch die Annäherung und Entfernung der Sonne die Jahreszeiten wechseln und durch Zunahme und Abnahme des Mondes manche Dinge wachsen oder hinschwinden, wie Meerigel, Muscheln und des Ozeans wundersames Auf- und Niederwallen, während die Willensakte der Seele durch den Stand der Gestirne nicht beeinflußt werden. [S. 230]

Wer schon immer wissen wollte, warum das römische Reich eine solche Blüte erlebt hat, bekommt es von Augustinus geduldig erklärt. Der ganze imperiale Aufwand diente schlicht dazu, den Christen als Vorbild auf unterschiedlichen Ebenen zu dienen. Das römische Reich als pädagogische Maßnahme für eine narzisstische neue Weltreligion:

So ward durch die weite Ausdehnung, die lange Dauer und den hohen Ruhm des Reiches, einerseits jenen Männern der Lohn, den sie erstrebten, zuteil, andererseits aber wurden uns hier Vorbilder zur nötigen Ermahnung vor Augen gestellt. Nun ist es klar: Wenn nicht auch wir um des ruhmreichen Gottesstaates willen an den Tugenden festhielten, wie sie in ähnlicher Weise […] müßten wir vor Scham vergehen. [S. 263]

 

Buch 6 und 7

An das fünfte Buch anknüpfend, widmet sich das folgende einem speziellen Aspekt des Wettkampfes zwischen römischer und christlicher Religion: Können die heidnischen Götter ewiges Leben verleihen?

Augustinus verspottet schon die Erwägung im allgemeinen, verfügten diese Gottheiten doch (wie ausführlich vorher beschrieben) über einen höchst eingeschränkten Zuständigkeitsbereich. Die These dient ihm jedoch zum Anlass, sich ausführlich mit Marcus Terentius Varro, “a man of immense learning and a prolific author” (Britannica), auseinanderzusetzen, speziell mit dessen Götterlehre. Der Überlieferung nach schrieb Varro 74 Werke bestehend aus 620 Büchern, von denen – wie so oft – nur ein kleiner Bruchteil überliefert wurde. Augustinus bezieht sich auf die 16 Bücher zum Thema “Göttliches” der “Antiquitates rerum humanarum et divinarum”. Er geht von Varros Einteilungen aus und argumentiert auf jeder Ebene gegen die Annahme, ewiges Leben sei mit Hilfe heidnischer Götter möglich.

Mit besonderer Verachtung werden dabei wieder die diversen öffentlichen Kulthandlungen bedacht:

Doch wie man im übrigen auch ihren Mysterienkult deuten und zu Naturvorgängen in Beziehung bringen mag, daß Männer beim Geschlechtsverkehr die Rolle des Weibs spielen, ist nicht naturgemäß sondern widernatürlich. Diese Seuche, dies Verbrechen, diese Schmach wird aber in jenem Kult gewerbsmäßig betrieben […] [S. 302]

Im siebten Buch wird die für das Christentum so wichtige Frage über die möglichen Ursachen des ewigen Lebens noch weiter verengt. Augustinus diskutiert sie nun in Hinblick auf die wichtigsten römischen Götter. Nicht ohne sich über diese “Götter Auslese” lustig zu machen, indem er Tertullian zitiert:

Wennn man Götter ausliest, wie man Zwiebeln ausliest, erklärt man die übrigen für wert, weggeworfen zu werden. [S. 317]

Der Rest des Buches besteht aus einer Abrechnung mit den einzelnen Göttern und einer polemischen Auseinandersetzung mit Varros religionshistorischen Erklärungsversuchen.

 

Buch 8-10

Das achte Buch ist philosophisch besonders interessant, da sich Augustinus hier explizit mit Philosophen auseinandersetzt. Sokrates wird beispielsweise “wunderbare Eleganz” und “bissige Liebenswürdigkeit” bescheinigt. Platon und die platonische Schule wird über alle anderen Lehren gestellt, was angesichts der Anleihen, welche die Theologie beim Platonismus nahm, nicht überrascht:

Doch hütet [Platon] sich sich vor denen, die beim Philosophieren nur nach den Elementen dieser Welt fragen und nicht nach Gott, der die Welt geschaffen hat.
[S. 387]

Empiristische Ansätze waren und sind den Vertretern Gottes auf Erden immer schon ein Greuel. Weniger gefällt Augustinus freilich der Hang zum Polytheismus und die postulierte Existenz von Dämonen. Die “Dämonen-Ontologie” hat es ihm besonders angetan, und er widerlegt umständlich, dass Dämonen auf der Stufenleiter der Existenz dem Menschen vorzuziehen seien. Die Verehrung von Engeln und Märtyrern dagegen sei eine lobenswerte Angelegenheit.
Im neunten Buch fällt der Kirchenvater mit der im eigenen brillanten rhetorischen Boshaftigkeit über die armen Dämonen her. Methodisch interessant wird es, wenn er auf die ethischen Theorien der Stoiker und der Peripathetiker zu sprechen kommt und sprachanalytisch vorgeht. Man stritte hier nur über Worte:

Ebenso scheint sich mir auch bei der Frage, ob der Weise von Gemütsbewegungen bewegt werde, oder ob sie ihm fremd bleiben, der Streit mehr um Worte als um Sachen zu drehen, und ich bin der Meinung, daß die Stoiker, soweit der Sachverhalt und nicht der Wortlaut in Betracht kommt, hierüber nichts anderes denken als die Platoniker und Peripatetiker.
[S. 430]

Besonders empört ist Augustinus über das Konzept, dass Dämonen zwischen Menschen und Göttern als Vermittler tätig sind. Eine Fülle von Argumenten führt er dagegen an.
Der erste Band meiner dtv Ausgabe schließt mit dem zehnten Buch, einem Versuch in fortgeschrittener Engel-und-Dämonen-Komparatistik. Wie im “Gottesstaat” insgesamt, stößt man immer wieder auf interessante Details am Rande. Etwa wenn Augustinus das Konzept der Nächstenliebe – immerhin die zentrale marketing proposition des Christentums – schnurstracks zum Missionierungsinstrument erklärt:

Denn wer sich selbst liebt, will ja im Grund nichts anderes als glückselig sein. Dies Ziel aber ist, Gott anzuhangen. Wenn also dem, der sich selbst recht zu lieben weiß, geboten wird, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, wird ihm nichts anderes geboten, als dem Nächsten, so gut er’s vermag, die Gottesliebe lieb zu machen.
[S. 470]

Vornehmste Aufgabe der Nächstenliebe ist als die Bekehrung der Heiden und daran hat sich ja bis heute wenig verändert, wenn Missionare in aller Welt subtil Nahrung und medizinische Betreuung gegen den richtigen Glauben tauschen.
En passant sei noch bemerkt, dass Augustinus eine moderne religionsgeschichtliche Auffassung vorwegnahm. Die Theorie, die durch Lessings “Erziehung des Menschengeschlechts” berühmt wurde, findet sich bereits im “Gottesstaat”:

Ebenso wie die rechte Erziehung des einzelnen Menschen schritt auch die des Menschengeschlechts, wenigstens so weit das Volk Gottes in Frage kam, in gewissen Zeitabschnitten, den Altersstufen vergleichbar, voran, so daß es sich allmählich vom Zeitlichen zur Erfassung des Ewigen, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren erhob.
[S. 489]

 

Buch 11

Dieses Buch bildet den Auftakt zu einer Beschäftigung mit den theologischen Implikationen des Engelwesens. Die Engelfrage beschäftigte die mittelalterliche Philosophie immer wieder intensiv, und die entsprechenden Texte entbehren für den heutigen Leser nicht einer gewissen Komik.

Im elften Buch diskutiert Augustinus ausführlich die Erschaffung der Welt, speziell auch hinsichtlich zeitphilosophischen Fragen. Wer seine erstaunliche Autobiographie “Bekenntnisse” gelesen hat, der wird sich an die fesselnde Behandlung der Zeitthematik erinnern. Auf den bereits in der Antike erhobenen Einwand, was Gott denn vor der Schöpfung getan habe, erfolgt eine in Zukunft klassische Antwort: Dieser Einwand sei sinnlos, da Gott mit der Welt zugleich die Zeit geschaffen habe. Seitdem behaupten die helleren Köpfe unter den Theologen, dass Gott außerhalb von Raum und Zeit stünde. Es sei nur am Rande bemerkt, dass auch die moderne Physik von diesem Argument profitiert. Frägt man nach der Zeit vor dem Urknall, wird man ab und an darauf hingewiesen, dass die Naturgesetze erst mit dem Urknall entstanden seien.

