Bibliothek: Neuzugänge

Abgesehen von den „Korrekturen“ habe ich alle anderen Bücher gebraucht bei Amazon gekauft. Probleme gab es keine, eine günstige Buchquelle mehr.

  • Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Roman (Rowohlt bzw. rororo; die ersten 100 Seiten waren akzeptabel :-))
  • Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas. Roman (rororo, März 2000)
  • Pietro Citati: Kafka. Verwandlungen eines Dichters (Piper, gebunden)
  • Lambert Schneider; Christoph Höcker: Griechisches Festland (DuMont Kunst-Reiseführer; „Antike und Byzanz, Islam und Klassizismus zwischen Korinthischem Golf und nordgriechischem Bergland“)
  • Nicholas Boyle Goethe. Band I: 1749-1790 C.H. Beck jüngste „große“ Goethe-Biographie

    Klassiker-Verlage (22): Hamburger Lesehefte

    Sie sind der kleine Bruder von Reclams Universalbibliothek. Die Auswahl ist deutlich kleiner als bei der RUB, dafür sind die Hamburger Lesehefte merklich preiswerter.

    Reclams gelbe Hefte kosten ja (von wenigen Ausnahmen abgesehen) inzwischen so viel wie „normale“ Taschenbuchpreise.

    Fassbinders “Berlin Alexanderplatz”

    Zwar sollen TV-Tipps hier nicht zur Regel werden, aber die komplette Ausstrahlung von Fassbinders Literaturverfilmung (ca. 13h) verdient doch eine Erwähnung. Erster Teil (über)morgen auf arte um 1 Uhr früh.

    Kulturjournalistische Reflexe

    Die Wiener Stadtzeitung Falter gehört zum Besten, was der österreichische politische Journalismus hervorbringt, eigentlich ein Armutszeugnis für die journalistische Szene in Österreich, hier auf eine kleine Stadtzeitschrift angewiesen zu sein.

    Der Kulturteil dieser Zeitschrift zeichnet sich (neben vorzüglichen Theaterkritiken) vor allem dadurch aus, dass die unterschiedlichsten Kunst- und „Kunst“-formen in einen großen Topf geworfen werden und diese unausgegorene Brühe nach kurzem Umrühren über die Leserschaft geschüttet wird. Klassik etwa kommt kaum vor, während mit einer erstaunlichen Akribie über die kleinsten Regungen der Popszene berichtet wird, als sei das von irgendeiner ästhetischen Relevanz.

    (Exkurs: Über die Peinlichkeit von Nostagie-Rockkonzerten mit Senioren-Rockern, in denen gut situierte Frühpensionisten die herzerwärmenden Erinnerung an ihre „rebellische“ Jugend auskosten, in denen sie als gut situierte Bürgersöhne ihren harmlosen „Protest“ via Rockkultur zur Anschauung brachten, ließe sich auch einiges schreiben, aber darauf wollte ich nicht hinaus, jedenfalls ziehe ich hier die vergleichsweise ehrliche Verlogenheit des klassischen Musikbetriebs vor.)

    Zurück zur aktuellen Falter-Ausgabe. Klaus Nüchtern widmet sich ausführlich dem neuen Roman von Jonathan Franzen, „Die Korrekturen“, den er in den höchsten Tönen löbt, um ihn dann als Vorschlaghammer gegen avanciertere literarische Formen zu missbrauchen:

    Natürlich ist gute Literatur keine Frage nationaler Herkunft. Aber eine Entkrampfung der in der deutschen Kritik nach wie vor gepflogenen Verschränkung von Mainstream-Verachtung mit der Fetischisierung literarischer „Progressivität“, die zum permanenten Bruch mit ästhetischen und gesellschaftlichen Konventionen verpflichtet, wäre kein Fehler.

    Seit Jahren wird diese inzwischen völlig unoriginelle Suada angestimmt, wenn ein guter amerikanischer Roman erscheint, so als sei es eine kulturjournalistische Heldentat mit einem erfolgreichen Millionen-Bestseller auf der literarischen Avantgarde herumzuhacken. Die literarisch anspruchvollsten Werke haben es nicht nur aus materiellen Gründen schwer genug, ihre Autoren leben in der Regel am Existenzminimum, und brauchen gerade seitens der Literaturkritik jede Unterstützung. Was Klaus Nüchtern hier macht, ist journalistischer Populismus der üblen Sorte, ein völlig überflüssiger ästhetischer Populismus, der sich mit dem Starken auf Kosten des Schwachen verbündet.

