Mark Adams: Turn Right at Machu Picchu

Zu dem Buch schrieb ich bereits Mitte Oktober eine Notiz, die beim Hacken der Notizen leider verloren ging.

Eines der Bücher, die ich als Vorbereitung für meine Südamerika-Reise las. Der New Yorker Mark Adams arbeitet seit Jahrzehnten als Redakteur für Reisemagazine. Unzählige berichtende Reisende schickte er in alle Weltregionen, selbst verließ er die USA jedoch kaum. Als sein Interesse für den Entdecker Machu Picchus, Hiram Bingham, wuchs und wuchs, fasste er den Entschluss, auf seinen Spuren Peru zu bereisen. Es sei an dieser Stelle gleich gesagt, dass Bingham zwar Machu Picchu weltberühmt machte, Machu Picchu aber genau genommen nie vergessen war. Binghams Artikel und Fotos beförderte National Geographic aus der Nische der Fachzeitschriften heraus: Die Auflage vervielfachte sich. Die Legende Bingham war geboren und hält sich bis heute.

Mark Adams engagiert mit John Leivers einen Expeditionsleiter der alten Schule. Gemeinsam mit Maultieren und Trägern beginnen sie das Abenteuer. Das Buch schildert nun abwechselnd die Reiseabenteuer dieser Truppe, die Biographie und Expeditionen des Hiram Bingahm sowie die Grundlagen der Geschichte der Inka. Der aktuelle Forschungsstand und der politische Streit um die Rückgabe der nach den USA transportierten Kunstwerke kommen ebenfalls nicht zu kurz.

Das Ergebnis ist ein sehr abwechslungsreich zu lesendes Buch. Im Vergleich zu den anderen Ebenen des Buches nehmen allerdings die Reiseschilderungen Mark Adams etwas zu viel Raum ein. Die Geschichte Binghams und die allgemeinen Ausführungen sind interessanter und hätte stärker gewichtet werden sollen.

Wer nach Peru will oder sich für Machu Picchu interessiert, wird Turn Right at Machu Picchu gerne lesen.

Mark Adams: Turn Right at Machu Picchu. (Plume)

René Magritte

Albertina 7.12.

Eigentlich wollte ich diese Schau auslassen, weil ich durch die große Zahl an Blockbuster-Ausstellungen in der Albertina zunehmend genervt bin. Ein großer Name jagt den nächsten, was zwar für in Wien Wohnenden Vorteile hat, aber die im Hintergrund stehende Besuchermaximierungsstrategie schreckt ab. Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.

Das wäre in diesem Fall ein Fehler gewesen. Magritte zählt zum Kernbestand jedes Posterladens, was eine unbefangene Annäherung erschwert. Desto erfreulicher, dass man in der mehr als 150 Werke umfassenden Ausstellung auch einen unbekannteren Maler kennenlernen kann: Zeichnungen sind ebenso zu sehen wie Gebrauchskunst. Die bekanntesten Werke zählen zum Spätwerk, etwa die gesichtslosen Männer. Ich wusste aber nicht, dass Magritte auch einmal im Stile Renoirs malte. Beispiele findet man ebenfalls in der Ausstellung.

Wer Magrittes Bilder nur in Reproduktion kennt, wird sich wundern, dass die Originale weniger glatt und glänzend sind. Die Sujets wirken deshalb noch hintergründiger als im Hochglanz. (Bis 26.2.)

Schimmelpfennig: Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes

Akademietheater 1.12.
Regie: Roland Schimmelpfennig

Liz: Christiane von Poelnitz
Frank: Tilo Nest
Martin:Peter Knaack
Karen:Caroline Peters

Wäre diese Vorstellung nicht Teil meines Akademietheater-Abonnements gewesen, hätte ich angesichts meiner bisherigen schlechten Erfahrungen mit Roland Schimmelpfennig von einem Besuch seines neuen Stückes abgesehen. So hatte ich nun wenigstens die Möglichkeit, mein Urteil über ihn zu bestätigen.

Die dramaturgische Idee ist ohne viel Federlesens von einem amerikanischen Klassiker übernommen: Who’s Afraid of Virginia Woolf? Zwei Ehepaare zerfleischen sich unter zunehmenden Alkoholeinfluss. Auch das Erfolgsstück (und neuerdings Film) Der Gott des Gemetzels verwendet dieses Verfahren.

