Reise-Notizen: Paris urban

April 2013

Mit neun Tagen ist es meine bisher längste Städtereise. Im Zentrum stehen die Architektur und die Museen der Stadt, aber mein Augenmerk liegt auch auf dem Leben in der Stadt. Wie leben die Pariser im Vergleich zu den Wienern? Mein Hotel liegt in der Mitte des 17. Arrondissements im Westen. Ein wohlhabender, gut bürgerlicher Bezirk. Ein Blick in die Schaufenster von Immobilienmaklern zeigt schnell, dass sich hier nur noch Gutbetuchte eine Unterkunft leisten können. Mittelgroße Wohnungen sind für 2000 Euro und mehr zu mieten. Dagegen sind die Wiener Wohnungspreise selbst in der Innenstadt Schnäppchen. Selbst Gutverdiener können sich in der Innenstadt nur kleine Wohnungen leisten. Pariser erzählen mir, dass Hardcore-Urbanisten deshalb in Kauf nehmen, samt Familie in vergleichsweise winzigen Wohnungen zu leben, dafür aber zentral.
Die Nahversorgung ist exzellent. Während bei uns der durchschnittlich begabte Rassist den Arabern gerne unterstellt, sie hätten keine protestantische Arbeitsethik, geht man in Paris „zum Araber“, wenn man in der Nacht oder am Sonntag noch etwas einkaufen will, haben deren kleine Läden doch fast ständig offen. Natürlich gibt es französische Supermarktketten im Viertel, aber es fällt doch auf, dass es noch viele kleine individuelle Geschäfte gibt. In Wien gibt es in den Innenstadtbezirken zwar auch genügend Läden, die sich aber oft auf Entlegenes oder Feinkost konzentrieren, während es in Paris auch viele Boulangerien gibt, die exzellentes Brot machen. Leider gibt es im Vergleich zu Paris, wo man allenthalben über eine Fromagerie stolpert, in Wien kaum Käsegeschäfte.
Allgemein ist die Atmosphäre familiärer. In einer Filiale der Diskonterkette Dia (vergleichbar mit Hofer bzw. Aldi), erlebe ich wie der Geschäftsführer freundlich eine Familie beim Einkaufen begrüßt, ganz so als sei es ein Tante-Emma-Laden auf dem Dorf. Vergleichbares erlebte ich in Wien noch nie.
Was die gastronomische Infrastruktur angeht, kann ich keinen großen Unterschied zu Wien erkennen. Selbstverständlich gibt es statt Beisln hier Brasserien und Restaurants. Aber die Dichte ist durchaus ähnlich. In Wien ist das Preisleistungsverhältnis um Welten besser, sieht man einmal von den günstigen Weinpreisen in Paris ab. Ethnoküche gibt es hier wie dort in Fülle.

Zur Architektur! Was bei der Stadtentwicklung auffällt: Die Pariser Stadtväter und -mütter sind viel mutiger. Wird die Wiener Innenstadt als Museum konserviert, finden Promeneure an der Seine immer wieder moderne und kontroversielle Projekte. Vom Centre Pompidou über die neue Opéra Bastille zur Bibliothèque nationale de France, um nur drei Beispiele herauszugreifen, stößt man in der ganzen Stadt auf spannende moderne Bauten. Das Nebeneinander von Alt & Neu ist wesentlich gewagter als in Wien. Das hält Paris lebendiger und reduziert die museale Atmosphäre, die in der Wiener Innenstadt herrscht. Hier könnten die Wiener Stadtentwickler sich gleich mehrere Scheiben von ihren Pariser Kollegen abschneiden.

