Simon Blackburn: Königsberg Confidential

The New Republic vom 23.04. 2001

Ein ausführlicher Artikel, inspiriert durch die Kant-Biographie von Manfred Kuehn, „the distinguished German scholar“. Blackburn ist Philosophieprofessor in Cambridge und hat einiges über die Kantianische Moralphilosophie zu sagen. Von einer „Rezension“ zu sprechen wäre allerdings übertrieben, da es offenbar Blackburns Intention war, eine kleine Einführung in die Philosophie des Königsbergers zu schreiben, statt ausführlicher auf das Buch von Kühn einzugehen. Immerhin erfährt der Leser, dass Kühn einige der Kant-Klischees zu entkräften weiß, die seit 200 Jahren regelmäßig kolportiert werden.

Ich konnte bei meinen Online-Recherchen keine deutsche Ausgabe des Buches finden, offenbar handelt es sich um eine Originalausgabe für die Cambridge University Press. Da man die Werke (und Zitate) eines Philosophen möglichst in der Originalsprache lesen sollte, erscheint mir das eine etwas eigenartige Vorgehensweise zu sein, und ich bin mir nicht sicher, ob der Vorteil des größeren Lesepublikums diesen Nachteil aufwiegt.

Update Jan. 2010: Das Buch erschien im Winter 2003 in einer deutschen Übersetzung [Perlentaucher].

Links:

I.F. Stone: The Trial of Socrates

Das Buch erschien ursprünglich 1988 in den USA und wurde ein erstaunlicher Verkaufserfolg. Eine Ursache des Erfolgs dürfte darin liegen, dass Stone kein Fachgelehrter, sondern ein angesehener Journalist war, der sein Handwerk verstand.
Nach der Lektüre bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Kenntnis der Materie kann man Stone sicher nicht absprechen, er hat ausführlich recherchiert. Ab und zu bringt er auch philologische Argumente, indem er sich mit einzelnen griechischen Begriffen und deren adäquater Übersetzung beschäftigt. Einige Kapitel sind besonders gelungen, etwa der Themenkomplex Homer und Socrates. Stone zieht interessante Rückschlüsse auf Sokrates‘ politische Anschauungen durch die Analyse von dessen Aussagen über Figuren aus der Illias.

Ärgerlich dagegen sind zahlreiche Vereinfachungen und mangelnde Differenzierungen. Methodisch muss man Stone zum Vorwurf machen, dass er nur sehr selten zwischen den philosophischen Auffassungen des Sokrates, die wir nur aus Berichten kennen, und den Theorien Platons unterscheidet, der Sokrates bekanntlich oft nur als Sprachrohr benutzt. Philosophisch ist die Argumentation erstaunlich undifferenziert. Sokrates‘ Methode des Philosophierens als semantischen Nonsense zu verspotten, zeugt nicht wirklich von einem umfassendes Verständnis der Materie. Deshalb kann Stone seine provozierende Hauptthese auch nicht hinreichend plausibel machen: Sokrates wurde seiner Meinung nach von den Athenern zu Recht zum Tode verurteilt, weil er ein gefährlicher Gegner der Demokratie war.

Das heißt nicht, dass Stone nicht eine Reihe von interessanten Belegen für Sokrates autoritäres politisches Verständnis zusammenträgt. Nur übersieht er einen zentralen Aspekt: Die politische Beurteilung des Sokrates läßt sich nicht auf die – immer nur aus zweiter Hand erschlossenen – Inhalte seiner politischen Anschauungen reduzieren. Ein vollständiges Bild ergibt sich nur, wenn man auch die innovative Methode des Sokratischen Denkens berücksichtigt. Seine radikale Vorgehensweise, (fast) alles kritisch zu hinterfragen und auch auf die Analyse scheinbar klarer Sachverhalte zu bestehen, ist als Denkfigur ausgesprochen progressiv. Sokrates war – gemeinsam mit den ionischen Naturphilosophen – ein Begründer des skeptisch-rationalen Denkens.

Links:

I.F. Stone: The Trial of Socrates (Anchor Books)

Alban Berg Quartett (Berg, Beethoven)

Alban Berg: Lyrische Suite für Streichquartett
Beethoven: Streichquartett a-moll op. 132
Wiener Konzerthaus am 27. April 2001

Der Abschluss des diesjährigen Konzertzyklus mit dem Alban Berg Quartett. Das erforderliche breite Spektrum an Klangfarben in der Lyrischen Suite wurde ebenso brillant gemeistert, wie die zahlreichen musikalischen Herausforderung des letzten Beethoven-Streichquartetts. Als Zugabe ein langsamer Satz aus einem Haydn-Streichquartett. Offenbar ist die Zeit immer noch nicht reif eine Zugabe, die einem Werk des 20. Jahrhunderts entnommen wäre …

Bibliothek: Neuzugänge

KlassikAkzente Nr. 2/2001

Verzweifelt muss sie sein, die klassische Plattenindustrie, angesichts der eigenartigen Versuche, die Verkaufszahlen zu heben. Der Titel der KlassikAkzente – das Werbemagazin von Universal Classics (DGG, Decca, Philips) – preist die neue Crossover-CD der Deutschen Grammophon an, nämlich eine Gemeinschaftsproduktion von Anne Sofie von Otter und Elvis Costello:

Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Elvis Costello, dem intellektuellen Postpunk-Barden mit hochkulturellen Absichten, und Anne Sofie von Otter, der klaren Stimme aus dem Norden.

Frau von Otter über ihre ästhetische Strategie:

Ich musste die ganze klassische Ausbildung außen vor lassen…und mich quasi in die Situation versetzen, wenn ich zu Hause bin. Da stehe ich auch nicht in der Küche und schmettere mit meiner Opernstimme.

