Naxos wird 15

Anfangs von den etablierten Klassik-Labels belächelt, ist Naxos inzwischen aus dem Klassikmarkt nicht mehr wegzudenken. Waren die ersten Aufnahmen oft künstlerisch und klanglich zweitklassig, änderte sich das seit Anfang der Neunziger zunehmend. Viele Interpretationen konnten es mit den besten aufnehmen, etwa die Gesamteinspielung der Schostakowitsch-Streichquartette durch das Éder Quartett.

Durch die niedrigen Preise erschloss sich der klassischen Musik auch neue Käuferschichten, was nicht nur “bildungspolitisch” ein großes Lob verdient.

The Royal Tennenbaums

Filmcasino 24.3.
Regie: Wes Anderson

Ein groteskes und nicht unamüsantes Portrait einer seltsamen New Yorker Familie, kapitelweise erzählt. Sehenswert.

Schiller: Die Jungfrau von Orleans

Burgtheater 28.3.02
Regie: Karin Beier
Karoline Eichhorn, Nicholas Ofczarek, Barbara Petritsch, Peter Simonischek

Ein hysterisches Mädchen, das von göttlichen Eingebungen getrieben, patriotische Großtaten vollbringt, ist ein denkbar schlechter Stoff für ein gutes Drama. Kein Wunder also, dass es zu Lebzeiten Schillers ein Publikumsrenner war, gab der Autor doch seinem Werk zusätzlich noch einiges an Kolportage mit auf dem Weg.

Schillers Ausflug ins romantisch-religiöse scheitert kläglich. Eine Ursache dafür mag seine antiaufklärerische Intention gewesen sein, ein Gegenstück zu Voltaires “La Pucelle d’Orleans” zu schreiben. Der antireligiöse Spott empörte den guten Schiller, weshalb er den selben Stoff von religiös-erhabener Seite aufbereiten wollte.

Was bringt ein Theater dazu, das schlechteste Schillerstück im Jahr 2002 auf den Spielplan zu setzen? Die Inszenierung von Karin Beuer blieb eine Antwort auf diese Frage schuldig. Statt eine explizit kritische Lesart zu wählen, fand auf der Bühne ein mäßig ironisches Spiel statt. Eine Reihe von Szenen sind nett choreographiert, andere bringen hübsche Tableaux zustande. Wenn sich jemand Schiller am Burgtheater ansehen will, ist derzeit “Maria Stuart” eine wesentlich bessere Wahl.

Philip Roth: Der menschliche Makel

Selten konnte man die deutschsprachige Literaturkritik so hysterisch erleben: “Meisterwerk”, “grandios”, “furios”, “atemberaubend” und eine Fülle ähnlicher Attribute wurde über den neuen Roman von Philip Roth ausgeschüttet. Das Erstaunliche dabei: Diese Hymnen sind berechtigt, es handelt sich um einen brillanten Roman, der keine Vergleiche etwa mit Updikes Rabbit-Tetralogie zu scheuen braucht.

Worin liegen die spezifischen Qualitäten? Eines der klassischen Kriterien für einen guten realistischen Roman ist Welthaltigkeit. Der semantische Reichtum der fiktionalen Welt sollte so umfassend sein, dass ein repräsentatives Portrait des gewählten Wirklichkeitsauschnittes entsteht. Roth erschuf in “Der menschliche Makel” nun eine Welt von erstaunlicher Komplexität, die nicht nur die verschiedensten Gesellschaftsschichten einbezieht, sondern auch auf individualpsychologischer Ebene den Leser mit vielen authentischen Figuren bekannt macht. Manche beiläufig skizzierten Nebenfiguren entwickeln dabei eine größere Präsenz als viele Protagonisten in durchschnittlichen Romanen.

Teile des Inhalts sind durchaus heikel, knüpfen sie doch an den ebenso beliebten wie fragwürdigen Sport des Political-Correctness-Bashing an. Klischees vermeidet Roth allerdings unter anderem dadurch, dass er den durch Intrigen aus dem College vertriebenen Altphilologen Coleman eine Lebenslüge mit auf den Weg gibt: Als hellhäutiger Schwarzer ergriff er in seiner Jugend die karrierefördernde Gelegenheit, sich als weißen Juden auszugeben. In ausführlichen Rückblenden wird die Jugend Colemans beschrieben, die Demütigungen einer schwarzen Familie im rassistischen Nachkriegsamerika. Nie macht Roth den Fehler, polemisch-oberflächlich anzuklagen. Desto beklemmender wirkt seine realistische Erzählkunst, wenn er sich diesen tristen Themen widmet. Das gilt auch, um ein weiteres Beispiel herauszugreifen, für die Schilderung eines traumatisierten Vietnamveteranen.

Ästhetisch bedient sich der Autor vieler avancierter Mitteln der realistischen Erzählkunst. Souverän wechselt er zwischen Zeit und Raum, wobei viele inhaltliche und sprachliche Bezüge den Roman strukturell zusammenhalten. Die Erzählung und die Dialoge werden immer wieder durch lange erlebte Reden der Figuren unterbrochen. Zwar gibt es einige Kompromisse zugunsten der “Lesbarkeit”, etwa wenn Figuren doppelt vorgestellt werden. Doch diese Kleinigkeiten vermögen die zahlreichen Qualitäten des Buches nicht zu schmälern.

