Antonio Lobo Antunes: Das Handbuch der Inquisitoren

Manche Bücher stehen eindeutig zu lange ungelesen im Regal. Hätte ich gewusst, wie souverän Antunes die Möglichkeiten moderner Erzähltechniken einzusetzen weiß, hätte ich es längst gelesen. Der Roman ist aus der Perspektive verschiedenster Figuren erzählt, die wiederum auf knappem Raum ihre Vorgeschichte schildern. Der Wechsel zwischen den Zeitebenen erfolgt oft quasi-musikalisch von einem Satz zum anderen, ohne dass der Leser deshalb die chronologische Orientierung verlöre. Dazu tragen gezielt eingesetzte Wiederholungen bei, manchmal werden halbe Absätze wiederholt, einige Motive ziehen sich durch den gesamten Roman.

Diese Ästhetik bewirkt auch, dass der politische Gehalt des Buches, die Kritik an Salazars Diktatur in Portugal, gespiegelt an den Ereignissen rund um das Landgut eines Ministers und dessen Bewohner, nie auch nur in die Nähe von Tendenzliteratur gerät.

Antonio Lobo Antunes: Das Handbuch der Inquisitoren (Fischer TB)

Bücherherbst (5): Haffmans Verlag

Zuletzt durch Finanznöte und eine illegale Arno-Schmidt-Lizenzausgabe bei Zweitausendeins im Gerede, weist der Verlag mit einem literarischen Zitat auf dem Umschlag der Herbst-Vorschau auf die Misere hin:

In den Anfangsjahren seines Bestehens befand sich der Verlag Lilley & Chase im Zustand einer Dauerfinanzkrise. Statt mit den andern Verlagsvertretern gemeinsam jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse zu fliegen, fuhr man mit dem Auto: Sam und Richard saßen vorne in dem Volvo-Kombiwagen, Baujahr 1960, auf der Rückbank quetschten sich drei Lektoren, dazu im Kofferraum fünf Reisetaschen, diverse Manuskripte und Kartons mit Vorabexemplaren. Sam und Richard stiegen im Frankfurter Hof ab, um den Schein zu wahren, die anderen teilten sich ein Zimmer in einer Pension unweit der Amüsiermeile hinterm Bahnhof.

(aus: „Lilley & Chase. Aufstieg und Fall eines Verlagshauses“ von Tim Waterstone)

Kulturzeit Literatur

Die 3sat-Sendung Kulturzeit bringt ziemlich regelmäßig Beiträge über Literatur. Hier findet man eine Auswahl der Buchvorstellungen, teilweise im Realvideo-Format. Könnte allerdings regelmäßiger aktualisiert werden.

Update Jan. 2010: Diese Rubrik von Kulturzeit heißt mittlerweile „Bücherregal“. Die Medienformate (s.o. RealVideo) haben sich im Laufe der Jahre natürlich ebenfalls verändert :-)

Bücherherbst (4): Aufbau Verlag

Eines fällt schmerzlich auf: Von der Aufbau Bibliothek ist keine Rede mehr. In ihr erschien Weltliteratur in schönen TB-Ausgaben, die auf den reichen Rechte-Bestand aus DDR-Zeiten zurückgriff. Offenbar „rentieren“ sich Klassiker der Weltliteratur nicht mehr hinreichend, um eine eigene Reihe zu rechtfertigen. Ein paar Klassiker-Neuerscheinungen gibt es aber trotzdem zu vermelden.

  • Alfred Kerr: Wo liegt Berlin? (Aufbau; Sonderausgabe für DM 29,90.-)
  • Alfred Kerr: Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin? (Aufbau; Sonderausgabe für DM 29,90.-)
  • Theodor Fontane: Der Stechlin (Aufbau; als neuer Band in der Brandburger Ausgabe; 09/2001; DM 60.-)
  • Abbe Prevost: Manon Lescaut (Aufbau TB, 02/2002)
  • Ekkehard Martens: Die Sache des Sokrates

    (Neuer Titel: Sokrates: Eine Einführung)

    Reclam UB (Amazon Partnerlink)

    Als Gegenstück zum polemischen Buch von I.F. Stone (siehe „The Trial of Socrates“) las ich nun die kleine gelehrte Monographie von Ekkehard Martens, der das Sokrates-Problem wesentlich distanzierter angeht, und einige kluge Dinge zum Thema zu sagen hat. Beispielsweise rückt er einige Klischees zurecht, auf die Stone ziemlich hemmungslos zurückgreift, wie das des „unwissenden Sokrates“.
    Im siebten Kapitel, „Sokratisches Wissen und Lebenskunst“, trägt Martens eine Reihe von Text-Belegen zusammen, die Sokrates‘ Wissen veranschaulichen, beispielsweise, dass für ihn ein „ungeprüftes Leben nicht lebenswert“ (Apologie 38a) sei. Martens zieht das Fazit:

    Dreht man dagegen das übliche Sokrates-Bild um und liest die platonischen Dialoge aus der Sicht des wissenden Sokrates, erscheint die Sache in einem neuen Licht und macht erst Sokrates‘ Faszination auf die Athener und seine fortwährende Wirkung begreifbar. (S. 131)

    Weniger überzeugend ist Martens Versuch, Platons radikale Dichtungs- und Literaturkritik im „Staat“ durch den Hinweis abzuschwächen, diese bezöge sich ausschließlich auf sophistische Dichter, nicht auf die Dichtkunst im allgemeinen. Ansonsten sind seine Ausführungen über „Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ (Kapitel 3) eine Wohltat, verglichen mit dem Unsinn, das im Anschluss an Derridas Grammatologie über diesen Themenkomplex verbreitet wird.

