Euripides: Alkestis; Medea

dtv Artemis

Robert Musil hat Euripides sehr geschätzt, und man mag zu seinen Gunsten annehmen, dass diese Wertschätzung aufgrund des aufgeklärten Blickes des antiken Autors zustande kam, den dieser auf die menschlichen Leidenschaften seiner Zeit warf, nicht dadurch, dass Euripides zu Lebzeiten von den Athenern schmählich unterschätzt wurde und keine Glanzrolle wie Aischylos oder Sophokles spielte – was Musil wohl unschwer an seine eigene Rolle im Literaturbetrieb erinnerte.

Das Beiwort “aufgeklärt” wird Euripides beinahe automatisch zugeschrieben, und könnte zu dem Mißverständnis führen, als hätte er Vorläuferdramen zu “Nathan” geschrieben. “Medea” beispielsweise könnte gegensätzlicher kaum sein, läßt es doch den wildesten Gefühlen freien Lauf. Das spezifisch Aufklärerische an den Stücken des Euripides ist sein vorurteilsloser Blick auf die Misere des menschlichen Lebens:

Ich weiß, was ich zu tun gewillt, ist böse.
Doch stärker als Vernunft ist Leidenschaft.
Aus ihr entstehn der Menschen schwerste Leiden.
[Medea, 1078ff.]

Feindschaft gegen Intellektualität gab es auch im alten Athen, wie sich hier ebenfalls en passant nachlesen läßt:

Wer Einsicht hat, der meidet, seine Kinder
Zu auserles’ner Weisheit zu erziehn,
Weil das dem tät’gen Leben sie entfremdet
Und bei dem Volk Mißtrau’n und Haß erregt.
Trägst du dem Flachkopf tiefe Weisheit vor,
So hält er dich für einen Sonderling
Und nicht für weise. Zeigst Du überlegen
Dich denen, die ‘was recht’s zu wissen glauben,
Wird die Gesellschaft bald dich lästig finden.
Ach! Davon weiß auch ich ein Lied zu singen.
[Medea, 295ff.]

Nicht nur Medea, auch Euripides wird davon ein Lied zu singen gehabt haben, drängt sich als Vermutung bei der Lektüre dieser Zeilen auf.

An “Alkestis” interessierte mich – wie so oft – ein geistesgeschichtlicher Aspekt. Die Protagonistin erklärt sich freiwillig bereit, für ihren Gatten Admetos in den Tod zu gehen, um dessen Leben zu verlängern. Das freiwillige Opfern des eigenen Lebens aus selbstloser Liebe ist nun ein Verhalten, das gemeinhin dem Christentum als ethische “Erfindung” angerechnet wird, Jesus wird üblicherweise als Erfinder kolportiert. In Wahrheit wurden nicht selten alte Motive aufgegriffen und rhetorisch etwas zugespitzt, um diesen aufpolierten Fundus dann Bauern und Fischern als neue Religion zu verkaufen.

Ironielose Postmoderne

Wer Woody Allens “Deconstructing Harry” sah, wird sich daran erinnern, mit welch feinen Ironie er am Ende diese “Denk”-“Methode” behandelt: In Wahrheit seien Harrys Romanfiguren ja alle sehr lustig (statt des Gegenteils) merkt eine Studentin altklug an, sie habe das bei der Dekonstruktion seiner Bücher festgestellt.

Ironie ist offenbar eine Kategorie, die man innerhalb der postmodernen Geisteswissenschaft auf alles anwendet, nur nicht auf die eigenen akademischen Arbeiten, sonst könnte diese Anzeige eines neuen Buches schwerlich ernst gemeint sein: “Deconstructing Woody Allen” wählte Angelika Janssen als Titel für ihr von uns schon lange erwartetes Buch denn: “Dekonstruktion ist eine bei der Interpretation und in der Kritik von Woody Allens filmischem Werk bisher zu wenig berücksichtigte Kategorie.”

Zweifelsohne ist die Wissenschaftlichkeit eine bei der postmodernen Interpretation bisher zu wenig berücksichtigte Kategorie. Der Peter Lang Verlag druckt offenbar immer noch alles, wenn der Druckkostenzuschuss stimmt.

