Der Kosovo-Krieg weltgeschichtlich betrachtet

Es ist semantisch fragwürdig, von einem „humanitären“ Krieg zu reden. Die Kritiker dieser Aktion sind zwar schnell mit einer Fülle von Verschwörungstheorien bei der Hand, bleiben aber auffällig stumm, wie sie mit Abertausenden Flüchtlingen in Albanien und der notorischen Massaker im Kosovo fertig geworden wären.

István Deak weist* in seinem jüngsten Artikel für die New York Review of Books (14/2002), The Crime of the Century, auf einen bisher vernachlässigten Aspekt hin. Fast alle größeren ethnischen Vertreibungen in Europa wurden nachträglich legitimiert, den Kosovaren wurde erstmals eine Rückkehr ermöglicht:

As far as I can judge, the recent NATO military intervention in Yugoslavia, which led to the large-scale repatriation of the expelled Kosovo Albanians, is unprecedented in European history; it may prefigure a fundamental shift in international policy and the practices of great powers. Before that event […] the response of such great powers as the Soviet Union, Great Britain, the US, and France was to encourage, or at least to condone, and to legitimize, ethnic cleansing.

Der Artikel setzt sich ausführlich mit den übelsten Kapiteln des letzten Jahrhunderts auseinander. Erwähnenswert, dass sich Kleriker nach wie vor großer Verdienste erfreuen, wenn es um die massenhafte Ermordung ihrer Mitmenschen geht:

[…] In „God’s Name“ [Genoicide and Religion in the Twentieth Century, edited by Omer Bartov and Phyllis Mack] is able to describe, among other things, the appalling part that Rwandan Catholic clerics, especially monks and nuns, had in the slaughter of nearly a million Tutsis in the early 1990s. This inevitably evokes the memory of the Franciscan monks in Croatia and Bosnia during World War II, some of whom enthusiastically participated in the persecution of the Orthodox Serbs.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Von den Höhen und Tiefen des Wiener Kulturlebens

Eine der größten Bereicherung des Wiener Musiklebens ist das Klangforum Wien, das für die neue Musik einen ähnlichen Stellenwert besitzt wie die Wiener Philharmoniker für die klassische Musik allgemein.

Am Dienstag (24.9.) gab es ein Sonderkonzert für Abonnenten und etwa 40 UNO-Botschafter. Der Enthusiasmus, der hier der neuen Musik entgegenbracht wurde, ist angesichts der ästhetischen Komplexität des Gebotenen besonders erfreulich.

Herausragend Xenakis‘ „Psappha“ für Schlagzeug solo (1976), brillant interpretiert von Björn Wilker. Von bestimmter Seite wird der Sinn und Zweck von musikalischer Virtuosität regelmäßig hinterfragt. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Sie ist notwendig, um (möglichst) viele musikalische Ideen adäquat umsetzen zu können. Handwerkliche Schwächen der ausführenden Musiker führen direkt zu ästhetischen Einschränkungen des Komponisten. Virtuosität zu verachten können sich also nur jene Musikrichtungen erlauben, die ästhetisch zweitklassig sind. Xenakis zehnminütiges Stück enthält mehr rhythmischen Einfallsreichtum als ein paar Jahre Popmusik zusammen. Das muss ab und zu gesagt werden :-)

Von einem erstklassigen Konzert zu einer letztklassigen Theateraufführung (26.9.). Das wäre nicht weiter schlimm, ereignete sich letzteres nicht ausgerechnet im Burgtheater. Rostands „Cyrano de Bergerac“ stand auf dem Spielplan, einem Stück, dessen Grad an Überflüssigkeit direkt proportional mit der Peinlichkeit der Inszenierung Sven-Eric Bechtolfs ist. Klaus Maria Brandauer (Hauptrolle) hat hoffentlich auch schon bessere Tage erlebt. Ich habe in der Pause fluchtartig das Theater verlassen.

Sergiu Celibidache (2)

Nach den allgemeinen Bemerkungen gestern einige besonders herausragende CDs:

  • Beethoven: Symphonie Nr. 4 und Nr. 5 (EMI 7243 5 56521 2 6)
  • Beethoven: Symphonie Nr. 7 und Nr. 8 (EMI 7243 5 56841 2 7)
  • Brahms: Ein deutsches Requiem & Symphonie Nr. 1 (EMI 7243 5 56843 2 5)
  • Bruckner: Alle Symphonien
  • Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (EMI 7243 5 56526 2 1)
  • Warnen möchte ich vor der Interpretation von Bartoks „Konzert für Orchester“. Bartoks Musik verträgt sich meiner Auffassung nach grundsätzlich nicht mit Celibidaches interpretatorischen Ansatz.

    Albert Meier: Karl Philipp Moritz

    Reclam Literaturstudium (Amazon Partnerlink)

    Es ist immer wieder eine Freude, solide literaturgeschichtliche Monographien zu lesen. Der deutschsprachige Buchmarkt ja nicht gerade reich an Titeln dieses Genres.
    Albert Meier beschreibt sachlich und informativ Leben und Werk des Autors, der hoffentlich inzwischen kein Geheimtipp mehr ist. Es sollte sich herumgesprochen haben, dass „Anton Reiser“ zu den herausragenden Romanen (nicht nur) des 18. Jahrhunderts zählt.

