Chaucer zweisprachig

Jetzt werde ich den Goldmann-Verlag doch noch einen Platz in der Reihe “Klassiker-Verlage” einräumen müssen: 2000 Seiten Canterbury-Erzählungen in drei Bänden für nur 30 Euro, zweisprachig und kommentiert, sind eine lobenswerte verlegerische Tat. Die Übersetzung stammt von Fritz Kemmler. In der “Literatur und Kunst” – Beilage der NZZ gibt es eine Rezension dazu.

John Updike: Rabbit in Ruhe. Roman

rororo (Amazon Partnerlink)

Knapp 2000 Seiten umfassen die vier Romane der Rabbit Tetralogie. Man sieht als Leser der Hauptfigur 40 Jahre lang über die Schulter und blickt auf ein ziemlich durchschnittliches amerikanisches Leben. Als “Zugabe” gibt es en passant einen Überblick über prägende Ereignisse der amerikanischen Nachkriegsgeschichte.
Viele Autoren gibt es nicht, die einen so wirklichkeitsreichen und psychologisch dicht gewebten fiktionalen Kosmos über eine so lange Strecke entwerfen können. Man fühlt sich unwillkürlich an die großen realistischen Romane des 19. Jahrhunderts erinnert, auch wenn Updikes Erzähltechniken deutlich avancierter sind.

Der letzte Roman bildet jedenfalls einen fulminanten Abschluss der Tetralogie, zahlreiche motivische und strukturelle Bezüge verweisen auf die drei vorangegangenen Bände. Um sie alle zu erkennen, müsste man die vier Romane am Stück lesen, nicht wie ich im Abstand von jeweils einem halben Jahr. Updike hat sich damit einen dauerhaften Platz in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts erschrieben.

Beethoven: Symphonien Nr. 1 und Nr. 3

Wiener Musikverein 1.5.
Wiener Philharmoniker
Dirigent: Simon Rattle

Eines der herausragendsten Konzertereignisse in diesem Frühling ist die Aufführung aller Symphonien Beethovens mit den Wiener Philharmonikern unter Simon Rattle. Die Konzerte werden erstmals alle live auf Ö1 zu hören sein, darüberhinaus dienen die Aufnahmen als Basis für eine CD-Gesamteinspielung bei EMI.

Der Auftakt war viel versprechend, Rattles Interpretation baut teilweise auf den Erkenntnissen der Originalklangbewegung auf, ohne die Wiener Philharmoniker klanglich künstlich zu beschneiden. Das Ergebnis ist eine brillante, dynamisch fein schattierte Interpretation, die das Publikum berechtigterweise in helle Begeisterung versetzte. Morgen höre ich live noch das zweite Konzert, danach bin ich ebenfalls auf das Radio angewiesen.

Angst essen Seele auf

Filmmuseum 1.5.
D 1973
Regie: Rainer Werner Fassbinder

Das Wiener Filmmuseum widmet sich im Mai dem Kontinent Fassbinder. Es werden nicht zur zahlreiche Hauptwerke gezeigt, sondern auch Filme von Regisseuren, die Fassbinder geprägt haben (z.B. Godard) bzw. von Fassbinder beeinflusst wurden (z.B. Schlingensief, Aki Kaurismäki).

“Angst essen Seele auf” ist einer seiner besten Filme. Die Differenziertheit der Wirklichkeitsdarstellung ist unübertroffen, und die Feinheit der Abstufungen, mit der Fassbinder die Reaktion der Umwelt auf die Beziehung einer sechzigjährigen deutschen Putzfrau (Brigitta Mira) mit einem viel jüngeren Marokkaner (El Hedi ben Salem) zeigt, ist nicht nur vor dem Hintergrund der sonstigen Hollywood-Plattheiten eine Wohltat.

Fassbinder vermeidet alle Klischees. In einer Art strukturellen Spiegelung lebt sich das ungewöhnliche Liebespaar genau dann langsam auseinander als ihre kleinbürgerliche Umwelt beginnt, sich an die beiden zu gewöhnen. Zu groß sind die gesellschaftlichen Verletzungen und auch Emmi kann trotz ihrer Gutmütigkeit nicht umhin, Ali ihren Kolleginnen wie ein Tier vorzuführen als sich diese entschließen, sie wieder zu besuchen. Dass die beiden Polizisten, von empörten ausländerfeindlichen Nachbarn gerufen, zu den wenigen toleranten Menschen des Films gehören, ist ein kleines, aber präzises Detail, das Fassbinders brillanten Realismus (inhaltlich, nicht formal gemeint) belegt.

In “Über die Vorzüge und Nachteile der Literatur”…

…schreibt Leon Battista Alberti 1428 folgendes über den Gelehrtenstand:

Wir sehen sie, vom Knabenalter an der Literatur ergeben, an die Lektüre von Manuskripten gekettet und zu Einzelhaft verurteilt: Derart zermürbt von der Regel und von ihren Lehrern, von der Mühsal des Lernens, dem unablässigen Lesen und Wiederlesen und Arbeiten, dass sie völlig erschöpft sind. Oftmals scheinen sie von kälterem Blut, als es bei Buben normal ist. Dann kommt die Jugendzeit: Ihre Gesichter werden dir zeigen, wie schön und freudvoll sie die finden. Sieh dir an, wie bleich sie sind, wie schlaff ihre Leiber, und wie niedergeschlagen sie wirken, wenn sie aus ihrer langen Haft im Gefängnis ihrer Schulen und Bibliotheken herauskommen.

