Precious

Filmcasino 5.4.

Regie: Lee Daniels

Die Meinungen zu Precious gehen weit auseinander. Eine politisch löbliches Milieustudie sehen die einen, während die anderen sich über einen rassistischen Sozialporno empören. Man muss kein Aristotelianer sein, um festzustellen: Keine dieser extremen Ansichten ist richtig. Als Kunstwerk ist der Film gescheitert. Regelmäßig werden kitschige Tagtraumszenen eingeblendet, die aus Sicht der jungen „Heldin“ zwar authentisch sein mögen, aber die ästhetische Statik eines Milieufilms arg ins Wanken bringen. Die Filmmusik hilft auch nicht weiter. Sie schwankt zwischen pathetischem Kitsch, schwarzer Folklore und musikalischer Ironie.

Zu Beginn wirkte auf mich alles hochgradig unauthentisch. Langsam findet man sich in die (missglückte) Erzählweise und wird dann regelmäßig von den oben beschriebenen Einschüben wieder herausgerissen. Was die Handlung angeht, wird dem Leser eine Unterschichtstragödie geboten mit allem, was den Bobo wohlig erschauern läßt: Gewalt, Inzest, Dummheit in diversen Abstufungen. Das wirkt an manchen Stellen tatsächlich sozialpornographisch. Nur die Hauptfigur Precious wird hier behutsamer behandelt.

Warum der Film gescheitert ist, erkennt man am besten, wenn man ihn mit anderen Milieufilmen vergleicht. Man nehme den großartigen Aki Kaurismäki, der das Kunststück schafft, Unterschichtdramen zu erzählen ohne die Protagonisten zu denunzieren. Das ist große Filmkunst. Precious dagegen ist ein peinlicher Versuch des Mainstreamkinos sich diesem Thema zu nähern. Man kann Oprah Winfrey nur raten, sich wieder auf Bücher zu konzentrieren, anstatt sich an politisch wohlgemeinten Filmproduktionen zu versuchen.

Tulpan

Filmcasino 23.3.

Regie: Sergei Dvortsevoy

Der Film ist so ungewöhnlich, dass er auf alle Fälle eine Notiz verdient. Es war mein erster kasachischer Film, und ich war wohl der einzige im spärlich besetzten Kinosaal, der schon einmal in Kasachstan unterwegs war. Die Handlung ist folkloristisch, und zwar im besten Sinn des Wortes. In langsamen Bildern wird das (harte) Hirtenleben in der kasachischen Steppe ästhetisch aufgearbeitet. Der junge Asa kommt von der Marine zurück in die Jurte seiner Eltern und träumt von einem modernen landwirtschaftlichen Betrieb in der Steppe. Voraussetzung für diese Selbständigkeit wäre eine Heirat. Doch es herrscht eklatanter Frauenmangel und die ins Auge gefasste Tulpan verweigert sich.

Das geschilderte Leben in und außerhalb der Jurte wirkt kulturell sehr authentisch, und das ist auch die größte Stärke des Films. Das moderne Kasachstan kommt freilich nur als Projektionsfolie der Protagonisten vor.

Friedrich Weissensteiner

Die großen Herrscher des Hauses Habsburg. 700 Jahre europäische Geschichte (Serie Piper)

Ich wollte mein Wissen um die Habsburger auffrischen und bin bei meiner Recherche auf das Buch des Hofrats (!) Friedrich Weissensteiner gestoßen. Es enthält vierzehn kaiserliche Portraits von Rudolf von Habsburg, dem Begründer der Dynastie, zu Karl I. der nach dem ersten Weltkrieg abdanken musste. Diese biographischen Skizzen sind solide geschrieben, was leider das Beste ist, das man vom dem Buch sagen kann. Es stellt zwar die wesentlichen Informationen zusammen, ist aber sonst denkbar uninspiriert. Es gibt keine Abwechslung, keine methodischen Überraschungen, kurz es fehlt an Geist. Weissensteiner ist sicher ein Kenner der Materie und hat enorm viel Material verarbeitet. Das Ergebnis ist aber leider ein höchst durchschnittliches Sachbuch.

Notizen-Statistik 1. Quartal

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Insgesamt sind 2005 Notizen und 177 Kommentare online.

Gestartet im April 2001.

