Wagner: Die Walküre

Wiener Staatsoper 9.5.
Regie: Adolf Dresen
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Siegmund: Clifton Forbis
Hunding: Kurt Rydll
Wotan: John Tomlinson
Sieglinde: Deborah Polaski
Brünnhilde: Luana DeVol

Der erste Aufzug war etwas schwach: Clifton Forbis hatte sein Debüt an der Staatsoper, war entsprechend nervös und sang (daher?) für einen Wagner-Tenor zu kraftlos. Brillant dagegen fast alle anderen, insbesondere der auch schauspielerisch beachtliche John Tomlinson (Wotan) und Luana DeVol (Brünnhilde), die ein atemberaubendes Finale sangen. Das Staatsopernorchester brauchte auch eine Stunde Zeit, bis es zur Höchstform auflief. Ein ästhetisch sehr ansprechender Opernabend. Ach ja, die Inszenierung war nicht weiter störend :-)

Bibliothek: Neuzugänge

  • Pedro Calderon de la Barca: Ausgewählte Schauspiele (C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung München 1928; schöne gebundene Ausgabe)
  • Martin Kersting: Alte Bücher sammeln. Ein praktischer Leitfaden durch die Buchgeschichte und die Welt der Antiquariate (Battenberg, Augsburg 1999; privat gekauft)
  • Über den Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften…

    …wird beim Sofa-Blog diskutiert [Eintrag 1 & Eintrag 2].

    Ein hoffnungsloser Fall

    Es ist ein Lehrstück an politischer Dummheit und Inhumanität, was sich derzeit im Nahen Osten abspielt. Amos Elon zieht in der aktuellen New York Review of Books (9/2002) eine deprimierende Bilanz* des gegenseitigen Versagens. Die Politik Israels wird von ihm scharf verurteilt:

    The large-scale, punitive „incursion“ of Israeli tanks and armored troop carriers into Palestinian cities and refugee camps in April—ostensibly to crush the „infrastructure of terror“—is likely to intensify the prevailing rage and eventually to increase the attacks by shahids. The incursions have resulted in hundreds of dead and thousands of wounded and homeless Palestinian men, women, and children, mostly children—potential shahids of tomorrow. The Israeli attacks have spread havoc everywhere and caused huge material destruction from Ramallah to Bethlehem and Hebron, aimed, it would seem, at smashing not only the „infrastructure of terror,“ as Sharon has claimed, but the emerging Palestinian state. The purely civilian ministries of agriculture and education and the central office of statistics were maliciously damaged. According to B’tzelem, the Israeli human rights group, the Israeli soldiers committed wanton vandalism in many places. Roads, water lines, and sewer pipes were damaged, trees uprooted, automobiles smashed, and houses razed. Military discipline seems to have sunk to an all-time low. In some places soldiers tried to break into cash drawers and automatic teller machines; they smashed with impunity clocks and artworks as well as furniture, television sets, washing machines, and computers. The pattern of vandalism was too widespread to excuse these cases as exceptions. In Ramallah soldiers broke into the Palestinian television station and started broadcasting pornographic films they claimed to have found in a drawer there. Combat helicopters hovered overhead indiscriminately firing machine guns and missiles into homes and offices.

    Wie wird es weitergehen? „In view of the frozen attitudes of practically everyone involved, it is hard to see any other prospect but more bloodshed.“

    * Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

    Warum läuft Herr R. Amok?

    Nein, es soll hier nicht von der Wiener Fassbinder-Retrospektive die Rede sein, sondern von Reich-Ranicki, der gestern im ZDF „solo“ seiner literarischen Beschränktheit freien Lauf ließ, und Robert Musil zu seinem Thema erkor. Nun weiß man es, dass R.-R. auch schon in der Blüte seiner Jugend nicht in der Lage war, den intellektuellen Gehalt des „Mann ohne Eigenschaften“ zu erfassen, und nicht alle Menschen werden im Alter weiser. So ließ er sich gestern zwar ausführlich in die Kamera schniefend über die rührende Liebe von alten Männern zu jungen Mädchen aus, während er Musil in ein paar Sätzen abkanzelte, deren geistige Flachheit sich indirekt proportional zur ästhetischen Qualität des MoE verhält.

    Bibliothek: Neuzugänge

    Urlaubszeit heißt für mich immer auch Antiquariatszeit. Es gibt ein paar ausgezeichnete Antiquariate in Wien, wo man für wenig Geld sehr gute Büchern bekommen kann. Anderere sind sich offenbar des Internetzeitalters noch nicht bewusst, so verlangte ein Verkäufer für den 1928 bei Beck erschienen Titel „Ausgewählte Schauspiele“ von Calderon 42 Euro. Via ZVAB habe ich dieses Buch nun für 12,50 (inkl. Porto) bekommen.