    Bücherherbst (3): Friedenauer Presse

    • Emmanuel Bove: Colette Salmand (Friedenauer Presse, Herbst 2001; DM 36.-)
    • Anton Chechov: Drei kleine Romane (Friedenauer Presse; bereits lieferbar; neu übersetzt von Peter Urban; gebunden nur DM 29,80.-)
    • Ivan Turgenev: Letzte Liebe. Zwei Erzählungen (Friedenauer Presse, Herbst 2001; DM 28.-)

    Bücher-Tipp: The I Tatti Renaissance Library

    Bereits in dem kleinen Artikel über meine Privatbibliothek beklagte ich mich darüber, dass wichtige geistesgeschichtliche Publikationen von deutschsprachigen Verlagen selten veröffentlicht werden, sieht man einmal von den bekanntesten Namen ab. Erfreulicherweise schafft das englischsprachige Verlagswesen hier einen Ausgleich, so auch in diesem Fall. Die Harvard University Press startete im April eine Bibliothek der Renaissance.

    Die ersten drei Publikationen sind Giovanni Boccaccios „Famous Women“, Leonardo Brunis „History of the Florentine People. Volume 1“ und besonders bemerkenswert: Marsilio Ficinos „Platonic Theology“, ein bedeutendes Werk des Platonismus. Die Bände sind zweisprachig gehalten.

    [Siehe auch die Notizen vom 17. 7. 2004]

    Bücherherbst (2): Goldmann

    Goldmann?!

    Der Verlag hätte auf diesen Seiten nichts verloren, wenn ich nicht zufällig auf die symptomatische Ankündigung gestoßen wäre, dass Dietrich Schwanitz‘ vorletztes Machwerk als Goldmann Taschenbuch publiziert wird. Nun wird man gerne zugeben, dass Schwanitz‘ ungebildetes „Bildungs“buch hier in bester Gesellschaft ist, und mit verblüffender Offenheit in einer Reihe erscheint mit Alberto Villoldos „Das geheime Wissen der Schamanen. Wie wir uns selbst und andere mit Energiemedizin heilen können“ oder Sylvia Brownes „Jenseits-Leben. Berichte eines Mediums aus der geistigen Welt“. Jeder Autor findet den Verlag, dessen „geistiges“ Umfeld er verdient, und das ist doch einmal eine gute Nachricht.

    Karl Schönherr: Glaube und Heimat

    Burgtheater am 25. März 2001
    Regie: Martin Kusej
    Werner Wölbern, Michael Peter, Martin Schwab, Sylvie Rohrer u.a.

    Gerade aus dem Burgtheater kommend, stehen zwei Dinge fest (einmal abgesehen davon, dass man Kinder nicht zum Theatergehen zwingen soll, weil sie dann ständig herumquengelnd neben mir sitzen):

    1. Das Stück ist drittklassig.

    2. Besser als Martin Kusej hätte man es nicht inszenieren können. Der Bühnenboden verwandelt sich nach und nach in eine Kloake, Massenszenen sind eindrucksvoll choreografiert, für viele Szenen findet Kusej starke theatralische Bilder. Die Einladung zum Berliner Theatertreffen ist durchaus verständlich.

    Es drängt sich jedoch eine Frage: Warum zwingt man einen der besten zeitgenössischen Regisseure, Tiroler Bauerntheater für Fortgeschrittene zu inszenieren? Trotz mehrerer literaturkritischer Rettungsversuche, einige davon finden sich naturgemäß im Programmheft, haftet dem Stück ein widerlicher Geruch nach Scholle an, kein Wunder, dass es vor 60 Jahren ohne viele Umstände in den Blut-und-Boden-Kanon integriert werden konnte.

    Ein Talent wie Kusej sollte Gelegenheit bekommen mit den besten Schauspielern Sophokles, Shakespeare, Schiller, Ibsen oder Beckett auf die Bühne zu bringen, anstatt ihn zur „Rettung“ von Stücken zu missbrauchen, die besser dort bleiben, wo sie bisher waren: In Vergessenheit.

    Web-Tipp: Deutsche Verlagslandschaft

    Rainer Groothuis in der ZEIT über die zunehmende Verwechselbarkeit deutscher Verlage:

    Nur Profil macht Profit

    Wenn Jörg Albrecht in der ZEIT schreibt, „Fünf von sechs Romanen kommen heute mit demselben Umschlag daher: Frau lehnt träumend gegen Birke (oder umgekehrt)“, dann ist dies zwar etwas übertrieben, vorbei aber ist’s mit der individuellen Gestaltung. Die programmatischen Profile sind ausgefranst. Was heißt heute „Suhrkamp/Fischer/List/und so weiter-Culture“? Viele Verlage drängen in die „Mitte“, und dort herrscht klaustrophobische Enge. Verlage ohne Profil: Wer nicht auffällt, hat nichts zu sagen. Wer nichts zu sagen hat, ist nicht eigenwillig. Wer nicht eigenwillig ist, wird überflüssig. „Großes neurotisches Potenzial in angenehmer Ausformung“, so befindet ein Verleger über die Buchbranche

    [Mehr]

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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