Teil 2: Museen

Truffaut: Les Quatre cents coups (1959)

Als einer der besten autobiographischen Filme der Filmgeschichte hat Les Quatre cents coups etwas Literarisches. Ein zwölfjähriger Pariser Junge rutscht langsam, aber konsequent in die Kriminalität ab. Seine Kindheit ist auf mehreren Ebenen ein Trauerspiel. Seine Mutter hasst ihn, sein Vater ist ein wohlwollender Versager. Truffaut zeigt die Erlebnisse quasi aus „personaler“ Perspektive des kleinen Antoine Doinel, grandios gespielt von Jean-Pierre Léaud. Das Paris dieser Kindheit ist grauer und trister als es selbst in schwarz-weiß sein müsste. Eine der Stärken des Films ist der Verzicht auf Melodramatik. Antoine wird daheim nicht misshandelt, sogar die ihn verhaftenden Polizisten zeigen eine gewisse Empathie. Den Film durchzieht eine stille Verzweiflung, die ihn ausgesprochen wirkungsmächtig macht.

Truffaut: Antoine-Doinel-Zyklus (5 DVDs)

[Aus dem Archiv] Adolf Hitler: Mein Kampf

An alle Nazis, die tatsächlich Google bedienen können: Geht euer Hirn suchen.

Es war die wohl anstrengendste Lektüre meines Lebens, handelt es sich doch um eines der schlechtest geschriebensten Bücher deutscher Sprache. Mein Kampf ist allerdings ein Druckwerk, das ständig in vielen Kontexten erwähnt wird, aber außer von ein paar Historikern und ein paar alphabetisierten politischen Idioten von niemandem gelesen wird. Es dauerte mindestens ein halbes Jahr bis ich das Buch in kleinen Portionen zu Ende hatte. Ich halte hier einige meiner Leseeindrücke fest.

Oft war ich angeekelt, aber immer wieder auch verblüfft, mit welcher instrumentalen Intelligenz Hitler bei der Umsetzung seiner Ideologie zu Wege ging. Je dümmer und abstoßender die Ideen, desto pragmatischer und perfider seine Pläne. Stil und Anlage von Mein Kampf zeugen freilich auf allen Ebenen von mangelnder intellektueller Disziplin: Die Themen in den Kapiteln werden lose assoziativ aneinander gereiht, so wie sie Hitler anscheinend gerade in den Kopf kamen. Begriffe werden oft falsch und inkonsequent verwendet. Bilder sind schief und klischeehaft. Der Stil ist ein seltsames Amalgam aus archaischem Deutsch und wüster Polemik. Die Struktur des Buches entbehrt dessen, was er für deutsche Jungen so wortreich fordert: Disziplin.

Hitler als dummen Spinner zu verniedlichen greift aber zu kurz. Diese Schublade dient in erster Linie dazu, eine Auseinandersetzung mit dem politischen Phänomen Hitler zu vermeiden.

Hitler beschreibt nach Elternhaus und Kindheit seine Zeit in Wien als Hilfsarbeiter auf dem Bau und muss bereits früh seinen Zeitgenossen gehörig auf den Senkel gegangen sein:

Am Bau aber ging es nun oft heiß her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch über ihr eigenes Wissen informiert als meine Widersacher selber, bis eines Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich die Vernunft am leichtesten besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortführer der Gegenseite zwangen mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerüst herunterzufliegen. Da ich allein war, Widerstand aussichtslos erschien. zog ich es, um eine Erfahrung reicher, vor, dem ersten Rat zu folgen.

Man stelle sich den Verlauf des 20. Jahrhunderts vor, hätte der brave Bauarbeiter dem jungen Adolf tatsächlich einen Schubs gegeben…

Erstaunlich ist, wie besessen Hitler von Österreich ist. Bereits im zweiten Satz des ersten Kapitels ist vom wünschenswerten Anschluss an Deutschland die Rede. Die beiden folgenden Kapitel sind Wien gewidmet, an dem er als die Hauptstadt eines Vielvölkerreiches natürlich kein gutes Haar lässt.

