Swetlana Geier

Den 80. Geburtstag der hervorragenden Dostojewskij-Übersetzerin würdigte am 24. April eine Sendung des Büchermarkts, wie immer als MP3-Datei (5,5 MB)* zu laden.

* Mittlerweile ist das File offline. Leider gibt es beim DLF auch kein Manuskript dieses Beitrags.

Reise-Notizen Sizilien (3): Segesta

Info-Link Segesta

Die wichtigste antike Stätte im Osten Siziliens. Zu sehen gibt es dort einen griechischen Tempel und ein Theater, wobei „griechisch“ dahin gehend modifiziert werden muss, dass Segesta von Elymern bewohnt wurde, einem Volk aus Kleinasien. Kulturellen Einflüssen sehr aufgeschlossen unterhielten die Segestaner sowohl Beziehungen mit den Karthagern als auch mit den Griechen.

Zum Konflikt kam es, als die griechische Kolonie Selinunt ihr Territorium zu Ungunsten von Segesta ausdehen wollte. Die Details kann man bei Thukydides* nachlesen: Durch ein geschicktes Täuschungsmanöver konnten die Segestaner die Athener von ihrem „Reichtum“ überzeugen. Ein Bündnis war die Folge, einer der Gründe für die verheerende Sizilienexpedition der Athener.

Der Tempel in Segesta (Mitte 5. Jhd.) wurde nie fertig gestellt, es fehlten Cella und Dach, so dass nur die Ruine einer Baustelle zu besichtigen ist. Immerhin wurde die Ringhalle aufgerichtet, auch wenn einige Säulen noch die als Transportschutz gedachte Steinummantelung tragen. So ist der architektonische Gesamteindruck – vor allem aus der Entfernung – durchaus fesselnd.

Zu sehen gibt es weiters ein kleineres griechisches Theater (3. Jhd) mit einem grandiosen Blick über sizilianische Landschaft. Erhalten sind nur 20 Sitzreihen, trotzdem lohnt sich ein Besuch sehr.

* Siehe auch meine Reihe über die „Geschichte des Peloponnesischen Kriegs“: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

Rosette Nebel

Wunderschöne digitale Aufnahmen des 5000 Lichtjahre entfernten Nebels, sind hier zu bewundern.

Bach: h-moll Messe

Musikverein 13.4.
Wiener Philharmoniker Dirigent: Semyon Bychkov

Hat man die Wiener Philharmoniker schon mehrmals in Bestform erlebt, war dieses Konzert nicht wirklich befriedigend. Selbstverständlich war es eine Aufführung auf hohem Niveau, aber es fehlt der ästhetische „Mehrwert“, den man von einem Spitzenorchester erwarten darf.

Semyon Bychkov konnte sich offenbar nicht entscheiden, wie er die Messe interpretieren wollte. Für eine „klassische“ Aufführung war die Besetzung deutlich zu klein, für eine an der historischen Aufführungspraxis angelehnte Interpretation spielten die Wiener wiederum zu brav. Schade eigentlich.

Protestantismus oder Nationalismus?

Eine nach wie vor geschätzte Theorie über die Entstehung des modernen Kapitalismus ist jene Max Webers, der viele Schlüsselprozesse dieser Entwicklung auf den Einfluss des Protestantismus zurückführt.

Eine alternative Erklärung schlägt Liah Greenfeld in „The Spirit of Capitalism: Nationalism and Economic Growth“ vor: Der Nationalismus sei die treibende Kraft gewesen. Robert Skidelsky vergleicht* diese beiden Erklärungsansätze in der Nr. 4/2003 der New York Review of Books und zeigt die Schwächen von Greenfelds Überlegungen auf. Sein erstes Argument sei zitiert:

First, it is far from clear how nationalism is supposed to produce the individual behavior necessary for economic growth. Weber’s theory of the Protestant ethic postulates a functional relationship between frugality (self-denial) and capital accumulation

[…]

Why should nationalism make people more systematically frugal or, for that matter, enterprising – as opposed to more systematically warlike? Greenfeld herself admits it does not have to.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

Neue Klassiker-Ausgaben

Schön, dass sich ab und zu doch Neues tut. Zu vermelden sind zwei neue Übersetzungen: Thukydides „Der peloponnesische Krieg“ [Perlentaucher] und eine neue Auswahl aus Pierre Bayles „Historischem und Kritischem Wörterbuch“* [Perlentaucher], einem zentralen Werk der Frühaufklärung.

* „Historisches und kritisches Wörterbuch: Eine Auswahl der philosophischen Artikel“ TEIL 1 und TEIL 2.

