Wien

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Antike in Wien

Nächstes Wochenende wird in Wien ein neues Römermuseum eröffnet. Erste Details sind hier nachzulesen. Ich werde mir das natürlich ansehen und dann berichten.

(Addendum: Siehe „Notizen“ vom 10. 8. 2008.)

Oskar Kokoschka. Träumender Knabe – Enfant Terrible

Unteres Belvedere 13.4.

Kokoschka war einer der Maler, die mich schon lange bevor ich mich systematischer mit Kunst beschäftigte, stark ansprachen. Speziell seine hintergründigen Portraits fand ich interessant. Das hat sich bis heute nicht geändert, weshalb ich den akuellen Wiener Kokoschka-Schwerpunkt nur begrüßen kann.

Das Belvedere zeigt das Frühwerk, während die Albertina sich auf das Spätwerk konzentriert. Das Frühwerk ist geprägt vom Wiener Kunsthandwerk des Jugendstils, wurde er doch achtzehnjährig in die hiesige Kunstgewerbeschule aufgenommen und war auch zu einer Reihe von Brotarbeiten gezwungen. Trotzdem findet Kokoschka schnell zu einem eigenen Personalstil und bringt „Skandalwerke“ auf die Leinwand.

Die etwa 140 Exponate geben einen ausgezeichneten Überblick über diese Entwicklungsphase. Auch eine Reihe von frühen Portraits sind darunter. Der Audioguide beschreibt ca. 25 davon in erfreulicher Ausführlichkeit.

Yasmina Reza: Der Gott des Gemetzels

Burgtheater 1.4. 2008
Regie: Dieter Giesing
Véronique Houillé: Maria Happel
Michel Houillé: Roland Koch
Annette Reille: Christiane von Poelnitz
Alain Reille: Joachim Meyerhoff

Reza spezialisierte sich auf Stücke, die scheinbar den Nerv der Zeit treffen. Ihr theatralisches Prinzip ist schnell benannt: Versteckte Anbiederung an die Vorurteile des gebildeten Mittelstands. So ist es nicht überraschend, dass ihr jüngster Text in den europäischen Theatern erneut stürmische Erfolge feiert. Bietet er doch nichts weniger als die Möglichkeit, Boulevard zu zeigen, der sich hinter dem Deckmäntelchen des intelligenter Gegenwartsdramatik versteckt. Angesichts leerer Theaterkassen, ergreift man so eine Gelegenheit natürlich gerne…

Bereits Rezas oft gespieltes „Kunst“ folgte diesem Schema und setzte schlau auf das Unverständnis gegenüber moderner Kunst. In „Der Gott des Gemetzels“ stattet ein Ehepaar einem anderen einen Versöhnungsbesuch ab. Ihr Sohn hatte dem Sprössling der anderen mit einem Stock ein paar Zähne ausgeschlagen. Ziel ist eine kultivierte Aussprache. Statt dessen setzt Reza eine Spirale in Gang, die in der Auflösung aller kultivierten Umgangsformen und einem heftigen Streit endet. Man kennt das aus viel gelungeneren Werken (Who’s Afraid of Virginia Woolf?) zur Genüge.

Dies alles ist nun theatertechnisch kompetent umgesetzt, sowohl was den Text als auch was die Inszenierung angeht. So spult sich das Stück unterhaltsam vor einem ab. Man darf nur nicht den Fehler machen, darüber nachzudenken. Sonst bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken.

Steinerne Zeugen. Relikte aus dem Alten Wien

Hermesvilla / Wien Museum 30.3.

Wer sich für Skulpturen und/oder Wien interessiert, und wer tut das nicht, sollte sich auf den Weg zum Lainzer Tiergarten machen, in dessen Mitte die Hermesvilla liegt. Franz Joseph schenkte sie seiner Sissi und ließ sie in der Mitte des ehemaligen kaiserlichen Jagdgebiets errichten.
Jetzt dient sie als Dependence des Wien Museums, wo nun restaurierte Stücke aus dem Lapidarum zu sehen sind. Zur Slideshow.