Aber: Nicht alles an Wien sei schlecht! Hitler wäre heute beispielsweise ebenso empört wie die ÖVP, erführe er von der Eliminierung des „Dr.-Karl-Lueger-Rings“:

Unter der Herrschaft eines wahrhaft genialen Bürgermeisters erwachte die ehrwürdige Residenz der Kaiser des alten Reiches noch einmal zu einem wundersamen jungen Leben. Der letzte große Deutsche, den das Kolonistenvolk der Ostmark aus seinen Reihen gebar, zählte offiziell nicht zu den sogenannten „Staatsmännern“; aber indem dieser Dr. Lueger als Bürgermeister der „Reichshaupt- und Residenzstadt“ Wien eine unerhörte Leistung nach der anderen auf, man darf sagen, allen Gebieten kommunaler Wirtschafts- und Kulturpolitik hervorzauberte, stärkte er das Herz des gesamten Reiches und wurde aber diesen Umweg zum größeren Staatsmann, als die sogenannten „Diplomaten“ es alle zusammen damals waren.

Interessant auch, wie sehr Hitlers Populismus dem aktueller Hetzer gleicht. Vergleicht man Hitlers Obsessionen etwa mit jenen des Heinz-Christian Strache, konstatiert man bald: Es sind immer dieselben thematischen Leerstellen, welche diese politischen Bauernfänger füllen. Beklagt Hitler die „Tschechisierung“ und die „Verjudung“ Wiens sind es bei der FPÖ die Türken und die Islamisierung, welche Wien ruinieren. Schimpft Hitler auf die „gemischtsprachliche Gefahrenzone“, verlegt die FPÖ dieses „Problem“ in die Wiener Klassenzimmer.

Hitler fordert ein „ein rassereines Volk, das sich seines Blutes bewußt ist“, Strache plakatiert „Mehr Mut für unser ‚Wiener Blut'“. Man könnte eine hübsche Seminararbeit über die Gemeinsamkeiten des Wienbildes in Mein Kampf mit dem der FPÖ verfassen.

Nach dem Kapitel über Wien, „die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande“, schwärmt Hitler über München als Gegenpol:

Eine deutsche Stadt!! Welch ein Unterschied gegen Wien! Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurückdachte. Dazu der mir viel näher liegende Dialekt, der mich besonders im Umgang mit Niederbayern an meine einstige Jugendzeit erinnern konnte. Es gab wohl tausend und mehr Dinge, die mir innerlich lieb und teuer waren oder wurden. Am meisten aber zog mich die wunderbare Vermählung von urwüchsiger Kraft und feiner künstlerischer Stimmung, diese einzige Linie vom Hofbräuhaus zum Odeon, Oktoberfest zur Pinakothek usw. an.

Man könnte seitenweise über Hitlers wirres Weltbild und dessen Herkunft schreiben. Wenn er sich in Furor gegen die Demokratie redet, geht das Spektrum von Aspekten, die Platon im Staat anspricht bis hin zu Polemiken, die man auch heute noch an Stammtischen hört.

Die Frage, wie Hitler seine schäbige Ideologie so erfolgreich in die Praxis umsetzen konnte, beantworten zu einem Teil jene Passagen, die sich mit politischer Organisation und Propaganda beschäftigen. Was mich vor allem verblüffte ist, dass man viele von Hitlers Empfehlungen auch heute noch in Marketing-Lehrbüchern lesen kann. Warum? Weil sie funktionieren:

Jede Reklame, mag sie auf dem Gebiet des Geschäftes oder der Politik liegen, trägt den Erfolg in der Dauer und gleichmässigen Einheitlichkeit ihrer Anwendung.

Er schreibt davon, wie wichtig simple Botschaften sind, die lange und dauerhaft gehämmert werden. Politische Propaganda soll sich immer am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren. Ähnlich handhaben das die FPÖ und andere Rechtspopulisten bis heute für ihre Wahlkampfslogans.