    Besonders ausführlich analysiert Meier die ästhetischen Schriften Moritz‘, die einen wesentlichen Beitrag zur Literaturtheorie der Weimarer Klassik leisteten.

    Bibliothek: Neuzugänge

  • Knut Hamsun: Romane (2 Bände, Buchclub-Ausgabe, antiquarisch erworben)
  • Gert Richter (Hrsg.): Geschichte der Weltliteratur. Dichtung und Unterhaltungsliteratur in Europa und Amerika von der Antike bis zur Gegenwart (Bertelsmann, München 1978; antiquarisch erworben)
  • Werner Jobst: Die Siedler von Carnuntum. Bernsteinhändler, Kaiserpriester und Legionäre am Donaulimes (Ausstellungskatalog 2002 mehr zu Carnuntum demnächst in diesem Programm)
  • Neue Tolstoi-Monographie

    Der norwegische Slawist Geir Kjetsaa legt eine Monographie Leo Tolstois vor. In der Büchermarkt-Sendung vom 19. September* wird das Buch mit dem Titel „Lew Tolstoj. Dichter und Religionsphilosoph“ (Katz Verlag) vorgestellt.

    Neue Kafka-Biographie

    Fünfzehn Jahre lang soll Reiner Stach an der auf drei Bände angelegten Biographie gearbeitet haben. Der erste Band, „Die Jahre der Entscheidungen“, soll demnächst erscheinen. [Perlentaucher]

    Addendum Jan. 2010: Mittlerweile gibt es einen zweiten Band, „„Die Jahre der Erkenntnis“.

    Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas

    rororo (Amazon Partnerlink)

    Nach der Lektüre blieb ein zwiespältiges Gefühl zurück. Strukturell ist der Roman plausibel angelegt: Die Opposition des lebensklugen alten Arbeiters zu dem jungen intellektuellen Ich-Erzähler funktioniert ebenso wie die Abgrenzung der beiden Protagonisten von dem kretischen Dorf in dem sie leben.

    Sorbas ist eine einprägsame, lebendig geschilderte Figur. Seine Lebensweisheiten sind nach einem Viertel des Buches aber bereits ziemlich vorhersehbar und sein unkritisch kolportiertes (diplomatisch formuliert) konservatives Frauenbild wird zunehmend ärgerlicher.

    Erfreulicherweise verklärt Kazantzakis das Dorfleben nicht, sondern zeigt die dort vorherrschende Gewalt, Gier und Beschränktheit. Insgesamt eine akzeptable Lektüre.

    Sergiu Celibidache (1)

    In diesem Jahr setzte ich mich ziemlich intensiv mit Celibidache auseinander. Es dürften etwa 30 CDs gewesen sein, die ich mir sukzessive anhörte (nebenbei ein willkommener Anlass sich erneut quer durchs Repertoire zu hören). Die Münchner Philharmoniker hatte ich früher sträflich unterschätzt, Celibidache hat sie mühelos in die erste Orchesterliga dirigiert.

    Das Erstaunliche am Phänomen Celibidache ist, dass er gegen eine Vielzahl solider ästhetischer Konventionen verstößt und trotzdem (deswegen?) eine Interpretation spannender als die nächste ist. Im Zeitalter der schlanken historischen Aufführungspraxis, die ich durchaus schätze, müssten seine mächtigen, langsamen Bruckner Aufführung grotesk anachronistisch wirken. Der Höreindruck ist aber ein völlig anderer, schon nach den ersten Minuten spürt man das Zwingende dieses Interpretationsansatzes. Die Langsamkeit der Tempi wird mit einer unglaublichen Präzision (nicht nur, aber vor allem auch der Hölzbläser) der einzelnen Orchestergruppen kombiniert.

    Es bestätigt sich wieder einmal die These, dass eine gewisse Art von ästhetischen Normen, die für durchschnittliche Talente notwendig sind, von Ausnahmebegabungen ohne Schaden ignoriert werden können, wenn sie etwas dagegenzusetzen haben.

    Lambert Schneider/Christoph Höcker: Griechisches Festland

    „Antike und Byzanz, Islam und Klassizismus zwischen Korinthischem Golf und nordgriechischem Bergland“

    DuMont Kunst-Reiseführer (Amazon Partnerlink)

    Was ich an der Kunst-Reiseführer Reihe von DuMont schätze, ist deren Individualität. Stil und Inhalt sind stark von den Autoren geprägt, was den einzelnen Bänden eine sympathische Note verleiht.

    Die beiden Autoren gehen ausführlich auf die Geschichte des Landes ein, ohne die Gegenwart deshalb zu vernachlässigen. Die kulturgeschichtlichen Informationen sind fundiert. Besonders hervorzuheben ist der kritische Ansatz. So wird ausführlich auf die Problematik diverser archäologischer Konstruktionen hingewiesen, insbesondere auf die „Künstlichkeit“ mancher Ausgrabungsstätten. Diese Inszenierungen ins Blickfeld zu rücken, ist für einen Reiseführer bemerkenswert.

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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