Encyclopaedia Britannica: Historische Artikel

In der letzten Zeit lese ich wieder verstärkt in der Britannica, die sich als Enzyklopädie vom großen Brockhaus unter anderem dadurch unterscheidet, dass man in der Macropaedia viele Artikel in Buchlänge zu buchstäblich allen Wissensgebieten findet.
Die Britannica ersetzt also eine kleine Bibliothek. Der kürzlich von mir gelesene Artikel über die „Roman Civilization“, entspricht etwa 250 Buchseiten und ist von einer Qualität, die man zwischen zwei Buchdeckeln erst nach längerem Suchen finden würde. Geschrieben von mehreren Spezialisten wirkt er stilistisch trotzdem einheitlich und erweist sich (im Gegensatz zum „normalen“ Lexikonartikel) als hervorragend lesbar.

Es ist nicht in erster Linie die Sachkompetenz der Verfasser, auf welche die außergewöhnliche Qualität dieser Artikel beruhen, sondern der regelmäßige Wechsel der Perspektiven. Kondensierte erzählte Geschichte, oft wohltuend pointiert wiedergegeben, wechselt mit abstrakter Einordnung des Geschehens in weltgeschichtliche Zusammenhänge, wobei kulturelle und ökonomische Faktoren nicht zu kurz kommen.

Als dritte Ebene kommt noch die Forschungsperspektive hinzu. Anstatt eine Theorie zu vertreten, werden divergierende Forschungsauffassungen präsentiert, womit der Leser en passent einen Einblick in die Kontroversen des Fachgebiets erhält.
Es dürfte also kaum bessere Möglichkeiten geben, sich mit den historischen Grundlagen einer Epoche oder eines Landes vertraut zu machen, als die Macropaedia. Das gilt selbstverständlich auch für viele andere Wissensgebiete, weshalb die Britannica in keiner Bibliothek fehlen sollte!

Erwähnt sei noch, dass der Artikel über „Greek Civilization“ etwa 90 Buchseiten länger ist als der über die römische, eine plausible Schwerpunktsetzung, wie ich meine.

John Osborne: Der Entertainer

Burgtheater 13.2.03
Regie: Karin Beier
Billy Rice: Martin Schwab
Jean Rice: Alexandra Henkel
Archie Rice: Karlheinz Hackl

Die passionierten Theatergänger wissen es: Selbst in einer Theaterstadt wie Wien sind von zehn Aufführungen fünf (im guten Sinn) mittelmäßig, vielleicht drei gut oder sehr gut, und zwei katastrophal schlecht. In die letzte Kategorie fällt diese Inszenierung, nach deren erster Hälfte ich das Burgtheater fluchtartig verlassen habe.

Karin Beier, die am Burgtheater schon Schillers ohnehin fragwürdige „Jungfrau von Orleans“ ruinieren durfte, stellt Osbornes einst höchst erfolgreiches Stück in einer peinlichen Oberflächlichkeit auf die Bühne, die dem Drama jegliche psychologische Substanz entzieht.

Nach dem unsäglichen „Cyrano de Bergerac“ war das bereits der zweite ästhetische „Aussetzer“ des Burgtheaters in dieser Saison, und man fragt sich, ob Direktor Klaus Bachler die Theaterkatastrophen eigentlich kennt, die er in seinem Haus geschehen läßt.

Das Ärgerlichste dabei ist – zumindest beim „Entertainer“ – die unglaubliche Verschwendung schauspielerischer Fähigkeiten. Karlheinz Hackl und Martin Schwab hätten wahrlich besseres verdient, als ihre Fähigkeiten offenkundig unbegabten Regie“talenten“ opfern zu müssen.

Bibliothek: Neuzugänge

  • Hans Wolfgang Müller; Eberhard Thiem: Die Schätze der Pharaonen (Weltbild bzw. Battenberg; für 8 Euro ein schöner Bildband)
  • Ingrid Nowel: Berlin. Die neue Hauptstadt. Architektur und Kunst, Geschichte und Literatur (Dumont Kunstreiseführer; als Vorbereitung für eine Berlin-Reise gedacht)
  • Die Geschichte der Kindheit

    In den sechziger Jahren vertrat Philippe Ariès sehr erfolgreich die These, dass die Kindheit eine moderne Erfindung sei, frühestens seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar. Diese Auffassung wurde schnell historischer common sense, obwohl man die „Falschheits-Wahrscheinlichkeit“ so undifferenzierter Behauptungen schon damals hätte erkennen können.