Auch das epistemologische Problem, wie Vorherwissen und Kontingenz in bezug auf Ereignisse möglich sind wird sehr früh thematisiert. En passent werden die Lebewesen nach ihrer Nützlichkeit eingeteilt, leider immer noch ein hochaktuelles Konzept:

So geschieht es wohl, daß wir manche empfindungslose Wesen manchen empfindenen vorziehen, und zwar so sehr, dass wir die letzteren, wenn wir nur könnten, aus der Natur austilgen möchten […] [S. 29]

Philosophiegeschichtlich bemerkenswert, und weithin unbekannt ist, dass es Augustinus war, der als erster das “Cogito”-Argument formuliert hat, für das heute Descartes so berühmt ist. Ausführlich findet es sich in seiner Schrift gegen die Akademiker, kurz ist es auch im Gottesstaat zu finden:

Denn wir sind, wissen, daß wir sind, und lieben die unser Sein und Wissen. In diesen drei Stücken, die ich nannte, verwirrt uns kein falscher Schein der Wahrheit. Denn wir erfassen sie nicht wie die Außendinge mit irgendeinem leiblichen Sinn […] Mögen Sie sagen: Wie, wenn du dich täuscht? Wenn ich mich täusche bin ich ja. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen; also bin ich, wenn ich mich täusche. [S 43]

 

Buch 12

Augustinus setzt seine Erörterung der Engelthematik fort. Ihn beschäftigt vor allem, wie Gott böse Engel zulassen konnte, was er durch übergeordnete Nützlichkeitserwägungen erklärt. Das führt ihn schnell zur “Ordnung der Dinge”. Der Mensch solle nicht immer anthropozentrisch urteilen, sondern die Einrichtung der Welt objektiv beurteilen:

Wenn also hienieden, wo sich dergleichen schickt, das eine vergeht, das andere entsteht, das Schwächere dem Stärkeren unterliegt, das Überwundene vom Siegreichen aufgezehrt wird, so ist das nun einmal die Ordnung des Vergänglichen. (S. 63)

Mit dieser Feststellung, die jeder Evolutionsbiologe gerne bestätigte, hat Augustinus natürlich recht. Seltsam allerdings, warum Gott die Welt so eingerichtet hat. Die Antwort ist ein ideologischer Klassiker:

So wird uns da, wo die eigene Blickschärfe nicht ausreicht, mit vollem Recht anbefohlen, an die Vorsehung des Schöpfers zu glauben, damit wir uns nicht in eiteler Verwegenheit erfrechen, das Werk des großen Meisters in irgendeinem Stück zu tadeln. (S. 64)

Im weiteren Verlauf des 12. Buches eröffnet der Philosoph eine bis heute andauernde Debatte, man denke nur an die jüngsten inkompetenten Äußerungen des Wiener Erzbischofs Schönborn in der New York Times zur Evolutionstheorie. Die Peinlichkeit derartiger Äußerungen zieht sich wie ein roter Faden durch die theologische Geistesgeschichte, und auch zu diesem Punkt ist die Lektüre des “Gottesstaates” sehr aufschlussreich. Augustinus empört sich nämlich über die Naturphilosophen, die bereits damals viele Argumente vorbrachten, warum die Erde älter als in der Bibel beschrieben sein müsse.

Ich will mich jetzt nicht lange damit aufhalten, die Wertlosigkeit jener Schriften, die von einer weit größeren Zahl von Jahrtausenden berichten, und ihre völlige Unglaubwürdigkeit in dieser Frage zu beweisen […] (S. 75)

Warum die Bibel recht hat? Da sie die Zukunft richtig voraussage, müssten auch die Aussagen über die Vergangenheit stimmen:

So mag man aus der großartigen Erfüllung ihrer Zukunftsverkündigung schließen, daß sie auch über die Vergangenheit Wahres berichtet haben wird. (S. 76)

Der Rest des Buches ist weiteren “Widerlegungen” naturphilosophischer Theorien gewidmet.

 

Buch 13

Im Zeichen des Todes und der Sünde steht dieses Buch, in dem sich Augustinus große Mühe gibt, den Begriff des Todes analytisch zu fassen. Ähnlich wie ein Eskimo viele verschiedene Bezeichnungen für diverse Schneequalitäten benötigt, kommt ein todesbesessener Katholik offenbar nicht ohne diverse Unterscheidung aus. Wobei der Philosoph keine neuen Wörter kreiert, sondern sich mit konzeptuellen Unterscheidungen begnügt (Tod des Leibes, Tod der Seele …)

Dem Gläubigen ans Herz gelegt wird der Tod als Märtyrer, da unterscheidet sich die klassische christliche Theologie nur graduell vom islamischen Suizidenthusiasmus:

Denn allen denen, die, auch ohne das Bad der Wiedergeburt empfangen zu haben, um des Bekenntnisses zu Christus willen den Tod erleiden, erwirkt er dieselbe Sündenvergebung, wie wenn sie mit dem heiligen Quellwasser der Taufe abgewaschen wären […] Was könnte köstlicher sein als ein Tod, durch den man sich Vergebung aller Sünden und eine Fülle von Verdiensten erwirbt? [S. 114f.]

Literarisch eindrucksvoll schildert Augustinus den Weg ins Grab:

Niemand, der dem Tode nicht nach einem Jahre näher wäre als vor einem Jahre, morgen näher als heute, heute als gestern, ein wenig später näher als jetzt und jetzt näher als kurz vorher. Denn jedes Zeitteilchen, das man weiterlebt, wird von der Lebenszeit abgezogen, und tagtäglich wird weniger und weniger, was übrigbleibt, so daß die ganze Lebenszeit nichts anderes ist als ein Lauf zum Tode, bei dem niemand auch nur ein klein wenig stehenbleiben oder etwas langsamer gehen darf. Nein, zu gleicher Eile werden alle angetrieben, kein Unterschied wird geduldet. [S. 117f.]

Es schließt die Erläuterung der Erbsünde an sowie eine Polemik gegen die Platoniker, die es doch tatsächlich wagten aus biologischen Gründen die Unsterblichkeit des Leibes in Frage zu stellen. Die progressiveren unter seinen Kollegen belehrt Augustinus im Anschluss, dass eine ausschließlich allegorische Interpretation des biblischen Paradieses zu kurz greife, und sehr wohl auch eine wörtliche zulässig sei.

 

Buch 14

Der Titel “Eine weitere Folge des Abfalls: Der Aufruhr des Fleisches” gibt bereits hinreichend über das Thema Auskunft: Es geht um Sex. Wer immer schon einmal wissen wollte, wie es um das Sexualleben von Adam und Eva im Paradies bestellt war, sollte unbedingt zum vierzehnten Buch des “Gottesstaates” greifen. Vorher erörtert Augustinus aber noch in extenso, warum er mit den Fleischlichkeits-Theorien der antiken Philosophen, speziell der Platoniker, nicht übereinstimmt:

Zwar sind die Platoniker nicht so töricht wie die Manichäer, daß sie irdische Körper als wesenhaft böse verabscheuen […] Jedoch nehmen sie eine derartig schlimme Beeinflussung der Seelen durch die irdischen und todverfallenen Gliedmaßen an, daß die Krankheiten ihrer Begierden, Ängste, Freuden und Schmerzen von daher stammen sollen.
[S. 162f.]

Es folgt eine umfassende Abhandlung der Affekte aus theologischer Sicht unter spezieller Berücksichtung stoischer Vorstellungen dazu. Vor dem Sündenfall gab es diese starken Affekte nicht, womit wir nun endlich im Paradies angekommen sind. Das böse Verbrechen dort war die Verweigerung des Gehorsams. Naturgemäß müssen totalitäre Weltanschauungen blinden Gehorsam über alles stellen:

Aber in dem göttlichen Gebot war Gehorsam eingeschärft, eine Tugend, die bei vernünftigen Geschöpfen sozusagen Mutter und Wächterin aller Tugenden ist. Denn sie sind so geschaffen, dass untertan zu sein ihnen heilsam, dagegen ihren eigenen Willen statt dem des Schöpfers zu folgen verderblich ist.
[S. 183]

Mein Verdacht, dass Kleriker heute ihren Augustinus nicht mehr kennen, bestätigte sich im Folgenden. Ginge es nämlich nach dem Kirchenvater, müsste die katholische Kirche glühende Verfechterin von künstlichen Befruchtungstechniken sein. Denn idealerweise sollte die Vermehrung des Kirchenvolks ohne Wollust vor sich gehen:

Wer aber […] möchte nicht lieber, wenn’s möglich wäre, ohne Wollust Kinder erzeugen, so daß auch bei diesem Akte die hierzu erschaffenen Glieder, ebenso wie die übrigen Glieder bei verschiedenen Verrichtungen für die sie bestimmt sind, dem Geiste dienstbar wären und auf Willensgeheiß hin in Tätigkeit träten, aber nicht durch die Glut der Wollust angereizt würden. [S. 190f.]

Die anschließende Behandlung des Schamgefühls ist insofern soziologisch interessant, als diese Seiten einen guten Beleg gegen den Gegenstandsbereich von Norbert Elias’ Zivilisationstheorie bilden, da er diesen Prozess erst im Mittelalter beginnen läßt, während sowohl Affekt als auch Diskussion darüber bereits in der Antike zu finden ist.
Ohne Sündenfall hätte es im Paradies übrigens dort Sex und Kinder gegeben, jedoch ohne “unreine Begierden”. Kein Wunder, dass Adam den Apfel genommen hat …

 

Buch 15

Die nächsten Bücher sind ein Kommentar zur biblischen Geschichte, die für Augustinus identisch ist mit der Geschichte des Gottesstaates. Vor allem der “verstockte Kain” hat es ihm angetan. Dabei hebt der Kirchenvater Kains Rolle als Städtegründer hervor. Städte waren schon in der Antike Zentren der kulturellen und zivilisatorischen Emanzipation und damit ein natürliches Feinbild von Klerikern, die nichts weniger brauchen können als den Verlust ihres Welterklärungsmonopols. Diese Linie zieht sich durch bis zur Antimetropolenrhetorik Al-Qaidas, denn das Leben in westlichen Großstädten passt so gar nicht zur Utopie einer Hirtengesellschaft aus dem Frühmittelalter.