Propaganda ist jedoch nicht dazu da, blasierten Herrchen laufend interessante Abwechslung zu verschaffen, sondern zu überzeugen, und zwar die Masse zu überzeugen. Diese aber braucht in ihrer Schwerfälligkeit immer eine bestimmte Zeit, ehe sie auch nur von einer Sache Kenntnis zu nehmen bereit ist, und nur einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe wird sie endlich ihr Gedächtnis schenken.

Kurz: Auch ein Trottel muss es noch verstehen können. Das bringt mich zu einem weiteren frappanten Aspekt des Buches: Hitlers Verachtung der Masse. Mein Kampf ist voll von abschätzigen Bemerkungen über die Dummheit des Volkes. Wenn man bedenkt, dass jedes Hochzeitspaar ein Exemplar des Buches geschenkt bekam, in dem sie als „Massenvertreter“ oft explizit als Dummköpfe ersten Ranges bezeichnet werden, entbehrt das nicht der Ironie.

Erwähnenswert ist auch, dass Hitler die katholische Kirche in vielen Belangen immer wieder als vorbildlich preist. Wie die Kirche an ihren Dogmen will Hitler unbeirrt an seinen nationalsozialistischen Grundsätzen festhalten:

Auch hier hat man an der katholischen Kirche zu lernen. Obwohl ihr Lehrgebäude in manchen Punkten, und zum Teil ganz überflüssigerweise, mit der exakten Wissenschaft und der Forschung in Kollision gerät, ist sie dennoch nicht bereit, auch nur eine kleine Silbe von ihren Lehrsätzen zu opfern. Sie hat sehr richtig erkannt, daß ihre Widerstandskraft nicht in einer mehr oder minder großen Anpassung an die jeweiligen wissenschaftlichen Ergebnisse liegt, die in Wirklichkeit doch ewig schwanken, sondern vielmehr im starren Festhalten an einmal niedergelegten Dogmen, die dem Ganzen erst den Glaubenscharakter verleihen.

Oder wenn er über die für ihn wichtige Einbindung der Masse des Volkes schreibt:

Hier kann die katholische Kirche als vorbildliches Lehrbeispiel gelten. In der Ehelosigkeit ihrer Priester liegt der Zwang begründet, den Nachwuchs für die Geistlichkeit statt aus den eigenen Reihen immer wieder aus der Masse des breiten Volkes holen zu müssen. Gerade diese Bedeutung des Zölibats wird aber von den meisten gar nicht erkannt. Sie ist die Ursache der unglaublich rüstigen Kraft, die in dieser uralten Institution wohnt. Denn dadurch, daß dieses Riesenheer geistlicher Würdenträger sich ununterbrochen aus den untersten Schichten der Völker heraus ergänzt, erhält sich die Kirche nicht nur die Instinkt-Verbundenheit mit der Gefühlswelt des Volkes, sondern sichert sich auch eine Summe von Energie und Tatkraft, die in solcher Form ewig nur in der breiten Masse des Volkes vorhanden sein wird. Daher stammt die staunenswerte Jugendlichkeit dieses Riesenorganismus, die geistige Schmiegsamkeit und stählerne Willenskraft.

Hier dürfte einer der Schlüssel dafür liegen, warum sich der Vatikan mit Hitler im Zweifelsfall immer so wunderbar verstanden hat.

Eine Leseempfehlung für das Buch spreche ich nicht aus, obwohl man aus ihm jede Menge über politischen Fanatismus lernen kann. Warum man sich vor Mein Kampf so sehr fürchtet, dass man es vom Buchmarkt fern hält, leuchtet mir allerdings nicht ein. Dieses riesige Konvolut an schlecht geschriebenen Sätzen läsen heute ebenso viele Menschen wie zu Hitlers Lebzeiten, wo es in jedem Haushalt stand: niemand. Die Dummheit und Bosheit springt einem auf jeder Seite entgegen, insofern sollte man ihm als Abschreckung eigentlich möglichst viele Leser wünschen.

