Klassiker-Verlage (23): The Library of America

Ebenfalls eine hervorragende Quelle für gute Klassiker-Ausgaben, so sagt man mir. Selbst überprüfen konnte ich es nicht, die Informanten aber sind verläßlich. Die Auswahl könnte etwas umfangreicher sein. Werde mich bald selbst von der Qualität der Reihe überzeugen.

Jonathan Franzen: Die Korrekturen

Rowohlt bzw. rororo

„Literarische Sensation“ war beinahe noch zurückhaltend, die Literaturkritik überschlug (und überschlägt) sich mit Superlativen. John Updike und Philip Roth reichen als Referenz nicht aus, von den Klassikern des 19. Jahrhunderts ist die Rede, immer wieder von den „Buddenbrooks“.

In Wahrheit ist das Buch eine literarische Enttäuschung. Handelte es sich nur um einen der zahllosen schlechten Romane, wäre das nicht weiter schlimm. Besonders ärgerlich ist jedoch, dass Franzen durchaus ein herausragendes Werk hätte schreiben können, ihm aber zu viele Fehler unterlaufen. Ein schlechtes Musikstück eines durchschnittlichen Komponisten nimmt man hin. Warum sollte man seine Zeit auch auch mit durchschnittlichen Talenten verschwenden? Dagegen wirkt ein schlechtes Lied von etwa Schubert besonders enttäuschend, da man seine besten Kompositionen kennt.

Ähnlich bei Franzen. Nicht wenige Passagen sind brillant und man wird tatsächlich an obige Referenzen erinnert. Die meisten „geriatrischen“ Schilderungen zählen dazu. Der größte Fehler liegt in der inhaltlichen Überfrachtung des Romans, sogar vor kolportageartigen Elementen schreckt Franzen nicht zurück. So reicht es nicht, dass eine der Hauptfiguren in Litauen betrügerische Investments organisiert und eine Reihe von Abenteuern erlebt, nein, er muss auf der Rückreise auch noch von finsteren vermummten Gestalten auf einer dunklen Landstraße ausgeraubt werden (wobei natürlich ausgerechnet das Geld nicht gefunden wird, das für das Rückflugticket noch benötigt wird …) Diese ins Triviale abgleitende Übertreibungen sind es, warum man Franzen noch keineswegs mit Updike vergleichen kann. Ihm fehlt der Sinn für erzählerische Ökonomie. Es reicht eben nicht 800 Seiten zu schreiben, in denen sich hervorragende mit durchschnittlichen und schlechten Abschnitten abwechseln, um ein „Meisterwerk“ zu schreiben. Der Vergleich mit den „Buddenbrooks“ läuft deshalb völlig ins Leere, denn es ist gerade die souveräne Beherrschung der Stoffmassen und die quasi-musikalische, abwechslungsreiche Verdichtung des Materials, die man bei Franzen vergeblich sucht.

„Die Korrekturen“ zeigen viel von der amerikanischen Gegenwart. Sollte es Franzen gelingen, diese Welthaltigkeit ästhetisch besser in den Griff zu bekommen, könnte ihm tatsächlich eine literarische Sensation gelingen, noch ist es nicht so weit.

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (4)

dtv Bibliothek der Antike

Während die Rede Kleons belegt, dass sich (immer auf einer vergleichsweise abstrakten Ebene gesprochen) grundlegende rhetorische Strategien reaktionärer Populisten in den letzten 2400 Jahren wenig verändert haben, gilt das auch für die Gegenseite. Diodotos wirkt wie ein moderner, aufgeklärter Humanist, wenn er sich gegen die Ausrottung der mytilenischen Bevölkerung ausspricht. Er beginnt mit einer Verteidigung der rationalen Vorgehensweise in dieser Angelegenheit:

