Thomas Mann: Briefe I. 1889 – 1913

Fischer Verlag (Amazon Partnerlink)

GFKA

Man hat es nicht leicht, wenn man sich intensiver mit deutschsprachiger Literatur beschäftigt. Ist man bei der Lektüre der Kafka-Briefe mit einem idiosynkratischen, krankhaft sensiblen Menschen konfrontiert, tritt einem bei der Lektüre der Briefe des jungen Thomas Mann nicht selten ein arroganter Schnösel entgegen.

Als Vielschreiber hatte TM darüber hinaus die Angewohnheit, viele (mehr oder weniger) geistreiche Sentenzen in Briefen an unterschiedliche Adressaten wortgleich zu wiederholen. Trotzdem lohnt es sich, den 800-Seiten-Band in die Hand zu nehmen. Man erfährt viel über die geistige Entwicklung des TM. Bis zur Jahrhundertwende beispielsweise wiederholt er kritiklos diverse Anschauungen seines Bruders Heinrich, bevor er nach und nach zu seiner eigenen Weltanschauung findet. Man stößt später auf sehr aufschlussreiche Briefe an Heinrich, in denen TM die Romanästhetik seines Bruders heftig kritisiert und seine eigene, in den „Buddenbrooks“ umgesetzte, verteidigt.

Was ist zur Editionsqualität eines der ersten Bände der GFKA zu sagen? Äußerlich fällt auf, dass der Kommentar (im Gegensatz zu den „Buddenbrooks“ und den „Essays I“) in den Textband integriert ist. Der Textteil ist solide editiert, auch handwerklich gibt es nichts an dem Buch auszusetzen. Die Auswahl der Briefe ist nachvollziehbar, viele davon werden hier zum ersten Mal abgedruckt, etwa viele Briefe an den Wiener Richard Schaukal.

Der Kommentar hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Offenbar konnten sich die Verantwortlichen nicht entscheiden, für welche Lesergruppen sie arbeiten. Das Resultat ist eine mitunter absonderliche Mischung von für Spezialisten interessanten Anmerkungen mit Banalitäten. Muss man einem Leser der Briefe des Thomas Mann wirklich erklären, wer Turgenjew oder Flaubert waren?

Bücher, die noch geschrieben werden müssen

Eines dieser Bücher müßte den Titel „Geschmacklosigkeiten der Neureichen. Eine Geschichte von der Antike bis in die Gegenwart“ tragen. Anlass zu diesem Gedanken gaben einige ausgedehnte Spaziergänge auf dem Semmering. Bis zum 1. Weltkrieg sind dort viele Villen gebaut worden, deren architektonische Geschmacklosigkeit manchmal einen Grad erreicht, dass man ihnen hohen Unterhaltungswert nicht absprechen kann.

Hermeneutische Abgründe

Wer glaubt, die schlimmsten methodischen Auswüchse der Hermeneutik gehörten inzwischen der Vergangenheit an, sollte besser nicht zu „How Milton Works“ greifen, dem jüngsten Opus des amerikanischen Star-Literaturwissenschaftlers Stanley Fish.

In der New York Review of Books 12/2002 zeigt sich John K. Leonard über dessen Vorgehensweise sehr verwundert*:

His chief instrument for doing this is a bizarre close reading that claims to find hidden meanings […] Most of Fish’s claims about Milton’s alleged puns […] are unconvincing and some just plainly preposterous.

Wenn Fish Verszeilen für seine Interpretation störend findet, erklärt er sie zum „pun“, einem Wortspiel, das eigentlich etwas völlig anderes meint:

But Fish writes that Milton’s words „cannot mean“ what they say; instead they must mean what Fish wants them to mean, even though the price of his lexical wrenching is that some words mean nothing at all […] The problem is that this method is to convenient. Whenever a difficulty arises in Milton’s texts, Fish triumps it by claiming to find not very credible puns.