Mein Kampf ist übrigens nicht verboten, es wird mit Hilfe des Urheberrechts unter Verschluss gehalten, was man in Zur Rechtslage von »Mein Kampf« von Giesbert Damaschke nachlesen kann.

Eine peinliche Roboter-Ausstellung im Technischen Museum

Technisches Museum 11.5. 2013

Das Museum ist in die Jahre gekommen. Vergleicht man es mit den großen Konkurrenten in München, London oder New York, stellt man schnell fest: Es ist inzwischen das Museum eines technischen Museums. Zwar ist die Zahl und Qualität vieler Exponate beeindruckend. Das macht die altbackene Präsentation aber nicht wett.

Nun wird man mir „Zu wenig Budget!“ zurufen, aber die aktuelle Ausstellung Roboter. Maschine und Mensch? zeigt deutlich, dass es auch an intellektuellen Qualitäten mangelt. Auch hier werden durchaus attraktive Stücke gezeigt, aber weder ist das Konzept zwingend noch die textliche Aufbereitung dem Thema angemessen. Die rege philosophische Diskussion über artificial intelligence wird ausgeklammert. Die selbst von Mainstream-Medien aufgegriffenen zahlreichen ethischen Fragen werden nur erwähnt. Mit elfzeiligen Denkanstößen kratzt man nicht einmal an der Oberfläche.

Die anscheinend nicht-existente Qualitätssicherung schließlich schlägt dem Fass den Boden aus. Man setzt sich Kopfhörer vor Monitoren auf und – hört nichts. Dafür sind andere so laut eingestellt, dass selbst langjährige Discobesucher nach dem zweiten Hörsturz akustisch noch folgen können. Ein Möglichkeit zur Lautstärkeregelung suchte ich vergeblich. Der Saugroboter saugt nicht. Eine Reihe von „Außer-Betrieb“-Schildern runden diese peinlichen Schlampereien ab. Die 10 Euro für den Eintritt investiert man besser in ein gutes Buch zum Thema.
(Bis 8.12.)

Privatbibliothek: Neuzugänge

Bunt gemischt, mit zwei interessanten Klassiker-Neuübersetzungen!

Wolken

Leopold Museum 9.5. 2013

2004 sah ich in Hamburg die Ausstellung Wolkenbilder, die sich an zwei Standorten mit dem Thema auseinandersetzte. Nun hat sich auch das Leopold Museum dieser Himmelsgebilde angenommen. Die Schau in Wien ist allerdings deutlich umfangreicher. Zwar bezieht sie anders als damals keine Instrumente mit ein, dafür aber diverse Aspekte der Popkultur wie „wolkige“ Plattencover. Die Auswahl der Kunstwerke ist vielfältig, auch wenn sich welche darunter befinden, deren Hängung sich mehr einem prominenten Namen als dem Konzept verdankt. Die Spanne reicht von den Romantikern bis zur zeitgenössischen Videokunst, wobei die Impressionisten einen Schwerpunkt bilden, und ich nach Paris ein unerwartet frühes Wiedersehen mit Monet hatte. Auch die Fotokunst kommt nicht zu kurz. Die Ausstellung kann man sowohl Kunst- als auch Wolkenfreunden empfehlen.
(Bis 1.7.)

Laurence Sterne: Leben und Meinungen des Tristram Shandy, Gentleman.