Besonders hübsch zu lesen ist Augustinus’ Verteidigung der biblischen Altersangaben. Wenn in der Bibel steht, dass Methusalem 969 Jahre alt wurde, dann war das so. Skeptischen Stimmen hält er eine Fülle von anderen vergangen “Unglaublichkeiten” entgegen.

Nun kann jeder in der Bibel nachlesen, dass es um die religiöse Qualität des ersten Gottesstaates aus theologischer Sicht nicht immer bestens bestellt war, und so stellt man sich die Frage, warum der irdische Staat einen so schlechten Einfluss ausübte. Die Antwort wird Kenner des Christentums nicht überraschen: Die Frauen waren schuld.

Dies Unheil nahm freilich wieder vom weiblichen Geschlecht seinen Ausgang, freilich nicht in der Weise wie zu Anfang; denn diesmal haben nicht die Weiber, durch fremde Tücke verführt, ihre Männer zur Sünde überredet. Sondern jene Weiber, die im irdischen Staate, das ist der Genossenschaft der Erdgeborenen, von Anbeginn an üble Sitten gefrönt hatten, wurden von den Gottessöhnen, den Bürgern des in dieser Welt pilgernden anderen Staates, um ihrer schönen Leiber willen geliebt. […]
Die Gottessöhne, von Liebe zu den Menschentöchtern ergriffen, die sie als Gattinnen genießen wollten, versanken in die Sittenlosigkeit der erdgeborenen Genossenschaft und ließen die Frömmigkeit fahren […] [S. 262f.]

Aufschlussreich aus “methodischer” Sicht ist schließlich noch der längerer Abschnitt über die Sündflut. Laut Augustinus muss man dieses Ereignis sowohl historisch als auch allegorisch verstehen. Höhepunkt ist sein Versuch, den denkenden Zeitgenossen zu erklären, wie auf der Arche alle Tierarten haben Platz finden können. Schon damals fragte sich die lesende Menschheit beispielsweise, wie wohl Raubtiere und deren Beute sich auf der Arche verstanden haben:

Denn es ist bekannt, daß viele Tiere, deren Speise sonst Fleisch ist, auch Früchte und Obst essen, zumal Feigen und Kastanien. Kein Wunder, wenn ein so weiser und gerechter, noch dazu von Gott belehrter Mann alles vorbereitete und zurücklegte, was einer jeden Art zusagte und für sie, auch wenn es kein Fleisch gab, das richtige war. [S. 276f.]

 

Buch 16

Als kleinen Nachtrag zum Thema “Antiurbanität und Religion” im 10. Teil dieser beliebten Augustinus-Reihe möchte ich noch nachtragen, dass heute prompt auf CNN sogenannte “Menschen auf Straße” aus New Orleans zu hören waren, welche die Flut als Gottesstrafe gegen die sündigen Bewohner ansahen.

Das sechzehnte Buch setzt nach der Sündflut fort, über die Söhne Noahs zum Turmbau von Babel, ohne den heute ja viele Linguisten arbeitslos wären. Ganz läßt ihn aber die Flut nicht los. Augustinus ist viel zu intelligent als dass er die Schwäche seiner historischen Interpretation nicht zumindest ahnte, weshalb er sich weiter um Erläuterungen bemüht. Konkret zur Frage, wie denn die Tiere wieder auf weit entfernte Inseln gekommen seien:

Unglaublich freilich wäre es nicht, daß die Menschen sie fingen, mit sich nahmen und an ihren neuen Wohnsitzen als Jagdwild einführten, auch konnten sie unfraglich auf Geheiß oder Zulassung Gottes von Engeln dorthin gebracht werden. [S. 292]

Läßt man einmal die Engel als Organisatoren von Massentiertransporten außer acht, ist die erste Hypothese gar nicht so dumm. So weiß man heute, dass pazifischer Inseln durch Polynesier mit Tieren kolonisiert worden sind. Freilich nur mit wenigen Tierarten, so dass man auch damit keine adäquate Erklärung hätte.

Ausführlich interpretiert Augustinus nun das Wirken Abrahams, einschließlich der wohl besten Veranschaulichung, wie weit Religion fantatisierte Menschen treiben kann: das Opfer Isaaks. Religiöse Befehle sind blind zu befolgen, auch wenn sie fundamentale ethische Regeln verletzen. Wenig überraschend also, dass dies “sinnbildlich” erklärt wird. Trotzdem gilt:

Niemals wäre Abraham auf den Glauben gekommen, Gott habe an Menschenopfern Wohlgefallen, doch wenn ein göttliches Gebot erschallt, soll man gehorchen, und keine Einwendungen machen. Rühmenswert aber ist, daß Abraham überzeugt war, sein Sohn werde, wenn hingeopfert, alsbald wieder auferstehen. [S. 334]

Ein eklatantes Beispiel wie ähnlich die monotheistischen Religionen funktioniert, denkt man an Testamente von islamischen “Märtyrern” und der Reaktion ihrer Familien.
Augustinus’ literarisches Talent ist während des gesamten Werkes offensichtlich. Ab und zu versteigt er sich aber zu Bildern, die durchaus komisch sind:

So mußte den Lots Weib, da sie sich umblicktem zurückbleiben und, in Salz verwandelt, den gläubigen Menschen sozusagen als Würze dienen, um ihnen die Lebensweise schmackhaft zu machen, durch welche man solches Schicksal vermeidet. [S. 332]

Jacobs Geschichte schließt dieses Buch ab.

 

Buch 17 und 18

Im Mittelpunkt stehen diesmal die Propheten und deren Weissagungen. Gleich zu Beginn erläutert Augustinus seinen hermeneutischen Ansatz und läßt drei verschiedene Interpretationsarten der Prophezeiungen zu. Eine “himmlische”, eine “irdische” und eine Mischform. Eine wörtliche Lesart, wie sie heute bei einigen fundamentalistischen Gruppen üblich ist, hätte nur seinen Spott herausgefordert. Er ist für einen Mittelweg:

Aber wie mir diejenigen in großem Irrtum befangen zu sein scheinen, die meinen, keinerlei in jenen Schriften dargestellten Ereignisse bedeuten etwas anderes als das, was sich damals zugetragen, so kommen mir auch diejenigen verwegen vor, die behaupten, hier sei alles sinnbildlich zu verstehen. [S. 361]

Dieses Prinzip wendet der Philosoph dann auf diverse Prophetenworte und Psalmen an. Darunter sind auch einige Auslegungen, die nur schwer nachzuvollziehen sind, da sie vom Bibeltext weit abweichen.

Damit ist der chronologische Kommentar des Alten Testaments abgeschlossen und Augustinus wendet sich wieder systematischen Themen zu. Das achtzehnte Buch beschäftigt sich so mit dem Nebeneinander von Weltstaat und Gottesstaat von Abraham bis Christus. Unter “Weltstaat” wird vor allem die griechische und römische Geschichte verstanden. Selbst der griechischen Mythologie, in seiner Terminologie “heidischen Fabeln”, ist ein Abschnitt gewidmet. Als Quelle allgemein dienen im Werke des berühmten römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro (116-27 v.u.Z.), der angeblich 74 Werke verfasste.

Natürlich geht das nicht ohne polemische Seitenhiebe auf “die spitzfindige und haarspaltende Geschwätzigkeit der Philosophen” [S. 454] ab. Augustinus bestreitet vehement, dass die ägyptische Zivilisation älter ist als seine barbarischen Hirtenstämme:

[…] da doch nicht einmal Ägypten, das sich fälschlich und grundlos des Alters seiner Gelehrsamkeit zu rühmen pflegt, mit seiner Weisheit, sie mag sein, wie sie will, der Weisheit unserer Urväter zeitlich zuvorgekommen ist. [S. 481]

Ein klassisches Beispiel für selektive Wahrnehmung ist der Abschnitt 41 “Die Philosophen widersprechen einander, die Heilige Schrift ist einhellig”. Würde Augustinus nur einen kleinen Teil seiner hermeneutischen Willkür, die er auf die Bibel anwendet, auf die Philosophie übertragen, könnte er ebenso bequem deren Widersprüche weginterpretieren. Denn selbstverständlich ist auch das Alte Testament voller Kontradiktionen.

 

Buch 19

Das neunzehnte Buch beginnt mit einem fulminanten Auftakt, nämlich einer Kombination aus Analyse und Rhetorik. Ziel des Augustinus’ ist es, die angeblich widerspruchsfreie Wahrheit des Christentums dem philosophischen Pluralismus gegenüberzustellen. Ausgangspunkt ist einmal mehr eine Überblicksdarstellung des Varro’. Augustinus liest, rechnet und kommt zu dem (gar nicht so unplausiblen) Ergebnis, dass es 288 verschiedene Lehrmeinungen darüber gäbe, was denn unter dem “höchsten Gut” zu verstehen sei.

Rhetorisch geschickt stellt der Philosoph diesem Meinungsspektrum die These gegenüber, dass es in diesem armseligen Leben überhaupt kein höchstes Gut geben könne:

Der Schmerz widerstreitet der Lust, die Unruhe der Ruhe; aber gibt es einen Schmerz, eine Unruhe, die den Leib des Weisen nicht befallen könnte? Verlust und Schwächung der Glieder zerstört des Menschen Unversehrtheit, Entstellung seiner Schönheit, Siechtum seiner Gesundheit, Mattigkeit seiner Kraft, Steifheit oder Lähmung seiner Beweglichkeit; und was von alledem könnte nicht auch über des Weisen Leiblichkeit hereinbrechen? […] Was dann, wenn das Rückgrat sich so krümmt, daß die Hände den Boden berühren und der Mensch sozusagen zum Vierfüßler wird? […] Was bleibt denn von der Sinneswahrnehmung übrig, wenn der Mensch, um von den anderen Sinnen zu schweigen, taub wird und blind? Die Vernunft aber und das Erkenntnisvermögen, wohin entweichen, wo schlummern sie, wenn infolge einer Erkrankung der Geist sich verwirrt? [S. 529f.]