Klangforum Wien (Cage, Zender,…)

Konzerthaus 8.4.
Dirigent: Hans Zender
John Cage: Ryoanji (1983-85)
Hans Zender: Cabaret Voltaire (2001/02)
Roman Haubenstock-Ramati: Credentials or „Think, Think Lucky“ (1960)
Olivier Messiaen: Couleurs de la cité céleste (1963)

Kommt man aus dem vergleichsweise absurden Berufsleben direkt in den Konzertsaal, fällt der Übergang zu einer Vertonung von dadaistischen Gedichten nicht schwer. Hans Zender setzte sechs „sinnlose“ Gedichte Hugo Wolfs in Töne, und machte dies ebenso souverän wie die heikle Bearbeitung von Schuberts „Winterreise“, die ich vor einigen Jahren in Salzburg hörte.

Dazu hervorragend passend Haubenstock-Ramatis Vertonung des berühmten Monologs von Lucky aus „Warten auf Godot“. Salome Kammer setzte ihre Stimme beeindruckend flexibel und differenziert ein. Ein ausgesprochen gelungener Abschluss dieses Konzertzyklus.

Edvard Munch

Albertina 12.4.

Die kürzlich nach jahrelangen Umbauarbeiten neu eröffnete Albertina hat nun genügend Platz für große Sonderausstellungen und stellt dies eindrucksvoll mit einer großen Munch-Ausstellung unter Beweis. Die Museen in Oslo müssen fast leer geräumt sein, angesichts der Fülle wichtiger Bilder.

„Der Schrei“ ist im Original so beeindruckend, dass er sich seinen Ikonenstatus redlich verdient hat. Wer kunsthistorisches Lehrbuchwissen überprüfen möchte, erhält ausreichend Gelegenheit. Die Ähnlichkeiten mit späteren expressionistischen Malern sind frappant, einige der Portraits könnte ebenso Kokoschka gemalt haben.

Das Konzept der Ausstellung ist ebenso überzeugend, wie die neuen Räumlichkeiten. Wer Munch noch nicht in Oslo gesehen hat, sollte diese Gelegenheit unbedingt wahrnehmen!

Massenkultur an der Universität

Einer der Auswege aus dem literaturwissenschaftlichen Methodenchaos scheint vielen ein bewusster Pluralismus zu sein: Man nehme möglichst viele widersprüchliche Theorien, und verwende eklektizistisch, was gerade passend erscheint.

Robert Scholes folgt in seinem neuen Buch, „The Crafty Reader“ genau diesem Prinzip und wird Mark Bauerlein in Philosophy and Literature 2/2002 entsprechend kritisiert.

Vorher jedoch schildert Bauerlein ausführlich seine theoretischen Erlebnisse in den achtziger Jahren, womit wir beim Titel dieser Notiz wären:

Allied with the political attacks on theory, and esteemed even lower, were critiques of the humanities as a bastion of high culture. Polemics such as Andrew Ross’s „No Respect: Intellectuals and Popular Culture“ treated literature departments as conservative enclaves blind to the cultural realities of the public sphere. Humanities professors guarded a narrow white-male canon with spurious notions of taste and truth, they argued, while popular culture did the real work of social progress. In the „voices emerging from popular culture and voices articulating political thoughts and feelings of all sorts“ as one book puts it, lay the genuine force of critique and the academic ideology that excluded them on high culture grounds was but another reactionary strategy

[…]

To speak of academia as a repressive society in relation to mass culture was absurdly disproportionate. Mass culture was an elephantine monster, the humanities a shrinking refuge. Every year students entered our composition classes with less book learning and more MTV/ESPN savvy. To object to literature departements keeping sitcoms and romance ficton from the curriculum was to give in to the trend. Ross and others acted as if they were leading a lonely fight against the monolithic power of the Establishment, but in truth they were backed by a tidal wave of media and consumerism. We came to graduate school to escape the onslaught. The only reason they pushed mass culture on an hemmed-on university, we decided, was that they preferred watching television to reading books, but wanted to retain the prestige and comfort of academic life.

Balzac: Pierrette. Roman

Man kann der Trivialliteratur vieles vorwerfen, das Größte ihrer Verbrechen ist zweifellos, dass sie das Talent von Balzac beeinträchtigt hat: Das jahrelange Schreiben von Dutzendware hat sich auf viele seiner Werke durchgeschlagen.

In „Pierette“ beispielsweise wird die Grenze zur Sentimentalität, diplomatisch formuliert, gelegentlich gestreift. Eine durchdachte Romankonstruktion gibt es kaum, der Roman setzt in mehreren langen, linearen Rückblenden an, um die Vorgeschichte zu erzählen. Ziemlich spät erst, wird das eigentliche Thema des Buches begonnen.

Das ungeheure Talent Balzacs zeigt sich daran, dass er trotz allem ein lesenswertes Buch geschrieben hat. Sein psychologisches Einfühlungsvermögen, die Schärfe seiner Figurenzeichnung, und schließlich das realistische, unsentimentale Ende, der Tod des misshandelten Kindes Pierrette, belegen das mehr als genug.

Balzac: Pierette (Insel Taschenbuch)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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