Schlüsselroman des spanischen Barock

Oft werden an dieser Stelle die Verlage wegen ihrer zögerlichen Publikationspraxis kritisiert, weshalb die Ausnahmen besondere Erwähnung verdienen. So legt der Ammann Verlag einen opulenten spanischen Barockroman erstmals vollständig auf Deutsch vor, nämlich “Das Kritikon” des Baltasar Gracián. Martin Ebel stellt das Buch in einer ausführlichen Rezension vor.

John Updike: Bessere Verhältnisse

Angesichts des überragenden “Unter dem Astronautenmond” fällt der dritte Teil der Rabbit-Tetralogie etwas ab, was angesichts des hohen Ausgangsniveaus nicht als Kritik gemeint ist.

Im Zentrum des Romans steht, neben der tristen Alltagsschilderung des nun wohlhabenden Rabbit, der Konflikt mit dessen Sohn Nelson. Ästhetisch gibt es wenig Unterschiede zu den beiden Vorgängern, detaillierte Beschreibungen der Lebenswelt wechseln mit subtil durch erlebte Rede vermittelten psychologischen Regungen. Man erfährt viel über amerikanische Verhältnisse im allgemeinen und über das Ende der siebziger Jahre im speziellen. Eine beeindruckende und erschreckende Mentalitätsgeschichte des amerikanischen Kleinbürgertums.

John Updike: Bessere Verhältnisse (rororo)

Brockhaus multimedial 2002 Premium

Glaubt man diversen Rezensionen, wird die elektronische Ausgabe des Brockhaus immer besser. Erwähnt sei die überarbeitete Auflage hier aber aus einem speziellen Grund: Enthalten ist nämlich ebenfalls das Brockhaus Konversationslexikon von 1906, was sehr lobenswert ist und hoffentlich Nachahmer findet.

Frederick Crews: The New Attack on Evolution

The New York Review of Books 15 und 16/2001

Aus europäischer Perspektive wirkt der heftige Streit zwischen Darwinisten und Kreationisten in den USA ziemlich skurill. Es ist jedoch nachvollziehbar, dass es in Amerika dringend notwendig ist, sich dieser Bewegung der Gegen-Aufklärung publizistisch entgegenzustellen.

Nichts anderes macht Frederick Crews, wenn er sich mit einer neuen, sich gemäßigt gebenden Variante beschäftigt, der sogenannten Theorie des Intelligent Design, die zwar einige evolutionäre Vorgänge durchaus einräumt, aber Gott als Ursprung dafür postuliert.

Im ersten Teil diskutiert Crews eine Fülle von affirmativen Veröffentlichungen über diese “Theorie”. Selbstverständlich fällt es ihm leicht, auf die zahlreichen Argumentationsschwächen hinzuweisen:

The proper way to assess any theory is to weigh its explanatory advantages against those of every extant rival. Neo-Darwinian natural selection is endlessly fruitful, enjoying corroboration from an imposing array of disciplines, including paleontology, genetics, systematics, embryology, anatomy, biogeography, biochemistry, cell biology, molecular biology, physical anthropology, and ethology. By contrast, intelligent design lacks any naturalistic causal hypotheses and thus enjoys no consilience with any branch of science. Its one unvarying conclusion— “God must have made this thing”— would preempt further investigation and place biological science in the thrall of theology.

Even the theology, moreover, would be hobbled by contradictions. Intelligent design awkwardly embraces two clashing deities—one a glutton for praise and a dispenser of wrath, absolution, and grace, the other a curiously inept cobbler of species that need to be periodically revised and that keep getting snuffed out by the very conditions he provided for them. Why, we must wonder, would the shaper of the universe have frittered away thirteen billion years, turning out quadrillions of useless stars, before getting around to the one thing he really cared about, seeing to it that a minuscule minority of earthling vertebrates are washed clean of sin and guaranteed an eternal place in his company? And should the God of love and mercy be given credit for the anopheles mosquito, the schistosomiasis parasite, anthrax, smallpox, bubonic plague…? By purporting to detect the divine signature on every molecule while nevertheless conceding that natural selection does account for variations, the champions of intelligent design have made a conceptual mess that leaves the ancient dilemmas of theodicy harder than ever to resolve.