[…] mir scheint, die beiden größten Feinde guten Rates sind Raschheit und Zorn, von denen das eine gern bei der Torheit weilt, das andere bei Unbildung und kurzen Gedanken. Und wer das Reden bekämpft, als sei es nicht die Schule für das Tun, ist unverständig oder hat ein eigenes Interesse: unverständig, wenn er meint, es gebe irgendeinen andern Weg, sich über Künftiges und nicht Augenfälliges zu verständigen […]

Diodotos‘ Argumente gegen die Todesstrafe haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren:

Es ist in der Natur, daß alle, seien es Einzelne oder Staaten sich schuldig machen, es gibt kein Gesetz das zu hindern; denn alle Strafen haben die Menschen schon durchversucht, immer steigernd, um so vielleicht Ruhe zu bekommen vor den Frevlern

[…]

Entweder gilt es also noch einen gewaltigeren Schrecken zu erfinden, als diesen – oder es gibt kein Hindernis. Sondern die Armut, die verwegen ist aus Not, und die Macht, habgierig aus Frevelmut und Stolz, und alle anderen Lebensumstände, wie sie die Menschen mit irgendeiner Leidenschaft fassen, sie alle reißen mit ihren wechselnden Übergewalten unwiderstehlich zum Wagnis.

Milieutheorie, psychologische Faktoren, Kriminalität aus Machtgier: Alles was man im Zuge der europäischen Strafrechtsreformen in den letzen 250 Jahren mühsam erarbeitete, bei Thukydides hätte man sich die richtigen Anregungen holen können …
Der Redner argumentiert nüchtern und emotionslos, auch wenn er die Frage der Gerechtigkeit ins Spiel bringt:

Vernichtet ihr aber das Volk von Mytilene, das gar keinen Teil hatte am Abfall und, sobald es in Waffen in die Hand bekam, euch willig die Stadt übergab, so wäre dieser Mord an euren Freunden ein Frevel, zweitens würdet ihr mit diesem Beispiel den Vermögenden in aller Welt den größten Gefallen tun. Denn sooft sie eine Stadt euch abwendig machen, werden sie alsbald das Volk auf ihrer Seite haben: ihr habt ja gezeigt, daß bei euch die gleiche Strafe die Fehlbaren bedroht wie die Unschuldigen. Richtig aber wäre, selbst wenn sie gefehlt haben, still darüber wegzugehen, damit das einzige, was noch zu uns hält, uns nicht auch noch feind wird.

Die Athener entscheiden sich für diese Argumente und die Mytilener werden im letzten Moment gerettet (eine Episode übrigens, in der Thukydides einmal mehr sein Erzähltalent zur Entfaltung bringen kann).

Nimmt man ein paar beliebige Reden europäischer Populisten aus dem letzten Jahr und vergleicht sie mit den Erwiderungen ihrer Gegner, stellt man schnell fest, dass die Auseinandersetzung zwischen Kleon und Diodotos eine mustergültige antike Vorlage dafür abgibt. Hier Ressentiments, dunkle Emotionen, Vorurteile, Geistfeindlichkeit, Grausamkeit gegen Schwächere; dort rationales Abwägen, Humanität, empathisches Verständnis für die unschönen Seiten der menschlichen Natur. Den Kern der Aufklärungsidee (die von ihren Gegnern immer fälschlich auf Zweckrationalität reduziert wird), man findet ihn bei den alten Griechen. Begeisterung ist freilich unangebracht, wenn man die Idee 2400 Jahre später mit der Wirklichkeit vergleicht.

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (3)

dtv Bibliothek der Antike

Wirft man einen genaueren Blick auf politischen Debatten in Athen und auf die Art der vorgebrachten Argumente, ist man erst einmal sprachlos, wie wenig sich seitdem geändert hat. Sehr deutlich wird das im Gericht über Mytilene (5. Kriegsjahr), das Athen im Krieg verriet. Im Zorn beschließt die Volksversammlung, die Bevölkerung der Stadt komplett auszurotten. Dieser Entschluss stößt auf Widerstand, so dass die Angelegenheit am nächsten Tag erneut verhandelt wird.

