Wien

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Lukas Bärfuss: Die Probe (Der brave Simon Korach)

Akademietheater 4.12.
Regie: Nicolas Brieger
Peter: Dietmar König
Simon: Michael König
Franzeck: Roland Koch
Agnes: Sabine Haupt
Helle: Barbara Petritsch

Lukas Bärfuss wird gegenwärtig gern gespielt, greift er doch aktuelle Themen auf und bringt sie auf die Bühne. Dieses Mal hat er sich die Gentechnik erwählt, eines der Lieblingsthemen der Feuilletons seit längerer Zeit. Peter Korach, glücklicher Ehemann und Familienvater, packt der Zweifel und er läßt heimlich einen Vaterschaftstest durchführen: Sein vierjähriger Sohn ist nicht mit ihm verwandt. Hier setzt das Stück ein und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Ein Hauch Ibsen garniert mit grotesken Elementen ist das Ergebnis. Zweiter Motivkomplex ist die politische Karriere seines linken Vaters, der eben zu einem erneuten Anlauf ansetzt, das Bürgermeisteramt zu erobern. Nimmt man noch einen aus der Gosse aufgenommenen „Adoptivsohn“ hinzu, den Simon Korach zu seinem Wahlkampfleiter kürte und der Peter den Floh mit der Probe ins Ohr setzte, ist die dramatische Konstellation komplett. Dank des wie immer sehr guten Ensembles und des geglückten Bühnenbilds ergibt das einen passablen zweistündigen Theaterabend. Viel mehr hat das zeitgenössische Drama im Moment offenbar nicht zu bieten.

Wajdi Mouawad: Verbrennungen

Akademietheater 2.12.
Regie: Stefan Bachmann
Nawal: Regina Fritsch
Jeanne: Melanie Kretschmann
Simon: Daniel Jesch
Hermile: Markus Hering
Antoine: Juergen Maurer
Sawda: Sabine Haupt
Nihad: Klaus Brömmelmeie

Man sieht es buchstäblich vor sich, wie im Sommer 2006 anlässlich des Libanonkrieges die Köpfe im Burgtheater rauchten. Ein aktuelles Stück über den Libanon muss her! Zeitgenössisches, politisches Theater ist ein wichtiges Anliegen, und man kann ja nicht jedes Mal wie ein x-beliebiges Stadttheater „Mutter Courage“ hervorkramen, wenn es wieder einmal Krieg gibt. Man suchte und suchte und schließlich stieß man auf „Verbrennungen“ von Mouwad und hatte sogar noch eine österreichische Erstaufführung in der Tasche.

Leider hat diese Geschichte kein happy end: Es handelt sich nämlich um ein miserables Stück. Mouawad gibt sich nämlich nicht mit den Verfassen eines Antikriegsstücks zufrieden, er muss es auch noch zu einer Art griechischen Tragödie aufblähen: Inzest, Vergewaltigung, Verblendung: Alles da. Dramaturgisch ist das alles ziemlich holprig (eine antike Tragödie beginnend mit einer Testamentseröffnung beim Notar) und das Stück überwiegend konturlos. Will man die Hölle der Gegenwartskriege darstellen, ist es nicht notwendig, gleichzeitig noch eine Orestie für Arme abzunudeln. Will man Betroffenheit hervorrufen (mit quasirealistischen Schockszenen) sollte man keine Hampelmänner wie die Figur des Notars ins Stück aufnehmen. Es reicht nicht ein paar klassische Dramenmotive zu nehmen (Suche nach dem Vater, Geschwisterkonflikt) und diese willkürlich mit realistischen Elementen zu vermischen.

Die Regie geht mit diesem Problem auch eher ratlos um, weicht stellenweise sogar in Richtung Slapstick aus. Das Beste, was man über den Abend sagen kann, ist die tolle schauspielerische Leistung. Das Ensemble ist großartig und sorgt für die einzigen lichten Momente eines langweiligen Theaterabends.

James Goldman: Der Löwe im Winter

Burgtheater 21.11.
Regie: Grzegorz Jarzyna
Henry: Wolfgang Michael
Eleanor, seine Frau: Sylvie Rohrer
Richard, ihr ältester Sohn: Markus Meyer
Geoffrey, ihr mittlerer Sohn: Philipp Hauß
John, ihr jüngster Sohn: Sven Dolinski
Alais Capet: Katarzyna Warnke
Philipp Capet, ihr Bruder: Tomasz Tyndyk

Das im März 1965 am Broadway uraufgeführte Stück war ein ebenso großer Erfolg wie die drei Jahre später gedrehte Verfilmung mit Peter O’Toole und Katherine Hepburn. Auf den deutschsprachigen Bühnen war es selten zu sehnen: Das Burgtheater bringt also eine Rarität und zwar ein Historiendrama, das im späten 12. Jahrhundert am Hof Henry II. spielt, und die Aufteilung des Reiches unter seinen drei Söhnen zum Thema hat. Die Inszenierung Jarzynas transponiert diese Konflikt in ein modernes Unternehmen. Sehr seltsam deshalb, dass am Ende in einem schriftlichen Abspann ausführlich die historischen Folgen des Konflikts referiert werden, was einen unausgegorenen Eindruck hinterlässt.