Das ist sicher ein spannendes Hörerlebnis, Postpunk-Barde und Küchenstimme…

Michel Houllebeqc: Ausweitung der Kampfzone

Ein Informatiker schreibt ein Buch und löst in Frankreich eine heftige Literaturdebatte aus. Der zynische Blick des Protagonisten, der sich von einem kalt-distanzierten im Laufe des Romans in einen verzweifelt-distanzierten verwandelt, ist handwerklich solide konzipiert. Die aus der Innenperspektive kolportierten Klischees passen gut zur Figur und runden das psychologische Portrait glaubwürdig ab. Das Formale passt zum Inhaltlichen: Es ist nicht übermäßig aufregend. Trotzdem ist die Lektüre keine Zeitverschwendung, weshalb ich gelegentlich noch andere Bücher des Autors lesen werde, um mir ein endgültiges Urteil zu bilden.

Michel Houllebeqc: Ausweitung der Kampfzone (rororo)

Schubert: Winterreise

(Thomas Quasthoff / Charles Spencer)

Meine elfte Interpretation des Werkes und zweifellos eine der besten. Ich hatte Quasthoff vor ein paar Jahren in Salzburg mit der Winterreise gehört, und mir nun – mit eigentlich kaum entschuldbarer Verspätung – die CD besorgt. Besonders faszinierend ist Quasthoffs differenzierter Gebrauch der stimmlichen Dynamik. Ich kenne kaum einen Sänger, der mit einem Wechsel der Lautstärke so viele Ausdrucksnuancen verbinden kann. Im Vergleich zu dieser berührenden Aufnahme wirken anderen Aufnahmen ziemlich steril (wie die von Thomas Hampson).

J.S. Marcus: Shadows on the Danube

The New York Review of Books 6/2001

Eine ausgezeichnete Einführung in die österreichische Problematik nicht nur des unappetitlichen letzten Jahres, sondern auch in die historische Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die nun in der schwarz-blauen Regierung ihren Tiefpunkt gefunden hat. Als Aufhänger des Aufsatzes* dienen zwei Bücher: ein englischsprachiger Auswahlband mit den Memoiren Bruno Kreiskys und Christa Zöchlings Haider: Licht und Schatten einer Karriere.

Marcus erweist sich als ausgezeichneter Kenner der hiesigen Innenpolitik, nicht nur weil er die ehemalige Sozialministerin Elisabeth Sickl treffend als „dramatically underqualified“ bezeichnet, und die internationale Leserschaft mit einer ihrer bleibenden Errungenschaften bekannt macht, nämlich mit ihrer Antwort auf vielfache Kritik: „God grants abilities to those who pray for him“.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen NYRB-Archivs.

Merkheft Nr. 171

Das neue Merkheft steht zum Download* bereit und bietet neben den bei Zweitausendeins üblichen Skurrilitäten – Gefühle und der Sinn des Lebens. Wer sich von Gefühlen leiten läßt, gehorcht in Wahrheit seiner Vernunft – auch wieder Interessantes, beispielsweise:

  • Arno Schmidt: Das erzählerische Werk bis 1970 für DM 29.- (statt unlizenziert DM 320.- bei Haffmans
  • Cervantes: Gesamtausgabe 4 Bände diesmal für DM 35.-

Das Durchblättern des Merkheftes ist wie immer amüsant, so wird Short Cuts 4 von Gilles Deleuzes unter dem Titel „Kleine Bücher großer Denker“ angepriesen, anstatt korrekt unter „Angeblich große Bücher kleiner Denker“. Der geneigte 2001-Kunde bekommt auch einen kleinen Vorgeschmack:

Philosophie ist eine schöpferische Kunst, nicht weniger als Malerei und Musik. Sie erschafft Begriffe. Begriffe sind keine Allgemeinheiten, nicht einmal Wahrheiten. Sie haben mit dem Singulären zu tun, mit dem Neuen, mit dem, was einen trifft.

Natürlich sind Begriffe per definitionem Allgemeinheiten und natürlich wird hier die formal-logische Revolution der letzten 100 Jahre furios ignoriert, aber das kennt man ja aus dieser geistigen Ecke :-)

* Link führt zum datumsmäßig unabhängig jeweils aktuellen „Merkheft“.

Robert Darnton: The Great Book Massacre

„Double Fold: Libraries and the Assault on Paper“ by Nicholson Baker

(The New York Review of Books 7/2001)

Nicholson Baker, eigenlich Romancier, hat eine Philippika gegen das Vernichten von Büchern und Zeitungen in amerikanischen Bibliotheken geschrieben. Wortgewaltig prangert er die Praxis an, Gedrucktes auf Mikrofilm zu bannen, und die Originale anschließend zu entsorgen. Richard Darnton, eigentlich ein auf das 18. Jahrhundert spezialisierter Historiker, rekonstruiert Bakers Argumente. Etwa dass die Prognosen des Buchzerfalls durch säurehaltiges Papier wissenschaftlich kaum fundiert, und Mikrofilme wesentlich schlechter haltbar seien als die „klassischen“ Materialien.

Darnton weist auf Bakers ziemlich undifferenziertes Geschichtsverständnis und dessen oft unnötige Polemik hin, stimmt ihm aber cum grano salis zu. Jetzt wäre es natürlich interessant zu wissen, wie gängig diese Buch-Vernichtungspraktiken auch in europäischen Bibliotheken sind. In den USA kommt man inzwischen erfreulicherweise wieder davon ab.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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