Unbekannte Fragmente des Nibelungenliedes? (2)

Inzwischen ist eine heftige Diskussion darum entbrannt, der aktuelle Stand läßt sich beim „Standard“ nachlesen. Auch Faksimiles sind inzwischen online.

Verdi: La Traviata

Wiener Staatsoper 5.4.
Musikalische Leitung: Arco Armiliato
Inszenierung: Oto Schenk
Violetta Valéry: Anna Netrebko
Giorgio Germont: Dalibor Jenis
Alfredo Germont: Tito Beltrán

Konservative Operninszenierung sind in Wien die Regel. Wer daran zweifelt, möge einen Blick auf die Spieldauer dieser „La Traviata“ Aufführung werfen, ich besuchte die 236. Vorstellung. Sieht man davon ab (aber wer kann das schon), gab es wenig daran auszusetzen.
Musikalisch kann man das nicht behaupten, erkrankte doch Michael Schade kurzfristig und wurde durch Tito Beltrán als Alfredo ersetzt, der so deutlich unter dem Niveau der anderen Beteiligten sang, dass man beinahe schon Mitleid mit ihm bekommen konnte. Glänzend das Wiener Debut von Anna Netrebko als Violetta, herausragend die Duette zwischen ihr und Dalibor Jenis im zweiten Akt.

Reise-Notizen Sizilien (2): Der Dom von Monreale

Im 12. Jahrhundert aus politischen Motiven in der Nähe Palermos errichtet, gelang ein Bauwerk von beeindruckender Symbolik. Außen in der Art eines normannischen Wehrdoms gehalten, innen geschmückt mit einer kaum zu überschaubaren Fülle kunstvoller byzantinischer Mosaiken(zyklen), die Szenen aus dem alten und neuen Testament nacherzählen, und von der Kirche (auch) zu pädagogischen Zwecken verwendet wurden. Die Mosaiken laufen reihenweise um das komplette Kirchenschiff und sind ungemein detailreich ausgeführt, man bräuchte viele Stunden, um sie in Ruhe anzusehen.

Angefangen vom Grundriss des Doms über die mit biblischen Motiven verzierten Türen bis hin zum Chor, der zwei Throne enthält, einen für den Bischof, einen höheren für den Kaiser, wird hier (in Kombination mit den Mosaiken) das mittelalterliche Weltbild symbolisch in ein monumentales Bauwerk gegossen. Sollte man sich ansehen, wenn man in der Nähe ist :-)

Religion und Fortschritt

Viel spricht für die These, dass Religion dem Fortschritt mehr schadet als nützt, zählen Kleriker doch meist zu den konservativsten Gesellschaftsgruppen. Einen Beleg dafür liefern neue archäologische Entdeckungen und darauf aufbauende Theorien, über die Dirk Krausse in Spektrum der Wissenschaft 2/2003 berichtet.

Thema des Artikel ist die Romanisierung der Kelten im Anschluss an den gallischen Krieg.

Krausse schildert* ausführlich den zivilisatorischen Mehrwert dieses Prozesses, brachten die Römer doch viele neue Kulturtechniken mit. Wer sträubte sich wohl am meisten dagegen? Richtig, die Druiden:

Es ist denkbar, dass die keltische Priesterschaft, die offensichtlich als einzige gesellschaftliche Gruppe aktiven Widerstand gegen die fortschreitende kulturelle Assimilation leistete, eine entscheidende Rolle in den Aufständen der Jahre 69/70 n.Chr. spielte.

* Artikelvorschau

Schnitzler: Fink und Fliederbusch

Theater in der Josefstadt 26.3.03
Regie und Bearbeitung: Jürgen Kaizig
Fink/Fliederbusch: Michael Dangl
Graf Niederhof: Peter Scholz
u.v.m.

Das selten gespielte „Tendenzstück“ Artur Schnitzlers, 1917 in Wien uraufgeführt, knöpft sich die Journalistenzunft vor, deren Opportunismus komödiantisch auf die Bühne gebracht wird. Die komische Grundidee: Ein Journalist schreibt jeweils unter Pseudonym in einer liberalen und einer reaktionären Zeitungen polemische Artikel gegen sich selbst. En passant werden diverse schreibende Typen karikiert und Probleme thematisiert, die nach wie vor aktuell sind. Etwa überflüssige Klatschartikel, Gefälligkeitsrezensionen oder das Ausgeliefertsein von Journalisten an ihr Medium. Gute Arbeitsplätze für Journalisten dürften in Österreich heute noch seltener sein, als vor 90 Jahren.

Da ich das Stück nicht las, und es für die Aufführung von Jürgen Kaizig bearbeitet wurde, möchte ich kein endgültiges Urteil darüber abgeben. Im Ganzen wirkt es etwas konstruiert (wie die Handlung insgesamt). Es gibt einige sehr intelligente Dialoge. Wenn Graf Niederhof dem erstaunten Fink eloquent sein Weltbild erläutert, weiß man nicht, was überwiegt: Abgeklärtheit gegenüber der politischen Welt oder doch nur Opportunismus und Geschäftssinn.