Schimmelpfennig lässt zwei Mediziner-Ehepaare gegeneinander antreten. Karen und Martin kommen eben von einem sechsjährigen humanitären Einsatz in Afrika zurück. Sie mussten ein Kind nach Ausbruch von Unruhen zurücklassen, was der Kern des auf der Bühne abgehandelten Problems ist. Liz und Frank schickten nämlich jahrelang Geld für die medizinische Versorgung des Mädchens und sind über die Entwicklung der Ereignisse naturgemäß geschockt.

Der Stoff ist gut gewählt, das Stück scheitert aber an der Umsetzung. Einerseits weiß man von Anfang an durch die dramaturgische Struktur, wie sich das Stück entwickeln wird. Andererseits verfällt Schimmelpfennig in störende Manierismen. So lässt er immer wieder undifferenziert und unvariiert Passagen wiederholen. Wenige Male kann das witzig sein, als Dauereinrichtung nervt es nur, und ist dem komplexen moralischen Thema ebenso unangemessen wie die uninspirierte Dialogführung.

Ein selten langweiliger Theaterabend.

Incendies (Die Frau, die singt)

Filmcasino 3.12.
Regie: Denis Villeneuve

Der Stoff des Films geht auf ein Theaterstück Wajdi Mouawads zurück, das mich im Akademietheater damals nicht überzeugen konnte. Die Filmversion ist deutlich besser gelungen.

Die Handlung ist furios: Ein kanadisches Zwillingspaar bricht zur Suche nach Vater und Bruder in ein arabisches Land auf, nachdem ihre als seltsam verrufene Mutter stirbt und ein kurioses Testament zurücklässt. Die Tochter beginnt die Suche, später kommt der Sohn hinzu. Es folgt eine narrativ nach allen Regeln der Kunst erzählte Geschichte, die sehr eindrucksvoll die Grausamkeiten eines arabischen Bürgerkriegs in Szene setzt. Filmisch ist das exzellent umgesetzt, von grandiosen Landschaftsaufnahmen bis zur symbolträchtigen Bildersprache.

Dem packenden Realismus des Films ist nun ein antiker Tragödienstoff unterlegt, nämlich der des König Ödipus. Das lädt Incendies einerseits zusätzlich mit Tragik auf, steht aber in einer unangenehmen Spannung zum Bürgerkriegsteil. Ultrarealismus passt nicht zu einer antiken Tragödie. Das wirkt künstlich und schadet der Einheitlichkeit des Films mehr als sie ihm nützt. So ist die letzte halbe Stunde des Films trotz aller Spannung die schlechteste des Streifens.

Trotzdem ausgesprochen sehenswert, weil Incendies viel über den Zustand der Welt verrät, und deshalb nachdenklich stimmt.

Irrweg Psychoanalyse

Frederick Crews bringt es hübsch und korrekt auf den Punkt:

Step by step, we are learning that Freud has been the most overrated figure in the entire history of science and medicine—one who wrought immense harm through the propagation of false etiologies, mistaken diagnoses, and fruitless lines of enquiry.

Mehr zum Thema findet sich unter dem Schlagwort Psychoanalyse.

Die besten Bücher 2011?

Das Ende des Jahres naht und die im angelsächsischen Raum beliebten Bestenlisten werden veröffentlicht. Die New York Times kürte bereits die 10 Best Books und die 100 Notable Books des Jahres.
Nun verrät auch The Economist seine Books of the Year. Wer damit immer noch genug hat, der sei noch auf Best Books 2011 von Publisher Weekly und die Liste des Guardian verwiesen.

Arthur Schnitzler historisch-kritisch

Eine historisch-kritische Ausgabe ist eine Art Aufnahme in den Autoren-Adelsstand durch die Germanistik. Für die Forschung sind die Apparate dieser Editionen nach wie vor sehr wichtig. Nun gelangt also Arthur Schnitzler in diesen Editionshimmel. Der erste Band ist Lieutenant Gustl. Eine Besprechung liefert die NZZ.

An die Smartphone-Nutzer

Wie vor einiger Zeit bereits angesprochen, habe ich nun versuchsweise das Plugin WPTouch installiert, das die Darstellung der Seite für Smartphones optimiert. Ersuche um Rückmeldungen, wenn das aus Ihrer Sicht keine Verbesserung darstellt.

Klangforum Wien

Konzerthaus 5.12.