    Eamon Duffy beschäftigt* sich in der New York Review of Books Nr. 20/2002 mit mehreren aktuellen Büchern, die diese These durch eine Fülle von Material widerlegen, etwa „Medieval Children“ von Nicholas Orme (Yale University Press):

    All of Ariès’s central contentions about medieval children, Orme thinks, are demonstrably false, from the alleged lack of affection between medieval parents and children to the absence of a distinctive culture of childhood, with special games, literature, clothing and toys […] the book is an almost overwhelming refution of Ariès, demonstrating by the use of a wide range of the surviving medieval material the deep continuities of the human experience of youth and growth.

    Worauf Duffy in seinem Aufsatz nicht eingeht, was aber eine Erwähnung verdient, ist die Tatsache, dass die Verbreitung einer so fragwürdigen These wie die des Ariès nur in einer geisteswissenschaftlichen Kultur möglich ist, welche die Ergebnisse der Naturwissenschaften völlig ignoriert. Die Evolutionsbiologie weiß seit langem um die Besonderheit der Eltern-Kind-Beziehung, weshalb die Theorie des französischen Historikers schon auf biologischer Ebene unhaltbar ist.

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Verdi: Rigoletto

    Staatsoper 8.2.
    Regie: Sandro Sequi
    Dirigent: Vjekoslav Sutej
    Rigoletto: Franz Grundheber
    Herzog von Mantua: Roberto Aronica
    Gilda: Stefania Bonfadelli

    Zwar zähle ich mich nicht zu den großen Freunden der italienischen Oper, sondern bevorzuge die deutschsprachige Spielart der Gattung (von Mozart über Wagner und Richard Strauss zu Alban Berg). Trotzdem setze ich mich ab und zu gerne dem Belcanto-Spektakel aus, das an der Wiener Staatsoper auf hohem Niveau geboten wird.

    Franz Grundheber gab einen stimmlich sehr souveränen Rigoletto samt aller notwendigen emotionalen Schattierungen. Das Orchester der Wiener Staatsoper (=Wiener Philharmoniker) spielte ungewöhnlich übermütig und der Chor der Wiener Staatsoper war mindestens so gut in Form wie der hervorragend disponierte Chor der Wiener Stadthuster.

    Die Inszenierung war konservativ auf hohem Niveau, d.h. Bühnenbild und Kostüme waren mit dem üblichen großen Aufwand „realistisch“ wiedergegeben. Ein musikalisch sehr erfreulicher Abend.

    Über das Verhalten von Großmächten

    Ein Kommentar zum Irak-Konflikt

    Toward the end of the 5th century, while Rome and the Latins were still defending themselves against the Volsci and the Aequi the Romans began to expand at the expense of the Etruscan states. Rome’s incessant warfare and expansion during the republic has spawned modern debate about the nature of Roman imperialism. Ancient Roman historians, who were often patriotic senators, believed that Rome always waged just wars in self-defense, and they wrote their accounts accordingly, distorting or suppressing facts that did not fit this view.

    The modern thesis of Roman defensive imperalism, which followed the ancient bias, is now largely discredited. Only the fighting in the 5th century BC and the later wars against the Gauls can clearly be so characterized. Rome’s relentless expansion was more often responsible for provoking its neighbors to fight in self-defense. Roman consuls, who led the legions into battle, often advocated war because victory gained them personal glory

    […]

    Though the Romans did not wage wars for religious ends they often used religious means to assist their war effort. The fetial priests were used for the solemn official declaration of war. According to fetial law, Rome could enjoy divine favour only if it waged just wars – that is, wars of self-defense. In later practice, this often simply meant that Rome maneuvered other states into declaring war upon it. Then Rome followed with its declaration, acting technically in self-defense; this strategy had the effect of boosting Roman morale and sometimes swaying international public opinion.

    [Britannica, Volume 20, Greek and Roman Civilizations, S. 285f.]

    Bücherfrühling (9): Kröner, Reclam

    Kröner bringt nur vier Novitäten, auf Reclam ist jedoch wie immer Verlass. So wird eine neue zwölfbändige Reihe innerhalb der Universal-Bibliothek über Epochen der Kunst erscheinen.