Dr. Faustus

Interessantes über die Entstehung des Romans weiß Ulrich Weinzierl anläßlich des eben erschienenen Briefwechsels zwischen Thomas Mann und Theodor W. Adorno zu berichten [Die Welt].

Paulus Hochgatterer: Caretta Caretta

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Erlaubt man sich einen simplifizierenden Blick auf die österreichische Gegenwartsliteratur, so lassen sich unschwer zwei Richtungen ausmachen: Gelungenes sprachlich-experimentelles, also “materialbewusstes” Schreiben (Jelinek, Franzobel, Fian und wie sie alle heißen) auf der einen, gut gemeintes (Menasse) langweiliges (Köhlmeier), schlicht schlechtes (Martin Amanshauser) oder schmerzhaft peinliches (Robert Schneider, der “Kunigunde die Hirschkuh” zur unvergesslichen Heldin machte) “Erzählen” auf der anderen Seite.

Hochgatterer nun ist hier eine Ausnahme: Er schreibt nicht experimentell und legt doch literarisch spannende Werke vor. Dabei schöpft er aus dem Fundus seiner Erfahrung als in Wien tätiger Kinder- und Jugendpsychiater. Der Held von “Caretta Caretta” ein Wiener Strichjunge, der aus seinem Alltag ausbricht und einen todkranken “Klienten” in die Türkei begleitet. Nach dem Erscheinen des Buches war sofort von “Entwicklungsroman” die Rede, ein klassischer Pawlowscher Reflex der deutschsprachigen Literaturkritik, obwohl es Hochgatterer wohlweislich am Ende offen läßt, ob Dominiks Leben eine positive Wende nehmen wird.

Die literarische Kunst Hochgatteres läßt sich an zwei Punkten festmachen: Er beherrscht die Technik des Aussparens perfekt. Gerade die traumatischen Erlebnisse des Jungen leuchten immer nur kurz aber eindrücklich auf, die “Leerstellen” sind virtuos gesetzt. Hinzukommt das erstaunlich genaue Treffen des Tons, denn der Roman ist aus der Ich-Perspektive des Protagonisten erzählt, bekanntlich ein heikles Unterfangen. Bis auf ein paar Ausrutscher gelingt es Hochgatterer, die Erzählsituation plausibel zu gestalten. Eine Empfehlung.

Sibylle Berg: Hund Frau Mann

Kasino/Burgtheater 18.4.02
Regie: Stephan Müller
Sabine Haupt, Edmund Telgenkämper, Hanspeter Müller

Die Geschichte klingt banal: Männlicher Single trifft auf weiblichen Single, eine Beziehung bricht über die beiden herein, die üblichen Probleme beginnen. Das Originelle kommt mit dem Hund ins Spiel, aus dessen Perspektive die Handlung erzählt wird.

Über die Qualität des kurzen Textes kann ich mangels Lektüre nichts sagen, die Inszenierung war aber sehr furios. Dreh- und Angelpunkt war eine riesige Videoprojektionsfläche im Hintergrund auf die mit Hilfe von Handkameras nicht nur Großaufnahmen der Gesichter projiziert wurden. Habe bisher kaum einen so gelungenen Einsatz von Videotechnik auf der Bühne gesehen. Offen bleibt jedoch, ob das Stück auch ohne solche “Bühnentricks” tragfähig wäre. Ein überzeugender Theaterabend, so viel ist sicher.

Neues zur Erkenntnistheorie

Es gibt sie immer noch, jene monomanen Philosophen, die unbeeindruckt von akademischen Gewohnheiten ihren Forschungen nachgehen. Einer davon ist Brian O’Shaughnessy, der mit “Consciousness and the World” (Oxford University Press) 700 engbedruckte Seite zu diesem Thema vorlegt. Thomas Nagel hat es für die New York Review of Books (6/2002) rezensiert*, zeigt sich vom Detailreichtum der Studie beeindruckt und rät potenziellen Interessenten dringend, sich nicht von dem Umfang des Buches abschrecken zu lassen:

[…] because the book offers a great deal of insight about the most conspicuous and least thing in the universe – ourselves. If we are to make progress over the long term in understanding how mind fits into the world, it will take detailed phenomenological investigations like O’Saughnessy’s as well as research on the brain and on behavior.