Der Tristram Shandy ist einer der raffiniertesten Romane der Weltliteratur. Veröffentlicht wurde er in neun Bänden zwischen 1759 und 1767. Bereits der erste Band macht seinen Verfasser berühmt. Er zählt zu den komischsten Büchern der Literaturgeschichte und ist ein Höhepunkt des britischen Humors. Wer verstehen will, aus welcher Tradition der abartige Humor Monty Pythons stammt, muss ebenfalls diesen verrückten Roman kennen. Ich las ihn eben zum dritten Mal, und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Laurence Sternes Verfahren lässt sich leicht beschreiben: Er ist einer der größten Meister der Metafiktionalität. Das heißt er verwendet die Methoden der Romankunst und spielt diese gegen sich selbst aus. Klingt kompliziert, ist aber einfach. Das grundlegende Verfahren ist sein Spielen mit der Erzählzeit versus erzählter Zeit. Tristram Shandy will sein Leben beschreiben und brav konventionell mit seiner Geburt beginnen. Es kommen ihm aber so viele Ablenkungen und Abschweifungen dazwischen, dass der fiktive Autor bereits jahrelang hunderte Seiten schrieb und immer noch nicht bei seiner Geburt angelangt ist, die erst im dritten Buch stattfindet. Sterne spielt furios mit den Lesererwartungen auf allen Ebenen. Alle Erfahrungen, die man bisher beim Lesen von Romanen machte, werden über den Haufen geworfen. Es gibt leere Seiten, nicht-schriftliche Einschübe, abgebrochene Kapitel. Figuren werden mitten im Satz unterbrochen und dürfen ihn erst viele Kapitel später zu Ende sprechen. Nichts ist so wie es scheint! Wie grandios Sterne das beherrscht, zeigt sich daran, dass er selbst heute noch uns belesene zeitgenössische Bücherfreunde zu überraschen vermag. Obwohl wir postmoderne und damit formal hoch verspielte Romane kennen. Ein Nebeneffekt dessen ist, dass literaturwissenschaftlich unvorgebildete Leser auf den Präsentierteller geliefert bekommen, wie Literatur funktioniert. Selbstverständlich hatte Sterne Vorläufer wie Cervantes oder Rabelais, aber niemand trieb es so auf die Spitze wie der Engländer.

Sternes berühmtes Buch besteht also ausschließlich aus Abschweifungen aller Art sowie einigen der schrulligsten Figuren, welche die Weltliteratur hervorgebracht hat. Vater Walter Shandy steckt voll der verrücktesten gelehrten Ideen, vertritt die abstrusesten Hypothesen und liest die schrägsten Bücher, die immer wieder auch ausführlich zitiert werden. Nebenbei bekommen wir hier eine Gelehrten-Satire serviert, die sich gewaschen hat. Der durch und durch gutmütige Onkel Toby geht mit Hilfe seines Dieners Trims seiner Besessenheit mit Belagerungen nach und baut auf einem Feld eingekreiste Städte nach. Kurz, auf uns Leser wartet ein Exzentrikerkabinett erster Güte.

Insgesamt betrachtet, ist die Gesamtkonstruktion des Romans nicht so makellos, wie dessen Digressionsästhetik. So wirkt der siebte Band mit der Frankreichreise als struktureller Fremdkörper. Man könnte auch den Einwurf erheben, Tristram Shandy sei sehr artifiziell und in Wahrheit nur eine raffinierte Spielerei. Dagegen würde ich einwenden, dass erstens in der Kunst nichts gegen gelungene zwecklose Raffinesse zu sagen ist und zweitens, der Roman durchaus eine tragische Seite hat. Unter der komischen Decke lauern nicht nur die geschilderten Alltagskatastrophen, sondern gerade die besten satirischen Kapitel machen einen doch sehr nachdenklich über den Zustand der Welt und der Menschen.

Laurence Sterne: Leben und Meinungen des Tristram Shandy, Gentleman (Manesse)

Side Effects

Filmcasino 4.5. 2013

USA 2013

Regie: Steven Soderbergh

Aus einer Reihe aktueller Themen drechselt Steven Soderbergh auf gewohnt hohem filmischen Niveau einen Thriller: Wall Street samt Insiderhandel sowie seltsame Praktiken der Pharmaindustrie (Psychopharmaka!) bilden den Hintergrund der spannenden Geschichte. Wie fast alle Thriller dehnt Side Effects die Kategorie der Wahrscheinlichkeit und setzt auf „suspension of disbelief“ bei uns Zusehern. Lässt man sich darauf ein, wird man sehr gut unterhalten. Soderbergh geht ästhetisch selbstverständlich über die Genrekonventionen hinaus, was sich neben gelungenen Einstellungen vor allem im kreativen Einsatz der Musik zeigt, die immer wieder die Dialoge ersetzen darf. Schauspielerisch wird ebenfalls eine Topleistung geboten.