Nun kommt Augustinus richtig in Fahrt und beschreibt systematisch das Elend des Lebens. Die Übel der menschlichen Gemeinschaft, die Probleme der Rechtssprechung und schließlich den Krieg:

Denn abgesehen davon, dass es auch jetzt noch auswärtige feindliche Völker gab und gibt, gegen welche immerfort Kriege geführt wurden und geführt werden, hat gerade die Größe des Reiches Kriege schlimmerer Art entfesselt, Bundesgenossen- und Bürgerkriege, von den das Menschengeschlecht noch jämmerlicher gepeinigt wird […] Wollte ich das vielfältige Unheil, all die drängenden und drückenden Notstände im Gefolge dieser Übel so schildern, wie sie es verdienen, wozu ich freilich völlig außer stande bin, wie würde ich damit je zu Ende kommen? [S. 541]

Hat man Freunde, ändert das nichts am Elend, ganz im Gegenteil:

Doch je mehr Freunde wir haben und auf je mehr Orte sie sich verteilen, um so mehr bedrängt und auch die Furcht, es möge ihnen von der aufgehäuften Masse an Übeln dieser Welt etwas Übles zustoßen. Wir sind ja nicht nur darum besorgt, daß sie von Hunger, Kriegsnot, Krankheit und Gefangenschaft betroffen werden […] sondern auch […] sie könnten untreu, schlecht und nichtsnutzig werden. [S. 542]

Dieser literarisch gelungenen Elendsdarstellung folgt die Darstellung der Vorzüge des ewigen Lebens.

 

Buch 20 und 21

Dieses Buch ist religonsgeschichtlich von besonderem Gewicht, steht doch das Jüngste Gericht im Mittelpunkt. Gleich zu Beginn dient das Jüngste Gericht als Ausweg aus der Theodizee:

Denn wir wissen nicht, welches Gottesgericht dem zugrunde liegt, daß hier ein Guter arm, dort ein Böser reich ist […] daß ein Unschuldiger die Gerichtssitzung nicht nur ungerächt, sondern sogar verurteilt verläßt […] daß junge Männer kraftstrotzend das Räuberhandwerk treiben, während kleine Kinder […] von mancherlei schrecklichen Krankheiten heimgesucht werden […] [S. 586]

Kurz die offensichtliche Ungerechtigkeit der Welt erfordert ein späteres Gericht. Es folgen interpretierte Belege aus dem Alten und Neuen Testament, welche für dieses portmortale Justizsystem sprechen. Es ist wenig überraschend, dass Teufel und Antichrist ebenfalls ausführlich gewürdigt werden. Zu Wort kommen in extenso Paulus und Jesaja. Für Augustinus gibt es keinen Zweifel, dass Christus der im Alten Testament angekündigte “Weltenrichter” sein wird. Wer dessen Wutanfälle aus den Evangelien im Gedächtnis hat, wird mit der Vorstellung, dass Jesus massenhaft Sünder ewigen Höllenqualen ausliefert, keine Schwierigkeiten haben.

Damit ist man auch schon beim Thema des einundzwanzigsten Buches: “Die Ewigkeit der Höllenstrafen”. Naturgemäß bedarf es eines größeren Argumentationsaufwands wie eine Religion, welche die Nächstenliebe als USP (unique selling proposition) verwendet, Dauerfolter zulassen kann.

Doch zu Beginn werden naturwissenschaftliche Probleme in bezug auf diese Folterpraxis diskutiert, denn Skeptiker bezweifelten, dass ein menschlicher Körper solche Qualen eine Ewigkeit lang aushalten kann. Augustinus bringt zoologische Beispiele:

Antworten wir ihnen, es gebe doch sicherlich vergängliche, weil sterbliche Lebewesen, die mitten im Feuer leben, oder es finde sich eine Art von Würmern im Wasser heißer Quellen, in die niemand seine Hand tauche ohne sie zu verbrennen […] Denn gewiß ist’s wunderbar, in Flammen leiden und doch leben, aber noch wunderbarer, in Flammen leben und nicht darunter leiden. Glaubt man aber das eine, warum nicht auch das andere?

Diese Argumentationsstrategie wird noch eine Weile weiterverfolgt: Anerkannt “Wunderbares” in der Welt soll höllische “Unmöglichkeiten” plausibel machen. Sollte das noch nicht überzeugend genug sein, folgt der Hinweis auf Gottes Allmacht. Das ist insofern interessant als der Hinweis auf die Allmächtigkeit Gottes eigentlich “logisch” völlig ausreichte. Weshalb also müht sich Augustinus zusätzlich über viele Seiten mit zusätzlichen Argumenten ab? Offenbar hat er mit seinem Buch nicht nur Gläubige im Auge, sondern will auch den gebildeten Teil der spätantiken Leserschaft überzeugen.

Den Einwand, dass ewige Strafen ungerecht seien, räumt er mit einer Analogie aus dem Weg: Die ewige Höllenstrafe nach dem Tod sei nichts anderes als die Todestrafe in der Welt, nämlich ein dauerhafter Ausschluss.

Auch in diesem Buch äußert sich der Philosoph wenig vorteilhaft über das nicht-ewige Leben, wobei seine Beschreibung des Kinderlebens ein Zitat verdient:

Ist doch schon Unverstand und Unwissenheit keine geringe Strafe, und weil man mit Recht urteilt, daß sie zu fliehen sind, zwingt man die Knaben durch schmerzhafte Strafen allerlei Künste und Wissenschaften zu lernen […] Wer aber würde nicht zurückschrecken und, vor die Wahl gestellt, entweder zu sterben oder noch einmal Kind zu werden, nicht lieber den Tod wählen? Begrüßt doch das Kind nicht lachend, sondern weinend das Tageslicht und weissagt damit Unbewußt, welchen Übeln es entgegengeht. [S. 707f.]

En passent sei bemerkt, dass man sich auch heute noch wundern kann, mit welcher Leichtsinnigkeit die Menschen Kinder in die Welt setzen :-)

Die restlichen Abschnitte zeigt sich Augustinus als überzeugter Fundamentalist, indem er ausführlich jedes Mitleid mit ewig Gequälten zurückweist und wortreich die Ewigkeit der Höllenstrafen verteidigt.

 

Buch 22

Das Thema des letzten Buches dieses Mammutwerks liegt selbstverständlich auf der Hand: “Die ewige Seligkeit”. Das wortreiche (und nicht so unberechtigte) Bejammern der Tristheit des menschlichen Lebens liefe rhetorisch ja ins Leere, könnte ihr Augustinus nicht seine Jenseitsutopie entgegen setzen.

Wie gewöhnlich fängt er mit einer Auslegung der entsprechenden Bibelstellen an und führt seine üblichen Plausibilisierungsargumente an. Besonders empört ist er über den Einwand, die Schwere menschlicher Körper passe in Kombination mit der Schwerkraft nicht mit dem luftigen Aufenthaltsort derselben nach der Auferstehung zusammen:

Hier sieht man, mit welchen Beweisgründen die von Eitelkeit aufgeblasene menschliche Schwachheit der göttlichen Allmacht sich widersetzt. [S. 782]

Danach werden eine Reihe von wichtigen Detailfragen behandelt, etwa wie es um die Auferstehung von Frühgeburten bestellt ist (sie auferstehen). Oder ob auch Frauen ewig selig sein dürfen (sie dürfen!). Schließlich werden sich die Patienten von Schönheitschirurgen freuen zu hören, dass ihr Auferstehungsleib ein makelloser sein wird.

Gegen Ende werden dann Plato und Porphyrius noch als Vorläufer des Auferstehungsglaubens eingemeindet.

Abschließend stellt sich nun die Frage, ob die Lektüre dieser 1600 Seiten (mit Kommentar) in einem sinnvollen Verhältnis zur dafür notwendigen Zeit steht. Meine kursorischen Notizen über den “Gottesstaat” implizieren natürlich bereits eine positive Antwort. Nähert man sich diesen Büchern mit der richtigen Mischung aus Skepsis und Offenheit, dann wird man mit einer Fülle von neuen Erkenntnissen belohnt. Damit meine ich einerseits das geistesgeschichtliche Faktenwissen zum Christentum, das dieses zentrale Buch vermittelt, andererseits auch zahlreiche Metabeobachtungen. Hochgradig verblüffte mich beispielsweise die intellektuelle und literarische Brillanz der ersten zehn Bücher. Immer wenn es gegen die Feinde des Christentums geht (Römer, Philosophen, Häretiker) läuft Augustinus zu einer Hochform auf, die ihn auf eine Stufe mit den besten antiken Philosophen stellt. Je “positiver” er wird, also je christlich-dogmatischer, desto geringer wird seine intellektuelle Leistung und Überzeugungskraft. Wobei hier zu ergänzen ist, dass man intellektuell nicht mehr aus dem Christentum herausholen kann. Wer sich einen Überblick über die philosophische Satisfaktionsfähigkeit des Christentums verschaffen will, braucht nur Augustinus und Thomas von Aquin zu lesen. Etwas Besseres gibt es nicht, weshalb man letztendlich das Fazit zieht, dass diese Weltanschauung nicht einmal durch die klügsten Köpfe der Geistesgeschichte zu retten ist.

