Web-Tipp: Kindlers Neues Literatur-Lexikon

Die CD-ROM-Version wird von Michael Wögerbauer einer ausführlichen Kritik unterzogen.

Taneli Kukkonen: Plenitude, Possibility, and the Limits of Reason

„A Mediaval Arabic Debate on the Metaphysics of Nature“

Journal of the History of Ideas 4/2000

Kukkonens Aufsatz hat drei interessante intellektuelle Anliegen. Zum einen macht sie den Leser mit einer spannenden metaphysischen Debatte zwischen dem Philosophen Averroes und dem Theologen Abu Hamid al-Ghazali bekannt. Beide tragen ihre Differenzen auf einem hohen logischen und argumentativen Niveau aus, das in der heutigen nicht-analytischen Diskussion nur noch selten anzutreffen ist.

Zweitens stellt sie höchst aufschlussreiche Bezüge zu aktuellen naturphilosophischen Debatten her, beispielsweise der Suche nach der „grand unified formula“ (theory of everything), also der Frage, ob es eine Theorie geben kann, die alles (im physikalischen Sinn) erklärt:

This has been said flatly to contradict Gödel’s incompleteness theorem, which states that any consistent formal system rich enough to contain arithmetic is necessarily incomplete, i.e., that not all true propositions expressible in it can be proved from its axioms. If the theorem is right (and it is) and the world needs for its expression a system of at least the strength of arithmetic (which seems likely), then the world contains features (actual or possible, it makes no difference) not deducible from the system. [S. 549]

Drittens schließlich beschäftigt sich Kukkonen am Rande auch mit der Frage, in welcher Epoche die Wurzeln des modernen Weltbilds liegen. Es spricht nach den neueren Forschungen immer mehr dafür, diesen geistesgeschichtlichen Einschnitt partiell von der Renaissance zurück ins Mittelalter zu verlegen, weil bereits damals wichtige geistige Konzepte der Neuzeit entwickelt worden seien. Als ein Beispiel dafür – die Beschäftigung mit möglichen Welten – kann die Autorin diese Debatte anführen.

Schiller über den richtigen Gebrauch der Zeit

Brief an Ludwig Ferdinand Huber vom 28. August 1787:

Glaube mir es steht unendlich viel in unserer Gewalt, wir haben unser Vermögen nicht gekannt – dieses Vermögen ist die Zeit. Eine gewißenhafte sorgfältige Anwendung dieser kann erstaunlich viel aus uns machen. Und wie schön wie beruhigend ist der Gedanke, durch den bloßen richtigen Gebrauch von Zeit, die unser Eigenthum ist, sich selbst, und ohne fremde Hilfe ohne Abhängigkeit von Außendingen, sich selbst alle Güter des Lebens erwerben zu können. Mit welchem Rechte können wir das Schicksal oder den Himmel darüber belangen, daß er uns weniger als andre begünstigte – Er gab uns Zeit und wir haben alles sobald wir Verstand und ernstlichen Willen haben mit diesem Kapitale zu wuchern.

Schillers Bücherwünsche als er sich in Bauerbach versteckt hielt

Brief an Wilhelm Friedrich Hermann Reinwald vom 9. Dezember 1782:

Sie waren so gütig meiner Bitte zuvorzukommen, und mir in meinen literarischen Bedürfnissen Vorschub zu versprechen. Ich bin also so frei Ihnen ohngefehr diejenigen Schriften zu merken, die mir zuerst einfallen, und meinen gegenwärtigen Wunsch am nächsten liegen. Sie sind:

Leßings kritische Schriften, also ohngefehr
Dramaturgie.
Theaterbibliotec.
Beiträge zur Litteratur.
Laokoon.

Homes Grundsätze der Kritik. Rammlers Bibliothek der Schönen Künste und Wißenschaften.
Robertsohns Geschichte von Schottland.
Shakespears Othello und Romeo und Juliette.
Smiths Theorie der Empfindungen.
D. Humes Geschichte Carls 1sten von Engelland.
Zimermann von der Erfahrung in der Arzneikunst.
Alexander Gerard über das Genie, und den Geschmak.
Mendelsohns, Sulzers, Garves [Philosophische Schriften].
Ouevres de Mons. l’Abbe St Real. (Denjenigen Teil wo die Geschichte des Don Carlos von Spanien vorkommt.)
Wielands Agathon.

und, wenn Sie welche haben,
Reisebeschreibungen –

Offenbar hat er genügend Bücher bekommen, um das Leben auf dem Dorf („dem barbarischen Bauerbach“) ohne geistige Schäden zu überstehen :-)

Clive Stroud-Drinkwater: Defending Logocentrism

Philosophy and Literature 1/2001

Schon der Titel des Aufsatzes* ist erfrischend.
Der Autor hat sich für eine interessante Taktik entschieden: Ludwig Wittgenstein, Donald Davidson und Thomas Kuhn sind drei Denker, deren Theorien regelmäßig für postmoderne Anliegen zweckentfremdet werden. Stoud-Dinkwater zeigt anhand von drei Beispielen, dass zentrale Ideen dieser Philosophen poststrukturalistischen Grundsatzpostionen widersprechen.

