Adorno und der “Positivismus”

Adorno genießt wieder zunehmendes Ansehen, was wohl damit zusammenhängt, dass unpräzises Assozieren mit punktueller verbaler Brillanz in hohem Ansehen bei Leuten steht, die nie einen elementaren Logikkurs besuchten.

Unerträgliche Begriffsdehnungen wie ‚Aufklärung‘ in „Dialektik der Aufklärung“, dessen Extension von den Taten des Odysseus bis zu den Konzentrationslagern reicht, führt immer noch zu Bewunderungsausbrüchen anstatt zu Kopfschütteln. Ein besonders gutes Beispiel für mangelnde intellektuelle Redlichkeit ist der sogenannte „Postivismusstreit“, der gegen Karl Popper angestrengt wurde, ohne entweder dessen Theorien nur ansatzweise verstanden zu haben, oder den Begriff ‚Postivismus‘ aus polemischer Absicht völlig sinnleer zu gebrauchen.

Sehr gut fasst Ian Hacking dies in seiner „Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften“ zusammen:

Auf Popper treffen nicht genug der von mir aufgezählten Merkmale […] zu, um ihn einen Positivisten zu nennen. Mit Bezug auf theoretischen Entitäten ist er Realist, und überdies ist er der Meinung, daß sich die Wissenschaft bemüht, Erklärungen und Ursachen ausfindig zu machen. Die fixe Idee der Positivisten, die auf Beobachtungen und ungeschminkte Sinnesdaten aus sind, liegt Popper fern.

Im Gegensatz zu den logischen Positivisten ist er der Ansicht, daß sich die Bedeutungstheorie katastrophal auf die Wissenschaftsphilosophie auswirkt. Freilich, er definiert die Wissenschaft als Klasse überprüfbarer Sätze, doch ist er weit davon entfernt, die Metaphysik zu diffamieren. Vielmehr hält er die unüberprüfbare metaphysische Spekulation für ein erstes Stadium der Aufstellung kühner Mutmaßungen, die einer Prüfung eher zugänglich sind.
[Stuttgart 1996, S. 80]

Diese Ansichten formulierte Popper in sehr stringenten, allgemeinverständlichen Publikationen. War das wirklich so schwer zu verstehen?

Bibliothek: Neuzugänge

  • Franz Werfel: Verdi. Roman der Oper (Aufbau, 1986; via Booklooker bzw. Fischer TB)
  • Sabine A. Döring: Ästhetische Erfahrung als Erkenntnis des Ethischen. Die Kunsttheorie Robert Musils und die analytische Philosophie (mentis; erschienen in der von Harald Fricke hrsg. Reihe Explicatio; via Booklooker)
  • Journal of the History of Ideas 1/2003 (John Hopkins University Press; Schwerpunkt: Early Modern Information Overload; Freedom and Autonomy in Schiller; Pieter Bruegel)
  • Musil Forum 23./24. Jhg. (Int. Robert-Musil-Gesellschaft; diverse Aufsätze, Musil-Biographie)
  • “Faust” auf dem Theater

    Ruth Heynen rezensiert die von Hans-Peter Bayerdörfer herausgegebene Aufsatzsammlung „Im Auftrieb. Grenzüberschreitungen mit Goethes Faust in Inszenierungen der neunziger Jahre“.

    Verdi: Otello

    Staatsoper 28.5.
    Regie: Peter Wood
    Dirigent: Marcello Viotti
    Otello: Clifton Forbis
    Jago: Renato Bruson
    Desdemona: Miriam Gauci

    Musikalisch hervorragenden, szenisch erzkonservativ, also eine „klassische Staatsopern-Oper“. Die Sänger und Sängerinnen waren alle sehr gut disponiert, vor allem Clifton Forbis‘ Otello war differenziert und wohlklingend.
    Die Inszenierung war gewohnt aufwändig, was Bühnenbild, Kostüme und Statisten angeht. Opernästhetisch besteht allerdings gewaltiger Nachholbedarf in Wien. Das musikalische Niveau dagegen dürfte nur von wenigen Häusern weltweit zu überbieten sein.

    Anthropologische Differenzen

    Die BBC berichtet über eine Debatte unter Anthropologen, die durch eine (angeblich) 400.000 Jahre alte Skulptur ausgelöst wurde.

    Die Brüder Karamasow

    Viele warten auf die neue Übersetzung dieses Romans durch Swetlana Geier, nun ist es bald so weit. Laut Ammann Verlag erscheint sie im September. Zwei Leinenbände im Schuber werden 78 Euro kosten.

