Die neue Thomas-Mann-Ausgabe…

…wird in der SZ ausführlich von Gustav Seibt besprochen [Perlentaucher].

Die Skythen

Wer Herodot* gelesen hat, wird seine ausführliche Beschreibung der Skythen, ein sibirisches Reitervolk, noch in Erinnerung haben. Den Persern gelang es trotz großer Anstrengungen nicht, sie zu unterwerfen.

In der August-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft gibt Hermann Parzinger einen ausführlichen Überblick** über den Stand der archäologischen Forschungen in Sibirien Parzinger leitet die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts.

* Die Einzelbeiträge meiner Reihe über die „Historien“: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

** Artikelvorschau

Schiller: Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande

„…von der spanischen Regierung“

(Wissenschaftliche Buchgesellschaft; Band IV)

Schiller als Historiker führt ein Schattendasein. Spätestens seit dem Historismus im 19. Jahrhundert wurde seine Vorgehensweise als unwissenschaftlich qualifiziert, obwohl sich durchaus methodische Reflexionen finden. Allerdings stößt man auch auf eine Reihe ziemlich polemischer Wertungen. Die meisten von ihnen, etwa seine vernichtende Kritik an der katholischen Kirche im allgemeinen und an der Inquisition im besondern, geben seiner Studie aber eine nicht unwillkommene Würze:

[…] ein Dominikanermönch, Torquemada, stieg zuerst auf ihren blutigen Thron, gründete ihre Statuten und verfluchte mit diesem Vermächtnis seinen Orden auf ewig. Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde, ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. [S. 82f.]

Obwohl Schiller-Forscher versichern (etwa Jürgen Eder im „Schiller Handbuch“), dass viele von Schillers Analysen mit modernen Darstellungen dieses Konfliktes kompatibel sind, liest man diese Abhandlung am besten als Dokument der Aufklärung. Schiller brach sein Buch seltsamerweise am Höhepunkt der spanischen Unterdrückung ab, d.h. der eigentliche Befreiungskampf wird nicht mehr behandelt. Eine Lektüre-Empfehlung!

Bibliothek: Neuzugänge

Ich sage nur: Zweitausendeins :-)

  • John Griffiths Pedley: Griechische Kunst und Archäologie (Könemann; schöner Bildband, allerdings (fast) nur s/w Abbildungen)
  • Aleksandar Tisma: Treue und Verrat. Roman (Hanser; übersetzt von Barbara Antkowiak)
  • Philip Roth: Tatsachen. Autobiographie eines Schriftstellers (Hanser bzw. rororo; erstaunlich, dass jetzt schon P.R. verramscht wird)
  • Philip Roth: Operation Shylock. Ein Bekenntnis (Hanser bzw. dtv; übersetzt von Jörg Trobitius)
  • Fritz Senn: Nicht nur Nichts gegen Joyce (Haffmans; Aus der Konkursmasse…)
  • Alessandro Manzoni: Die Brautleute (dtv; neu übersetzt von Burkhart Kroeber)
  • Christian Vöhringer: Pieter Bruegel (Könemann, aus der Reihe „Meister der niederländischen Kunst“ bzw. Ullmann Verlag)
  • Claudia Pilling u.a.: Friedrich Schiller (rororo monographie, Neuausgabe; regulär erworben)
  • Thukydides archiviert

    Die fünf kleinen Beiträge, die in der letzten Zeit hier zu lesen waren, habe ich in eine Datei gesteckt [koellerer.de].

    Hier die Einzelbeiträge:

  • Teil 1
  • Teil 2
  • Teil 3
  • Teil 4
  • Teil 5
  • Pierre Bayle und deutschen Sozialdarwinisten

    Es gibt nur einen Grund für diese gewagte Überschrift, nämlich dass sich zu beiden Themen zwei lesenswerte Aufsätze im aktuellen Journal of the History of Ideas (2/2002) finden.

    Pierre Bayle (1647-1706), dem aufgeklärten Zeitgenossen als prominenter Frühaufklärer bekannt, steht im Mittelpunkt der Abhandlung von Thomas M. Lennon. Der stellt sich die Frage: „Did Bayle Read Saint-Evremond?“

    Die Antwort darauf läßt Rückschlüsse darüber zu, ob Pierre Bayle ein Atheist war oder nicht – eine immer wieder zentrale Frage im intellektuellen Prominentenklatsch des 18. Jahrhunderts.

    Charles de Marguetel de St. Denis, sieur de Saint-Evremond, war als Atheist notorisch und Bayle hat sich an mehreren Stellen auf ihn bezogen.

    The upshot of the overall argument here would be that Balye should be taken at face value in his profession of faith, or at least that one line of argument for not doing so [ein Zitat in bezug auf Saint-Evremond] ist highly questionable. But if the argument restores the credibility of Bayle’s profession of religious faith, it threatens the credibility of his philosophical position. [S. 235]

    Ceterum censeo, dass eine komplette Neuübersetzung von Bayle’s „Dictionnaire historique et critique“ längst überfällig ist.