    P.S. Wie gut „Die Korrekturen“ wirklich sind, wird sich weisen, der Roman liegt schon zur Lektüre bereit.

    Studentische Bildung

    Einer nicht-repräsentative Umfrage wollte die (Allgemein-)Bildung der Linzer Studenten ans Licht bringen [„Standard“] Das Ergebnis ist (wenig überraschend?) düster. Vor allem mit wissenschaftlicher Methodik kann fast niemand etwas anfangen:

    Erhebliche Schwächen entdeckt Wagner aber auch bei wissenschaftsspezifischen Fragen. Zwischen 83 und 88 Prozent der Befragten konnten mit Begriffen wie Theorem, normative Wissenschaft und deduktives Vorgehen nichts anfangen. „Hier liegt der Fehler bei den Universitäten, wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass die Studierenden hier ein Informationsdefizit beklagen“, gesteht er ein.

    Ich wusste gar nicht, dass Linz eine geisteswissenschaftliche Fakultät hat ;-)

    Klassiker-Verlage (21): Zweitausendeins

    2001 sollte eigentlich allen bekannt sein. Dort gibt es seit vielen Jahren günstige Klassiker-Ausgaben in Lizenz. In den meisten Fällen solide Ausgaben zu erstaunlichen Preisen. Weiter so!

    [Für eine Zusammenfassung dieser kleinen Serie siehe koellerer.de]

    Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (2)

    dtv Bibliothek der Antike

    Thukydides starb, bevor er sein Werk in die von ihm gewünschte Form bringen konnte, weshalb man bei der Lektüre unschwer drei verschiedene Stufen feststellen kann:

    1. Notizen, die mehr oder weniger noch Rohmaterial sind, eine Stoffsammlung zur späteren Verwendung.
    2. Die Verarbeitung dieser Notizen zu einer Chronik.
    3. Erzählerisch penibel gestaltete Episoden.

    Das schadet der Lesbarkeit jedoch keineswegs. Warum fasziniert dieses Werk seit seiner Entstehung so viele Leser? Hauptgrund ist die Fülle des von Thukydides gebotenen, die sehr unterschiedliche Lesarten zulässt. Historisch erfährt man eine Unmenge an Details über eine der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Alle Geschichtsinteressierten (im weitesten Sinn) stoßen auf eine kaum zu erschöpfende Fundgrube an Material. Dieser Reichtum bietet selbstverständlich auch spezielleren Fächern (Ethnologie beispielsweise) genügend Stoff. Wer den Schwerpunkt lieber auf Schöngeistiges legt, wird ebenfalls nicht enttäuscht. Viele Passagen sind von einer beeindruckenden erzählerischen Qualität, der Stoff jeweils höchst geschickt zu epischen Spannungsbögen angeordnet. Thukydides hat nicht nur das erste moderne Geschichtswerk geschrieben, er hob en passant auch die Erzählkunst auf eine neue Stufe. Ähnliches gilt für die zahlreichen Reden, die von einer ungewöhnlichen rhetorischen Brillanz zeugen.

    Als wäre dies nicht alles bereits genug: In dem Buch tritt uns mit Thukydides ein glänzender Kopf entgegen, der sich eine eigene Meinung über seine Zeit und über die Menschen bildete. Aufgeklärt betrachtet er das Kriegsgeschehen seiner Landsleute und wird zunehmend pessimistischer. Die rationale Distanz zum Geschehen führt wie bei Euripides zu einem Menschenbild, das quer zur athenischen Selbtbeweihräucherung steht.

    Die Größe der Leistungen Athens wird nicht verschwiegen, die unappetitlichen Seiten der berühmten Stadt spielen jedoch die Hauptrolle. Die arrogante, rücksichtslose Machtpolitik der Großmacht zeigt erstaunliche Analogien zur Gegenwart. Athenische Gesandte, die kleinere Städte zur Unterwerfung auffordern, verstecken sich meist nicht Scheinargumenten, sondern reden Tacheles, nicht nur mit den Meliern:

    Wir allerdings gedenken unsrerseits nicht mit schönen Worten – etwa als Besieger der Perser seien wir zur Herrschaft berechtigt oder wir müßten erlittenes Unrecht jetzt vergelten – endlose und unglaubhafte Reden euch vorzutragen […] sondern das Mögliche sucht zu erreichen nach unser beider wahren Gedanken, da ihr so gut wißt wie wir, daß im menschlichen Verhältnis Recht gilt bei Gleichheit der Kräfte, doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt.