Wagner: Der fliegende Holländer

Wiener Staatsoper 2.5. 2013

Dirigent: Daniel Harding
Regie: Christine Mielitz

Senta: Anja Kampe
Erik: Stephen Gould
Der Holländer: Juha Uusitalo
Daland: Stephen Milling
Mary: Monika Bohinec
Steuermann Dalands: Benjamin Brus

Wagners Musik benötigt sehr viel Subtilität bei der Interpretation, um das Pathos zu disziplinieren. Daniel Harding beherzigte diesen wichtigen Grundsatz nicht, sondern schöpfte dynamisch aus dem Vollen. Das Staatsopern Orchester dröhnte überwiegend grell und drall aus dem Orchestergraben heraus. Mit dieser Klangkulisse hatte besonders Juha Uusitalo als Holländer zu kämpfen. Von einer schweren Krankheit genesen ist leider von seiner großartigen Wagnerstimme nichts mehr zu hören. Auch schauspielerisch hat man den Eindruck, er sei oft gar nicht anwesend. Von der notwendigen dämonischen Präsenz der Figur gar nicht zu reden.

Da half es dann auch nichts mehr, dass das restliche Ensemble eine stimmlich überragende Leistung zeigte. Es war der musikalisch schlechteste Fliegende Holländer, den ich in Wien bisher hörte.

John Neumeier: Dritte Symphonie von Gustav Mahler

Paris Opéra Bastille 27.4. 2013

Ich muss voraus schicken, dass ich von Ballett und Tanztheater weit weniger verstehe als von den anderen Kunstformen über die ich hier regelmäßig berichte. Allerdings schätze ich das moderne Tanztheater und die Performance durchaus. Während meines Studiums war ich ein regelmäßiger Gast der Salzburger Sommerszene.
Was John Neumeier hier mit Mahler anstellt, von dem ich wiederum sehr viel verstehe, bleibt mir ein Rätsel. Einerseits erschien mir die Choreographie nicht modern zu sein. Es wurde hübsch symmetrisch und nach der Art des klassischen Balletts getanzt. Einen direkten Bezug zu Mahlers grandioser Musik konnte ich nicht ausmachen: Die Herren, oben ohne und in einer Art langen Unterhosen bekleidet, tanzten zur Musik. Weibliche Tänzer durften lange nicht auf der Bühne und hatten ihren ersten Auftritt erst, als Mahlers langsamer Satz begann. Sobald also die Musik ins Süßliche schwenkte, was Herr Neumeier offenbar mit „weiblich“ assoziiert, durften Frauen auftreten. Danach traute ich meinen Augen nicht: Das erste Pas de deux wurde von einem Herrn und einer Dame getanzt, wo er in hellblau und sie in rosa gekleidet war. Nach Ironiesignalen aller Art suchte ich vergeblich.

Das Orchester der Oper spielte an der unteren Grenze des Tolerablen: Weder gab es größere Schnitzer noch musikalische Epiphanien. Die engagierte Solistin schlug sich ebenfalls tapfer. Fast vom Stuhl flog ich allerdings als der Chor vom Band eingespielt wurde!

Liebe Pariser! Wenn ihr schon unbedingt Mahlers Dritte spielen wollt, dann nehmt gefälligst den Aufwand auf euch und bringt sie vollständig live, wie sich das gehört. Eine Liveaufführung vom Band zu ergänzen ist eine Schande für eine Kulturstadt wie Paris!

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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