    In Darwinism and Death: Devaluing Human Life in Germany 1859-1920 zeigt Richard Weikart einen gespenstischen Reigen an sozialdarwinistischer Menschenverachtung. Viele (nicht alle!) deutsche Darwinisten hatten offenbar David Hume nicht genau gelesen (Sein-Sollen-Problem) und zogen aus ihrer Interpretation der Evolutionstheorie weitreichende ethische Schlussfolgerungen, etwa dass Euthanasie biologisch wünschenswert wäre.

    In sum, many leading Darwinian biologists and popularizers in the late nineteenth and early twentieth centuries led the attack on existing moral standards, on body-soul dualism, and so on the sanctity of human life. [S 343]

    Gerne verdrängt wird die Tatsache, dass in diesem argumentativen Umfeld auch für die Abtreibung Stellung bezogen wurde:

    Eugenics provided important impetus for those promoting the legalization of abortion. Most of the leading abortion advocates – Helene Stöcker, Adele Schreiber, Henriette Fürth, Grete Meisel-Hess, Oda Olberg, and others – were avid Darwinian materialists who saw abortion not only as an opportunity to improve the conditions of women, but also as a means to improve human race and contribute to evolutionary progress. [S. 341]

    Natürlich spricht das nicht gegen eine Befürwortung von Abtreibung heute, aber man sollte sich dieser Zusammenhänge immer bewusst sein.

    Bibliothek: Neuzugänge

    Die Fontane-Ausgabe ist ein Werbegeschenk der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Die anderen Bücher wurden günstig bei Jokers erworben.

  • Theodor Fontane: Werke in 10 Bänden
  • Karl Eibl u.a.: Der junge Goethe in seiner Zeit. Text und Kontexte (Insel, 2 Bände samt CD-ROM; für nur 7,70 Euro bei Jokers zu haben)
  • Torry J. Luce: Die griechischen Historiker (Artemis & Winkler; behandelt die üblichen Verdächtigen)
  • Jean-Pierre Vernant (Hrsg.): Der Mensch der griechischen Antike (Fischer TB Geschichte, Frankfurt 1996)
  • Dieter Kühn: Goethe zieht in den Krieg. Eine biographische Skizze (S. Fischer, gebunden, 1999 bzw. Fischer TB)
  • Bertelsmann Buchclub wird intellektuell

    Neue Zielgruppen erorbern will Bertelsmann durch das Gründen neuer Buchclubs liest man im Buchmarkt via Internetarchiv:

    Auch sollen zwei Clubs neu gegründet werden. Sie sollen zum einen anspruchsvoll-intellektuelle Zielgruppen, zum anderen trendorientierte Kunden für Bertelsmann besser erschließen.

    Offenbar will Bertelsmann nun am Mitgliederstamm der Büchergilde und der Wissenschaftliche Buchgesellschaft knabbern.

    Adolf H. Borbein (Hrsg.): Das alte Griechenland.

    „Kunst und Geschichte der Hellenen“

    C. Bertelsmann bzw. Orbis (Amazon Partnerlink)

    Wer sich für die griechische Antike interessiert, wird mit diesem umfangreichen Bildband seine Freude haben. 460 Seiten mit hunderten Fotos führen kompetent in die Materie ein. Die einzelnen Kapitel befassen sich mit der materialen Kultur der alten Griechen, d.h. Literatur und Philosophie werden bewusst ausgeklammert. Die einzelnen Beiträge sind von bekannten Fachleuten geschrieben und befassen sich u.a. mit Architektur und Städtebau, Plastik, Keramik und Malerei, Alltag in der Kleinkunst und Münzen.

    Der sorgfältig gestaltete Anhang enthält nicht nur Karten, sondern auch einen nützlichen Überblick über archäologische Stätten und Sammlungen mit griechischer Kunst. Das Buch ist derzeit für 25 Euro als gebundene Sonderausgabe zu haben, ein Schnäppchen also.

    Platon: Phaidon

    Meiner Verlag (Amazon Partnerlink)

    Warum sich gerade dieser Dialog besonders großer Berühmtheit erfreut, ist nicht schwer zu erraten. Kombiniert er doch ein literarisch höchst bewegendes Thema – die letzten Stunden des Sokrates – mit einer konzisen Einführung in diverse platonische Themen.

    Sokrates spricht nicht nur die wichtige Aspekte der Ideenlehre an, er führt auch seine logische Argumentationstechnik komprimiert vor. Zwar halten diese Argumente einer genaueren Überprüfung weniger stand als diejenigen in anderen Dialogen – die Unsterblichkeit der Seele läßt sich eben nur durch fragwürde starke Axiome „beweisen“. Das tut der formalen Eleganz des Vorgetragenen aber keinen Abbruch. Bei der wiederholten Lektüre stellt sich ein quasi-musikalischer Effekt ein und man genießt die logische Raffinesse (etwa die subtilen Wechsel diverser Abstraktionsebenen) wie die Durchführung eines musikalischen Themas.

    Der Dialog endet mit einem kurzen Abriss der platonischen Kosmologie, ein wohltuender Kontrapunkt, der die Grenzen des platonischen Wissens deutlich macht.

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    „Die Presse“ meint:

    "Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
    (5. Januar 2013)

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