Reise

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Warschau und Umgebung

Polen ist ein mir fast unbekanntes Nachbarland. Höchste Zeit also dessen Hauptstadt zu erkunden. Um auch etwas vom Land zu sehen, entschließe ich mich zu einer Zugfahrt und reserviere mir einen Fensterplatz. So sehe ich während der Fahrt neben schönen Landschaften auch viele Plattenbauten, heruntergekommene Industrieanlagen und mindestens zwei Atomkraftwerke. Von Wien gibt es eine bequeme Direktverbindung und in gut sieben Stunden erreicht man den ausgesprochen unübersichtlichen Warschauer Hauptbahnhof. Was in Stuttgart so viel Ärger macht, ist dort längst umgesetzt, nämlich ein riesiger unterirdischer Bahnhof mit unzähligen Geschäften und Restaurants. Angeblich verlaufen sich dort selbst Einheimische.
Die Bahnhofsgegend ist widersprüchlicher als in anderen Städten, weil in unmittelbarer Nähe eine Reihe Wolkenkratzer gebaut wurden, welche unter anderem Luxushotels beherbergen. Trotzdem gibt es das übliche Bahnhofsklientel von Obdachlosen, Billigjobbern und Prostituierten, denen LG in fröhlicher Riesenleuchtschrift „Life’s good“ zuruft.

Ich erwarte eine Stadt, wie ich sie bereits öfters am Balkan und in Osteuropa sah: Teilweise heruntergekommen, aber mit vielen „westlichen“ Tendenzen. Ich finde dagegen eine westliche Stadt, mit einigen wenigen osteuropäischen Elementen. Die Warschauer Innenstadt ist klassisches urbanes Territorium: Eine Sushi-Bar jagt die nächste. Dazwischen jede Menge moderner Restaurants und Geschäfte. Unterschiede zu Berlin oder Wien sind nicht festzustellen, wenn man von Kleinigkeiten wie der deutlich größeren Anzahl an Konditoreien absieht. Warschau wurde im zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört, die Altstadt danach allerdings wieder restauriert aufgebaut. Als ich durch die Altstadt schlendere, verblüfft mich allerdings, dass sie überhaupt nicht neu aufgebaut wirkt. Die Häuser wirken tatsächlich so, als stünden sie bereits mehrere hundert Jahre da.
Sehr auffallend ist allerdings: Warschau ist keine multikulturelle Stadt. Moslemische Bewohner scheint es entweder nicht zu geben oder sie trauen sich nicht in die Innenstadt. Nicht-europäische Menschen sieht man nur sehr selten. Ein Schwarzer darf Rasenmähen und ein paar Inder dürfen indische Lokale betreiben. Schulklassen benehmen sich nicht nur brav, es scheint in ihnen keine ausländischen Kinder zu geben.

Geschichte ist in Warschau überall präsent. Damit meine ich nicht nur das Ghetto und die vielen Denkmäler, welche auf die Eroberungen und Befreiungen Polens hinweisen. Ich meine auch den Infostand am Sonntag, wo Passanten mit Nachdruck über Folgendes informiert werden: „Germans killed 3000 Polish citizens every day“. Ironischerweise wirkt Polen heute sehr „deutsch“, was etwa die Geschäftigkeit der Bürger angeht – Wirtschaftsstatistiken bestätigen das. Warschau und Umgebung ist auch sehr proper. Die neu gebauten Straßen sind besser als jene im westlichen Nachbarland.

Das Nationalmuseum ist nicht sehr groß, enthält aber einige Höhepunkte. So kann ich völlig ungestört und als einziger im Saal eine Viertelstunde lang einen Botticelli bewundern. Interessanter als die sehr durchschnittlich bestückte Sammlung europäischer Alter Meister, ist die polnische Malerei, von der man in den europäischen Museen und auch in der kunstgeschichtlichen Literatur sonst nicht viel zu sehen bekommt. Eines der seltsamsten je besichtigten Museen, und ich war in Museen in Zentralasien, ist das Archäologische Museum in Warschau. Ist die Entwicklung des Menschen noch traditionell dargestellt, befinden sich im Obergeschoss einige Räume zum Thema Romanik und Gotik, die zu 80 Prozent aus schlecht montierten Fototapeten bestehen.

Die Armut des Landes wird sichtbar, wenn man aus Warschau heraus fährt. In der Kleinstadt Pultusk etwa besuchen wir einen großen Markt, in dem Angebot, Preise und Kundschaft schnell deutlich machen, dass viele Menschen jeden Zloty mehrmals umdrehen müssen. Eine überraschend große und schöne Anlage ist das Museum und der Park rund um Chopins-Geburtshaus in Zelazowa Wola, eine knappe Autostunde von Warschau entfernt.