Der zweite Teil setzt sich allgemein mit neuen Publikationen über das Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft auseinander.

Klassiker-Verlage (5)

Längst hätte in dieser kleinen Reihe der Insel Verlag erwähnt werden müssen, der 1999 seinen hundertsten Geburtstag feierte und eine der schönsten klassischen Taschenbuchreihen verlegt, deren Bücher auch noch dann ansehnlich im Regal stehen, wenn gleich alte rororos längst vergilbt sind.

Berühmt bei bibliophilen Sammlern ist die Insel Bücherei. Insgesamt sind knapp 2500 Titel lieferbar, womit ein wesentlicher Teil der deutschen Klassiker-Publikationen abgedeckt ist. Die Neuerscheinungen der letzten Jahre waren vergleichsweise enttäuschend, wirklich spannende Titel ließen sich an einer Hand abzählen.

Hegel und die Sklaverei

…oder über die seltsamen Erklärungsansätze des Thomas Mießgang

(Literaturen 11/2001)

Es gibt einen intellektuellen Typus, der die einmal gelernten theoretischen Kategorien immer brav anwendet, egal wie unpassend oder anachronistisch sie bei nüchterner Betrachtung sind. Ist etwas erklärungsbedürftig, wird beispielsweise ein postmoderner Theoretiker aus seiner irrationalen Idylle gerissen und herbeizitiert. Darf es etwas Klassischeres sein, liegt auch Freud oder – wie in diesem Fall – Hegel nicht fern.

Mießgang schreibt eine Reportage über die ehemalige Sklaveninsel Gorée. Lobenswerterweise zitiert er einige wichtige Bücher zum Thema sowie den hier am 4. September empfohlenen Artikel von David Brion Davies. Doch sobald er das Vorgedachte verläßt und selbst zu denken anfängt, klingt das so:

Vielleicht kann man die Geschichte des internationalen Sklavenhandels als universalistische Großprojektion der Hegelschen Herr-Knecht-Dialektik verstehen: Wenn sich ein Muster in der Geschichte des Menschenraubs erkennen läßt, dann das eines unglücklichen, in sich entzweiten Bewusstseins, das sich nach der Synthetisierung sehnt. So [So?!; CK] entstanden gerade in jenen Nationen, deren Herren Millionen von Knechten produzieren, etwa in Großbritannien und den USA, Bewegungen, die die Sklaverei bekämpften und schließlich deren Abschaffung erzwingen konnten.

Um es mit Hegel zu sagen: es handelt sich um eine geschichtsteleologische Entwicklung hin zu einem vernünftigen Selbstbewusstsein, “das sich seiner selbst als der Realität gewiß ist”, da es erkennt, “daß alle Wirklichkeit nichts anderes ist, als es.” [S. 8]

So viel ontologischen Unsinn eines offenbar selbst sehr unglücklichen analytischen Bewusstseins, bedarf eigentlich keines Kommentars, ebensowenig die “Plattformen des Seins” , die auf der armen Insel “aus Mangel an geografischer Ausdehnung übereinander geschichtet werden.” (S. 10). Das sind die amüsanten Auswüchse einer intellektuellen Kultur, deren Vertreter bei komplexen Problemen immer sofort Hegel oder Freud einfallen, anstatt beispielsweise Frege oder Popper, von naturwissenschaftlichen Theorien ganz zu schweigen.

Thomas-Mann-Ausgabe erst im Frühjahr

Eine Mail von meinem Buchhändler:

Betreff: Subskription “Thomas Mann – Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe”

Sehr geehrter Herr Köllerer,

wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass sich der Erscheinungstermin der Subskription “Thomas Mann (GKFA)” auf Frühjahr 2002 verschoben hat. Grund dafür sind technische Probleme bei der Produktion.

