Bücherherbst (12): Kiepenheuer & Witsch, Königshausen & Neumann

Angesichts der Schwerpunkte des Verlagsprogramms der letzten Jahre, hatte ich schon fast vergessen, dass KiWi ab und zu auch interessante Bücher veröffentlicht. So im Herbst eine zweibändige Edition mit ausgewählten Briefen Heinrich Bölls. Meine Rezension einer älteren Briefedition ist ebenfalls online zu finden.

Wendell V. Harris: Poststructural Theorizing and Hollow Dialectic

Philosophy and Literature 2/2000

Thematisch schließt dieser kleine Aufsatz an die gestrige Notiz über die Fragwürdigkeiten des New Historicism an, auch wenn er theoretisch allgemeiner gehalten ist. Wendell V. Harris ist einer der bekanntesten amerikanischer Kritiker des poststrukturalistische Theoriewesen, und gab beispielsweise den empfehlenswerten Sammelband „Beyond Poststructuralism“ (1996) heraus.

Hier beschäftigt er sich mit der Frage, warum die Kritik am Poststrukturalismus oft so schwierig ist:

There are at least four major difficulties in exposing the absurdities one is likely to encounter in PT [=poststructural theorizing]. To begin with, scholars aware of the dangers of applying formulations valid in one field to phenomena of a quite different field of study are understandably wary of expressing criticism of those portions of a theorist’s work that draw on disciplines in which they lack full competence. Thus for instance conscientious psychologists, physicists, or linguists hesitate to go beyond their fields in criticizing the high-flying interdisciplinarity of practioners of PT

[…]

Second, convincing demonstration that a theorist has misunderstood or misused concepts drawn from a particular field of knowledge is likely to depend on the reader having just the kind of background in that field that the errant theorist lacked.

Third, given that contemporary theorists appear to thrive on obscurity, it becomes difficult to target the precise meaning of a PT text. Fourth, in that much of what seems exaggerated, unsound, undocumented, or confused in the work of poststructural theorists is merely part of an overall argument, a part whose relevance to the main argument is not always clear […] [S. 425 / 426]

Absurditäten des Computer-Alltags

Nach so viel Theorie noch ein amüsanter Einschüb, nämlich ein PDF-Dokument, das eine Reihe von absurden Fehlermeldungen grafisch aufbereitet versammelt: „Beim Speichern der Änderungen ist der folgende Fehler aufgetreten: Der Vorgang wurde ausgeführt.“ :-)

Frank Kermode: Art Among the Ruins

(The New York Review of Books 11/2001)

Der Artikel* setzt sich ausführlich mit dem sogenannten New Historicism auseinander, einer literatur“wissenschaftlichen“ Methode, die in den achtziger Jahren von Stephen Greenblatt ins Leben gerufen wurde und eine Variante der postmodernen „Methoden“bildung darstellt.

Die Grundthese dieser Richtung besagt, dass alle historischen Phänomene einer Zeit mit allen anderen in Beziehung stehen und dass es deshalb sinnvoll sei, scheinbar disparate Bereiche so zu verbinden, dass ein Erkenntnisgewinn entsteht. Dass historisch alles mit allem „irgendwie“ in Verbindung steht, ist banal. Aber es war immer schon eine bewährte Strategie postmoderner Theoriebildung, Banales mit Absurden zu verbinden, um den Eindruck der Originalität zu erzielen. Originialität als Ziel der Wissenschaft hat in diesen Kreisen längst das viel langweiligere Ziel der Wahrheit abgelöst.

Frank Kermode diskutiert diese Schule anhand zweier neuer Bücher: Einen von Catherine Gallagher und Stephen Greenblatt herausgegebenen Sammelband mit dem Titel „Practicing New Historicism“ (University of Chicago Press) und „Shakespeare After Theory“ von David Scott Kastan, der nichts weniger will als einen neuen post-New Historicism einzuführen. Der Rezensent geht ausführlich auf repräsentative Analysen ein, betont deren Originalität, kann jedoch immer fundamentale Argumentations- und Denkfehler nachweisen. Wie so oft ist eine Ursache für die wissenschaftlichen Mängel das selbstverliebte Ausblenden von Tatsachen, die der eigenen Interpretation entgegenstehen. Deshalb zieht Kermode folgendes Fazit:

Kastan remarks that orthodox historians—historians de métier—find it hard to take the New Historicism seriously, and it seems unlikely that they will bother much about this post-New Historicism. An interest in fact is admirable, but theory has given it perhaps too much license, for all fact is now somehow interrelated; text and context are “imbricated” (i.e., overlapping, as with fish scales) so that one can say almost anything and claim its relevance to whatever is being talked about. Much intelligence and much scholarly labor is thus thrown away; while the plays themselves, puritanically denied “aesthetic” attention, are, like the theaters in 1642, declared off-limits.

* Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

IASL – Neue Rezensionen

Bücherherbst (11): Böhlau, Spektrum

Antike im Web (2): The Ancient City of Athens

Prof. Kevin T. Glowacki und Prof. Nancy L. Klein von der Idiana University haben für ihre Studenten die eigenen Foto-Archive für das Web aufbereitet. Die kommentierten Aufnahmen zeigen alle wichtigen antiken Denkmäler Athens aus den verschiedensten Perspektiven.

Besonders erwähnenswert ist der kurze, aber prägnante Artikel Topography & Monuments of Athens.

Antike im Web (1): Ancient Greece

Inzwischen findet man viele wertvolle Informationen über die Antike im Web. In dieser neuen Reihe will ich ausgewählte Seiten kurz vorstellen. Ziel ist die Erstellung einer kleinen, aber gehaltvollen Web-Bibliothek zum Thema.

„Ancient Greece“ eignet sich hervorragend als Auftakt, handelt es sich doch um ein gut kommentiertes Angebot zu vielen wichtigen Aspekten des alten Griechenland. Dem Besucher wird eine gelungene Mischung aus aufbereiteten Informationen und ausführlich kommentierten Links präsentiert.

John Updike: Hasenherz

Updikes Rabbit-Tetralogie steht seit Jahren auf meiner mentalen Leseliste, über „Hasenherz“ kam ich bis jetzt aber nicht hinaus. Einen neuen Anlauf startend las ich den Roman nun zum zweiten Mal. Updikes Kunst besteht vor allem darin, moderne erzähltechnische Methoden der Bewusstseinsdarstellung souverän zu benutzen, um damit subtile psychologische Portraits zu zeichnen.
Auffallend ist sein Blick für Details aller Art, die zur Atmosphäre des Romangeschehens maßgeblich beitragen, ohne – wie sonst so oft – in ästhetisch funktionslosen Schilderungen zu münden. Updike gehört nicht zu den Autoren, die durch wenige Striche eine fiktionale Welt entstehen lassen. Er ist zeichnet seine Welt mit präzisem Realismus, ohne den Leser damit zu ermüden.

Johne Updike: Hasenherz (rororo)

Bibliothek: Neuzugänge

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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