Drei Symposien im Vergleich

Marius Fränzel vergleicht in seinem Beitrag sehr kenntnisreich die drei Symposien von Plato, Xenophon und Lukian.

Pepys-Magazine

Giesbert Damaschke rettete die drei schönen Pepys-Magazine des Haffmans Verlag für die Online-Welt und bietet sie jetzt auf seiner Seite zum Download an.

Julian Barnes: The Sense of an Ending

In dem kurzen Roman, den man auch als Novelle klassifizieren könnte, erzählt uns Tony Webster einen Teil seiner Lebensgeschichte. Zum Zeitpunkt der Erzählung ist Tony bereits in den Sechzigern, hat ein – nach normalen Maßstäben – erfolgreiches Durchschnittsleben hinter sich und führt ein bequemes Rentnerleben.

Die Handlung setzt in der Schulzeit ein, wo er mit drei anderen Freunden einen intellektuellen Zirkel bildet. Die Geschichte schreitet schnell voran zu der seltsamen Studentenbeziehung mit Veronika, die im späteren Verlauf eine entscheidende Rolle spielt.

Im Zentrum von The Sense of an Ending stehen die Themen des Alterns und der Erinnerung. Es stellt sich nämlich schnell heraus, dass Tonys Rückblicke nicht sehr zuverlässig sind. Barnes setzt also ein altbekanntes literarisches Mittel ein, das des unzuverlässigen Ich-Erzählers. Literarisch ist das exzellent in Szene gesetzt. Die in den Text eingestreuten Reflektionen sind interessent und sprachlich zieht Barnes alle Registers seines Könnens. Die zentralen Motive sind strukturell eng verknüpft und spiegeln sich auf mehreren Ebenen. Ein Beispiel dafür ist die Selbstmord-Thematik.

Die Form ist freilich etwas zu altbacken für meinen Geschmack. Auch das mysteriöse Geheimnis, das dann auf den letzten Seiten enthüllt wird, scheint mir etwas gekünstelt zu sein. Trotzdem gut investierte Lesezeit.

Julian Barnes: A Sense of Ending (Random House) – Deutsche Ausgabe

Mark Twain: The Adventures of Tom Sawyer

Eigentlich standen The Adventures of Huckleberry Finn auf meinem Lektüreprogramm, wollte diese aber nicht angehen, ohne den 1876 publizierten Vorgänger präsent zu haben. Zu Schulzeiten las ich das Buch in der deutschen Übersetzung. Übrigens der erste Klassiker, den ich komplett auf meinem Kindle las. Tom Sawyer ist ein zu Recht berühmtes Kinderbuch, obwohl sich dahinter natürlich mehr verbirgt, als Unterhaltung für Schüler. Mark Twain deutet das in seinem Vorwort auch an, wenn er hofft, der Roman möge auch erwachsene Leser finden.

Es steht einem frei, sich oberflächlich von den amüsanten Lausbuben-Abenteuern unterhalten zu lassen. Interessanter ist allerdings eine ergänzende sozialgeschichtliche Lektüre. Twain zeichnet ein ironisches Panorama eines Südstaaten-Dorfes und spart nicht an impliziter und expliziter Kritik. Das kann man gut am Thema Religion veranschaulichen. Twains kritische Haltung dazu ist bekannt. Er bringt seine Vorbehalte aber kaum diskursiv ein, sondern indem er sich darüber lustig macht. In einem der frühen Kapitel wird beispielsweise ein hochkomischer Gottesdienst geschildert. Twain ist auch ausgezeichnet darin, zu beschreiben, was Religion an Ängsten und Terror in Kinderseelen anrichten kann.

Überhaupt ist der Autor bei der Darstellung kindlicher Psychologie auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Wer einen Beleg dafür sucht, wie authentisch man das Innenleben eines Kindes schildern kann, ohne auf moderne Erzählverfahren wie erlebte Rede oder innere Monologe zurückzugreifen, wird kaum ein besseres Beispiel finden.

Twains Sprache und Beschreibungskunst sucht Ihresgleichen. Eine teils scharfe, aber immer empathische Ironie ist die Grundlage seines Stils. Egal ob er Personen, Orte oder die Natur in Worte fasst, das Beschriebene tritt einem höchst plastisch vor Augen. Freue mich schon auf die Lektüre weiterer Werke.

Mark Twain: The Adventures of Tom Sawyer. (Penguin)

Kindle-Linksammlung

Unter dem Titel The 30 Most Useful Kindle URLs trug das Blog Beyond Black Friday eine nützliche Linksammlung zusammen.

The Wire

Unter den 2200 Notizen hier gab es bisher bewusst keine einzige über eine TV Serie, da Populärkultur kein Thema ist. Einzige Ausnahme: Meine Empfehlung für Southpark, die aber nicht aus ästhetischen Gründen erfolgte. In den letzten Jahren sind allerdings eine Reihe von Produktionen entstanden, die erzählerisch beeindrucken und Nischen besetzen, die vorher von Romanen bedient worden sind.

Das beste Beispiel dafür ist The Wire, die das Genre auf eine ganz neue Niveaustufe hebt. Kopf hinter der Serie ist David Simon. In sechzig knapp einstündigen Folgen wird Baltimore aus diversen Blickwinkeln geschildert, mit Fokus auf die Drogenszene. Das Ergebnis ist ein packendes Portrait einer bis an den Hals in Problemen steckenden US-Großstadt. Am Ende ist man mit der Stadt so gut vertraut wie mit dem London des 19. Jahrhunderts nach der Lektüre eines Dickensromans.