Kleon, der erste reaktionäre Populist in der europäischen Geschichte, über den wir dank Thukydides gut Bescheid wissen, kritisiert zu Beginn den zweiten Anlauf:

Und das Allerärgste, wenn uns nichts Bestand haben soll, was wir einmal beschlossen haben, und wir nicht einsehen wollen, daß ein Staat mit schlechtern, aber unverbrüchlichen Gesetzen stärker ist als mit einwandfreien, die nicht gelten, daß Einfalt mit Disziplin weiter hilft als noch so schlaue Zuchtlosigkeit, und daß schlichtere Menschen im Vergleich zu den gescheiteren im allgemeinen ihren Staat besser regieren […]

Eine Einsicht, die nicht nur Bush junior erfreuen dürfte. Etwas später richtet sich Kleons Augenmerk auf die „Gutmenschen„, und er fällt über sie ähnlich her, wie wir das heute kennen:

Auf die Neuheit eines Gedankens hereinfallen, das könnt ihr gut, und einem bewährten nicht mehr folgen wollen – ihr Sklaven immer des neuesten Aberwitzes, Verächter des Herkommens, jeder nur begierig, wenn irgend möglich, selber reden zu können, oder doch um die Wette mit solchen Rednern bemüht zu zeigen, daß er dem Verständnis nicht nachhinkt, ja einer geschliffnen Wendung zum voraus beizufallen, überhaupt erpicht, die Gedanken des Redners vorweg zu erraten, langsam nur im Vorausbedenken der Folgen; so sucht ihr nach einer anderen Welt gleichsam, als in der wir leben […]

Zur Erinnerung, hier wird die Vernichtung einer Stadt samt Frauen und Kindern verhandelt. Kleon fällt über seine intellektuellen Zeitgenossen mit einer Schärfe her, die sich danach als Mantra bis in die Gegenwart wiederholt: Einerseits gibt hier der traditions- und vaterlandslose Intellektuelle, der zwar als Blender schön redet, aber die Welt nicht kennt, seine rhetorisch gelungene Premiere. Bei Platon lassen sich ähnliche Stellen finden, aber nicht in dieser prägnanten Vehemenz, und teilweise leider mit umgekehrten Vorzeichen, er war ja kein Freund der Sophisten wie wir wissen. Andererseits der Schönredner, der sich nicht der Sache, sondern nur der Selbstdarstellung wegen profilieren will. Ein Vorwurf, der gerade heute ständig erhoben wird (siehe Walser-Debatte), obwohl er schon vor 2400 Jahren nicht stichhaltig war.

Abschreckung ist das Zauberwort aller Stahlhelme der Weltgeschichte. Ob Kleon, Reagan oder Sharon, es hört sich immer ähnlich an:

Nun seht zu, wenn ihr eure Verbündeten gleich straft, ob sie nun vom Feind gezwungen waren oder [wie Mytilene] aus freien Stücken abfielen, welche Stadt, meint ihr, wird nicht beim geringsten Anlaß euch verraten, wo das Gelingen ihre Freiheit bringt und ein Fehlschlag kein unheilbares Unheil?

Danach folgt eine Lektion in Regierungskunst:

Ich habe mich darum gleich anfangs und auch jetzt wieder dafür eingesetzt, daß ihr den ersten Beschluß nicht mit dem zweiten umstoßt und keine Fehler macht aus Mitleid, Freude an schönen Reden oder Nachgiebigkeit, den drei Erzlastern, wenn man herrschen will. Denn Gnade ist recht zwischen Ebenbürtigen, aber nicht, wenn drüben erbarmunglose Feindschaft notwendig bestehen bleiben muss […]

Willkommen, Mytilene in der „axis of evil„. Was Diodotus, der berüchtigte antike Gutmensch und Menschenrechtler, auf diese Suada erwidert, folgt im vierten Teil.