Michael Siebler: Troia. Mythos und Wirklichkeit

Reclam UB (Amazon Partnerlink)

Es ist kein kleines Kunststück in einem schmalen Band einen Überblick über die Troia-Forschung zu geben. Siebler fasst nicht nur die archäologische Geschichte der Ausgrabungen auf Hisarlik zusammen, sondern liefert auch einen kurzen, aber prägnanten Überblick über die Homer-Forschung. Schon bald wird klar, dass er in dem aktuellen Streit auf der Seite Manfred Korfmanns steht, dessen Forschungsarbeit er – durchaus nachvollziehbar – sehr positiv bewertet, indem er die wichtigsten Ergebnisse derselben präsentiert.

Klassiker-Verlage (17): Penguin Classics

Sechzehn deutschsprachige Verlage waren es, die in nennenswertem Umfang “klassische” Bücher verlegen. Die Penguin Classics sind das Aushängeschild der angelsächsischen Verlagszene, was die Veröffentlichung von “great books” angeht. Quantitativ gehört sie mit 1600 Titeln zu den umfangreichsten Klassiker-Reihen. Die Editionsqualität ist in der Regel ebenso solide wie die Übersetzungen. Eine vergleichbare Reihe auf Deutsch würde den hiesigen Buchmarkt bei weitem attraktiver machen.

Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas

Kafka hasste seinen Vater und nahm zeitlebens seine Mahlzeiten mit der Familie ein. Er war höchst lärmempfindlich, klagte ständig eloquent darüber, und bewohnte viele Jahre lang ein Durchgangszimmer (!) in der elterlichen Wohnung, obwohl er sich dank seines Brotberufs jederzeit eine eigene ruhige Wohnung hätte leisten können. Oft fällt es schwer, Kafkas Verhalten verstehen.

Die Lebensgeschichte Kafkas zu schreiben, gehört sich zu den größeren Herausforderungen der Biographenzunft. Der in Berlin geborene und 1933 in die USA emigrierte Ernst Pawel wagte den Versuch und legte das Ergebnis 1984 vor: “The Nightmare of Reason. The Life of Franz Kafka”. Den Kennern sei es gleich gesagt: Neue Erkenntnisse sind in dem Buch nicht zu finden. Wer sich jedoch mit einer ausführlichen (500 eng bedruckte Seiten), in weiten Teilen soliden und gut lesbaren Biographie zufrieden gibt, wird nicht enttäuscht werden.

Der historische Kontext, der Freundeskreis, Prag (…) werden kompetent und prägnant beschrieben. Vergebens sucht man dagegen viele Klischees, etwa das des lebensfremden, blind durch das Leben stolpernden Dichters. Diese Einschätzung wird üblicherweise den Briefen und Tagebüchern entnommen, und Kafka hat sich selbst tatsächlich so beurteilt. Pawel stellt diesen zermürbenenden Selbstzweifeln eine objektive Sicht entgegen: Kafka leistete als Beamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt hervorragende Arbeit, bekam ausgezeichnete Zeugnisse, wurde regelmäßig befördert und mit immer wichtigeren Aufgaben betraut. Von praktischer Lebensunfähigkeit im Beruf also keine Spur.

Erfrischend auch Pawels mangelnde Ehrfurcht vor der akademischen Kafka Forschung. Abwegige Interpretation weist er zurück, hält sich lieber an das Werk als an von außen an den Text herangetragene Theorien. Allerdings geschieht dieses Zurückweisen mehr aus Instinkt denn als theoretischer Einsicht, was für das Buch insgesamt gilt. Die einzige Theorie, auf die Pawel (erfreulicherweise sehr selten) zurückgreift ist die Psychoanalyse, wenn es um Kafkas Familienkonstellation geht. Manchmal neigt Pawel auch zu wenig nachvollziehbaren Pauschalurteilen, was der Klappentext wohl mit dem Adjektiv “meinungsfreudig” zu kaschieren versucht.

Fazit: “Das Leben Franz Kafkas” ist ein gelungenes Beispiel für das angloamerikanische Genre der Biographie. Sie eignet sich nicht nur für Literaturinteressierte, die aus unbegreiflichen Gründen die Welt Kafkas noch nicht betreten haben, sondern lohnt die Lektüre auch für dezidierte Kafka-Leser.