Den Regiestil würde ich mit den Adjektiven elegant, ausgewogen, stilisiert beschreiben, was gut zu dem Stück passt. Das auf zwei Ebenen angesiedelte Bühnenbild erinnert an ein modernes Hotelatrium, das mit durch Glaswänden abgetrennte Räume umgeben ist, und sehr stimmig zur Inszenierung passt. Das Ensemble ist ohne Ausnahmen sehenswert. Es hätte ein herausragender Theaterabend werden können.

Die Crux des Abends war die musikalische Untermalung. Entweder durfte ein Pianist auf der Bühne in Potpourri-Manier das Geschehen begleiten oder es gab penetrante Hintergrundmusik aus den Lautsprechern. Jarzyna vertraute offenbar seiner Regiekunst nicht genug und setzte dieses plumpe Mittel zur Stimmungsmache ein. Die Inszenierung hätte ohne diese Berieselung jedoch viel besser funktioniert und wäre stimmiger gewesen. Das ist kein Grund, nicht ins Burgtheater zu gehen, reduziert aber einen potenziell erstklassigen Abend auf ein durchschnittliches Niveau.

Richard Strauss: Arabella

Staatsoper 10.11.
Dirigent: Franz Welser-Möst
Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf Arabella: Angela Denoke
Zdenka: Alexandra Reinprecht
Mandryka: Morten Frank Larsen
Matteo: Michael Schade

Arabella war die letzte gemeinsame Oper von Richard Strauss und Hofmannsthal und hat zeitgenösssische Liebeswirren in Wien zum Thema. Interessiert hat mich diese Inszenierung nicht zuletzt, weil Sven-Eric Bechtolf gerade den neuen Wiener Ring auf die Bühne bringt („Die Walküre“ hat am 2.12. Premiere), und ich mir einen Eindruck von seinem Regiestil machen wollte. Um damit anzufangen: Es ist eine elegante, exzellent zur Musik passende Inszenierung. Möge er es auch bei Wagner so gut treffen.

Für eine gute musikalische Leistung sorgte Franz Welser-Möst, der dem Staatsopernorchester ein bewährter Wegweiser durch diese Klangkonglomerate war. Gesanglich gab es auch keinen Grund zur Klage.

Erfreulich.

Wilfried Seipel (Hrsg.): Meisterwerke der Antikensammlung

Kunsthistorisches Museum Wien (Amazon Partnerlink)

Dieser Band ist seit längerer Zeit mein verlässlicher Begleiter bei Besuchen der Wiener Antikensammlung. Den 114 wichtigsten Werken sind je eine Doppelseite gewidmet: Text und farbliche Abbildung. Die kurzen Texte versuchen einen Kompromiss zwischen Einführung in eine Genre (antike Keramik, Gemmnen…) und Beschreibung eines Kunstwerks. In Summe eine durchaus nützliche Angelegenheit. Schade ist es allerdings, dass in der Antikensammlung vor Ort keine Verweise auf das Buch sind. In anderen Museen gibt man oft die Seitenzahl bei den Exponaten an. Will man den Band also in der Sammlung nutzen, kann man sich auf umfangreiches Blättern einstellen.

Shakespeare: König Lear

Burgtheater 13.10.
Regie: Luc Bondy
Lear, König von Britannien: Gert Voss
König von Frankreich: Roch Leibovici
Herzog von Burgund / Oswald: Markus Hering
Herzog von Cornwall: Johannes Krisch
Herzog von Albany: Gerd Böckmann
Graf von Gloster: Martin Schwab
Graf von Kent: Klaus Pohl
Edgar, Glosters Sohn: Philipp Hauß
Edmund, Glosters Bastard: Christian Nickel
Der Narr: Birgit Minichmayr

Man freut sich heutzutage, wenn man gelegentlich ein komplettes Stück sehen kann, das nicht durch Kürzungen auf die Hälfte zusammengestrichen wurde. Luc Bondy lieferte erwartungsgemäß eine klassische Inszenierung ab, was einen Theaterabend von etwa viereinhalb Stunden ergibt. Die Schauspieler fügen sich ausgezeichnet in dieses Konzept ein. Gert Voss spielt den Lear wie große alte Schauspieler den Lear zu spielen pflegen: handwerklich glänzend und mit vollem Einsatz. Ihm zur Seite gibt Birgit Minchmayr einen fulminanten Narren. Auch der Rest des Ensembles agierte, wie man es vom Burgtheater erwarten darf.