Bleibt man bei literarischen Analogien, könnte man von einer naturalistischen Erzählweise sprechen. Im Mittelpunkt stehen die Slums von Baltimore als sozialer Brennpunkt, den David Simon aus der Perspektive der Beteiligten in Szene setzt. Als Rahmenhandlung dienen Polizeiermittlungen rund um diverse Abhöraktionen, was der Serie auch den Namen gibt. Zusätzlich wird in jeder Season ein sozialer Makrokosmos in den Mittelpunkt gerückt: die Docks, die Politik, die Schulen und die Presse.

Dieser schonungslose Naturalismus ist eine der Hauptqualitäten von The Wire und muss in die amerikanischen Fernsehlandschaft wie eine Bombe eingeschlagen haben. In der verlogen-prüden Welt der amerikanischen Unterhaltung, wo Sittenwächter böse Wörter so gerne auspiepsen, wird stundenlang Slumslang gesprochen. Beispielsweise ist die bevorzugte gegenseitige Anrede unter den schwarzen Jugendlichen „Nigger“, aber auch sonst wird ständig geflucht und beleidigt. Deshalb sollte man die Folgen unbedingt im Original ansehen, notfalls mit Untertitel. Wichtig dabei ist: Die Serie denunziert nicht! Sie ist das Gegenteil eines Sozialpornos. Einige der jungen Protagonisten werden mit großer Empathie portraitiert. Alles wird differenziert dargestellt, primitive Schwarz-Weiß-Darstellungen gibt es kaum.

Eine weitere große Stärke: Genreregeln werden verletzt. In Kunst und Literatur sind diese Grenzverletzungen oft ein Zeichen für große Werke, so auch hier. Selbstverständlich setzt David Simon auf diversen Genres auf: Kriminalserie, Sozialdrama etc. Er durchbricht aber jedes Mal diese Konventionen, wenn es der Qualität des Erzählten dient. So verzichtet er bei vielen Handlungssträngen auf „happy endings“. Es ist keine Welt, wo die Guten immer gewinnen, und die Bösen immer verlieren. Nebenbei sei erwähnt, dass es unter den Drogendealern ebenso viele „Gute“ gibt, wie in der Polizei oder Politik „Böse“. The Wire zeigt die Wirklichkeit, wie sie ist, und macht keine Kompromisse, nur damit der Zuseher am Ende mit einem guten Gefühl vor der Glotze sitzt.

Schließlich ist die Erzählkunst hervorzuheben. Handlungsbögen über sechzig Stunden in dieser Qualität zu spannen, kenne ich bisher nur aus der Literatur. Der Ultrarealismus der Serie wird nämlich formal komplex erzählt. Es bedarf deshalb hoher Konzentration, der schnellen Abfolge der unterschiedlichen Handlungsstränge zu folgen. The Wire fordert, wie jedes anspruchsvolle Werk, den Zuseher heraus und erklärt ihn nicht prophylaktisch zum Idioten, wie das andere TV Produktionen so gerne tun. Die schauspielerische Leistung, speziell der jugendlichen Darsteller, ist tief beeindruckend.

Sollte es zukünftig mehr Serien in dieser Qualität geben, entsteht hier eine neue Hochkultur-Sparte.

The Wire. Season 1-5 (DVD-Box)

Was ist Flattr?

Da ich immer wieder einmal gefragt werde, was es denn mit dem Flattr-Button und -Links auf der Seite auf sich habe, hier eine kurze Erläuterung:

Dank Flattr gibt es seit einiger Zeit die Möglichkeit, Kleinstbeträge als freiwilliges „Honorar“ zu zahlen. Man registriert sich bei Flattr, legt eine monatliche Summe fest (z.B. 2 oder 5 Euro) und kann dann durch einen simplem Klick auf einen Flattr-Button, einen Inhalt honorieren. Am Ende jedes Monats wird dieser Betrag dann durch die Zahl der Klicks geteilt und die Autoren verteilt. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach, wie dieses Video erklärt.

Über Schubert

In Schubertiana schreibt Tomas Tranströmer über Schuberts Musik:

Aber diejenigen, die neidisch auf die Männer der Tat schielen, diejenigen, die sich innerlich selbst verachten, weil sie keine Mörder sind, die erkennen sich hier nicht wieder.
Und die vielen, die Menschen kaufen und verkaufen und glauben, alles lasse sich kaufen, die erkennen sich hier nicht wieder.
Nicht ihre Musik. Die lange Melodie, die in allen Verwandlungen sie selbst ist, mal glitzernd und weich, mal rauh und stark, Schneckenspur und Stahltrosse.
Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefen
hinaufbegleitet.

Jahresrückblick 2011

Angeregt vom Jahresrückblick des Marius Fränzel hier meine eigene Lesebilanz.

Die drei besten Lektüren des Jahres 2011:

1. Sarah Bakewell: How to Live. A Life of Montaigne (Chatto & Windus) [Paperback-Ausgabe] – Exzellente Einführung in Montaigne, einem der klügsten Schreiberlinge der letzten 2000 Jahre. Notiz.

2. Goethes Briefwechsel mit Zelter. (Münchner Ausgabe, Hanser) – Nach der Korrespondenz mit Schiller der zweitwichtigste Briefpartner Goethes. Notiz.

3. Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head) – Eine bedrückende Gesamtdarstellung alles dessen, was Hitler und Stalin der Bevölkerung ihrer Herrschaftsgebiete antaten. Artikel.

Da ich schlechte Bücher nicht mehr zu Ende lese, erspare ich mir und Euch diese Rubrik. Eure besten Lektüren 2011 vielleicht hier als Kommentar?

Gelesen im Dezember

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Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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