Joseph Epstein: The Great Bookie Mortimer Adler

Knapp hundertjährig starb Ende Juni Mortimer J. Adler Mortimer J. Adler, der maßgeblich an der letzten Revision der Encyclopeadia Britannica beteiligt war, eine der größten lexikographischen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Auf Adlers Anregung basiert vor allem die strukturelle Aufteilung der Wissensgebiete, wie man sie in der Propeadia nachlesen kann, einer einzigartigen Kombination aus Gliederung & Inhaltsangabe für eine Enzyklopädie. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, sich einen umfassenden Überblick über ein neues Sachgebiet zu erarbeiten.

Auch „The Great Books of the Western World“, eine monumentale Anthologie wichtiger Werke der Geistesgeschichte in 54 Bänden wurde von Adler publiziert. Durch sein Engagement für die Lektüre von „Great Books“ wurde er zu einem der bekanntesten Verfechter des klassischen Kanons.

Epstein zeichnet in seinem ausführlichen Nachruf allerdings ein wenig vorteilhaftes Bild des Philosophen. Vor allem Charakterschwächen Adlers haben es ihm angetan, seine Leistung rund um die neue Britannica würdigt er kaum. Es ist sicher richtig, dass Adler kein bedeutender Philosoph im traditionellen Sinn des Wortes war: Er leistete kaum Beiträge zu neuen Erkenntnissen. Trotzdem war sein Streben, umfassende Wissensvermittlung auf hohem intellektuellen Niveau für ein möglichst breites Publikum zu erreichen, klassisch aufklärerisch.

Ein Trost zu wissen, dass Adler fast 100 Jahre alt wurde, so war ihm deutlich mehr Zeit zur Lektüre seiner „Great Books“ vergönnt, als dem durchschnittlichen Sterblichen zur Verfügung steht.

Buch-Hinweise:

  • Mortimer J. Adler; Charles van Doren: How to Read a Book. The Classical Guide to Intelligent Reading (New York 1972)
  • Mortimer J. Adler: Six Great Ideas (New York 1981)
  • Mortimer J. Adler: Philosopher at Large. An intellectual Autobiography 1902 – 1976 (New York 1977)
  • Antike im Web (4): Classics Doctoral Student Finds Bones…

    …That Prove Homer Was Right About Sacrifices“

    Lange war es umstritten, ob Homers Beschreibungen der griechischen Opfer-Rituale authentisch sind oder erst nachträglich in die Epen eingefügt wurden. Nun scheinen neue archäologische Erkenntnisse zu belegen, dass Homers Beschreibungen tatsächlich zeitgenössische Bräuche schildern. Siehe Science Daily vom 23. 1. 2001.

    Agota Kristof: Der Beweis. Roman

    Serie Piper (Amazon Partnerlink)

    „Der Beweis“ folgt dem Roman „Das große Heft“ als Mittelteil der Trilogie. Kristof beschreibt das trostlose Leben in einer osteuropäischen Kleinstadt nach dem 2. Weltkrieg. Die emotionslose, fast nur aus kurzen Hauptsätzen bestehende Sprache steht in starkem Kontrast zur Handlung, vor allem zur Gefühlswelt der Figuren. Zur Sprachknappheit passend die Zeitstruktur: Zwischen kurzen Abschnitten vergehen Jahre. Alle Versuche der Figuren, die Trostlosigkeit der Welt zu überwinden, scheitern. Ein beeindruckendes Buch.

    Wichtige Neuerscheinungen

  • Terry P. Pinkard: Hegel. A Biography (Cambridge University Press; knapp 800 Seiten Hegel auf dem aktuellen Stand der Forschung. Wohl bekomms :-))
  • Alexander Nehamas: Virtues of Authenticity. Essays on Plato and Socrates (Princeton University Press; Nehmas ist ein kritischer Schüler von Gregory Vlastos, dem Begründer der analytischen Platon-Forschung)
  • Jill Gordon: Turning Toward Philosophy: Literary Device and Dramatic Structure in Plato’s Dialogues (Pennsylvania State University Press; Plato-Forschung aus literaturwissenschaftlicher Perspektive)
  • George Hoffmann: Montaigne’s Career (Clarendon Press; lesenswerte neue biographische Studie)
  • Hartmut Lange: Die Reise nach Triest. Novelle

    detebe (Amazon Partnerlink)

    Mein erstes Werk von Hartmut Lange, eine knapp komponierte Novelle. Ein schwer kranker Philosophieprofessor bemerkt, dass seine Familie bereits begonnen hat, seinen Tod zu planen. Während einer Italienreise „verschwindet“ er spurlos. Langes Erzählkunst besteht in der präzisen Knappheit des in kurzen Abschnitten Geschilderten. Der Leser erfährt nur das Notwendigste, um die psychologische Tragweite des Geschehens verstehen zu können. Lange setzt also gezielt Leerstellen ein, weshalb sich viel im Kopf des Lesers abspielt, nicht im Text.

    Diese ästhetische Herangehensweise ist plausibel und macht neugierig auf weitere Werke des Autors.