Alain de Botton: The Art of Travel

Zwei Gründe waren ausschlaggebend zu diesem Buch zu greifen: Einerseits bereite mich gerade auf meine Äthiopienreise vor, andererseits bekam ich den Autor von unterschiedlichen Leuten empfohlen. In diesem Buch geht de Botton unterschiedlichen Aspekten des Reisens nach. Wer praktische Reiseempfehlungen erwartet, wäre enttäuscht: Im Mittelpunkt stehen philosophische Reflexionen zum Thema. Seine Vorgehensweise ist in allen Kapiteln ähnlich: Er beleuchtet einen Gegenstand mit Hilfe eigener Erfahrung, kombiniert das aber mit denen einer kulturhistorischen Persönlichkeit. Flauberts Orientreise etwa, wenn es um Exotisches geht oder mit Wordsworths Lyrik, wenn Natur versus Stadt reflektiert wird.

De Botton ist ein intelligenter (Selbst-)Beobachter. Deshalb lesen sich seine Gedanken durchaus geistreich und als Kulturreisender erkennt man viele Fragestellungen wieder. Kurz: Es gibt dümmere Bücher. Andererseits ist seine Auswahl an Kronzeugen für Geistesmenschen (Flaubert, Hopper, van Gogh…) wenig originell, weil man sie bereits gut kennt. Es mag aber für viele Leser eine gute Appetitanregung sein, sich mit diesen Persönlichkeiten und ihren Werken weiter zu beschäftigen.

Alain de Botton: The Art of Travel (Penguin)

Der Reisende

Der Reisende ist unseres Lobes und unserer Anerkennung würdig, der unter den größten Anstrengungen die fernsten Völker aufsucht, um interessante Entdeckungen zu machen. Vor ihm weichen die Hindernisse, verschwinden die Gefahren. Unannehmlichkeiten achtet er gering. Warum finden sich unter der großen Menge unserer Reisenden so wenige dieser Art? Die meisten sind unwissend und kümmern sich wenig um die eigene Bildung und noch weniger um diejenige anderer. Sie reisen ohne Aufmerksamkeit, ohne Enthusiasmus, ohne Nachdenken, verkehren mit Menschen, ohne sie zu studieren, besuchen alle Völker der Erde und verlassen sie wieder, ohne etwas von ihnen zu begreifen. Sie besitzen Augen, sehen aber nicht.
Pierre Poivre, Reisen eines Philosophen, 1768

Paris: Ausflüge

April 2013

Mit zwei Ausflügen runde ich meine ausführliche Parisreise ab. Direkt von Monets Seerosen in der Orangerie fahre ich nach Giverny zu Monets Seerosen in seinem Garten. Nun ist es immer interessant, sich dem biographischen Kontext der Künstler zu widmen, auch wenn man dessen Bedeutung für die Kunstwerke gerne überschätzt. So schlendere ich also mit einer Gruppe Japaner durch den Japanischen Garten des Impressionisten, in dem auch der berühmte Seerosenteich liegt. Der ist nun tatsächlich geschmackvoll angelegt und man kann sich Monet hier gut auf Motivjagd vorstellen.
Der weitaus größere Teil des Gartens ist eine Enttäuschung: Die vom Haus her gesehen in langen vertikalen Reihen angelegten Blumenbeete sind zwar schön bunt, strahlen aber den Charme einer Großgärtnerei aus.

Während ich durch Monets Garten bei strahlendem Sonnenschein schritt, sehe ich Versailles nur bei trübem Nieselwetter. Das mag den architektonischen Gesamteindruck ebenso trüben wie die Besuchermassen im Inneren des Schlosses. Die riesigen Dimensionen des Baus stoßen mich ästhetisch ab. Da finde ich sowohl Schloss Schönbrunn als auch das Belvedere in Wien wesentlich ansprechender. Die Gigantonomie Ludwig des Vierzehnten wurde freilich auch damit bestraft, dass er Zeit seines Lebens auf einer Großbaustelle wohnte. Die mit diversen Baustellen verunzierte Parkanlage ist beeindruckend. Hier wird keine Sichtachse dem Zufall überlassen und die in malerischen Ecken versteckten Großskulpturen sind sehr effektvoll.
Interessanter als das Hauptschloss finde ich die kleineren Bauten des Grand- und des Petit Trianon, die als private Rückzugsräume genutzt wurden und den im konträren englischen Stil angelegten Seitenpark der Marie Antoinette.

Teil 1: Paris urban

Paris: Museen

April 2013

Neun Tage Paris, heißt natürlich: Jede Menge Museen! Wien ist zwar auch eine Museumsstadt, verblasst aber doch gegen Paris, was Quantität und Qualität des gezeigten angeht.

Louvre

An meinem Besuchstag ist das Museum ungenießbar. Zuletzt erlebte ich solche Besuchermassen in den Vatikanischen Museen. Speziell vor den berühmten Exponaten ist ein Menschenauflauf, so dass es kaum möglich ist, eines davon in Ruhe zu betrachten. Das war bei meinem Louvre-Besuch deutlich besser. Ich werde meine nächste Paris-Reise so legen, dass weniger Touristen zu erwarten sind (November) und dann auch die entlegeneren Öffnungszeiten am Abend nutzen.