Die Literaturwissenschaft wird methodisch erst dann erwachsen** sein, wenn solche Lächerlichkeiten unmöglich sind.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.
** Link führt auf einen Auszug meiner Dissertation

Bücherherbst 2002 (3): Böhlau

  • Richard von Dülmen: Poesie des Lebens. Eine Kulturgeschichte der deutschen Romantik (Böhlau, 2 Bände, je 30 Euro, Band 2)
  • Michael Zaremba: Johann Gottfried Herder. Prediger der Humanität. Eine Biographie (Böhlau, 25 Euro)
  • Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (5)

    dtv Bibliothek der Antike

    Die menschliche Verrohung, welche Kriege im Gefolge haben, ist ein guter Kandidat für ein historisches „Quasi-Gesetz“. Die Unterschiede über die Zeiten hinweg, sind vor allem technologisch bedingt. Das Grundmuster des Verhaltens ist dasselbe, ob vor ein paar Jahren in Bosnien oder vor zweieinhalbtausend Jahren in Griechenland.
    Die humane Tragödie des Krieges liegt als Basis-Thema der „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ zugrunde. Besonders explizit kommt Thukydides darauf bei der Eroberung von Kerkyra zu sprechen. Die Niederlage löst eine Selbsmordwelle und wilde Pogrome aus:

    […] die große Mehrzahl, die sich nicht [auf ein Gericht] eingelassen hatten, und nun sahen, was geschah, brachten im Heiligtum selbst sich gegenseitig um, manche erhängten sich an den Bäumen oder entleibten sich, wie jeder konnte. Sieben Tage lang seit der Ankunft Eurymedons und der sechzig Schiffe, solange er dablieb, mordeten die Kerkyrer jeden, den sie für ihren Gegner hielten; schuld gaben sie ihnen, daß sie die Volksherrschaft stürzen wollten, aber manche fielen auch als Opfer persönlicher Feindschaft, wieder andere, die Geld ausgeliehen hatten, von der Hand ihrer Schuldner. Der Tod zeigte sich in jederlei Gestalt, wie es in solchen Läuften zu gehen pflegt, nichts, was es nicht gegeben hätte und noch darüber hinaus. Erschlug doch der Vater den Sohn, manche wurden von den Altären weggezerrt oder dort selbst niedergehauen, einige auch eingemauert im Heiligtum des Dionysos, daß sie verhungerten.

    Nachdenklich anthropologische Reflexionen des Historikers (der auch ein großer griechischer Philosoph war) schließen sich an:

    So brach in ständigem Aufruhr viel Schweres über die Städte herein, wie es zwar geschieht, und immer wieder sein wird, solange Menschenwesen sich gleichbleibt, aber doch schlimmer oder harmloser und in immer wieder anderen Formen, wie es jeweils der Wechsel der Umstände mit sich bringt. Denn im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaften der Menge nach dem Augenblick.

    Propaganda im Krieg ist keine Erfindung der Moderne. Schon in der Antike wurde auch mit Worten (und deren Verdrehung) gekämpft:

    Und den bislang gültigen Gebrauch der Namen für die Dinge vertauschten sie nach ihrer Willkür: unbedachtes Losstürmen galt nun als Tapferkeit und gute Kameradschaft, aber vordenkendes Zögern als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Deckmantel einer ängstlichen Natur, Klugsein bei jedem Ding als Schlaffheit zu jeder Tat […] Wer schalt und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig.

    Es folgen zahlreiche Beispiele, welche die Verwilderung der Sitten belegen. In der Habgier sieht Thukydides eine der wichtigsten Ursachen dafür. Wie auch später in der Geschichte, sind es zuerst die Besonnenen, die daran glauben müssen:

    Und die geistig Schwächern vermochten sich meist zu behaupten; denn in ihrer Furcht wegen des eignen Mangels und der Klugheit ihrer Gegner, denen sie sich im Wort nicht gewachsen fühlten, und um nicht unversehens einem verschlagenern Geist in die Falle zu gehen, schritten sie verwegen zur Tat; die aber überlegen meinten, sie würden es schon rechtzeitig merken und hätten es nicht nötig, mit Gewalt zu holen, was man mit Geist könne, waren viel wehrloser und kamen schneller ums Leben.

    Damit ist die kleine Thukydides-Reihe zu Ende. Möge er viele neue Leser finden.

    Zwei neue Proust-Biographien…

    …stellt Andé Aciman in der New York Review of Books 12/2002 vor, nämlich „Marcel Proust: A Life“ von Jean-Yves Tadié(Viking/Penguin) und ein Buch mit dem gleichen Titel von William Carter (Yale University Press). Beide können den Rezensenten nicht wirklich überzeugen, allerdings haben sie ihn veranlasst einen ausführlichen, lesenswerten Aufsatz über Proust zu schreiben.