Adalbert Stifter

Stifter hat bei vielen den Ruf ein fader Biedermeier-Schreibling zu sein. Langweilige und langwierige Beschreibungen werden ihm nachgesagt. Ich las schon lange nichts mehr von Stifter, hatte die gelesenen Bücher aber durchweg in sehr guter Erinnerung. Zeit also für eine Überprüfung dieses Eindrucks.

Inzwischen habe ich fünf Erzählungen und auch Die Mappe des Urgroßvaters (eigene Notiz geplant) noch einmal gelesen. Um es gleich zu sagen: Stifter schreibt erstklassige Literatur, mein Lesegedächtnis bewährte sich in diesem Fall. Er ist aber im Gegensatz zum oben beschriebenen Klischee nicht einfach zu lesen. Das Missverständnis vom Biedermeier-Idylliker kann nur entstehen, wenn man ihn oberflächlich liest. Am Verfänglichsten sind natürlich die Naturbeschreibungen. Stifter zählt hier in der deutschsprachigen Literatur zur Referenz. Es gibt wenige, welche Naturereignisse in allen ihren Schattierungen so genau und stimmungsvoll beschreiben können. Ich selbst bin ja kein großer Naturfreund, weiß diese Literaturkunst aber (deshalb?) sehr zu schätzen. Im Gegensatz zu schlechten Schreiberlingen verklärt Stifter die Natur nur selten und balanciert das Idyllische immer durch das Gegenteil aus. Ja, es gibt die idyllischen Wälder und Bergtäler, aber oft spielen sich dort menschliche Tragödien wie Selbstmorde ab. Ja, es gibt die wunderbaren Frühlingstage samt Frühlingsgefühlen, aber es gibt auch den Winter und Eislandschaften, wo die Welt buchstäblich zufriert.

Man muss Stifter genau lesen, damit einem diese Doppelbödigkeiten auffallen. In gewisser Hinsicht könnte man ihn als subtilen Vorläufer eines Thomas Bernhard verstehen. Sieht man sich bei Zeitgenossen um, wäre er eine subtilere Variante des Wilhelm Raabe. Raabe versteckt seine Abgründe hinter burlesken und komischen Figuren und Geschichten, er hält uns das Biedermeierliche quasi direkt unter die Nase und distanziert sich davon mit starken Mitteln. Stifter dagegen bettet seine menschlichen Dramen in oberflächlich wunderbare Landschaften ein, die oft Kulissen für Katastrophen sind.

Neben den Naturbeschreibungen, deren Treffsicherheit sich übrigens nicht nur auf Böhmen erstreckt, sondern in Abdias auch zu hervorragenden Wüstenschilderungen führt, sind es die Beschreibung menschlicher Schicksale, welche diese Erzählungen interessant machen. Oft leben die Menschen wie im Hagestolz in scheinbar romantischen Umständen, es stellt sich aber schnell heraus, dass sich in der Vergangenheit menschliche Dramen abspielten und man eigentlich das „falsche“ Leben lebt. Wie hier der fast noch jugendliche und als Waise aufgewachsene Viktor auf seinen alten, verbitterten und menschlichenfeinden Onkel trifft, ist nicht nur handwerklich großartig gemacht. Der Hagestolz lebt alleine mit zwei Bediensteten auf einer nur per Boot erreichbaren Insel auf einem entlegenen Bergsee und geht dort seinen skurillen Hobbys nach. Das ist ein misanthropischer Geistesmensch und ein so offensichtlicher Vorläufer einer Thomas-Bernhard-Figur, dass alleine diese Erzählung das Geschwätz vom Biedermeier-Idylliker hinreichend widerlegt.

Stifter: Erzählungen (Aufbau Bibliothek)
Der Kondor, Der Hochwald, Abdias, Brigitta, Der Hagestolz

Musil: Klagenfurter Ausgabe

Noch eine Rezension ist zu vermelden. Dieses Mal von Norbert Christian Wolf (Germanist an der Universität Salzburg) in der Presse.

Bernard-Marie Koltès: Quai West

Burgtheater 1.4.