    […]

    Wir glauben nämlich, vermutungsweis, daß das Göttliche, ganz gewiß aber, daß alles Menschenwesen allezeit nach dem Zwang seiner Natur, soweit es Macht hat, herrscht. Wir haben dies Gesetz weder gegeben noch ein vorgegebenes zuerst befolgt, als gültig überkamen wir es, und zu ewiger Geltung werden wir es hinterlassen […] [S. 433]

    Soweit ich sehe ist das die erste explizite Formulierung der „sozialdarwinistischen“ Idee in der abendländischen Geistesgeschichte. Frappierend im letzten Zitat besonders das „vermutungsweis“. Die Behauptung wird, bester skeptischer athenischer philosophischer Tradition gemäß, als Hypothese präsentiert, ein unglaublicher Zynismus.

    Recht hatten sie aber zumindest, was die „ewige Geltung“ dieses Gesetzes angeht. Die amerikanische Außenpolitik ist der des antiken Athen so ähnlich, dass man es kaum für möglich hält. Das einzige „Argument“ der USA im Streit um den internationalen Strafgerichtshof war ja ebenfalls, dass sie sich das als einzige Supermacht nicht bieten lassen wollen. Das „vermutungsweise“ sucht man allerdings vergeblich …

    Lob einer Privatbibliothek

    70.000 Bände umfasst die Bibliothek der Familie Kuczynski. Jetzt wurde sie an die Berliner Zentral- und Landesbibliothek verkauft, wie Tilman Krause berichtet [„Welt“ via Internetarchiv].

    Siehe auch Volker Müller in der Berliner Zeitung Wer will anderthalb Kilometer Bücher? und Jörg Sundermeier in „Jungle World“ („Der Schatz in Weißensee“).

    Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges (1)

    dtv Bibliothek der Antike

    Man kann über den „Kanon“ sagen, was man will: Meiner Leseerfahrung nach sind Bücher, die seit Jahrhunderten (von längeren Zeiträumen nicht zu reden) die unterschiedlichsten Leser faszinierten, gewinnbringender als zahlreiche andere Druckerzeugnisse. Keine finstere Verschwörung ist die Ursache dafür, dass Homer oder Herodot oder Platon oder Plutarch oder Augustinus (…) immer wieder passionierte Leser fanden und finden, sondern die erstaunliche Qualität und Aktualität ihrer Werke.

    Thukydides (ca. 460-404) ist ein besonders herausragendes Beispiel. Gerne wird er als Begründer der modernen Geschichtsschreibung tituliert, obwohl er eigentlich hauptsächlich seine Gegenwart beschrieb. Als Leser hatte er allerdings nicht in erster Linie seine Zeitgenossen im Auge:

    Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag sie so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist sie verfaßt. [S. 36]

    Die „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ sollte nicht nur die tatsächlichen Ereignisse schildern, sondern auch die anthropologischen Fundamente dieser Auseinandersetzung freilegen. Die brillante Umsetzung dieses Vorsatzes ist sicher eine Ursache für den Erfolg des Buches.

    Man braucht viel Phantasie, um sich den riesigen Umfang des Projekts vorzustellen. Zwar waren Herodots Historien in Athen bekannt, nach Thukydides‘ methodischen Vorstellungen jedoch gänzlich unbrauchbar. Nicht einmal ein für die Geschichtsschreibung verwendbares einheitliches Kalendersystem gab es, die Städte in Hellas wandten diverse Notationen an (meist bezogen auf in der Vergangenheit amtierende Würdenträger). Thukydides behalf sich mit einer auch heute noch plausiblen Einteilung in Sommer und Winter. Die Zuverlässigkeit seiner chronologischen Angaben konnte astronomisch bestätigt werden (er erwähnt mehrmals Sonnenfinsternisse).

