Robert Darnton: The Great Book Massacre

„Double Fold: Libraries and the Assault on Paper“ by Nicholson Baker

(The New York Review of Books 7/2001)

Nicholson Baker, eigenlich Romancier, hat eine Philippika gegen das Vernichten von Büchern und Zeitungen in amerikanischen Bibliotheken geschrieben. Wortgewaltig prangert er die Praxis an, Gedrucktes auf Mikrofilm zu bannen, und die Originale anschließend zu entsorgen. Richard Darnton, eigentlich ein auf das 18. Jahrhundert spezialisierter Historiker, rekonstruiert Bakers Argumente. Etwa dass die Prognosen des Buchzerfalls durch säurehaltiges Papier wissenschaftlich kaum fundiert, und Mikrofilme wesentlich schlechter haltbar seien als die „klassischen“ Materialien.

Darnton weist auf Bakers ziemlich undifferenziertes Geschichtsverständnis und dessen oft unnötige Polemik hin, stimmt ihm aber cum grano salis zu. Jetzt wäre es natürlich interessant zu wissen, wie gängig diese Buch-Vernichtungspraktiken auch in europäischen Bibliotheken sind. In den USA kommt man inzwischen erfreulicherweise wieder davon ab.

James M. McPherson: Southern Comfort

The New York Review of Books 6/2001

Geschichtslügen scheinen eine solide anthropologische Basis zu besitzen, offenbar gibt es kaum eine Gesellschaft, die ohne sie auskäme. Ein mir bis heute unbekanntes Beispiel ist die Lost-Cause-Ideologie in der Folge des amerikanischen Bürgerkriegs. McPherson bespricht* einige Neuerscheinungen zu diesem Thema. Bereits kurz nach dem Krieg begannen Südstaatler die eigentliche Kriegsursache zu leugnen: Nicht die Abschaffung der Sklaverei sei ursächlich gewesen, sondern der Kampf für „states‘ rights“, also Verfassungsangelegenheiten. Diese Geschichtsverfälschung ist in gewissen Kreisen der USA immer noch sehr populär, so bei den Sons of Confederate Veterans. Eigenartige Vereine scheint es nicht nur in Österreich und Deutschland zu geben :-)

Ansonsten erfährt man so manches darüber, wie komfortabel sich die Sklavenbesitzer vor der Wahl Abraham Lincols in den amerikanischen Verfassungsinstitutionen eingenistet hatten.

* Die Rezension ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

Ian Buruma: The Emperor’s Secrets

„Hirohito and the Making of Modern Japan“ by Herbert P. Bix

(The New York Review of Books 5/2001)

Vergangenheitsbewältigung auf Japanisch; Ian Buruma diskutiert* anläßlich des neuen Buches von Bix, inwieweit Hirohito Schuld an der Beteiligung Japans am zweiten Weltkrieg trägt. Buruma lehnt zwar radikale „Verschwörungstheorien“ ab, weist aber auf diverse Verlogenheiten der Nachkriegszeit hin, auch auf die unrühmliche Rolle der amerikanischen Japanpolitik nach dem Krieg. Interessant ebenfalls die Passagen über Hirohitos eigenartiges Selbstverständnis, die japanische Monarchie und Religion wissenschaftlich legitimieren zu können. Es ist doch immer wieder bezeichnend, wie eng sich Ideologien an die Wissenschaft anzulehnen versuchen.

Update 22. April 2001: Inzwischen wurde bekannt, dass Herbert P. Bix für sein Buch einen der diesjährigen Pulitzer-Preise erhält.

* Der Artikel befindet sich nun im kostenpflichtigen Archiv der NYRB.

Bernard Williams: Philosophy as Humanistic Discipline

The Threepenny Review, Spring 2001

Lesenswerter Aufsatz über die Frage, was Philosophie als Disziplin heute leisten soll. Williams argumentiert für eine Verstärkung des historischen Ansatzes, der von analytischen Philosophen vernachlässigt würde. Auch wenn seine Kritik an der „szientistischen“ Philosophie nicht immer überzeugen kann, so legt er doch den Finger auf die richtige Stelle: Philosophiegeschichte zugunsten systematischen Philosophierens zu vernachlässigen, führt nicht nur bei der Ausbildung zu einer Schieflage.

Williams Kritik ist vor allem deshalb überzeugend, weil er die Leistungen der analytischen Philosophie sehr genau einschätzen kann. Ein Teil des Artikels setzt sich mit Putnams Gifford Lectures auseinander. Williams fühlt sich von Putnam falsch interpretiert, das soll auch innerhalb der Analytischen Philosophie vorkommen :-)

Gordon S. Wood: The Greatest Generation

The New York Review of Books 5/2001

Besprechung mehrerer Neuerscheinungen über die Väter der amerikanischen Verfassung. Besonders hervorgehoben wird das Buch von Joseph J. Ellis, den Wood als wichtigsten zeitgenössischen Historiker zu diesem Themenkomplex bezeichnet: Founding Brothers: The Revolutionary Generation.