Regie: Andrea Breth

Maurice Koch: Sven-Eric Bechtolf
Monique Pons: Andrea Clausen
Cecile: Elisabeth Orth
Rodolphe: Hans-Michael Rehberg
Claire: Merle Wasmuth
Charles: Philipp Hauß
Fak: Nicholas Ofczarek
Abad:Maynard Eziashi

Andrea Breth verdanke ich mit Martin Kusej die besten Theaterabende der letzten Jahre. Beide inzensieren modern, verstehen aber im Gegensatz zu vielen Kollegen die Stücke in ihrer literarischen Vielfältigkeit, was grandiose Inszensierungen ergibt. Quai West kannte ich noch nicht, was dem Abend eine besondere Spannung gab. Das Stück ist düster und diese Düsterkeit setzt Andrea Breth beeindruckend in Szene. Das Bühnenbild zeigte in Grau- und Schwarztönen eine heruntergekommene Hafengegend in einer Stadt. Wobei von Realismus keine Rede sein kann: Die Szene ist quasi abstrakt, was der apokalyptischen Wirkung aber nicht schadet. Wer Anregungen für urbane Slumalpträume benötigt, in diesem Quai West findet er sie. Herausragend die Lichtregie. Von Dunkelheit über fein abgestufte Düsterkeitsgrade zu blendender Helligkeit werden alle Möglichkeiten ausgespielt.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein wohlhabender Finanzbetrüger fährt in dieses trübe Hafenviertel, um seinem Leben ein Ende zu setzen, begleitet von einer ihm bekannten Dame. Die beiden treffen auf die heruntergekommenen Einheimischen dieses Elends, die in den Ankömmlingen eine willkommene Bereicherungsmöglichkeit sehen. Reich trifft Arm wäre also eines der grundlegenden strukturellen Motive des Stücks. Dass am unteren Ende der sozialen Skala auch Familienbande keinen Halt mehr bieten, ist ein weiteres wichtiges Element. Eingebettet in die beschriebene Atmosphäre nimmt dieser erstaunlich subtil durchgeführte Konflikt schnell eine endzeitliche Stimmung an. Man denkt an Beckett, allerdings statt Absurdem gibt es nur grotesk überhöhten Realismus.

Ich wüßte nicht, wie man das Stück hätte besser inszenieren können. Diese apokalyptische Stimmung über einen so langen Zeitraum zu erzeugen zeigt Breths Theaterkunst. Die Schauspieler sind durchgehend auf dem hohen Niveau der Regisseurin. Ein sehr beeindruckender Theaterabend.

“The Corrupt Reign of Emperor Silvio”

So der Titel von Alexander Stilles bedrückendem Portrait über die politische Situation in Italien, die er hübsch eine „whore-ocracy“ nennt. Der Artikel ist leider kostenpflichtig.

In the past year, Italy’s political life has come to resemble some strange cross between a Mexican soap opera and Suetonius‘ description of the imperial excesses of the Caesars. First there were the revelations of Prime Minister Silvio Berlusconi’s peculiar relationship with Noemi Letizia, a teenage girl from Naples who called him „Papi,“ prompting speculation about whether she was his illegitimate daughter or an underage lover. „I wish she was his daughter!“ Berlusconi’s wife, Veronica Lario, commented; she asked publicly for a divorce, saying that she could no longer stay with a man who „frequented minors“ and „was not well.“

Next there were the photographs of the bacchanalia with topless girls and pantless politicians at Berlusconi’s pleasure palace villa in Sardinia, recalling images of Tiberius at Capri. Finally, there was the case of the call girls attending Berlusconi’s parties at the presidential palace in Rome, many of them paid by a Southern Italian businessman interested in winning government contracts for his health care business.
[…]

Gelesen im März

  • Adalbert Stifter: Brigitta (Aufbau Bibliothek)

Arcadi Volodos

Konzerthaus 20.3.

Federico Mompou)
Scènes d’enfants / Kinderszenen (1915-1918

Isaac Albéniz
Seguidillas op. 232/5 (Cantos d’España) (1896)
Córdoba op. 232/4 (Cantos d’España) (1896)
Zambra granadina / Danza Oriental d-moll (1891 ca.)
La Vega

Robert Schumann
Humoreske B-Dur op. 20 (1839)

Franz Liszt
Après une lecture de Dante / Fantasia quasi Sonata S 161/7 (Années de Pèlerinage, deuxième année, Italie) (1838-1861)

Volodos ist ein glänzender Virtuose. Die schwierigsten Stellen spielt er mit Leichtigkeit und natürlich ohne eine Partitur zu benötigen. Das Programm war auch ganz auf diese Virtuosität ausgerichtet. Es wäre nun verfehlt, Volodos auf diese handwerklichen Fähigkeiten zu reduzieren. Er interpretiert mit Kopf und zielt auf Substanz. Trotzdem bleibt nach dem Abend der Eindruck zurück, einer Art Zirkusnummer beigewohnt zu haben.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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