Einen Vorzug den Klassiker von der Statur des “Gottesstaates” aktuellen Büchern voraus haben, ist der semantische Mehrwert, welcher durch den historischen Abstand entsteht. Diese Vergleichsmöglichkeit von “klassischem” Denken mit der Gegenwart kann eine Neuerscheinung per definitionem nicht bieten. Je mehr und länger ich diese alten Bücher lese, desto weniger könnte ich auf sie verzichten (auch und vor allem um die Gegenwart besser zu verstehen).

Augustinus: Vom Gottesstaat (dtv)

21er Haus: Das neue Museum

Ein weiteres Museum in Wien ist eine gute Nachricht. Das dem Belvedere angegliederte Haus für zeitgenössische Kunst füllt das ehemalige 20er Haus mit neuem Leben, das in der jüngeren Kulturgeschichte Wiens eine wichtige Rolle spielte. Für 32 Millionen Euro wurde das Haus saniert und vor einigen Tagen neu eröffnet. Das Gebäude ist beeindruckend, allerdings als Ausstellungsort nicht unproblematisch. Speziell im lichtdurchfluteten Raum im Erdgeschoß, bei dem riesige Fensterfronten die Wände ersetzen, könnte die Aussicht und Raumwirkung samt Aussicht der Kunst die Schau stellen.

Deshalb sind die Kunstwerke auch im oberen Stockwerk untergebracht. Hier erlauben die Fenster dank weißer Färbung keinen Ausblick. Durch die umlaufende Galerie mit Blick nach unten ist der Raumeindruck abwechslungsreich. Ausstellungen für aktuelle Kunst könnten hier ein passendes Ambiente finden.

Abgesehen von der nicht sehr umfangreichen Wotruba-Galerie im Keller, krankt das 21er Haus derzeit an einer für ein Museum ungewöhnlichen Symptomatik: Es gibt kaum Kunstwerke, und die der Eröffnungsausstellung Schöne Aussichten sind nicht mal beschriftet. Man bat eine Reihe von Künstlern künstlerisch auf das neue Haus zu reagieren. Am Interessantesten ist Peter Koglers Video-Installation mit Künstlerportraits.

Die Eintrittsgebühr versteht man besser als Architektur-Eintritt. Eine Buchhandlung mit aktuellen Kunstbüchern befindet sich im Foyer des Hauses. Für Januar ist die nächste Ausstellung angekündigt.

Altenberg Trio

Musikverein 15.11.

Esther Haffner, Viola

Franz Schubert
Trio für Klavier, Violine und Violoncello B-Dur, D 898

Johannes Brahms
Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr. 1 g-Moll, op. 25

Viele Jahre lang, spielte das Alban Berg Quartett die Hauptrolle in meiner Kammermusik-Nahversorgung. Ich hatte ihren Wiener Zyklus abonniert bis sie sich Ende 2007 auflösten. Das Altenberg Trio könnte ein würdiger Nachfolger sein, zumindest diesem ersten Konzert nach. Das berühmte Schubert-Trio wurde makellos und beeindruckender Präzision gespielt. Schubert schrieb das Quartett bekanntlich in seinem letzten Lebensjahr 1828. Aufgeführt wurde es vom ersten „professionellen“ Klaviertrio der Musikgeschichte, die sich 1827 zusammenfanden: Ignaz Schuppanzigh, Joseph Lincke und Carl Maria von Bocklet.

Nach der Pause ergänze Esther Haffner (Viola) das Ensemble zum Streichquartett. Brahms Quartett in g-moll zeigt, dass Brahms Bemühen, aus dem Schatten Beethovens zu treten, letztendlich sehr erfolgreich war. Obwohl er einiges von Beethoven übernimmt, ist es ein eigenständiger Parforce-Ritt an musikalischen Ideen und endet in einem furiosen Finale (beeinflusst von Roma-Musik).

Das Klavier klang bei beiden Stücken etwas zu dominant, das kann aber auch an meinem Sitzplatz (ganz vorne links) gelegen haben. Freue mich schon auf die nächsten Konzerte des Altenberg Trios.

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären

Eigentlich schreibt Wilhelm Genazino seit Jahren an einem einzigen großen Roman, von dem er regelmäßig Teile publiziert. In ihm durchwandert die Hauptfigur als kritisch-melancholischer Beobachter eine Großstadt, unterbrochen von diversen alltäglichen Zumutungen und Krisen, nicht zuletzt sexueller Natur.

In der aktuellen Folge ist es ein freier Architekt, der sich mit banalen Aufträgen eines Architekturbüros über Wasser hält. Freundin Maria unterbricht seinen Weltekel regelmäßig mit gutem Sex, nervt dafür mit unzumutbaren Alltagswünschen, wie der den nach einer Urlaubsreise. Sand in dieses gut eingespielte Getriebe bringt der überraschende Tod eines Bekannten und Kollegen…

Bekannt wurde Genazino Ende der siebziger Jahre durch seine Abschaffel-Trilogie, die das entfremdete Leben eines Büromenschen minuziös schildert. Das von Genazino in Wenn wir Tiere wären kurz beschriebene Büroleben ist leider immer noch das von vor vierzig Jahren und wirkt angesichts seines sonst so präzisen Realismus anachronistisch. Trotzdem verwöhnt Genazino seine Leser auch in diesem kurzen Roman mit literarischer Beobachtungskunst auf hohem Niveau.

Wilhelm Genazino: Wenn wir Tiere wären. Roman (Hanser)

Diese Kurzrezension erschien in the gap Nr. 120.

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges

Diese Notizen schrieb ich Mitte 2002 in fünf Teilen und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Man kann über den “Kanon” sagen, was man will: Meiner Leseerfahrung nach sind Bücher, die seit Jahrhunderten (von längeren Zeiträumen nicht zu reden) die unterschiedlichsten Leser faszinierten, gewinnbringender als zahlreiche andere Druckerzeugnisse. Keine finstere Verschwörung ist die Ursache dafür, dass Homer oder Herodot oder Platon oder Plutarch oder Augustinus (…) immer wieder passionierte Leser fanden und finden, sondern die erstaunliche Qualität und Aktualität ihrer Werke.

Thukydides (ca. 460-404) ist ein besonders herausragendes Beispiel. Gerne wird er als Begründer der modernen Geschichtsschreibung tituliert, obwohl er eigentlich hauptsächlich seine Gegenwart beschrieb. Als Leser hatte er allerdings nicht in erster Linie seine Zeitgenossen im Auge:

Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag sie so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist sie verfaßt.
[S. 36]

Die “Geschichte des Peloponnesischen Krieges” sollte nicht nur die tatsächlichen Ereignisse schildern, sondern auch die anthropologischen Fundamente dieser Auseinandersetzung freilegen. Die brillante Umsetzung dieses Vorsatzes ist sicher eine Ursache für den Erfolg des Buches.

Man braucht viel Phantasie, um sich den riesigen Umfang des Projekts vorzustellen. Zwar waren Herodots Historien in Athen bekannt, nach Thukydides’ methodischen Vorstellungen jedoch gänzlich unbrauchbar. Nicht einmal ein für die Geschichtsschreibung verwendbares einheitliches Kalendersystem gab es, die Städte in Hellas wandten diverse Notationen an (meist bezogen auf in der Vergangenheit amtierende Würdenträger). Thukydides behalf sich mit einer auch heute noch plausiblen Einteilung in Sommer und Winter. Die Zuverlässigkeit seiner chronologischen Angaben konnte astronomisch bestätigt werden (er erwähnt mehrmals Sonnenfinsternisse).

Das Geschichtswerk füllt heute etwa 630 engbedruckte Seite, für antike Verhältnisse ein beachtlicher Umfang. Wie Thukydides im einzelnen seine Informationen zusammentrug, entzieht sich unserer Kenntnis. Als wohlhabende und einflussreiche Persönlichkeit hatte er sicher viele Kontakte. 424 wurde zu einem der zehn Strategen gewählt, hatte jedoch kein Kriegsglück und wurde deshalb aus Athen verbannt. Verbannung bedeutete zwangsläufig, sich in (aus athenischer Perspektive) feindlichen Städten aufzuhalten zu müssen. Es ist naheliegend, dass diese gegnerische Sichtweise auf den Krieg zur erstaunlichen Objektivität seines Buches beitrug.
Eine Frage kann auch dieses Werk nicht beantworten, warum nämlich damals in Athen (bzw. Griechenland insgesamt) so viele Geistesleistungen (mehr oder weniger) ex nihilo erbracht wurden, aber das mag eine überflüssige Frage sein, profitieren wir doch heute noch davon.

 

Thukydides starb, bevor er sein Werk in die von ihm gewünschte Form bringen konnte, weshalb man bei der Lektüre unschwer drei verschiedene Stufen feststellen kann:

1. Notizen, die mehr oder weniger noch Rohmaterial sind, eine Stoffsammlung zur späteren Verwendung.
2. Die Verarbeitung dieser Notizen zu einer Chronik.
3. Erzählerisch penibel gestaltete Episoden.