Wood stellt einen Bezug zu allgemeinen Tendenzen in der Geschichtswissenschaft her und kritisiert das gängige „bashing“ der Gründerväter als ahistorisch, ohne eine undifferenzierte positive Sichtweise einzunehmen.

Update 22. April 2001: Inzwischen wurde bekannt, dass Joseph J. Ellis für sein Buch einen der diesjährigen Pulitzer-Preise erhält.

Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821)

Münchner Goethe-Ausgabe Band 17 (Amazon Partnerlink)

Die Erstfassung von 1821 ist nur halb so lang wie die zweite und endgültige Fassung der Wanderjahre, die acht Jahre später erschienen ist. Nicht zuletzt deshalb wirkt der Roman auf heutige Leser moderner, weil disparater. Eigenartige Mischung aus Elementen der Aufklärung, wie das Plädoyer für ein humanes Justizsystem und der herausgehoben Rolle des Handwerker-Standes, und konservativen Anschauungen, wie die Religionsphilosophie der pädagogischen Provinz. Rezeptionsgeschichtlich scheint es nur Anhänger oder Gegner des Romans (wenn es denn einer ist) zu geben. Ich bin noch unschlüssig, für welche Fraktion ich mich entscheiden werde, vorher will ich mich noch ausführlicher mit der Fassung aus dem Jahr 1829 auseinandersetzen.

Update 22. April 2001: Man stößt auch auf eine bemerkenswerte Stelle über das Theater. Nach der Schmährede eines Pädagogen (der Pädagogischen Provinz) auf das Theater, die an Platons Ablehnung der Dichtung erinnert, distanziert sich der Erzähler (sprich Goethe) davon:

[…] denn das Drama setzt eine müßige Menge voraus, vielleicht gar einen Pöbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet, denn solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, über die Grenze gebracht […] Wer unter unseren Zöglingen mit erlogener Heiterkeit, oder geheucheltem Schmerz, ein unwahres, dem Augenblick nicht angehöriges Gefühl in der Masse zu erregen, um dadurch ein immer mißliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen? Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefährlich und konnten sie mit unserm ernsten Zweck nicht vereinen.

[…] Gewissenlos wird der Schauspieler was ihm Kunst und Leben darbietet zu seinen flüchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem Gewinn. [usw.]

Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: daß er mit einigem Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen läßt. Hat er nicht auch in vielfachem Sinn mehr Leben und Kräfte als billig dem Theater zugewendet? und könnte man ihn wohl überzeugen, daß dies ein unverzeihlicher Irrtum, eine fruchtlose Bemühung gewesen [Münchner Ausgabe Band 17, S. 145f.]

Colin McGinn: Can You Believe It?

„The Threefold Cord: Mind, Body and World“ by Hilary Putnam

(The New York Review of Books 6/2001)

Der Artikel* läßt sich nur als Verriss bezeichnen. McGinn zerpflückt genüßlich die wichtigsten Argumente Putnams und hält ihm seinen Postionswechsel zum ontologischen Realismus vor, den er (wie ich) natürlich begrüßt.

* Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs. Update Oktober 2011: Der Artikel wurde offline genommen und scheint auch nicht mehr in der Print-Inhaltsangabe der besagten Ausgabe auf.

Helen Epstein: Time of Indifference

New York Review of Books 6/2001

Sammelrezension von Bänden, die sich mit dem globalen Gesundheitswesen auseinandersetzen. Epstein ist wohl eine der besten Journalistinnen, die sich mit (sozial)medizinischen Themen auseinandersetzen. Sie schreibt jährlich mehrere Aufsätze in der NYRB. Dass die Lektüre des Artikels ziemlich deprimierend ist, wird angesichts des Themas niemanden überraschen …

Albert Schlögl: Herodot

Eine der besten Monographien der Reihe. Umfassendes Eingehen auf geistesgeschichtliche Bezüge ebenso wie kritische Auseinandersetzung mit vorherrschenden Positionen der Herodot-Forschung. Vertretene Minderheitenmeinungen werden als solche gekennzeichnet und durch schlüssige Argumente plausibel gemacht. Schlögel schließt sich beispielsweise der Meinung an, dass viele Quellenangaben bei Herodot fingiert sind, was nach wie vor von vielen Kollegen als „Tabubruch“ gewertet wird. Höchste Zeit die „Historien“ einmal komplett zu lesen.

Albert Schlögl: Herodot (rororo monographie)

Bibliothek: Neuzugänge

Rezensionsexemplare:

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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