Ausgestellt sind Kunstwerke aus Stein, die dazu dienten, Bauwerke zu verzieren. Die meisten davon landeten in Depots als die Häuser abgerissen wurden und können deshalb einen guten Eindruck über den historischen Städtebau in Wien vermitteln. Der Überblick ist allerdings kursorisch, man hätte sich mehr Exponate gewünscht. Allerdings findet man sehr charmante Stücke darunter. Angeordnet sind sie thematisch (Bürgerhäuser, Adelspalais etc.).

Wagner: Der fliegende Holländer

Staatsoper 12.2.
Dirigent: Ulf Schirmer
Daland: Walter Fink
Senta: Nina Stemme
Erik: Klaus Florian Vogt
Mary: Janina Baechle
Steuermann: Cosmin Ifrim
Der Holländer: Alan Titus

Schon die Ouvertüre zeigte, dass es sich musikalisch um keine Routineinterpretation handelte, gab es doch eine ungewöhnlich lange Pause vor dem Einsetzen des lyrischen Motivs. Dieser musikalische Gestaltungswille zog sich erfreulicherweise durch die gesamte Aufführung. Der vokale Part war selbst in den Nebenrollen brillant, was (wie im Mai letzten Jahres) erneut einen erstklassigen Opernabend ergab. Soweit ich das aktuelle Repertoire überblicke, gehört der „Fliegende Holländer“ musikalisch nun seit längerer Zeit zum Besten, was die Staatsoper zu bieten hat.

Verdi: Aida

Staatsoper 13.2. 2008
Dirigent: Zubin Mehta
nach einer Inszenierung von: Nicolas Joel
König: Dan Paul Dumitrescu
Amneris: Marianne Cornetti
Aida: Hui He
Radames: Salvatore Licitra
Ramphis: Ain Anger
Amonasro: Marco Vratogna
Bote: Gergely Németi
Priesterin: Simina Ivan

Diese Inszenierung sah ich zum ersten Mal und man muss bei allen ästhetischen Vorbehalten einräumen: Die Opulenz der Aufführung ist beeindruckend. In bester konservativer Operntradition nimmt man die Ausstattungsmaschinerie der Staatsoper zu Hilfe, um ein naturalistisches altägyptisches Bühnenbild zu entwerfen. Das ist durchaus geschmackvoll gelungen, die Kostüme stehen den Requisiten naturgemäß um nichts nach. Kurz: Ein beeindruckendes Opernspektakel wird geboten.

Das wirkt in Zeiten des Regietheaters natürlich alles putzig anachronistisch. Musikalisch war der Abend überwiegend gelungen. Die Besetzung war hochkarätig, zu Beginn gab es allerdings unausgewogenen Ensemblegesang. Grandios der Chor der Wiener Staatsoper. Verdis Opernkunst zeigt sich in „Aida“ am klassischen Höhepunkt. Eine brillante Melodie folgt drei Stunden lang auf die nächste. So überrascht es nicht, dass Thomas Mann im berühmten „Grammophon“ Kapitel des „Zauberbergs“ das Finale der „Aida“ zur literarischen Verarbeitung auswählte. Verdis Kunst besteht darin, komplexe formale Techniken mit einer scheinbar eingängigen Oberfläche zu versehen. Man kann als Analogie dabei auch an Raffael denken, dessen Gemälde so natürlich wirken, obwohl sie streng geometrisch komponiert sind.

Simon Stephens: Motortown

Akademietheater 4.2.
Regie: Andrea Breth
Lee: Markus Meyer
Danny: Nicholas Ofczarek
Marley: Johanna Wokalek
Tom: Jörg Ratjen
Paul: Wolfgang Michael
Jade: Astou Maraszto
Justin: Udo Samel
Helen: Andrea Clausen

Der Brite Simon Stephens führt in seinem Stück „rücksichtslos“ die verheerenden psychologischen Konsequenzen des Irakkriegs vor Augen. Danny, grandios gespielt von Nicholas Ofcarek, kehrt traumatisiert aus dem Südirak in sein London der Unterprivilegierten zurück. In einzelnen, scharf geschnittenen Szenen zeigt Stephens einen durch den Krieg ruinierten Menschen in einer menschlich verwahrlosten Umwelt. Man muss immer wieder an „Woyzeck“ denken: „Motortown“ erinnert sowohl von der Hauptfigur als auch von der Ästhetik an Büchners Klassiker. Zumal in beiden Stücken ein Mord im Mittelpunkt steht. Dannys sadistische Tat, das Quälen und die Ermordung eines vierzehnjährigen Mädchens, inszeniert Andrea Breth so schockierend realistisch, dass mehrere Zuseher das Theater verlassen.