Der Learstoff kommt aus der Märchenwelt, was man gegen zu viel Realismus als Einwand vorbringen könnte, denn Luc Bondy geht seine Sache mit blutigem Ernst an. Mit Ausnahme der Sturmszene gibt es wenige ironische Brechungen. Grausamkeiten werden ebenso sorgfältig ausgespielt wie die zahlreichen Todesszenen. So werden die Augen des Graf von Gloster mit so viel Bühnenblut auf der Bühne ausgestochen, dass so mancher Fan von Splattermovies seine Freude daran hätte. Gestorben wird quälend langsam, was an einigen Stellen die Grenze zum Komischen überschreitet. Etwas weniger Pathos hätte die Inszenierung ästhetisch deutlich aufgewertet.

Diese Kritik ändert aber nichts daran, dass es sich insgesamt um eine sehr gelungene Klassikeraufführung handelt.

Monet bis Picasso

Die Sammlung Batliner
Albertina 12.10.

Es handelt sich hier um keine Ausstellung im klassischen Sinn, da diese hochkarätige Sammlung der Albertina als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Sie erstreckt sich von der klassischen Moderne bis zum abstrakten Expressionismus: Die gesamte Prominenz ist vertreten, wenn auch erwartungsgemäß nicht immer mit Hauptwerken. Trotzdem ist das Ergebnis eine Art begehbares Buch zur Kunstgeschichte. Einige exemplarischer Werke (fast) aller wichtigen Künstler und Stilrichtungen sind vertreten und werden in kurzen Kommentaren den Besuchern näher gebracht. Ist einen Besuch wert.

Verdi: Otello

Staatsoper 9.10.
Regie: Christine Mielitz
Dirigent: Asher Fisch
Otello, Befehlshaber der venezianischen Flotte: Johan Botha
Jago, Fähnrich: Falk Struckmann
Desdemona, Otellos Gemahlin: Krassimira Stoyanova

Ich bin geneigt, mich dem Urteil anzuschließen, dass „Otello“ Verdis gelungeste Oper ist. Er bringt den Stoff in eine musikalische Form, welche die traditionellen Prinzipien der italienischen Oper (etwa die starre Unterscheidung zwichen Rezitativ und Arie) überwindet. Musiksprachlich scheut er nicht vor Dissonanzen zurück: Einige seiner „Harmonien“ weisen schon auf Mahler voraus. Die brutale Handlung und Jago als Erzbösewicht gewinnen dadurch große musikalische Glaubwürdigkeit.

Die Aufführung war erfreulich. Die drei Hauptrollen waren sehr gut bei Stimme. Das Wiener Staatsopernorchester schafft es diesmal nicht, das Niveau auf ein ärgerliches Maß zu drücken. Mielitz inszeniert das Stück (für Staatsopernverhältnisse) modern mit Betonung auf Lichtregie. Einziger Fauxpas: Sie lässt lächerlichweise den Darsteller des Otello auf dunkelhäutig schminken. Ansonsten sehr empfehlenswert.

True Romance

Kunsthalle Wien 8.10.

Die Kuratoren haben eine originelle Ausstellung zum heiklen Thema „Liebe“ zusammengetragen und können mit prominenten Namen glänzen, von Valie Export bis Damien Hirst. Man setzt sich mit der Liebesmetaphorik auseinander und hinterfragt ironisch diverse mediale Klischees. Neu für eine Themenausstellung der zeitgenössischen Kunst ist, dass man eine Einbettung in die Kunstgeschichte versucht und einige Klassiker dazu nimmt, der historischen Tiefenschärfe willen. So hängt Giorgiones „Laura“ aus dem Kunsthistorischen Museum ebenso dort wie Werke von Parmigianino und Franz von Stuck. Sehenswert. (Bis 3.2.)

Ganz unten

Wienmuseum 11.10.

Deutlich deprimierender als die ironischen Liebesspiele in der Kunsthalle ist die noch bis Ende Oktober zu sehende Ausstellung über das Subproletariat europäischer Städte um 1900. Die Ausstellung beginnt mit den ersten literarischen und künstlerischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert zum Thema, etwa die in Slums spielenden Romane Dickens oder die Milieustudien Zolas samt ihren emotionalisierenden Illustrationen. Im Kern der insgesamt etwas zu knapp gehaltenen Schau steht die Ikonographie des Elends, die damals die Sozialdebatte bestimmte. So gab es in Wien diverse Reporter wie Max Winter, die durch Reportagen und Fotos aus dem Wiener Untergrund (was man wörtlich verstehen darf, viele Obdachlose hausten in den Kanälen unter der Stadt) lange vor Wallraff Furore machten. Das Rote Wien nahm sich dieser Slums dann durch die berühmten Gemeindebauten an, die nach dem 1. Weltkrieg entstanden sind.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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