Philip Roth: Der menschliche Makel. Roman (rororo)

Wagenbach Verlag

Ein Portrait dieses bemerkenswerten Bücherschmiede.

Virtuelles Troia

Über die Visualisierungsbemühungen des historischen Troia berichtet Christiane Schulzki-Haddouti in Telepolis.

Michael Frayn: Kopenhagen

Theater Drachengasse 23.3.

Stücke über naturwissenschaftliche Themen sind sehr selten, deshalb verdient dieser Versuch eines britischen Schriftstellers ein gewisses Interesse. Der Zuschauer wird Zeuge einer viel diskutierten Begegnung zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg im Jahr 1941 (bzw. diverser Rekonstruktionen, die Beteiligten werden als Tote eingeführt). Heisenberg riskierte die Reise nach Kopenhagen, um mit Bohr zu sprechen. Das Gespräch endete im Bruch ihrer Freundschaft. Was genau geschah? Worüber sprachen die beiden? Wir wissen es auch heute noch nicht, doch dürfe mit großer Wahrscheinlichkeit der Bau von Atomwaffen zur Sprache gekommen sein. Wollte Heisenberg durch Bohr die Welt vor dem deutschen Nuklearprogramm warnen? Oder wollte der nur vom Wissen Bohrs dafür profitieren?

Frayn spielt in seinem Sprech-Drama – es treten nur Heisenberg, Bohr und dessen Frau Margarete auf – verschiedene Varianten durch. Der Stoff ist ausgesprochen dankbar, um ethische Probleme rund um die Naturwissenschaft zu diskutieren.
Am Ende verlässt man das Theater allerdings unbefriedigt. Teilweise ist das Drama sehr didaktisch, damit es keine physikalischen Kenntnisse voraussetzen muss. Es wird viel angerissen, nicht alles davon zu Ende gebracht. Der Schluss ist von einer unangenehmen Pathetik.

Das größte Verdienst ist wohl, dass Frayn die wissenschaftshistorische Debatte darüber neu anstieß. Teilweise wurde diese in der New York Review of Books geführt*. Angesichts der Aufmerksamkeit, die “Kopenhagen” in England und den USA erregte, ist es erstaunlich, dass im kleinen Theater Drachengasse eine Reihe von Plätzen leer blieb.

* Siehe auch Werner Heisenberg – Ein Widerstandskämpfer?

Verteidigung der evolutionären Psychologie

Von ihren Gegner heftig angefeindet, hat diese relativ neue Disziplin kompetente Verteidiger besonders nötig.

Einer davon ist Robert Kurzban. Lesenswert zu diesem Themenkomplex ist auch der Artikel “The End of the Beginning” von Daniel Jones.

Daniel Breazeale: Fichte’s Conception of Philosophy

“…as a ‘Pragmatic History of the Human Mind’ and the Contributions of Kant, Platner, and Maimon

(Journal of the History of Ideas 4/2001)

Im Zentrum des Aufsatzes steht die Analyse, was Fichte mit dem Ausdruck “pragmatische Geschichtsschreibung” meint, der grundlegend für sein frühes Philosophieverständnis ist. “Nebenbei” entsteht auch eine Skizze dieser Philosophieauffassung, die am Beginn des deutschen philosophischen Sonderweges steht und die Philosophie in eine idealistische (in der erkenntnistheoretischen und ontologischen Bedeutung des Begriffs) Sackgasse führte, in der sie teilweise heute noch steckt. Ein Beleg dafür ist die verständnislose Hilflosigkeit, mit der man den Naturwissenschaften gegenübersteht.

Interessant ist Breazeales kleiner Exkurs über Simon Maimon, der 1792 in seinem Aufsatz “Ueber den Progressen in der Philosophie” gelungene Überlegungen zur Methodik der Philosophiegeschichtsschreibung anstellte. Nicht die Wiedergabe des Inhalts diverser Systeme sei in das Zentrum zu stellen, sondern die philosophische Methodik mit deren Hilfe diese Systeme errichtet würden.

To summarize, Fichte’s history of the human mind is “pragmatic” in the sense that it is not a chronicle of past events nor a journalistic description of the empirical facts of consciousness: nor does it describe a series of self-constitutive acts theat are supposed to occur an sich. A pragmatic history of the I must be artfully constructed a priori for the specific task of explaining ordinary experience as a whole. [S. 701]

The Times Literary Supplement

Seit hundert Jahren erscheint das TLS nun* und zählt seit langem zu den wichtigsten Literatur- bzw. Buchzeitschriften der Welt. Durch den wöchentlichen Erscheinungstermin ist die Lektüre allerdings kaum zu bewältigen, wenn man auch noch das eine oder andere Buch lesen will :-)

* Siehe den “Chronicle of Higher Education”: The ‘TLS': a 100-Year Love Affair (Artikelvorschau)

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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