Dirigent: Sylvain Cambreling
Sopran: Tora Augestad

Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du Temps (1940-1941)
Gérard Grisey: Quatre Chants pour franchir le Seuil (1997-1998)

Zwei dem Tod gewidmete Werke standen auf dem letzten Programm des Klangforum Wiens. Olivier Messiaen komponierte dieses Quartett im Kriegsgefangenlager Görlitz. Die Instrumente richteten sich also nach der Verfügbarkeit anderer Musiker vor Ort, und das waren ein Klarinettist, ein Geiger und ein Cellist. Messiaen selbst war am Klavier. Entstanden ist ein höchst eindrucksvolles Werk, das man auch ohne das religiöse Programm rein musikalisch würdigen kann. Jede Instrumentenstimme bekommt gleichberechtigt einen großen Tonraum zur Verfügung, so dass man von eingebetteten Soli bzw. Duetten sprechen könnte. Die vier Mitglieder des Klangforums spielten das Stück in bester kammermusikalischer Manier: eindringlich und makellos.

Nur knapp 15 Jahre alt war die zweite Komposition des Abends: Gérard Grisey kurz vor dessen Tod fertig gestellte Gesangskomposition. Die von Tora Augestad mit wunderbarem Nachdruck gesungen Texte stammen aus sehr divergenten Quellen, darunter Inschriften aus ägyptischen Sarkophagen und Stellen aus dem Gilgamesh-Epos. Grisey entfaltet ein weites Spektrum an Klängen, von quasi-harmonischen Passagen, die an geistliche Musik erinnern, bis zu dynamischen, kakophonen Ausbrüchen. Das Klangforum glänzte wie immer mit technischer Präzision und Cambreling mit interpretatorischer Schlüssigkeit.

Michael Haneke: Trilogie

Obwohl ich eine Reihe seiner Filme im Kino sah, beschäftigte ich mich bisher nie systematisch mit den Filmen des Michael Haneke. Den Anfang machten nun seine ersten drei Kinofilme, die als DVD-Box erhältlich sind.

Der siebente Kontinent ist der Auftakt der Trilogie. Eine auf den ersten Blick mustergültige Familie läuft letztendlich Amok. Im ersten Teil des Films sehen wir einen ganz normalen Tag der Eltern und der Tochter. Im zweiten Teil kommen diverse Löcher im sozialen Gefüge zum Vorschein und im furiosen Finale sperren sich die Drei in ihrem Haus ein und zerstören das komplette Inventar. Die Eltern ermorden ihre Tochter und begehen Suizid. Haneke erzählt dies mit einer eisigen Distanz. Diese kühle narrative Ästhetik entfaltet aufgrund des Kontrasts zur Handlung eine enorme Wirkung.

Eine unerklärliche Gewalttat steht auch im Zentrum von Bennys Video. Der fünfzehnjährige videobesessene und aus den gehobenen Mittelstand stammende Benny nimmt ein Mädchen mit heim, wo er sie schließlich nach etwas Small Talk mit einem Schlachtschussapparat in mehreren Raten tötet und dieses Tun natürlich filmt. Seine schockierten Eltern entschließen sich nach einer Analyse der Lage, die Leiche verschwinden zu lassen. Während der Vater dieses Zerstückelungswerk verrichtet, verbringt Benny eine Woche mit seiner Mutter in Ägypten. Alles geht gut! Benny denunziert am Ende seine Eltern bei der Polizei. Als Stilmittel greift Haneke erneut auf radikale Distanzierung zurück.

Die Vorgeschichte eines Amoklaufs erzählen die 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls. Ein Student erschießt scheinbar grundlos mehrere Menschen in einer Bank. In 71 kurzen und meist mitten in der Szene abgeschnittenen Episoden zeigt Haneke wie der Täter mit seinen Opfern zusammenfindet. Kausalität spielt allerdings keine Rolle: Der Film sieht dem Zufall bei der Arbeit zu. Die vielen hineingeschnitten TV-Nachrichten-Szenen kreisen um Gewalt und den Balkankrieg. Das gibt dem Film eine misanthrope Grundhaltung, welche durch die emotionale Kälte aller gezeigten Milieus noch einmal verstärkt wird.

Die frühen Arbeiten des Michael Haneke erinnern an das Frühwerk eines anderen deutschsprachigen Filmemachers. Rainer Werner Fassbinder schickte seine Filmfiguren ebenfalls gerne mit analytischer Intention in ein sozial eisiges Umfeld hinein, samt abschließender Katastrophe. Warum läuft Herr R. Amok? sei als Beispiel genannt. Beide Regisseure setzen ihr Mittelstandspublikum der gerne verdrängten Erkenntnis aus, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Beide Regisseure fanden zu diesem Zweck eine beeindruckende neue Filmsprache.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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