  • Thomas Koebner (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Films (Reclam, 03/02; 40 Euro; 730 Seiten)
  • diverse Autoren: Epochen der Kunst in 12 Bänden (Reclam UB, 04/02 (Band 1: Frühchristliche und byzantinische Kunst); je 7 Euro; vom Frühchristentum bis zur Gegenwart)
  • Walahfrid Strabo: De cultura hortorum / Über den Gartenbau (Reclam UB 06/02; 3,60 Euro)
  • Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey (Reclam UB 06/02; 5,10 Euro; neue Studienausgabe)
  • Manfred Fuhrmann: Bildung. Europas kulturelle Identität (Reclam UB 04/02; 2,60 Euro)
  • Augustinus: Die christliche Bildung (Reclam UB 08/02; 7,60 Euro)
  • Wolfgang Röd: Benedictus des Spinoza. Eine Einführung in sein Denken aus dem Geist der Geometrie (Reclam UB 06/02; 9,60 Euro)
  • Markus Kirchhoff: Häuser des Buches. Bilder jüdischer Bibliotheken (Reclam Leipzig 04/02; 25 Euro)
  • Tennessee Williams: Die Nacht des Leguan

    Akademietheater 6.2.03
    Regie: Peter Zadek
    Maxine Faulk: Eva Mattes
    Shannon: Ulrich Tukur
    Hannah Jelkes: Angela Winkler

    Man sollte meinen, knapp vier Stunden Theater seien genug, um sich ein Urteil über ein Stück zu bilden. Weit gefehlt. Im Viertelstundenrhythmus änderte sich mein Eindruck. Fest steht jedenfalls: Das Werk trägt keine vier Stunden Theater. Außerdem ist es „mittelmäßig“, was weniger negativ gemeint ist, als es klingt.

    Die Schwächen des Stücks sind ziemlich offensichtlich: Die auf der Bühne zur Sprache kommende Psychologie und „Philosophie“ ist erstaunlich platt, die dazu gehörige Symbolik (etwa der Leguan) von einer enervierenden Aufdringlichkeit. Je abstrakter die Dialoge werden, desto dümmer die Inhalte.

    Trotzdem sind die Figuren, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig analysieren, psychologisch interessant. Man kann Williams nicht vorwerfen, er verstünde es nicht, komplexe Charaktere auf die Bühne zu stellen.

    An der Inszenierung gibt es wenig auszusetzen. Peter Zadek hat eine ziemlich realistische Urwaldhütte auf die Bühne stellen lassen. Schauspielerisch war sie von einer Qualität, wie man es sich im Burgtheater immer wünschte.

    Fazit: Ein mittelmäßiges Stück in einer sehr guten Aufführung. Es war mein erster Kontakt mit Tennessee Williams und derzeit verspüre ich kein Bedürfnis, diese Bekanntschaft zu vertiefen.

    Avicenna

    Zufällig oder nicht: Es ist durchaus ein Signal, wenn in „Spektrum der Wissenschaft“ (1/03) in Zeiten, in denen der Islam gerne mit fanatischer Dummheit gleichgesetzt wird (so als sei das Christentum als Religion weniger idiotisch), ein ausführlicher Artikel über den arabischen Gelehrten Avicenna (980-1037) zu lesen ist. Damals stand die arabische Kultur in hoher Blüte, während die Europäer einen vergleichsweise barbarischen Eindruck abgaben.

    Autor des Beitrags (Titel: „Ein Muslim im Kirchenfenster“) ist Gotthard Strohmaier, der auch ein Buch über Avicenna schrieb.

    Museum für moderne Kunst

    Gerade aus dem Wiener Mumok zurückkommend, frage ich mich, ob die 9 Euro wirklich gut investiert waren. Zwar hat das Museum einige sehr schöne Werke vorzuweisen (2 Skulpturen Giocomettis etwa, auch andere „große“ Namen fehlen nicht), die jedoch angesichts der heterogenen Sammlung etwas verloren wirken. Überhaupt sind die Exponante im Besitz des Hauses nicht dazu geeignet, eine Entwicklung der modernen Kunst zu dokumentieren, dazu bräuchte es einen wesentlich größeren Bestand. Eine Ausnahme stellt der Wiener Aktionismus dar, der (mehr oder weniger) repräsentativ vertreten ist.

    Eine Sonderaustellung würdigt derzeit Heimo Zobernig, dessen Werke so heterogen sind, dass sie ironischerweise gut zur permanenten Ausstellung passen.

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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