António Lobo Antunes: Ein Werkstattbericht

Wieland Freund hat den Autor in Lissabon besucht und ihn besonders über seine Schreibgewohnheiten befragt. Auch Reflexionen über die Lektüre seiner Bücher fehlen nicht:

Nicht umsonst erntet Antunes mit seinen Büchern entweder helle Begeisterung oder ein hilfloses Schulterzucken. Wer Antunes liest, ist Fan; wer kein Fan ist, liest ihn nicht. Mit dem Bleistift hinter dem Ohr kommt man Antunes‘ Texten kaum bei, die Bastler unter den Kritikern runzeln die Stirn, und wer Gewissheit sucht in der Lektüre, wird von Antunes gewiss im Stich gelassen. Wer spricht? Was geschieht? Wo sind wir? Und wann? – das alles sind Fragen, die zweitrangig sind im Erzähluniversum des Portugiesen, und vielleicht „liest“ man ihn besser gar nicht, sondern geht einfach mit, taucht ein in den Strom der Rede, lässt sich treiben und an ein Ufer spülen zum Schluss, erschöpft und nass und mit sausenden Ohren. „Ich möchte nicht gelesen werden“, sagt Antunes. „Ich möchte, dass mein Buch eine Art Krankheit ist. Als litte man an einem Fieber.“

Leon Battista Alberti (1404-1472) und die Kunsttheorie

Seine kleine Schrift „Über die Malkunst“ ist aus einer Reihe von Gründen bemerkenswert. Wie man als Maler die u.a. von Brunelleschi entdeckte Technik der Perspektive in der Praxis einsetzen kann, wird darin konzis beschrieben.

Wirkungsmächtiger aber wurde die Ästhetik der Malerei, die Alberti durchaus normativ von den zeitgenössischen Künstlern einforderte. Effekte lehnte er strikt ab, auf Blattgold müsse ebenso verzichtet werden wie auf „blendende“ Farben. Oberste Priorität hatte für ihn die Natürlichkeit der Darstellung, die nur durch das Studium der Natur zu erzielen sei. Anatomische Grundkenntnisse gehörten für ihn ebenso zum unabdingbaren Handwerkszeug wie die Beherrschung der Perspektive.

Was heute als Binsenwahrheit innerhalb der Ästhetik der klassischen Malerei erscheint, war im Florenz um 1430 durchaus revolutionär, zumal Alberti sich nicht auf abstrakte normative Vorgaben beschränkte, sondern zugunsten der Qualität eines Kunstwerks eine Zusammenarbeit von Maler und Betrachter verlangt, um möglichst perfekte Ergebnisse zu erzielen.

Anthony Grafton hebt in seiner Alberti-Monographie einen Aspekt besonders hervor, nämlich den der Intellektualisierung der Malerei, die man überwiegend noch als Handwerk auffasste. Der handwerkliche Aspekte ist für Alberti zwar wichtig, aber zweitrangig. Entscheidend sei die Invention, die Konzeption des Werkes. Ist erst ein passender Stoff gefunden, und die Struktur des Gemäldes durch das Verfertigen von Entwürfen klar, ist der Entstehungsprozess praktisch abgeschlossen. Der Akt der Malerei sorgt nur für die Sichtbarmachung desselben.

Das sind Thesen, die frappierend an die moderne philosophische Ästhetiken erinnern, wo ein ästhetischer Gegenstand ebenfalls als type (z.B. eine Partitur) und als token (z.B. eine konkrete Aufführung einer Partitur) verstanden wird.

Klassiker-Verlage (18): Oxford World’s Classics

Eine kleine, aber feine Weltliteratur-Reihe verlegt die Oxford University Press. Man findet keine Überraschungen, aber doch eine Reihe von soliden und preiswerten Ausgaben. Alles in allem ein kleiner Bruder der Penguin Classics.

Dostojewskij: Verbrechen und Strafe. Roman

Fischer TB (Amazon Partnerlink)

Es dürfte etwa 12 Jahre her sein als ich diesen Roman erstmals las und die erneute Lektüre zeigte zumindest eines: Das Lesegedächtnis ist trügerisch. In meiner Erinnerung war der Roman monumentaler, die Auseinandersetzung von Raskolnikow und Petrowitsch deutlich umfangreicher, während der „showdown“ der beiden sich im wesentlichen auf zwei große Begegnungen beschränkt.

Mein Urteil bleibt allerdings dasselbe, der Roman wird berechtigterweise zu den besten der Weltliteratur gezählt. Dostojewskijs Hang zur Sentimentalität fiel mehr etwas unangenehmer auf als beim ersten Mal, seine psychologische Darstellungskunst finde ich immer noch frappierend.

Gespannt war ich besonders auf die vielgelobte Übersetzung von Swetlana Geier. Sie hat hier sicher Bleibendes geleistet, allerdings bin ich kein Freund davon, deutsche Dialekte zu verwenden, um fremde Idiome auszudrücken. Ab und zu „berlinert“ es, nicht sehr oft, hier wäre mir eine „künstliche“ Umgangssprache bzw. ein Kunstdialekt adäquater erschienen.

Werner Heisenberg – Ein Widerstandskämpfer?

Es kommt selten vor, dass Dramatiker einen konkreten Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte leisten. Michael Frayn gebührt diese Ehre, da sein Stück „Kopenhagen“ eine heftige Debatte auslöste und nun zur Publikation neuer Materialien führte. Der Gelehrtenstreit spielte sich vor allem in der „New York Review of Books“ ab*, zuletzt in der Ausgabe 5/2002. Das Niels Bohr Archiv veröffentlichte vor ein paar Monaten überraschend unbekannte Briefe Bohrs, die das ominöse Treffen zwischen ihm und Heisenberg zum Thema haben. Nun ziehen Michael Frayn und Thomas Powers eine Bilanz der Diskussion. Powers ist einer der heftigsten Verteidiger von Heisenberg und vertritt die These, der Physiker habe bewusst den Bau einer Atombombe verhindert. Die Mehrheit der Experten weist diese Ansicht strikt zurück, so Gerald Holton und Jonothan Logan in ihren ausführlichen Repliken in Nr. 6/2002.