Das schadet der Lesbarkeit jedoch keineswegs. Warum fasziniert dieses Werk seit seiner Entstehung so viele Leser? Hauptgrund ist die Fülle des von Thukydides gebotenen, die sehr unterschiedliche Lesarten zulässt. Historisch erfährt man eine Unmenge an Details über eine der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Alle Geschichtsinteressierten (im weitesten Sinn) stoßen auf eine kaum zu erschöpfende Fundgrube an Material. Dieser Reichtum bietet selbstverständlich auch spezielleren Fächern (Ethnologie beispielsweise) genügend Stoff. Wer den Schwerpunkt lieber auf Schöngeistiges legt, wird ebenfalls nicht enttäuscht. Viele Passagen sind von einer beeindruckenden erzählerischen Qualität, der Stoff jeweils höchst geschickt zu epischen Spannungsbögen angeordnet. Thukydides hat nicht nur das erste moderne Geschichtswerk geschrieben, er hob en passant auch die Erzählkunst auf eine neue Stufe. Ähnliches gilt für die zahlreichen Reden, die von einer ungewöhnlichen rhetorischen Brillanz zeugen.

Als wäre dies nicht alles bereits genug: In dem Buch tritt uns mit Thukydides ein glänzender Kopf entgegen, der sich eine eigene Meinung über seine Zeit und über die Menschen bildete. Aufgeklärt betrachtet er das Kriegsgeschehen seiner Landsleute und wird zunehmend pessimistischer. Die rationale Distanz zum Geschehen führt wie bei Euripides zu einem Menschenbild, das quer zur athenischen Selbtbeweihräucherung steht.

Die Größe der Leistungen Athens wird nicht verschwiegen, die unappetitlichen Seiten der berühmten Stadt spielen jedoch die Hauptrolle. Die arrogante, rücksichtslose Machtpolitik der Großmacht zeigt erstaunliche Analogien zur Gegenwart. Athenische Gesandte, die kleinere Städte zur Unterwerfung auffordern, verstecken sich meist nicht Scheinargumenten, sondern reden Tacheles, nicht nur mit den Meliern:

Wir allerdings gedenken unsrerseits nicht mit schönen Worten – etwa als Besieger der Perser seien wir zur Herrschaft berechtigt oder wir müßten erlittenes Unrecht jetzt vergelten – endlose und unglaubhafte Reden euch vorzutragen […] sondern das Mögliche sucht zu erreichen nach unser beider wahren Gedanken, da ihr so gut wißt wie wir, daß im menschlichen Verhältnis Recht gilt bei Gleichheit der Kräfte, doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt.

[…]

Wir glauben nämlich, vermutungsweis, daß das Göttliche, ganz gewiß aber, daß alles Menschenwesen allezeit nach dem Zwang seiner Natur, soweit es Macht hat, herrscht. Wir haben dies Gesetz weder gegeben noch ein vorgegebenes zuerst befolgt, als gültig überkamen wir es, und zu ewiger Geltung werden wir es hinterlassen […]
[S. 433]

Soweit ich sehe ist das die erste explizite Formulierung der “sozialdarwinistischen” Idee in der abendländischen Geistesgeschichte. Frappierend im letzten Zitat besonders das “vermutungsweis”. Die Behauptung wird, bester skeptischer athenischer philosophischer Tradition gemäß, als Hypothese präsentiert, ein unglaublicher Zynismus.

Recht hatten sie aber zumindest, was die “ewige Geltung” dieses Gesetzes angeht. Die amerikanische Außenpolitik ist der des antiken Athen so ähnlich, dass man es kaum für möglich hält. Das einzige “Argument” der USA im Streit um den internationalen Strafgerichtshof war ja ebenfalls, dass sie sich das als einzige Supermacht nicht bieten lassen wollen. Das “vermutungsweise” sucht man allerdings vergeblich …

 

Wirft man einen genaueren Blick auf politischen Debatten in Athen und auf die Art der vorgebrachten Argumente, ist man erst einmal sprachlos, wie wenig sich seitdem geändert hat. Sehr deutlich wird das im Gericht über Mytilene (5. Kriegsjahr), das Athen im Krieg verriet. Im Zorn beschließt die Volksversammlung, die Bevölkerung der Stadt komplett auszurotten. Dieser Entschluss stößt auf Widerstand, so dass die Angelegenheit am nächsten Tag erneut verhandelt wird.

Kleon, der erste reaktionäre Populist in der europäischen Geschichte, über den wir dank Thukydides gut Bescheid wissen, kritisiert zu Beginn den zweiten Anlauf:

Und das Allerärgste, wenn uns nichts Bestand haben soll, was wir einmal beschlossen haben, und wir nicht einsehen wollen, daß ein Staat mit schlechtern, aber unverbrüchlichen Gesetzen stärker ist als mit einwandfreien, die nicht gelten, daß Einfalt mit Disziplin weiter hilft als noch so schlaue Zuchtlosigkeit, und daß schlichtere Menschen im Vergleich zu den gescheiteren im allgemeinen ihren Staat besser regieren […]

Eine Einsicht, die nicht nur Bush junior erfreuen dürfte. Etwas später richtet sich Kleons Augenmerk auf die “Gutmenschen“, und er fällt über sie ähnlich her, wie wir das heute kennen:

Auf die Neuheit eines Gedankens hereinfallen, das könnt ihr gut, und einem bewährten nicht mehr folgen wollen – ihr Sklaven immer des neuesten Aberwitzes, Verächter des Herkommens, jeder nur begierig, wenn irgend möglich, selber reden zu können, oder doch um die Wette mit solchen Rednern bemüht zu zeigen, daß er dem Verständnis nicht nachhinkt, ja einer geschliffnen Wendung zum voraus beizufallen, überhaupt erpicht, die Gedanken des Redners vorweg zu erraten, langsam nur im Vorausbedenken der Folgen; so sucht ihr nach einer anderen Welt gleichsam, als in der wir leben […]

Zur Erinnerung, hier wird die Vernichtung einer Stadt samt Frauen und Kindern verhandelt. Kleon fällt über seine intellektuellen Zeitgenossen mit einer Schärfe her, die sich danach als Mantra bis in die Gegenwart wiederholt: Einerseits gibt hier der traditions- und vaterlandslose Intellektuelle, der zwar als Blender schön redet, aber die Welt nicht kennt, seine rhetorisch gelungene Premiere. Bei Platon lassen sich ähnliche Stellen finden, aber nicht in dieser prägnanten Vehemenz, und teilweise leider mit umgekehrten Vorzeichen, er war ja kein Freund der Sophisten wie wir wissen. Andererseits der Schönredner, der sich nicht der Sache, sondern nur der Selbstdarstellung wegen profilieren will. Ein Vorwurf, der gerade heute ständig erhoben wird (siehe Walser-Debatte), obwohl er schon vor 2400 Jahren nicht stichhaltig war.

Abschreckung ist das Zauberwort aller Stahlhelme der Weltgeschichte. Ob Kleon, Reagan oder Sharon, es hört sich immer ähnlich an:

Nun seht zu, wenn ihr eure Verbündeten gleich straft, ob sie nun vom Feind gezwungen waren oder [wie Mytilene] aus freien Stücken abfielen, welche Stadt, meint ihr, wird nicht beim geringsten Anlaß euch verraten, wo das Gelingen ihre Freiheit bringt und ein Fehlschlag kein unheilbares Unheil?

Danach folgt eine Lektion in Regierungskunst:

Ich habe mich darum gleich anfangs und auch jetzt wieder dafür eingesetzt, daß ihr den ersten Beschluß nicht mit dem zweiten umstoßt und keine Fehler macht aus Mitleid, Freude an schönen Reden oder Nachgiebigkeit, den drei Erzlastern, wenn man herrschen will. Denn Gnade ist recht zwischen Ebenbürtigen, aber nicht, wenn drüben erbarmunglose Feindschaft notwendig bestehen bleiben muss […]

Willkommen, Mytilene in der “axis of evil“. Was Diodotus, der berüchtigte antike Gutmensch und Menschenrechtler, auf diese Suada erwidert, folgt im vierten Teil.

 

Während die Rede Kleons belegt, dass sich (immer auf einer vergleichsweise abstrakten Ebene gesprochen) grundlegende rhetorische Strategien reaktionärer Populisten in den letzten 2400 Jahren wenig verändert haben, gilt das auch für die Gegenseite. Diodotos wirkt wie ein moderner, aufgeklärter Humanist, wenn er sich gegen die Ausrottung der mytilenischen Bevölkerung ausspricht. Er beginnt mit einer Verteidigung der rationalen Vorgehensweise in dieser Angelegenheit:

[…] mir scheint, die beiden größten Feinde guten Rates sind Raschheit und Zorn, von denen das eine gern bei der Torheit weilt, das andere bei Unbildung und kurzen Gedanken. Und wer das Reden bekämpft, als sei es nicht die Schule für das Tun, ist unverständig oder hat ein eigenes Interesse: unverständig, wenn er meint, es gebe irgendeinen andern Weg, sich über Künftiges und nicht Augenfälliges zu verständigen […]

Diodotos’ Argumente gegen die Todesstrafe haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren:

Es ist in der Natur, daß alle, seien es Einzelne oder Staaten sich schuldig machen, es gibt kein Gesetz das zu hindern; denn alle Strafen haben die Menschen schon durchversucht, immer steigernd, um so vielleicht Ruhe zu bekommen vor den Frevlern

[…]

Entweder gilt es also noch einen gewaltigeren Schrecken zu erfinden, als diesen – oder es gibt kein Hindernis. Sondern die Armut, die verwegen ist aus Not, und die Macht, habgierig aus Frevelmut und Stolz, und alle anderen Lebensumstände, wie sie die Menschen mit irgendeiner Leidenschaft fassen, sie alle reißen mit ihren wechselnden Übergewalten unwiderstehlich zum Wagnis.