Bibliothek: Neuzugänge

  • Anthony Grafton: Leon Battista Alberti. Baumeister der Renaissance (Berlin; Grafton schreibt regelmäßig für die New York Review of Books)
  • Helene Hanff: 84 Charing Cross Road (Hoffmann und Campe; vielgelobtes Bibliomanikum)
  • Joachim Unseld: Franz Kafka. Ein Schriftstellerleben (Fischer TB; Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis zwischen Kafka und dem Literaturbetrieb)
  • Paulus Hochgatterer: Wildwasser (rororo, 3. Auflage)
  • Fjodor Dostojewskij: Verbrechen und Strafe (Fischer TB; in der Übersetzung Swetlana Geiers)
  • John Steinbeck: Jenseits von Eden (Buchclub Ausgabe, Übersetzer: Harry Kahn; bzw. dtv)
  • Klatsch aus dem literarischen Leben

    Am 5. August 1792 heiratete Karl Philipp Moritz Christiane Friederike Matzdorff. Bereits im Dezember kam es zur Scheidung, die Dame war nämlich von ihrem Liebhaber entführt worden (bekanntlich ein stürmisches Jahrhundert, das Achtzehnte):

    Moritz eilte den Flüchtigen nach, und kam ihnen endlich auf die Spur. In einem Dorfe oder Städtchen angekommen, erfährt er auf Nachfrage im Gasthofe, daß der Herr, welchen er bezeichnet, sich im Hause befinde, und man deutet ihm an, daß er bei Moritzens Ankunft sich unter einem umgestülpten Fasse versteckt habe. Moritz tritt an das Faß, steckt die Mündung eines Pistols in das Spundloch und ruft: “Meine Frau mir herausgeben, oder ich schieße!”. – Der geängstete Entführer giebt den Versteck der Frau an, denn er weiß nicht, daß das Pistol nicht geladen ist.

    [Aus: Henriette Herz, Ihr Leben und ihre Erinnerungen. Berlin 1850, S. 133f]

    Stefan Zweig: Die Welt von Gestern

    Zweig wird – ähnlich wie später Heinrich Böll – gerne in die Schublade “moralisch lobenswert, ästhetisch uninteressant” gesteckt, weshalb heute von professionellen Lesern vor allem noch seine Autobiographie gelesen wird, weniger die Novellen und Erzählungen, die sich bei einer breiten Leserschaft nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen.

    In der Tat schreibt Zweig oft sehr manieriert, seine nicht nur mit Adjektiven vollgepackten Sätze können einem leicht auf die Nerven gehen. Andererseits ist er ein guter Beobachter, und er entwirft ein teilweise fulminantes Porträt seiner Zeit. Besonders geschickt arbeitet er mit diversen konstrastierenden Motiven.
    Ein ausgewogenes, objektives Bild seiner Zeit hat Zweig nicht anzubieten, aber die ihm bekannte Sphäre des jüdischen Bürgertums in Wien, die Kunstbesessenheit seiner Schulfreunde, die moralische Verlogenheit der Zeit, seine intellektuellen Freunde werden mit großem Schwung beschrieben. Über das Elend der Arbeiterschaft im Wien der Jahrhundertwende ist demgegenüber kaum etwas zu lesen, aber woher sollte der junge, aus wohlhabender Familie stammende Zweig es kennen?

    Die Qualität des Buches liegt in der Kombination des meist geglückten Zeitporträts mit Zweigs tragischer Lebensgeschichte. Als einer der wenigen liberalen, europäisch eingestellten Intellektuellen hat er auch zu Beginn des ersten Weltkriegs nicht den Kopf verloren. Sein Weg vom höchst erfolgreichen Schriftsteller ins Exil und in den Freitod dürfte manchen nachdenklicher stimmen als die Lektüre eines historischen Werkes.

    Stefan Zweig: Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers (Fischer TB)

    Zyklus Alban Berg Quartett: 4. Konzert

    Hugo Wolf: Italienische Serenade G-Dur
    Robert Schumann: Streichquartett A-Dur op. 41/3
    Béla Bartók: Streichquartett Nr. 4
    Wiener Konzerthaus 29.4.

    Nun beginnt skandalöserweise wieder die Alban-Berg-Quartett-lose Zeit des Jahres, das nächste Konzert gibt es erst im Januar. Der Abschluss des Zyklus war hervorragend, vor allem Günter Pichler (1. Violine) war so in Hochform, dass es ihn kaum auf seinem Stuhl gehalten hat. Bei Bartók wurde jede denkbare Klangnuance ausgeschöpft, von den leisesten, kaum hörbaren Tönen bis zum furiosen nur gezupften Satz.

    Samuel Beckett: Glückliche Tage

    Akademietheater 30.4.02
    Regie: Edith Clever
    Winnie: Jutta Lampe
    Willie: Urs Hefti

    Nach dem beeindruckenden Konzert am Montag, folgte gestern ein höchst mittelmäßiger Theaterabend. Mag man Edith Clever als Schauspielerin auch schätzen, diese Regiearbeit zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass auf Einfälle völlig verzichtet wurde, eine Regie bar jeder Regieidee.

    Das Ergebnis war eine museale Beckett-Inszenierung, die im Erdhaufen steckende Jutta Lampe zwar durchaus sehenswert, aber man hätte sich doch mehr erwartet. Immerhin wurde deutlich, dass Becketts dramatische Arbeiten wesentlich haltbarer sind als vieles, was vor vierzig Jahren entstand: Die biederen Lehrstücke eines Max Frisch etwa, werden längst zur Theatergeschichte zählen, wenn Beckett auf der Bühne immer noch zu faszinieren vermögen wird.

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    “Die Presse” meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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