Siehe die ingesamt über drei Jahre (!) laufenden Beiträge zum Thema: The Unanswered Question (Rezension von K/Copenhagen, 9/2000. May), Heisenberg in Copenhagen (16/2000, October), Heisenberg in Copenhagen: An Exchange (2/2001, Feb.), ‚Copenhagen‘ Revisited (5/2002, March), What Bohr Remembered (5/2002, March), ‚Copenhagen': An Exchange (6/2002, April), Copenhagen, cont’d. (8/2002, May), A Letter from Copenhagen (13/2003, August)

Wagner: Die Walküre

Wiener Staatsoper 9.5.
Regie: Adolf Dresen
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Siegmund: Clifton Forbis
Hunding: Kurt Rydll
Wotan: John Tomlinson
Sieglinde: Deborah Polaski
Brünnhilde: Luana DeVol

Der erste Aufzug war etwas schwach: Clifton Forbis hatte sein Debüt an der Staatsoper, war entsprechend nervös und sang (daher?) für einen Wagner-Tenor zu kraftlos. Brillant dagegen fast alle anderen, insbesondere der auch schauspielerisch beachtliche John Tomlinson (Wotan) und Luana DeVol (Brünnhilde), die ein atemberaubendes Finale sangen. Das Staatsopernorchester brauchte auch eine Stunde Zeit, bis es zur Höchstform auflief. Ein ästhetisch sehr ansprechender Opernabend. Ach ja, die Inszenierung war nicht weiter störend :-)

Bibliothek: Neuzugänge

  • Pedro Calderon de la Barca: Ausgewählte Schauspiele (C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung München 1928; schöne gebundene Ausgabe)
  • Martin Kersting: Alte Bücher sammeln. Ein praktischer Leitfaden durch die Buchgeschichte und die Welt der Antiquariate (Battenberg, Augsburg 1999; privat gekauft)
  • Über den Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften…

    …wird beim Sofa-Blog diskutiert [Eintrag 1 & Eintrag 2].

    Ein hoffnungsloser Fall

    Es ist ein Lehrstück an politischer Dummheit und Inhumanität, was sich derzeit im Nahen Osten abspielt. Amos Elon zieht in der aktuellen New York Review of Books (9/2002) eine deprimierende Bilanz* des gegenseitigen Versagens. Die Politik Israels wird von ihm scharf verurteilt:

    The large-scale, punitive „incursion“ of Israeli tanks and armored troop carriers into Palestinian cities and refugee camps in April—ostensibly to crush the „infrastructure of terror“—is likely to intensify the prevailing rage and eventually to increase the attacks by shahids. The incursions have resulted in hundreds of dead and thousands of wounded and homeless Palestinian men, women, and children, mostly children—potential shahids of tomorrow. The Israeli attacks have spread havoc everywhere and caused huge material destruction from Ramallah to Bethlehem and Hebron, aimed, it would seem, at smashing not only the „infrastructure of terror,“ as Sharon has claimed, but the emerging Palestinian state. The purely civilian ministries of agriculture and education and the central office of statistics were maliciously damaged. According to B’tzelem, the Israeli human rights group, the Israeli soldiers committed wanton vandalism in many places. Roads, water lines, and sewer pipes were damaged, trees uprooted, automobiles smashed, and houses razed. Military discipline seems to have sunk to an all-time low. In some places soldiers tried to break into cash drawers and automatic teller machines; they smashed with impunity clocks and artworks as well as furniture, television sets, washing machines, and computers. The pattern of vandalism was too widespread to excuse these cases as exceptions. In Ramallah soldiers broke into the Palestinian television station and started broadcasting pornographic films they claimed to have found in a drawer there. Combat helicopters hovered overhead indiscriminately firing machine guns and missiles into homes and offices.

    Wie wird es weitergehen? „In view of the frozen attitudes of practically everyone involved, it is hard to see any other prospect but more bloodshed.“

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Warum läuft Herr R. Amok?

    Nein, es soll hier nicht von der Wiener Fassbinder-Retrospektive die Rede sein, sondern von Reich-Ranicki, der gestern im ZDF „solo“ seiner literarischen Beschränktheit freien Lauf ließ, und Robert Musil zu seinem Thema erkor. Nun weiß man es, dass R.-R. auch schon in der Blüte seiner Jugend nicht in der Lage war, den intellektuellen Gehalt des „Mann ohne Eigenschaften“ zu erfassen, und nicht alle Menschen werden im Alter weiser. So ließ er sich gestern zwar ausführlich in die Kamera schniefend über die rührende Liebe von alten Männern zu jungen Mädchen aus, während er Musil in ein paar Sätzen abkanzelte, deren geistige Flachheit sich indirekt proportional zur ästhetischen Qualität des MoE verhält.

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    "Stets profund und pointiert."
    (Diagonal vom 9. März 2013)

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    • BudaPEST.
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    • Psst! Falls jemand Fotos von toten kongolesischen Kindern hat: Jetzt wäre ein günstiger Zeitpunkt!
      3 Stunden
    • "China feiert das Ende des Zweiten Weltkriegs." Sehr gut. Gerade noch rechtzeitig, bevor der Dritte Weltkrieg beginnt.
      3 Stunden

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