Milieutheorie, psychologische Faktoren, Kriminalität aus Machtgier: Alles was man im Zuge der europäischen Strafrechtsreformen in den letzen 250 Jahren mühsam erarbeitete, bei Thukydides hätte man sich die richtigen Anregungen holen können …
Der Redner argumentiert nüchtern und emotionslos, auch wenn er die Frage der Gerechtigkeit ins Spiel bringt:

Vernichtet ihr aber das Volk von Mytilene, das gar keinen Teil hatte am Abfall und, sobald es in Waffen in die Hand bekam, euch willig die Stadt übergab, so wäre dieser Mord an euren Freunden ein Frevel, zweitens würdet ihr mit diesem Beispiel den Vermögenden in aller Welt den größten Gefallen tun. Denn sooft sie eine Stadt euch abwendig machen, werden sie alsbald das Volk auf ihrer Seite haben: ihr habt ja gezeigt, daß bei euch die gleiche Strafe die Fehlbaren bedroht wie die Unschuldigen. Richtig aber wäre, selbst wenn sie gefehlt haben, still darüber wegzugehen, damit das einzige, was noch zu uns hält, uns nicht auch noch feind wird.

Die Athener entscheiden sich für diese Argumente und die Mytilener werden im letzten Moment gerettet (eine Episode übrigens, in der Thukydides einmal mehr sein Erzähltalent zur Entfaltung bringen kann).

Nimmt man ein paar beliebige Reden europäischer Populisten aus dem letzten Jahr und vergleicht sie mit den Erwiderungen ihrer Gegner, stellt man schnell fest, dass die Auseinandersetzung zwischen Kleon und Diodotos eine mustergültige antike Vorlage dafür abgibt. Hier Ressentiments, dunkle Emotionen, Vorurteile, Geistfeindlichkeit, Grausamkeit gegen Schwächere; dort rationales Abwägen, Humanität, empathisches Verständnis für die unschönen Seiten der menschlichen Natur. Den Kern der Aufklärungsidee (die von ihren Gegnern immer fälschlich auf Zweckrationalität reduziert wird), man findet ihn bei den alten Griechen. Begeisterung ist freilich unangebracht, wenn man die Idee 2400 Jahre später mit der Wirklichkeit vergleicht.

 

Die menschliche Verrohung, welche Kriege im Gefolge haben, ist ein guter Kandidat für ein historisches “Quasi-Gesetz”. Die Unterschiede über die Zeiten hinweg, sind vor allem technologisch bedingt. Das Grundmuster des Verhaltens ist dasselbe, ob vor ein paar Jahren in Bosnien oder vor zweieinhalbtausend Jahren in Griechenland.
Die humane Tragödie des Krieges liegt als Basis-Thema der “Geschichte des Peloponnesischen Krieges” zugrunde. Besonders explizit kommt Thukydides darauf bei der Eroberung von Kerkyra zu sprechen. Die Niederlage löst eine Selbsmordwelle und wilde Pogrome aus:

[…] die große Mehrzahl, die sich nicht [auf ein Gericht] eingelassen hatten, und nun sahen, was geschah, brachten im Heiligtum selbst sich gegenseitig um, manche erhängten sich an den Bäumen oder entleibten sich, wie jeder konnte. Sieben Tage lang seit der Ankunft Eurymedons und der sechzig Schiffe, solange er dablieb, mordeten die Kerkyrer jeden, den sie für ihren Gegner hielten; schuld gaben sie ihnen, daß sie die Volksherrschaft stürzen wollten, aber manche fielen auch als Opfer persönlicher Feindschaft, wieder andere, die Geld ausgeliehen hatten, von der Hand ihrer Schuldner. Der Tod zeigte sich in jederlei Gestalt, wie es in solchen Läuften zu gehen pflegt, nichts, was es nicht gegeben hätte und noch darüber hinaus. Erschlug doch der Vater den Sohn, manche wurden von den Altären weggezerrt oder dort selbst niedergehauen, einige auch eingemauert im Heiligtum des Dionysos, daß sie verhungerten.

Nachdenklich anthropologische Reflexionen des Historikers (der auch ein großer griechischer Philosoph war) schließen sich an:

So brach in ständigem Aufruhr viel Schweres über die Städte herein, wie es zwar geschieht, und immer wieder sein wird, solange Menschenwesen sich gleichbleibt, aber doch schlimmer oder harmloser und in immer wieder anderen Formen, wie es jeweils der Wechsel der Umstände mit sich bringt. Denn im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick.

Propaganda im Krieg ist keine Erfindung der Moderne. Schon in der Antike wurde auch mit Worten (und deren Verdrehung) gekämpft:

Und den bislang gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür: unbedachtes Losstürmen galt nun als Tapferkeit und gute Kameradschaft, aber vordenkendes Zögern als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Deckmantel einer ängstlichen Natur, Klugsein bei jedem Ding als Schlaffheit zu jeder Tat […] Wer schalt und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig.

Es folgen zahlreiche Beispiele, welche die Verwilderung der Sitten belegen. In der Habgier sieht Thukydides eine der wichtigsten Ursachen dafür. Wie auch später in der Geschichte, sind es zuerst die Besonnenen, die daran glauben müssen:

Und die geistig Schwächern vermochten sich meist zu behaupten; denn in ihrer Furcht wegen des eignen Mangels und der Klugheit ihrer Gegner, denen sie sich im Wort nicht gewachsen fühlten, und um nicht unversehens einem verschlagenern Geist in die Falle zu gehen, schritten sie verwegen zur Tat; die aber überlegen meinten, sie würden es schon rechtzeitig merken und hätten es nicht nötig, mit Gewalt zu holen, was man mit Geist könne, waren viel wehrloser und kamen schneller ums Leben.

Damit ist die kleine Thukydides-Reihe zu Ende. Möge er viele neue Leser finden.

 

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (Marix)

Herodot: Historien

Diese Notizen schrieb ich Ende 2001 und fasse sie hier zur besseren Lesbarkeit in einem Artikel zusammen.

Buch I

In die “Historien” hineingelesen hatte ich schon mehrmals, zu einer Lektüre des Gesamtwerks kam es bis jetzt noch nie. Ein Versäumnis dem ich nun behutsam – also Buch für Buch – abhelfen will.

Die dtv-Ausgabe greift auf die Übersetzung von Walter Marg zurück. Ein Kommentar ist (leider!) nicht vorhanden, dafür eine ausgezeichnete umfangreiche Einführung von Detlev Fehling, der sich teilweise von traditionellen Positionen der Herodot-Forschung verabschiedet. Beispielsweise nimmt er Herodot nicht mehr vor seinen eigenen Fehlern in Schutz und betont die unhistorische Seite des Werks.

Meine von altphilologischen Kenntnissen (leider) ungetrübte Perspektive auf das Buch ist ähnlich: Ich lese es einerseits als Literatur, andererseits als zentrales Dokument in der Geschichte des abendländischen Denkens. Es gibt kaum ein Zeugnis, an dem man die sukzessive Emanzipation vom Mythos zugunsten des rationalen Denkens besser beobachten kann.

Schon im ersten Buch gibt es zahlreiche Beispiele dafür, etwa wenn die mythische Entführung der Io nach Ägypten statt durch göttliche Intervention durch eine Entführung der Phönizier, notorischen Seefahrern, erklärt wird, die Io mit einem Schiff nach Ägypten bringen.

Es finden sich bereits philosophische Reflexionen, die an spätere antike ethische Betrachtungen erinnern, etwa wenn Solon folgendermaßen zitiert wird:

Denn viele Menschen, die gewaltig reich sind, sind unglücklich, vielen aber, die nur mäßig zu leben haben, geht es wohl. Nun hat, wer sehr reich ist, aber unglücklich, zweierlei voraus vor dem, dem es nur wohl geht, dieser aber vor dem Reichen und Unglücklichen vieles.

Als Beispiel für eine frühe rationale Methode, die erstaunlich modern anmutet, sei noch der Orakeltest des Kroisos genannt. Dieser schickt Boten gleichzeitig zu verschiedenen Orakeln, läßt dort anfragen und dokumentieren, was bei ihm in hundert Tagen passieren wird, arrangiert zu diesem Zeitpunkt einen raffinierten Test, und vergleicht dann die Prophezeiungen. Als Sieger des Tests geht selbstverständlich das Orakel in Delphi hervor.