Lob der Logik

John Dewey hat eines seiner wichtigsten Bücher schlicht „Logik“ genannt. Bei Suhrkamp ist es nun auf Deutsch erschienen. Nicht nur Christoph von Wolzogen findet dies in der „Welt“ sehr beachtlich.

GKFA

Eine kritische Rezension der neuen Thomas-Mann-Ausgabe ist in der NZZ zu lesen.

Timothy Ferris: The Whole Shebang. A State-Of-The-Universe(s) Report

Simon & Schuster Paperback (Amazon Partnerlink)

Was zeichnet ein hervorragendes wissenschaftliches Sachbuch aus? Der Autor muss nicht nur sein Thema souverän beherrschen und ein guter Didakt sein, er darf auch keinesfalls seine Leser unterschätzen und komplexe Materien unzulässig vereinfachen.
Ferris‘ dichtes Buch über den aktuellen Stand der kosmologischen Forschung erfüllt diese Kriterien alle. Besonders hervorzuheben ist, dass Ferris seine Leser an der wissenschaftlichen Entwicklung quasi teilnehmen läßt, in dem er nicht nur prägnant alternative Theorien, ihre Schwächen und Stärken vorstellt, sondern auch dichte wissenschaftshistorische Exkurse in die Geschichte der Astrophysik des 20. Jahrhunderts unternimmt. Ferris, emeritierter Professor an der University of California, kannte viele der Protagonisten persönlich, was zur Lebendigkeit seiner Darstellung beiträgt.

Durch diese Vorgehensweise erhalten auch wissenschaftstheoretisch unvorbelastete Leser einen guten Eindruck, wie moderne Naturwissenschaft funktioniert, wie aufregend experimentelle Forschung sein kann, wie elegant theoretische „Hirngespinste“ oft experimentell von verschiedenen Seiten bestätigt werden.
Die Themenfülle ist überwältigend, es gibt kaum eine Fragestellung, die nicht zumindest (fundiert) angerissen wird. Die Lektüre wirkt aufklärend im besten Sinn des Wortes. Wer wissen will, in welchem Universum wir leben (genauer: welche Hypothesen und Theorien über die Natur des Universums und vieler seiner Phänomene derzeit wissenschaftlich am besten bestätigt sind), wird aus der Lektüre großen Nutzen ziehen.

Bibliothek: Neuzugänge

Abgesehen von den „Korrekturen“ habe ich alle anderen Bücher gebraucht bei Amazon gekauft. Probleme gab es keine, eine günstige Buchquelle mehr.

  • Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Roman (Rowohlt bzw. rororo; die ersten 100 Seiten waren akzeptabel :-))
  • Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas. Roman (rororo, März 2000)
  • Pietro Citati: Kafka. Verwandlungen eines Dichters (Piper, gebunden)
  • Lambert Schneider; Christoph Höcker: Griechisches Festland (DuMont Kunst-Reiseführer; „Antike und Byzanz, Islam und Klassizismus zwischen Korinthischem Golf und nordgriechischem Bergland“)
  • Nicholas Boyle Goethe. Band I: 1749-1790 C.H. Beck jüngste „große“ Goethe-Biographie

    Klassiker-Verlage (22): Hamburger Lesehefte

    Sie sind der kleine Bruder von Reclams Universalbibliothek. Die Auswahl ist deutlich kleiner als bei der RUB, dafür sind die Hamburger Lesehefte merklich preiswerter.

    Reclams gelbe Hefte kosten ja (von wenigen Ausnahmen abgesehen) inzwischen so viel wie „normale“ Taschenbuchpreise.

    Fassbinders “Berlin Alexanderplatz”

    Zwar sollen TV-Tipps hier nicht zur Regel werden, aber die komplette Ausstrahlung von Fassbinders Literaturverfilmung (ca. 13h) verdient doch eine Erwähnung. Erster Teil (über)morgen auf arte um 1 Uhr früh.

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    „The Gap“ meint:

    "Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
    (Februar 2016)

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