    Das Geschichtswerk füllt heute etwa 630 engbedruckte Seite, für antike Verhältnisse ein beachtlicher Umfang. Wie Thukydides im einzelnen seine Informationen zusammentrug, entzieht sich unserer Kenntnis. Als wohlhabende und einflussreiche Persönlichkeit hatte er sicher viele Kontakte. 424 wurde zu einem der zehn Strategen gewählt, hatte jedoch kein Kriegsglück und wurde deshalb aus Athen verbannt. Verbannung bedeutete zwangsläufig, sich in (aus athenischer Perspektive) feindlichen Städten aufzuhalten zu müssen. Es ist naheliegend, dass diese gegnerische Sichtweise auf den Krieg zur erstaunlichen Objektivität seines Buches beitrug.
    Eine Frage kann auch dieses Werk nicht beantworten, warum nämlich damals in Athen (bzw. Griechenland insgesamt) so viele Geistesleistungen (mehr oder weniger) ex nihilo erbracht wurden, aber das mag eine überflüssige Frage sein, profitieren wir doch heute noch davon.

    Fußball – ein Spiel des Hasses

    In Weltmeisterschaftszeiten wird gerne verdrängt, was Fußball eigentlich ausmacht: Es ist ein Millardengeschäft mit anachronistischen Emotionen. Der Rückfall in atavistisches Stammesdenken ist ja unschwer bei jedem Ligaspiel (egal in welchem Land) beobachtbar. Selten nur werden diese Tatsachen ausgesprochen, wo anders als in der New York Review of Books kann man solche deutlichen Worte darüber lesen:

    If we were to ask, what has been the most dangerous emotion of the last two centuries, one possible answer might be: the nostalgia for community, the yearning, in an age of mechanization and eclecticism, for the sort of powerful sense of group identity that will enable you to hold hands with people and sing along, your lucid individuality submerged in the folly of collective delirium, united in a common cause, which of course implies a common enemy.

    This desire for close-knit community at any price was no doubt an important factor in the rise of National Socialism, fascism, communism, and a range of recent and dangerous fundamentalisms. Football fandom, as it developed in the same period in Europe and South America, might be seen as a relatively harmless parody of such large-scale monstrosities, granting the satisfaction of belonging to an embattled community, perhaps even the occasional post-match riot, without the danger of real warfare. The stadium and the game have become the theater where on one afternoon a week, in carefully controlled circumstances, two opposing groups, who at all other moments of life will mingle normally, can enjoy the thrills of tribalism. Hard-core supporters of the competing teams occupy opposite ends of the stadium generating a wild energy of chants and offensive gestures that electrifies the atmosphere.

    Belege dafür stellt die letzte Weltmeisterschaft zur Verfügung:

    What happens when a team sport, particularly an intensely engaging, fiercely physical sport like soccer, a game capable of arousing the most intense collective passions, is transferred from the local to the national level? What happens when very large crowds, many of whom are not regular fans and thus not familiar with the game and the emotions it generates, find themselves involved in the business of winning and losing as nation against nation? For the soccer team comes to represent the nation, indeed the nation at war, in a way the single athlete cannot. Before England’s decisive game with its old enemy Argentina, the London Samaritans announced that their staff would be at full strength to deal with misery if England lost. After Japan beat Russia —another old quarrel—the people of Tokyo danced in the streets, while in central Moscow, where giant screens had been set up to show the event, there was serious rioting and one death. The TV in the home is safe enough; in the stadium there are fences and police. But a crowd in a public square watching their nation lose against an old enemy with nothing between themselves and, for example, a Japanese restaurant (one was seriously vandalized in Moscow) is a dangerous thing indeed. These events serve to remind us that globalization has done nothing to diminish nationalist passions. Perhaps the reverse.

    Tim Parks fand diese treffenden Worte in der NYRB 12/2002. Von Fußball wird hier nie wieder die Rede sein :-)

    • RSS Feed for Posts
    • RSS Feed for Comments
    • Twitter
    • XING
    • Facebook

    „The Gap“ meint:

    "Kann es wirklich sein, dass es im österreichischen Internet mit Christian Köllerer (aka @DrPhiloponus) nur einen einzigen ernstzunehmenden Kulturblogger gibt?"
    (Februar 2016)

    Flattr

    Wer mag, kann die Notizen durch "flattern" unterstützen.

    Aktuell in Arbeit

    Tweets

    Aktivste Kommentatoren