* Abstract

Bibliothek: Neuzugänge

Der Reclam Verlag hat sicher keinen Grund, sich über mich zu beklagen. Das hängt aber zu einem guten Teil mit seiner Monopolstellung zusammen. Gäbe es alternative Ausgaben, stünden sicher viel weniger dieser gelben Hefte in meiner Bibliothek. Laut Bibliotheksdatenbank befinden sich exakt 414 Reclam-Bücher in meinen Regalen.

  • O.A.W. Dilke: Maße und Gewichte in der Antike (Reclam UB; Mit 59 Abbildungen)
  • Pierre Corneille: Der Cid (Reclam UB; übersetzt von Arthur Luther)
  • Marivaux: Das Spiel von Liebe und Zufall (Reclam UB; übersetzt von Gerda Scheffel)
  • Madame de La Fayette: Die Prinzessin von Cleves (Reclam UB; übersetzt von Eva und Gerhard Hess)
  • Study: Human Genes Undercounted

    Nach dem Abschluss des Human Genome Projects bezweifelten einige Kritiker die gefundene Zahl der menschlichen Gene: 30.000 seien seltsam wenig. Wäre es möglich, dass Geschwindigkeit Vorrang vor Sorgfalt hatte?

    In der Tat ist die Unterscheidung zwischen sinnhaltigem genetischen Material (vulgo Gen) und dem zahlreich vorhandenen Genschrott auch mit den neuesten molekulargenetischen Methoden eine heikle Angelegenheit. Eine aktuelle Studie prognostiziert nun 42.000 Gene und dürfte die Diskussion weiter verschärfen [Wired.com].

    Ein “geflickter Lumpenkönig”

    In einem bisher unbekannten Brief von 1933 übt Thomas Mann Kritik an Hitler

    (APA) Frankfurt/Main – Einen bisher unbekannten, gegen das Naziregime gerichteten Brief des Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahr 1933 hat die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am Dienstag veröffentlicht. Darin setzt sich Mann kritisch mit der veränderten politischen Lage nach Hitlers Machtergreifung 1933 auseinander. Unter anderem bezeichnet er Hitler als einen „geflickten Lumpenkönig“, der „schauerliche Geschichtsfälschungen…ins Mikrophon bellen darf“. Die Deutschen seien so „märchenthöricht“, sich das gefallen zu lassen.

    Mann schrieb den Brief am 4. Februar 1933, wenige Tage nach der Machtergreifung, an den Historiker Eugen Fischer-Baling. Dieser, ebenfalls ein Hitler-Kritiker, hatte sich in seinem 1932 erschienenen Buch „Volksgericht“ mit den historischen Hintergründen des Ersten Weltkriegs beschäftigt. Der Schriftsteller brach eine Woche nach Verfassen des Briefes zu einer Vortragsreise nach Amsterdam, Brüssel und Paris auf. Anders als geplant kehrte er von dieser Reise nicht nach Deutschland zurück; sie führte ihn ins Exil in die Schweiz und später in die USA.

    Der Brief stammt nach Angaben von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners aus dem Nachlass des 1964 gestorbenen Fischer-Baling und war bisher nicht veröffentlicht worden. Die ersten bisher bekannten Äußerungen Manns gegen das Dritte Reich stammen aus einem Brief von 1937.

    Bibliothek: Neuzugänge

  • Einhard: Vita Karoli Magni / Das Leben Karls des Großen (Reclam UB, Lateinisch/Deutsch)
  • Seneca: Medea (Reclam UB; Lateinisch / Deutsch)
  • Thieme, Paul (Hrsg.): Gedichte aus dem Rig-Veda (Reclam UB; Teil der UNESCO Sammlung repräsentativer Werke)
  • Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie (Reclam UB bzw. Reclam gebunden; preiswertes Büchlein (5.-) eines analytischen Philosophen)
  • Munish B. Schiekel: Dhammapada – die Weisheitslehren des Buddha (Herder Spektrum; Vorwort von Thich Nhat Hanh, wer immer das sein mag :-))
  • Norbert Niemann: Schule der Gewalt. Roman

    Hanser Verlag

    Nach dem gelungenen Debüt „Wie man’s nimmt“ griff ich gespannt zu dem noch druckfrischen zweiten Roman des Autors. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte, denn das Buch ist völlig missglückt. Offensichtlich am Reißbrett entworfen, reiht Niemann pauschal ein Klischee über Jugend und Popkultur* an das nächste, vieles davon nur behauptet statt gezeigt.

    Das Buch ist mit literarisch kaum verarbeiteten sozialen Problemen zugeschüttet, ein ästhetisch plausibles Konzept ist auch bei intensiver Suche nicht aufzufinden.
    Warum sich ein Deutschlehrer in seinen Aufzeichnungen sprachlich am Jugendjargon orientiert, ist unschlüssig. Die Existenznöte eines frustrierten Lehrers wurden literarisch auch schon um viele Klassen besser dargestellt. Man denke nur an „Zündels Abgang“ von Markus Werner. Alles in allem ein ärgerliches Buch, vor dessen Lektüre ich nur warnen kann.

    (*) Mir selbst ist die Popkultur völlig fremd, und normalerweise begrüße ich jede Kritik daran.

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    Aktuell in Arbeit

    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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