  • Hugo von Hofmannsthal: Komödien (Büchergilde, Frankfurt 1974 bzw. S. Fischer, 1985)
  • Ian McEwan: Der Zementgarten. Roman (Diogenes; gebunden, Zürich 1980 bzw. detebe)
  • Hanspeter Krellmann: Anton Webern (rororo monographie, Reinbek 1991)
  • Michael Babits: Geschichte der europäischen Literatur (Büchergilde, Frankfurt 1949; 630 Seiten)
  • Samuel Johnson: Vorwort zum Werk Shakespeares (Reclam UB, Stuttgart 1987)
  • Edith Wharton: Römisches Fieber. Erzählungen (Reclam UB, Stuttgart 1987)
  • António Lobo Antunes: Die Vögel kommen zurück. Roman (dtv, München 1996 bzw. btb)
  • Ian Buruma: Erbschaft der Schuld. Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Japan (rororo, Reinbek 1996; Buruma schreibt regelmäßig hervorragende Artikel für die NYRB)
  • Samuel Butler: Der Weg allen Fleisches. Roman (dtv klassik, München 1991)
  • Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (Fischer TB, Frankfurt 1992)
  • Christian von Faber-Castell: Alte Bücher (Heyne Antiquitäten, München 1980; viele Informationen rund ums Buch)
  • Baedeker: Deutschland (Baedeker; regulär gekauft; Sonderausgabe für 10.-)
  • Peter Berling: Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder (Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1995)
  • Helene Hanff: 84 Charing Cross Road.

    „Eine Freundschaft in Briefen“

    Hoffmann und Campe bzw. btb (Amazon Partnerlink)

    Ziemlich genau 30 Jahre hat es gedauert, bis dieses bibliomane Kleinod den Weg in deutsche Buchhandlungen fand. Die Schriftstellerin Helene Hanff, damals in sehr bescheidenen Verhältnissen in New York wohnend, stößt bei ihrer Suche nach einer günstigen Bücherquelle auf das Londoner Antiquariat „Marks & Co.“. Aus einer ersten Bestellung (5. Oktober 1949) entsteht ein berührender, freundschaftlicher Briefwechsel. Es ist von den Versorgungsproblemen in London die Rede, aber selbstverständlich immer wieder von Büchern:

    Ich besitze nur drei Bücherregale und nur noch sehr wenige Bücher, die ich wegwerfen kann. Jedes Jahr im Frühjahr mache ich Bücher-Großputz und werfe die hinaus, die ich nie wieder lesen werde, so wie ich alte Kleider, die ich nie wieder tragen werde, wegwerfe. Alle Welt ist darüber schockiert. Meine Freunde sind komisch mit Büchern. Sie lesen alle Bestseller, und das so schnell wie möglich, ich glaube sie überspringen viel. Und sie lesen nie etwas zwei Mal, weshalb sie sich ein Jahr später an kein einziges Wort mehr erinnern können. Aber sie sind tief schockiert, wenn ich ein Buch in den Papierkorb werfe oder es fortgebe. Wie sie mich dabei ansehen: Man kauft ein Buch, man liest es, man stellt es ins Regal, man öffnet es nie weider im ganzen Leben, aber MAN WIRFT ES NICHT WEG! NICHT WENN ES EIN GEBUNDENES BUCH IST! Warum nicht? Ich für meine Person kann mir nichts weniger Heiliges vorstellen als ein schlechtes oder auch ein mittelmäßiges Buch. [S. 87f.]

    Beethoven: Symphonien Nr. 2 und Nr. 5

    Wiener Musikverein 5.5.
    Wiener Philharmoniker
    Dirigent: Simon Rattle

    Es gibt eine für mich unerklärliche Scheu innerhalb des klassischen Konzertbetriebs, Beethovens Fünfte zu spielen. Mahlers Fünfte wird sehr viel öfter gegeben, sogar eine Reihe von Raritäten kann man regelmäßiger hören als eine der wichtigsten Werke der Symphoniegeschichte.

    Von einer „Abnutzung“ des Werks (oder welche abstrusen Anschauungen auch immer diesem Verhalten zugrunde liegen) kann keine Rede sein, das bewies Rattles Interpretation mit Nachdruck. Mit etwas Fantasie konnte man sich gut vorstellen, als wie un-erhört dieses Werk von Beethovens Zeitgenossen empfunden werden musste.

    Chaucer zweisprachig

    Jetzt werde ich den Goldmann-Verlag doch noch einen Platz in der Reihe „Klassiker-Verlage“ einräumen müssen: 2000 Seiten Canterbury-Erzählungen in drei Bänden für nur 30 Euro, zweisprachig und kommentiert, sind eine lobenswerte verlegerische Tat. Die Übersetzung stammt von Fritz Kemmler. In der „Literatur und Kunst“ – Beilage der NZZ gibt es eine Rezension dazu.

    John Updike: Rabbit in Ruhe. Roman

    rororo (Amazon Partnerlink)

    Knapp 2000 Seiten umfassen die vier Romane der Rabbit Tetralogie. Man sieht als Leser der Hauptfigur 40 Jahre lang über die Schulter und blickt auf ein ziemlich durchschnittliches amerikanisches Leben. Als „Zugabe“ gibt es en passant einen Überblick über prägende Ereignisse der amerikanischen Nachkriegsgeschichte.
    Viele Autoren gibt es nicht, die einen so wirklichkeitsreichen und psychologisch dicht gewebten fiktionalen Kosmos über eine so lange Strecke entwerfen können. Man fühlt sich unwillkürlich an die großen realistischen Romane des 19. Jahrhunderts erinnert, auch wenn Updikes Erzähltechniken deutlich avancierter sind.

    Der letzte Roman bildet jedenfalls einen fulminanten Abschluss der Tetralogie, zahlreiche motivische und strukturelle Bezüge verweisen auf die drei vorangegangenen Bände. Um sie alle zu erkennen, müsste man die vier Romane am Stück lesen, nicht wie ich im Abstand von jeweils einem halben Jahr. Updike hat sich damit einen dauerhaften Platz in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts erschrieben.

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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