Sobald der erste Band bei uns eintrifft werden Sie von uns benachrichtigt.

Mit freundlichen Grüßen

Es würde mich allerdings sehr wundern, wenn es sich tatsächlich um technische Probleme handelt, viel wahrscheinlicher ist, dass die Edition der ersten Bände länger dauert als geplant.

Addendum Jan. 2010: Die ersten Bände der GKFA [koellerer.de] erschienen schlußendlich im Juni 2002.

Bibliothek: Neuzugänge

  • Herodot: Historien (Kröner, kommentierte Ausgabe; gebunden)
  • Kenzaburo Oe: Stolz der Toten (Fischer TB; eines der wenigen lieferbaren Bücher des Nobelpreisträgers; Update Jan. 2010: Diese Situation hat sich mittlerweile zum Positiven verändert.)
  • Iwan Bunin: Der Herr aus San Francisco (Reclam UB; zweisprachige Ausgabe)
  • Iwan Bunin: Der Sonnenstich (Reclam UB; Übersetzer: Kay Borowsky)
  • Schiller über Goethe

    Brief an Christian Gottfried Körner vom 12. August 1787:

    Diese Tage bin ich auch in Göthens Garten gewesen beim Major v. Knebel seinem intimen Freund. Göthens Geist hat alle Menschen, die sich zu seinem Zirkel zählen, gemodelt. Eine stolze philosophische Verachtung aller Speculation und Untersuchung, mit einem biß zur Affectation getriebenen Attachement an die Natur und einer Resignation in seine fünf Sinne, kurz eine gewiße kindliche Einfalt der Vernunft bezeichnet ihn und seine ganze hiesige Sekte. Da sucht man lieber Kräuter oder treibt Mineralogie als daß man sich in leeren Demonstrationen verfinge. Die Idee kann ganz gesund und gut seyn, aber kann auch viel übertreiben.

    The House of Mirth

    Donizetti: Lucia di Lammermoor
    (Deutsche Grammophon 1993)
    London Symphony Orchestra / Ion Marin / Cheryl Studer / Placido Domingo

    Filmcasino 28.10.
    Regie: Terence Davies

    Eine Oper und ein Film? Die beiden haben wenig Gemeinsames und waren doch der Anlass für ein paar allgemeine Gedanken über Ästhetik, genauer über die künstlerische Darstellung von starken Gefühlen. Im Film melodramatische Momente hervorzurufen ist nicht schwer, spezielle Kunstmittel werden dazu nicht benötigt, die Rezeption diverser Leidenschaften setzt keine besondere Vertrautheit mit Kunst voraus.

    Anders bei der Oper. Hier wird dem Zuhörer die Kenntnis einer anspruchsvollen Kunstsprache, eines raffinierten ästhetischen Zeichensystems, abverlangt. Fehlt diese Erfahrung, werden auch die aufwühlendsten Opernszenen kühl und verständnislos rezipiert. Der Erregung großer Gefühle steht also eine komplexe Formensprache gegenüber, die im Laufe der Operngeschichte immer weiter verfeinert wurde. Das ist vermutlich die Erklärung dafür, dass ich mit exzessiven Gefühlen in Opern weniger Probleme habe als in Filmen, weil – auch in Autorenfilmen – oft mit ziemlich plumpen Methoden gearbeitet wird, um gewisse Effekte zu erreichen.

    Beinah hätte ich es vergessen: Der Film (nach dem Roman von Edith Wharton) konnte mich nicht überzeugen, die zahlreichen Hymnen in der Filmkritik sind schwer nachvollziehbar. Handwerklich solide gemachtes Kostümkino, mehr war nicht zu sehen. Die Interpretation der Oper ist musikalisch solide. Da ich keine Vergleichseinspielungen präsent habe, will ich es bei dieser Feststellung belassen.

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    "Stets profund und pointiert." (Diagonal vom 9. März 2013)

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