 

Buch II

Das zweite Buch handelt ausschließlich von Ägypten, was sich spätestens seit dem Englischen Patienten herumgesprochen haben dürfte. Herodot scheint sich also der überragenden Bedeutung der ägyptischen Kultur bewusst gewesen zu sein, weshalb ihn auch des öfteren beschäftigt, was die Hellenen von den Ägyptern übernommen haben. Inkonsistenzen in diversen mythologischen Überlieferungen spricht er offen an.
Wer sich für die Anfänge des naturwissenschaftlichen Denkens interessiert, wird die Diskussion verschiedener Erklärungen der Nilschwemme aufschlussreich finden: Herodot gibt drei der gängigen Erklärungen wieder, aber “zwei von ihnen verdienen es gar nicht, wiedergegeben zu werden, nur daß ich eben auf sie hinweisen möchte”. (S. 131)

Er verwirft alle drei und entwickelt eine eigene Erklärung des Phänomens, die nicht schlechter als viele wissenschaftliche Reflexionen des Aristoteles sind. Mythologische Erläuterungen weist er schon sehr routiniert zurück:

Wer aber vom Okeanos gesprochen hat, der führt seine Erzählung auf Unsichtbares zurück und hat keinen nachprüfbaren Schluß [!] zu bieten. Denn ich wenigstens kenne keinen wirklichen vorhandenen Strom Okeanos, sondern Homer oder einer der Dichter noch früherer Zeit, meine ich, ist auf diesen Namen gekommen und hat ihn in die Dichtung eingeführt.
[S. 132]

Apropos: Homer. Herodot hat auch zaghaft die Literaturgeschichtsschreibung begründet, macht er sich doch Gedanken über die Lebzeiten der Dichter:

Woher ein jeder der Götter aber seinen Ursprung hat, ob sie alle schon immer da waren und wie ihre Gestalten sind, das wußten sie nicht, bis eben und gestern erst sozusagen. Hesiod und Homer haben, wie ich meine, etwa vierhundert Jahre vor mir gelebt und nicht mehr. Und sie sind es, die den Hellenen Entstehung und Stammbaum der Götter geschaffen und den Göttern die Beinamen gegeben und ihre Ämter und Fertigkeiten gesondert und ihre Gestalten deutlich gemacht haben. Die Dichter aber, von denen man sagt, sie hätten vor diesen gelebt, haben, so meine ich jedenfalls, später gelebt. Und hiervon sagen das erste die Priesterinnen in Dodona, das zweite aber, von Hesiod und Homer, das sage ich.
[S. 151]

Es sei noch die unappetitlich detaillierte Beschreibung der verschiedenen Balsamierungstufen (je nach den finanziellen Möglichkeiten) erwähnt. Dass manche Fragen bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben, zeigen Herodots Bemühungen um den trojanischen Krieg. Er hatte ebenso starkes Interesse daran, wie es wirklich gewesen war, wie die sich beflegelnden Gelehrten heute.

 

Buch III und IV

Selten kommt es vor, dass ich während einer Lektüre die Ausgabe des Buches wechsle. Für die ersten beiden Bücher griff ich zur dtv-Ausgabe. Deren Übersetzung erscheint etwas frischer, allerdings entbehrt sie des Kommentars, weshalb ich mich letztendlich für die verstaubtere Kröner-Edition (Übersetzer: A. Horneffer) entschied.
Der Kommentar entspricht leider nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung, da er sich relativ häufig damit beschäftigt, Herodots Fehler zu entschuldigen. Ansonsten erhält man durchaus aufschlussreiche Hintergrundinformationen.

Im dritten Buch wird der Feldzug der Perser gegen Ägypten und die Aithioper geschildert. Man stößt auf erstaunlich moderne Ansichten, Kulturwissenschaftler, die ihr glaubt, kulturelle Toleranz sei eine postmoderne Errungenschaft: Merket auf :-)

Mir ist es ganz klar, daß Kambyses wahnsinnig war. Er hätte sonst die fremden Gottheiten und Gebräuche nicht verhöhnt. Denn wenn man an alle Völker der Erde die Aufforderung ergehen ließe, sich unter all den verschiedenen Sitten die vorzüglichsten auszuwählen, so würde jedes, nachdem es alle geprüft, die seinigen allen anderen vorziehen. So sehr ist jedes Volk überzeugt, daß seine Lebensformen die besten sind. Wie kann daher ein Mensch mit gesunden Sinnen über solche Dinge spotten!
[S. 198]

Für Herodot ist kulturelle Toleranz schlicht eine Frage des gesunden Menschenverstands, eine Botschaft, die nach knapp 2500 Jahren bei vielen immmer noch nicht angekommen ist…

Anthropologisch aufschlussreich sind die vielen beschriebenen Grausamkeiten. Ähnliches ist täglich in den Zeitungen zu lesen, so dass sich die unangenehme Frage aufdrängt, ob solche Vorkommnisse nicht eng mit dem Wesen des Menschen verknüpft sind:

Den getöteten Magern [einer an einer Verschwörung beteiligten Volksgruppe, einer klassischen „Minderheit“] schnitten sie die Köpfe ab, ließen ihre Verwundeten zurück, die zu entkräftet waren und auch den Palast schützen sollten, und eilten zu fünft mit den Köpfen der Mager schreiend und lärmend hinaus. Sie riefen die übrigen Perser, erklärten ihnen die Situation, zeigten die Köpfe, und töteten alle Mager, die sie finden konnten. Wäre nicht die Nacht hereingebrochen, so hätten sie keinen Mager am Leben gelassen.
[S. 217]

Grausamkeiten, wie sie auf dem Balkan oder in Algerien im letzten Jahrzehnt häufig vorkamen. Jared Diamond versucht in seinem lesenswerten Buch Der dritte Schimpanse. Evolution und Zukunft des Menschen dieses traurige Phänomen zu erklären (16. Kapitel).

Im vierten Buch beschreibt Herodot hauptsächlich den Kriegszug gegen die Skythen, einem Volk mit vielen aus griechischer Sicht eigenartigen Gewohnheiten. Wie immer gibt es viele interessante Exkurse, etwa über die ersten Versuche, Afrika zu umsegeln.

 

Buch V, VI und VII

Mit dem fünften Buch kommt Herodot eigentlich erst zur Sache: der griechischen Geschichte im engeren Sinn. Vorher war hauptsächlich von der persischen Historie die Rede, was mir aus zwei Gründen bemerkenswert erscheint:

Es zeugt erstens von einer ungewöhnlichen Abstraktionsfähigkeit, sich so ausführlich und “objektiv” mit einer anderen Kultur zu befassen.

Zweitens wird darin ein früher Sinn für erzählerische Strukturen und deren Wirkungen sichtbar, denn es läßt den abschließenden Sieg der Griechen natürlich desto glorreicher erscheinen, wenn man vorher den Gegner als eine gewaltige Großmacht kennen lernte.

Der zitierenswerten Fundstücke gäbe es viele. Hervorzuheben ist jedenfalls das Volk der Trauser, die ihrem Leben völlig illusionslos gegenüberstehen:

Das Leben der Trauser ist im allgemeinem dem der anderen thrakischen Stämme ähnlich, nur bei der Geburt und beim Tode haben sie eigentümliche Gebräuche. Um das neugeborene Kind setzen sich die Verwandten herum und klagen, weil es so viele Leiden in seinem Leben werde erdulden müssen; dabei zählen sie alle menschlichen Leiden und Kümmernisse auf. Die Toten dagegen begraben sie unter Lachen und Scherzen, weil sie allen Übeln entronnen seien und jetzt in Freude und Seligkeit lebten.
[S. 330]

Es finden sich erfrischende Seitenhiebe gegen die Monarchie: “Kleomenes, sein Sohn, war König, seiner Abkunft, nicht seiner Tüchtigkeit wegen.” (S. 343) zu denen folgendes Lob der Gleichheit passt:

Athen also wuchs.Die Gleichheit ist eben in jedem Betracht etwas Wertvolles und Schönes, denn als die Athener noch Tyrannen hatten, waren sie keinem einzigen ihrer Nachbarn im Kriege überlegen. Jetzt, wo sie von den Tyrannen befreit waren, standen sie weitaus als die Ersten da. Man sieht daraus, daß sie als Untertanen, wo sie für ihren Gebieter kämpften, absichtlich feige und träge waren, während sie jetzt, wo jeder für sich selber arbeitete, eifrig und tätig wurden.
[S. 359]

Manchmal vertraut Herodot ein abschließendes Urteil seinen Lesern an: “Das sind die Gründe, die beide Städte anführen. Jeder mag denen zustimmen, die ihn überzeugen.” (S. 346). Literarisches wird selten erwähnt, so hat diese Darstellung aus dem Athener Theaterleben einen gewissen Raritätenwert: “So dichtete Phrynichos ein Drama ‘Der Fall Milets’ und als er es aufführte, weinte das ganze Theater, und Phrynichos mußte tausend Drachmen Strafe zahlen, weil er das Unglück ihrer Brüder wieder aufgerührt habe. Niemand durfte das Drama mehr zur Aufführung bringen.” (S. 387)

Ab und zu relativiert Herodot die “aufgeklärten” Passagen, indem er göttliche Kausalitäten anerkennt, etwa des Kleomenes’ Schicksal auf göttliche Rache zurückführt (S. 410/411), anstatt auf die Unfähigkeit des Spartanerkönigs.

 

Buch VIII und IX

Die letzten beiden Bücher des Werks sind die bekanntesten, beschreiben sie doch die Höhepunkte der Perserkriege und die Befreiung Ioniens. Der monomane Größenwahn des Xerxes’, der die gesamte bekannte Welt erobern will und eine gigantische Kriegsmaschinerie ins Feld führt, wirkt beklemmend paradigmatisch für den weiteren Geschichtsverlauf bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Ebenso typisch auf der anderen Seite der Freiheitsdrang nicht nur der Griechen, sondern auch viel kleinerer Völker und Städte. Das heute vielzitierte “Recht auf Selbstbestimmung” findet in den Historien als verbreitetes Bedürfnis seine ersten ausführlichen Beschreibungen, was auch aus anthropologischer Perspektive sehr erhellend ist.

Das langsame, genaue Lektüre der Historien war nicht nur historisch höchst aufschlussreich, sondern auch geistesgeschichtlich, anthropologisch, ethnographisch und literarisch.

 
Herodot: Historien (Kröner)

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(5. Januar 2013)

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