    Bibliothek: Neuzugänge

  • Augustinus: Die christliche Bildung (De doctrina Christiana) (Reclam UB; druckfrisch; übersetzt von Karla Pollmann)
  • Voltaire: Candide und der Optimismus (Hanser, gebunden bzw. dtv; neu übersetzt von Wolfgang Tschöke)
  • Klaus Reichold: Bauwerke, die Geschichte schrieben (Bechtermünz; schöner Bildband für 10 Euro)
  • John Updike: More Matter. Essays and Criticism (Knopf bzw. Ballantine; schwergewichtig, gebunden)
  • Arno Schmidt: Gelehrtenrepublik

    Haffmans bzw. Fischer TB (Amazon Partnerlink)

    Nicht zu den Schmidt-Exegeten gehörend, bin ich eigentlich wenig berufen, Kluges über ihn zu schreiben. Daher ein paar Banalitäten: anspielungsreich, originell & so völlig anders (BRD! 50er Jahre!), unterhaltsam.

    Klassiker-Verlage (23): The Library of America

    Ebenfalls eine hervorragende Quelle für gute Klassiker-Ausgaben, so sagt man mir. Selbst überprüfen konnte ich es nicht, die Informanten aber sind verläßlich. Die Auswahl könnte etwas umfangreicher sein. Werde mich bald selbst von der Qualität der Reihe überzeugen.

    Jonathan Franzen: Die Korrekturen

    Rowohlt bzw. rororo

    „Literarische Sensation“ war beinahe noch zurückhaltend, die Literaturkritik überschlug (und überschlägt) sich mit Superlativen. John Updike und Philip Roth reichen als Referenz nicht aus, von den Klassikern des 19. Jahrhunderts ist die Rede, immer wieder von den „Buddenbrooks“.

    In Wahrheit ist das Buch eine literarische Enttäuschung. Handelte es sich nur um einen der zahllosen schlechten Romane, wäre das nicht weiter schlimm. Besonders ärgerlich ist jedoch, dass Franzen durchaus ein herausragendes Werk hätte schreiben können, ihm aber zu viele Fehler unterlaufen. Ein schlechtes Musikstück eines durchschnittlichen Komponisten nimmt man hin. Warum sollte man seine Zeit auch auch mit durchschnittlichen Talenten verschwenden? Dagegen wirkt ein schlechtes Lied von etwa Schubert besonders enttäuschend, da man seine besten Kompositionen kennt.

    Ähnlich bei Franzen. Nicht wenige Passagen sind brillant und man wird tatsächlich an obige Referenzen erinnert. Die meisten „geriatrischen“ Schilderungen zählen dazu. Der größte Fehler liegt in der inhaltlichen Überfrachtung des Romans, sogar vor kolportageartigen Elementen schreckt Franzen nicht zurück. So reicht es nicht, dass eine der Hauptfiguren in Litauen betrügerische Investments organisiert und eine Reihe von Abenteuern erlebt, nein, er muss auf der Rückreise auch noch von finsteren vermummten Gestalten auf einer dunklen Landstraße ausgeraubt werden (wobei natürlich ausgerechnet das Geld nicht gefunden wird, das für das Rückflugticket noch benötigt wird …) Diese ins Triviale abgleitende Übertreibungen sind es, warum man Franzen noch keineswegs mit Updike vergleichen kann. Ihm fehlt der Sinn für erzählerische Ökonomie. Es reicht eben nicht 800 Seiten zu schreiben, in denen sich hervorragende mit durchschnittlichen und schlechten Abschnitten abwechseln, um ein „Meisterwerk“ zu schreiben. Der Vergleich mit den „Buddenbrooks“ läuft deshalb völlig ins Leere, denn es ist gerade die souveräne Beherrschung der Stoffmassen und die quasi-musikalische, abwechslungsreiche Verdichtung des Materials, die man bei Franzen vergeblich sucht.

    „Die Korrekturen“ zeigen viel von der amerikanischen Gegenwart. Sollte es Franzen gelingen, diese Welthaltigkeit ästhetisch besser in den Griff zu bekommen, könnte ihm tatsächlich eine literarische Sensation gelingen, noch ist es nicht so weit.

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    „The Gap“ meint:

    "Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
    (Februar 2016)

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