    Bibliothek: Neuzugänge

  • Markus Werner: Der ägyptische Heinrich (dtv; gerade als TB erschienen)
  • Marbacher Magazin 94/2001 (Hermann Broch 1886 – 1951. Eine Chronik; Dt. Schiller-Gesellschaft Ausstellungskatalog; bearbeitet von Paul Michael Lützeler)
  • Philosophy and Literature 1/2001: Art and Pornography (John Hopkins University Press; eine Reihe interessanter Aufsätze, u.a. zur Literaturtheorie)
  • Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf (Reclam UB; hrsg. von Maria Wagner-Egelhaaf)
  • Christian Meier: Athen

    „Ein Neubeginn der Weltgeschichte“

    btb bzw. Siedler Verlag (Amazon Partnerlinks)

    Siebenhundert engbedruckte Seiten über die Geschichte Athens im 5. Jahrhundert v.C. zu schreiben, ist angesichts der zunehmenden Spezialisierung in der Geschichtswissenschaft ein bemerkenswertes Unterfangen. Die Monographie ist denn auch keine akademische Publikation, sondern versteht sich als ein „klassisches“ Werk der erzählenden Geschichtsschreibung.

    Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Christian Meier, Althistoriker in München, dafür Kollegenschelte einstecken musste. Nicht ganz zu Unrecht, verzichtet er doch komplett auf Anmerkungen. Auch eine Bibliographie sucht man vergebens, sieht man von Literaturhinweisen im Nachwort ab.

    Trotz dieser Kritikpunkte hat das Buch zahlreiche Verdienste. Zweifellos handelt es sich um einen der interessantesten und für die europäische Geschichte prägendsten Zeitabschnitte, so dass eine umfassende, allgemeinverständliche Darstellung eine wichtige Lücke schließt. Meiers Monographie behandelt Teile der Vorgeschichte und die Geschichte des klassischen Athens im Detail, analysiert die Sonderstellung Athens und versucht, die Ursachen für die Entstehung der Demokratie zu erläutern. Bei der Lektüre dieser erklärenden Passagen würde man sich oft eine klarere Thesenbildung wünschen, man hat manchmal den Eindruck, Meier umkreise wichtige Aspekte, ohne sie direkt anzusprechen.

    Eine Stärke des Buches ist die Einbeziehung der Tragödien und Komödien. Meier bettet die Stücke in den historischen und sozialen Kontext ein, versteht sie als Reaktion auf aktuelle politische Ereignisse, und erzielt dadurch oft (nicht immer) einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Demgegenüber kommt die geistesgeschichtliche Dimension (besser: Revolution) viel zu kurz. Die Bedeutung der griechischen Philosophie und Wissenschaft auf die Weltgeschichte hätte eine ebenso umfangreiche Behandlung verdient wie die Herausbildung der ersten Demokratie.

    Insgesamt neigt sich die Waagschale jedoch zum Positiven, die vielen Lesestunden lohnen sich durchaus. Dem deutschen Buchmarkt wären viele vergleichbare Publikationen zu anderen wichtigen historischen Themen zu wünschen.

    Nabokov: Pnin

    rororo (Amazon Partnerlink)

    Es ist erfreulich, dass die von Dieter E. Zimmer sorgfältige übersetzte und kommentierte Werkausgabe nach und nach als Taschenbuch erscheint, zumal Rowohlt sich in der letzten Zeit nicht durch verlegerische Großtaten auszeichnet.
    Bis jetzt konnte ich mich zu keinem endgültigen Urteil über „Pnin“ durchringen, dazu ist der Roman in meinen Augen ästhetisch zu ambivalent. Vor allem die intendiert eigenartige Erzählperspektive bedürfte einer ausführlichen Analyse. Auf den ersten Blick schildert ein Ich-Erzähler Ausschnitte aus dem Leben eines schrulligen russischen Professors, der als Exilant an einer amerikanischen Provinzuniversität lehrt.

    Das Erzählte ist wesentlich detaillierter als dem Ich-Erzähler bekannt sein könnte, der Vorwurf eines fehlerhaft konstruierten allwissenden Ich-Erzählers läge nahe. Selbstverständlich macht ein Nabokov keine solchen Fehler, sondern verfolgt mit dieser Struktur bestimmte Ziele, nämlich einerseits den Leser zu verunsichern, andererseits (mindestens) eine zusätzliche Ebene in den Roman einzuführen: Die Beziehung zwischen der fiktiven Figur Pnin und dem fiktiven Erzähler, dem es nicht gelingt, Pnin so kauzig darzustellen, wie beabsichtigt. Letztendlich setzt sich Pnin gegen seinen Schöpfer durch und gewinnt die Sympathie des Lesers. Man könnte auch sagen, Nabokov verbündet sich als Autor mit seiner Figur gegen seinen Erzähler.

    Trotzdem (oder deshalb?) wirkt der Roman auf mich sehr artifiziell im negativen Sinn des Wortes. Vor allem die existenzielle Dimension in Pnins Biographie kommt zu kurz, aber auch Pnins Intellektualität hätte mehr geistigen Raum verdient.

    Links:

  • International Vladimir Nabokov Society
  • Nabokov Mailingliste
  • Bibliothek: Neuzugänge

  • Hartmut Lange: Die Reise nach Triest (detebe, Zürich 1993)
  • Agota Kristof: Der Beweis (Serie Piper; 2. Band der Trilogie)
  • Jörn Göres (Hrsg.): Goethes Leben und Werk in Bildern (Insel Verlag; ein Geschenk)
  • Antike im Web (3): Sparta

    Die Seiten verschaffen einen grundsätzlichen Überblick über Sparta. Ergänzt werden die Informationen durch Bildmaterial, z.B. über Spartas Acropolis.

    Laconian Professionals: Sparta Introduction

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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