Ernst Pawel: Das Leben Franz Kafkas. Eine Biographie (rororo)

David Hume (1711-1776)

Die Philosophie der Aufklärung war und ist eine höchst komplexe Angelegenheit, was von den Verächtern derselben gerne übersehen wird, da sich auf imaginäre Konstruktionen besser einschlägt als auf eine in ihrer Heterogenität durchaus gemeinsame Züge aufweisende Denkrichtung.

Einer der herausragendsten Denker der Aufklärung war der Schotte David Hume, dessen Bedeutung in der Entwicklung der empiristischen Philosophie gar nicht überschätzt werden kann. Bewertet man philosophische Leistungen ist nicht immer nur das konkrete Ergebnis in Form von Theorien entscheidend (auch hier hat Hume Beachtliches geleistet), sondern auch die Art und Weise, wie diese Erkenntnisse gewonnen werden, die Methode des Denkens. Es klingt wie eine Binsenweisheit, ein Philosoph müsse ohne Vor-Urteile sine ira et studio seiner Tätigkeit nachgehen. Die Philosophiegeschichte zeigt jedoch, dass diese Herangehensweise nicht immer wie wünschenswert befolgt wurde.

Bei Hume war sie weit ausgeprägt, und sein Versuch, eine empirische Erkenntnistheorie von Grund auf zu erstellen, gehört zu seinen größten Verdiensten. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist in “An Enquiry in Human Understanding” nachzulesen. Schritt für Schritt setzte er das menschliche Erkenntnisvermögen basierend auf “impressions” (Sinneswahrnehmungen) und “ideas” zusammen, ließ nur gelten, was sich evidenterweise herleiten ließ. Diese “Sturheit” beeindruckte nicht nur Kant ungemein – Hume gab Kant den Anstoß zur Entwicklung seiner kritischen Philosophie -, sondern führte ihn zu einer seiner größten intellektuellen Leistungen: der Analyse der Induktion und der Kauslität. Hume zeigt so Schritt für Schritt die logische Unzulässigkeit von Schlüssen, die von vergangenen Erfahrungen auf zukünftige schließen (das berühmte Induktionsproblem). Er konnte ebenso nachweisen, dass von empirischen Prämissen ausgehend, das Prinzip der Kausalität nicht (im strengen logischen Sinn) beweisbar ist.

Beides ein (bis heute nachwirkender) schwerer Schlag für die Wissenschaft und einer von vielen Belegen dafür, dass der Kurzschluss “Aufklärung – Wissenschaft – viele Übel der Menschheit” von einer ebenso beeindruckenden wie hartnäckigen Kurzsichtigkeit zeugt. Die besten und kompetentesten Kritiker der rationalen Weltanschauung bedienten sich selbst rationaler und empirischer Methoden – und trugen dadurch maßgeblich zum geistigen Fortschritt bei.

Humes Erkenntnistheorie eignet sich auch zur Veranschaulichung einer weiteren Leistung: Er hatte keine Scheu vor anthropologischen Überlegungen. So schädlich prinzipiell die Vermengung von psychologischen und philosophischen Fragestellungen ist, so progressiv war sie geistesgeschichtlich zur Zeit Humes. Es seien zwei Beispiele genannt: 1. Hume führte die globale, unreflektierte Anerkennung des Kausalitätsprinzips auf psychologische Mechanismen zurück (was knapp 200 Jahre später die Experimente der Gestaltpsycholgen belegten). 2. Er lehnte (“Of the Original Contract”) die damals von Locke und anderen vertretenen sozialphilosophischen “Vertragstheorien” als nicht nur historisch falsch und naiv ab, sondern setzte ihnen plausible anthropologische Erklärungsversuche – die Entstehung von höher entwickelten Gesellschaften aus der Keimzelle der Familie – gegenüber.

Hume folgte seinen skeptischen Gedanken, wohin sie ihn führten, auch wenn die Ergebnisse aus Sicht (s)eines empirisch-aufgeklärten Weltbildes oft wenig erfreulich waren. Kant hat Humes Denkschärfe berechtigterweise bewundert. Die Beschäftigung mit seinen Werken eignete sich hervorragend als Einstieg in die Philosophie der Aufklärung.

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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