Der Schluss läuft (in der Bearbeitung?) auf ein ziemlich einfältiges happy end hinaus, was vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges doch sehr eigenartig wirkt. Es lohnt sich jedenfalls die Aufführung anzusehen und sich mit dem Schnitzlerschen Nebenwerk etwas ausführlicher zu beschäftigen.

Unbekannte Fragmente des Nibelungenliedes?

Wie der Standard vermeldet (bzw. ORF Online), sollen im Stift Zwettel zahlreiche neue Fragmente gefunden worden sein. Sollte sich die Zuordnung dieser Funde bestätigen, wäre das eine wichtige mediävistische Neuigkeit.

Gotthold Ephraim Lessing

Beschäftigt erfreulicherweise Germanisten und Publizisten. Tanja Reinlein referiert ausführlich über zwei (mehr oder weniger) neue Bücher.

Ausbruch der Dummheit

Kriegsausbrüche sind immer auch Dummheitsausbrüche und ein Lackmus-Test nicht nur für die intellektuelle Zunft. Sieht man sich die zahllosen Wortspenden zum Thema an, ist die Durchfallquote erstaunlich hoch. Fängt man mit jenen an, die für das Denken bezahlt werden, streiten sich auf der Dummheitsskala wie so oft Vertreter der postmoderne Fraktion um die besten Plätze. So gibt Thomas Mießgang im Format Nr. 12 zum Besten:

An der sogenannten „vierten Front“, wie sie vom Philosophen [sic!] Paul Virilio genannt wird, der Medienfront, tobt längst ein Weltkrieg, der an globaler Zerstörungskraft größere Wucht entfaltet als selbst die raffiniertesten High-Tech-Kriegswerkzeuge. Bewaffnete Auseinandersetzungen sind heute vor allem Bilderkriege. [S. 30]

Mein Vorschlag wäre ein empirischer Test: Herr Mießgang möge sich ein paar Stunden mit 50 Fernsehgeräten in einen Palast Saddam Husseins einschließen und die Zerstörungskraft dieser Medienfront genau beobachten, und sie dann mit einer der in den Palast einschlagenden Tomahawks vergleichen…

Bei den denkenden Laien sieht es naturgemäß nicht besser aus, dazu reicht ein kurzer Blick in diverse Foren oder Newsgroups. Die Naivität der Weltbilder ist beeindruckend, die kognitive Leistung der Komplexitätsreduktion auf allen Ebenen brillant, manche scheinen sogar noch den Schlichtheitsgrad der Realitätswahrnehmung von George Bush jun. unterbieten zu wollen. Besonders schätze ich die Meinungen, die den Massenmörder Hussein und seine Helfershelfer als verfolgte Unschuld hinstellen.

John Updike: Auf der Farm. Roman

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Bereits 1965 erschienen, bezeichnet man diesen Roman am besten als nicht unambitioniertes Nebenwerk Updikes. Es liest sich gut und Updike öffnet durch intelligent eingesetzte Rückblenden auf 150 Seiten einen vergleichsweise großen fiktionalen Raum.

Ein Akademiker aus New York fährt mit seiner neuen Gattin samt Stiefsohn auf die Farm seiner Mutter in die Provinz. Das durch eine lange Vorgeschichte getrübte Mutter-Sohn-Verhältnis nimmt erwartungsgemäß seinen unschönen Lauf, und es wird ein komplexbeladenes Wochenende.

Reise-Notizen Sizilien (1)

Bereist man Sizilien vor allem wegen des Interesses an den griechischen Altertümern, macht man eine interessante Entdeckung: Es gibt viel mehr zu sehen als auf dem griechischen Festland, die Akropolis einmal ausgenommen. Natürlich ist der Boden nicht so „klassisch“ wie auf den Peloponnes, auch fallen die sizilianischen Griechen mit einigen ästhetischen Seltsamkeiten auf, das ändert aber nichts am Gesamteindruck. Das mag teilweise an der spektakulären Landschaft liegen: viele Tempel liegen auf Plateaus unmittelbar überhalb der Küste.

Sieht man über den antiken Tellerrand hinaus, wird man durch nicht wenige architektonische Sehenswürdigkeiten überrascht, wobei hier sehens-würdig nicht notwendigerweise ein positives Prädikat ist. So ist der Dom von Palermo wohl das wunderlichste kirchliche Bauwerk, das ich bis jetzt sah. Das Gebäude ist im normanisch-gothischen Stil gehalten (naturgemäß fehlen auch ein paar arabische Elemente nicht). Auf diese Längsschiff wurde nun im 18. Jahrhundert eine Barockkupel aufgepfropft, die Wirkung ist buchstäblich unbeschreiblich …

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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