Auch sonst belegt Breth mit dieser brutalen Milieustudie einmal mehr, dass sie zu den besten Theatermacherinnen im deutschsprachigen Raum zählt. „Motortown“ zeigt, wie gute Gegenwartsdramatik aussehen kann, speziell, wenn es mit einem so großartigen Ensemble umgesetzt wird.

Schiller: Wallenstein [3.]

Werkausgabe & Burgtheater 5.1.
Regie: Thomas Langhoff
Wallenstein: Gert Voss
Octavio Piccolomini: Dieter Mann
Max Piccolomini: Christian Nickel
Graf Terzky: Johannes Terne
Illo: Dirk Nocker
Isolani: Johannes Krisch
Buttler: Ignaz Kirchner
Herzogin von Friedland: Kitty Speiser
Thekla: Pauline Knof
Gräfin Terzky: Petra Morzé

Viel Glück hatte das Burgtheater nicht mit diesem „Wallenstein“. Ursprünglich sollte Andrea Breth die Reihe ihrer ausgezeichneten Schiller-Inszenierungen fortsetzen: zwei Abende waren geplant. Breth musste leider (leider!) eine Auszeit nehmen und Thomas Langhoff sprang ein. Aus zwei Abenden wurde einer, womit wir schon am Kern des ästhetischen Problems angekommen sind.

Eine Kurzfassung aufzuführen, ist natürlich immer eine legitime Möglichkeit. „Der Sturm“ im Akademietheater etwa bot eine originelle und deshalb stimmig geschrumpfte Version. Langhoff dagegen kürzte, ohne sein Regiekonzept einer „normalen“ (modernen) Klassikerinszenierung aufzugeben. Die Konsequenz: Bildungsbürgerlicher Schiller in einer Digestfassung, die viel Bildungsgut wegkürzt. Ein seltsames Paradoxon.

Während man die „Die Piccolomini“ und „Wallensteins Lager“ ordentlich zusammenstutzte, fiel „Wallensteins Lager“ komplett der Schere zum Opfer. Das ist besonders ärgerlich, weil sich Schiller hier auf der Höhe seiner Theaterkunst zeigt. Er bringt zum ersten Mal viel (Kriegs)volk als Hauptdarsteller auf die Bühne, und nimmt damit partiell Büchners „Woyzeck“ vorweg. Zusätzlich greift er zum raffinierten Mittel der indirekten Einführung seiner Hauptfigur. „Wallenstein“ ist an jedem Lagerfeuer präsent, ohne im ersten Teil der Triologie einen Auftritt zu haben.

Die viereinhalb Stunden lange Kurzfassung ist, sieht man von diesen grundsätzlichen Einwänden ab, nicht völlig misslungen. Vor allem, wenn man das Stück frisch gelesen noch im Gedächtnis hat, und damit die Kürzungen leichter verschmerzt. Gert Voss kann als Wallenstein nicht gänzlich überzeugen. Dieser Feldherr ist als eine Art gealterter Hamlet angelegt, ein intellektueller Zauderer. Diesen Typus verkörpert Voss gekonnt, dafür bleibt das Charisma eines Heerführers auf der Strecke und damit ein wichtiger Teil des Charakters der Figur. Christian Nickels Max Piccolomini, der beim Lesen an den moralischen Idealismus und das Feuer des Marqis de Posa erinnert, wirkt ähnlich blass.

Nach diesem Abend frägt man sich einmal mehr, warum keine der großartigen Inszenierungen der Breth („Don Karlos“, „Maria Stuart“) mehr auf dem Spielplan steht.