    Addendum Dez. 2009: Seit 2006 gibt es auch eine Taschenbuchausgabe (Fischer).

    Tom Stoppard: Das einzig Wahre

    Theater in der Josefstadt 24.5.03
    Regie: Beverly Blankenship

    Diess Theateraufführung läßt sich ausgezeichnet mit einem Adjektiv beschreiben: lähmend. Von den acht von mir besuchten, meist beachtlichen Inszenierungen dieser Spielzeit war das der absolute josefstädter Tiefpunkt , was alles in allem ja ein akzeptabler Schnitt ist. Über das Stück zu urteilen fällt mir schwer, vermutlich wäre es mit einer gelungenen Regie akzeptabel, auch wenn die Dialoge und Pointen nur selten das Niveau der besseren Woody-Allen-Filme erreichen, die in etwa im selben intellektuellen Milieu spielen. Die lähmende Wirkung stand übrigens in einem erstaunlichen Gegensatz zur Umtriebigkeit auf der Bühne.

    Keinesfalls ansehen!

    Über die Gefahren der “Alternativ”medizin

    Zahlreiche seltsame „Therapien“ finden sich im Angebot. Immer mehr Ärzte bieten aufgrund der Nachfrage immer seltsamere „Heilverfahren“ an, obwohl sie hinreichend gut ausgebildet sein sollten, um die Wirkungslosigkeit dieser esoterischen Angebote verstehen zu können.

    Nun könnte man die Meinung vertreten, dass es jedem Kranken freisteht, sich durch Heilungsverfahren zu schädigen, die schon aus naturgesetzlichen Gründen gar nicht wirken können (wie die Homöpathie). Ein kurzer Blick auf die Medizingeschichte zeigt ohnehin, dass Patienten zu den seltsamsten Verhaltensweisen neigen.

    Leider ist es nicht ganz so einfach, was sich am Beispiel des Impfverhaltens zeigt. Die Impfraten sinken aufgrund der (statistisch leicht widerlegbaren) Propaganda von Alternativ“medizinern“ immer mehr. Zahlreiche Eltern sind so verantwortungslos und lassen ihre Kinder nicht mehr impfen. Sie schaden damit nicht nur ihrem eigenen Nachwuchs, sondern gefährden durch diese irrationale Kurzsichtigkeit auch ihre Mitmenschen. So traten nun nach mehreren Jahren wieder Fälle von Kinderlähmung in Europa auf. Ein Beleg dafür, dass die Alternativmedizin, nicht nur nichts nützt, sondern gravierende Schäden anrichtet.

    (vgl. Spektrum der Wissenschaft 4/2003, Editorial)

    Doderer: Ein Mord den jeder begeht. Roman

    dtv (Amazon Partnerlink)

    Doderer hat dieses 1939 erschienene Buch zu seinen Jugendwerken gezählt. Der Titel deutet einen Kriminalroman an, aber schon die ausführlich geschilderte Kindheit des Conrad Castiletz in Wien spricht gegen diese Rubrizierung.

    Daran ändert auch nichts, dass eine kriminalistische Pointe im Zentrum der Entwicklung des „Helden“ steht. Ein Held ist er nicht, der junge Castiletz, vielmehr ein klassischer Mitläufer mit einem gewissen Hang zum Sadismus. Zu dieser politischen Note trägt auch die eigenartig negative Atmosphäre bei, die den Roman durchzieht.

    Doderers Erzählkunst zeigt sich aber vor allem in der seiner sprachlich treffenden Schilderung des Innenlebens seines Helden. Sein Stil ist reich an unorthodoxen, aber trotzdem genauen Bildern und Vergleichen. Wirklich schade, dass Doderer nicht mehr als eine Handvoll Romane schrieb …

    Alexander Ostrowskij: Der Wald

    Burgtheater 8.5.03
    Regie: Tamás Ascher
    Kirsten Dene, Sven-Eric Bechtolf, Martin Schwab u.a.

    Diese russische Komödie aus dem Jahr 1871 gibt der Burgtheater-Prominenz die Möglichkeit, sich schauspielerisch auszutoben. Bechtolf spielt hervorragend einen drittklassigen Schauspieler, Martin Schwab einen kaum besseren Komiker, während Kirsten Dene als geizige Gutsbesitzerin brillieren darf.

    Das Stück selbst ist eine passable Komödie, angereichert durch handfeste Sozialkritik. Es ist allerdings weit von der psychologischen Subtilität, die Tschechow zwanzig Jahre später auf die Bühne brachte.

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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