Wagner: Die Walküre

WienerStaatsoper 9.12.

Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegmund, ein Wälsung: Johan Botha
Hunding, Verbündeter des Geschlechts der Neidinge: Walter Fink
Wotan, der Göttervater: Juha Uusitalo
Sieglinde, Siegmunds Schwester, Hundings Frau: Nina Stemme
Brünnhilde, Wotans Tochter, Walküre: Eva Johansson
Fricka, Wotans Gattin, Göttin der Ehe: Michaela Schuster

Eine Woche hatten alle Beteiligten Zeit, ihre verlorenen Stimmen wiederzufinden. Die Premiere am 2. Dezember war vom Pech verfolgt: Uusitalo versagte die Stimme und ein kurzfristig eingesprungener Ersatz sang die Rolle vom Rand aus.

Die dritte Aufführung der lang erwarteten Neuinszenierung durch Sven-Eric Bechtolf verlief ohne musikalische Pannen. Zwar hatte Wotan am Ende Probleme und auch Brünnhilde war keine Referenz, der Abend war aber akzeptabel. Dazu trug nicht zuletzt ein fulminanter Botha bei, dessen Sigmund zwar einige lyrische Nuancen vermissen ließ, den ersten Aufzug aber ebenso brillant sang wie Nina Stemme. Walter Fink als Hunding hielt nicht nur ausgezeichnet mit, sondern hatte auch eine ungewöhnlich starke Bühnenpräsenz.

Wie ist nun die Inszenierung gelungen, mit der wir hier in Wien nun viele Jahre leben müssen? Es ist kein großer Wurf geworden. Bechtolf ging die Angelegenheit sehr vorsichtig an. Das wäre nicht zwangsläufig schlecht. Seine wenigen Regieeinfälle jedoch (Götter, die mit Puppen hantieren) oder ein ausgestopfter Wolf als Requisit (Wölfing!) sind vergleichsweise plump. Wagners Ring ist eines der symbolmächtigsten Kunstwerke der abendländischen Kulturgeschichte! Da ist es mit ein paar platten Symbolen auf der Bühne nicht getan, wenn man einigermaßen auf Augenhöhe zum Werk inszenieren will.

Zumindest stört die Regie nicht weiter, und das ist mehr als man in vielen Fällen sagen kann. Operngeschichte wird mit diesem Ring (man denke an die grandiose Kombination von Gustav Mahler und Alfred Roller vor einem Jahrhundert im selben Haus) wohl nicht geschrieben werden.

Lukas Bärfuss: Die Probe (Der brave Simon Korach)

Akademietheater 4.12.
Regie: Nicolas Brieger
Peter: Dietmar König
Simon: Michael König
Franzeck: Roland Koch
Agnes: Sabine Haupt
Helle: Barbara Petritsch

Lukas Bärfuss wird gegenwärtig gern gespielt, greift er doch aktuelle Themen auf und bringt sie auf die Bühne. Dieses Mal hat er sich die Gentechnik erwählt, eines der Lieblingsthemen der Feuilletons seit längerer Zeit. Peter Korach, glücklicher Ehemann und Familienvater, packt der Zweifel und er läßt heimlich einen Vaterschaftstest durchführen: Sein vierjähriger Sohn ist nicht mit ihm verwandt. Hier setzt das Stück ein und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Ein Hauch Ibsen garniert mit grotesken Elementen ist das Ergebnis. Zweiter Motivkomplex ist die politische Karriere seines linken Vaters, der eben zu einem erneuten Anlauf ansetzt, das Bürgermeisteramt zu erobern. Nimmt man noch einen aus der Gosse aufgenommenen „Adoptivsohn“ hinzu, den Simon Korach zu seinem Wahlkampfleiter kürte und der Peter den Floh mit der Probe ins Ohr setzte, ist die dramatische Konstellation komplett. Dank des wie immer sehr guten Ensembles und des geglückten Bühnenbilds ergibt das einen passablen zweistündigen Theaterabend. Viel mehr hat das zeitgenössische Drama im Moment offenbar nicht zu bieten.

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(5. Januar 2013)

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