Musée d’Orsay

Hier mache ich eine sehr interessante Erfahrung: Ich kann mich wieder für Impressionisten begeistern. Vor einigen Jahren konnte ich – nach vielen Impressionistenausstellungen – kaum mehr welche ansehen. Ich beschloss eine „Impressionisten-Diät“ und siehe da, ich war wieder sehr fasziniert von dem modernen Farbspiel und der Ästhetik dieser jungen Wilden. Die Sammlung scheint nur aus Hauptwerken zu bestehen. Der umgebaute alte Bahnhof passt gut zu den grandiosen Kunstvorstellungen der dort gezeigten Epochen.

Centre Pompidou

Der abenteuerlichste Museumsbesuch insofern als eine auf dem Vorplatz vergessene Tasche zu einer Großabsperrung inklusive Entschärfungskommando führt, und wir erst danach die berühmte Außenrolltreppe benutzen durfen. Die Sammlung ist in den oberen Stockwerken untergebracht und setzt zeitlich nach dem Musée d‘ Orsay ein, also nach den Impressionisten. Der Bestand ist durchaus eindrucksvoll. Das Museum of Modern Art in New York dürfte mehr erstklassige Werke haben, aber an zweiter oder dritter Stelle kommen sicher die Pariser.

Musée Rodin

Ohne Zweifel eines der schönsten Museen der Welt. Das liegt weniger an der als Ausstellungsgebäude genutzten Villa, sondern am Skulpturenpark. Die besten Werke Rodins sind malerisch im Park verteilt. Dazwischen viele Bänke. Müsste man keinen Eintritt bezahlen, wäre es eine Referenz in Sachen Kunst im öffentlichen Raum. Für uns Literaturfreunde ist speziell die künstlerische Auseinandersetzung Rodins mit Pariser Autoren interessant, etwa Balzac und Hugo.

Musée de l’Orangerie

Hauptattraktion der in den Tuilerien gelegenen Orangerie sind die berühmten riesigen Seerosenbilder Monets. Wenn man sie im Detail betrachtet, fällt auf, wie unterschiedlich Monet sie malte. Speziell der Abstraktionsgrad variiert. Einige der Bilder sind deutlich gegenständlicher als die anderen.

Diese Häuser kannte ich bereits von früheren Parisbesuchen, die beiden nächsten sind für mich hervorragende Neuentdeckungen.

Musée de Cluny

Ausschließlich dem Mittelalter ist diese Institution gewidmet. Herausragend ist nicht nur die Sammlung, von den wiederentdeckten Notre-Dame-Skulpturen bis hin zu den grandiosen Wandteppichen, sondern vor allem auch das alte Gebäude. Das Museum wurde im Hôtel des Abbés de Cluny untergebracht. Ein authentisches Ambiente ist damit garantiert. Ich sah bisher kein besseres Mittelaltermuseum.

Musée du quai Branly

2006 eröffnet ist es das ethnologische Museum in Paris. Spannend ist die Innenarchitektur, die teils verspielt, teils ikonographisch auf die Sammlung Bezug nimmt. So betritt man sie, indem man durch ein ausgetrocknetes „Flussbett“ geht auf dessen Boden Begriffe projiziert werden. Die ausgestellten Kunstgegenstände sind nach geographischen Kulturregionen (Afrika, Ozeanien…) gegliedert und enthalten viele schöne Stücke. So kann ich mich dort mit religiöser Malerei aus Äthiopien vertraut machen, mein nächstes Reiseziel. Die Exponate sind didaktisch auch gut aufbereitet.

Teil 1: Paris urban
Teil 3: Paris Ausflüge

Reise-Notizen: Paris urban

April 2013

Mit neun Tagen ist es meine bisher längste Städtereise. Im Zentrum stehen die Architektur und die Museen der Stadt, aber mein Augenmerk liegt auch auf dem Leben in der Stadt. Wie leben die Pariser im Vergleich zu den Wienern? Mein Hotel liegt in der Mitte des 17. Arrondissements im Westen. Ein wohlhabender, gut bürgerlicher Bezirk. Ein Blick in die Schaufenster von Immobilienmaklern zeigt schnell, dass sich hier nur noch Gutbetuchte eine Unterkunft leisten können. Mittelgroße Wohnungen sind für 2000 Euro und mehr zu mieten. Dagegen sind die Wiener Wohnungspreise selbst in der Innenstadt Schnäppchen. Selbst Gutverdiener können sich in der Innenstadt nur kleine Wohnungen leisten. Pariser erzählen mir, dass Hardcore-Urbanisten deshalb in Kauf nehmen, samt Familie in vergleichsweise winzigen Wohnungen zu leben, dafür aber zentral.
Die Nahversorgung ist exzellent. Während bei uns der durchschnittlich begabte Rassist den Arabern gerne unterstellt, sie hätten keine protestantische Arbeitsethik, geht man in Paris „zum Araber“, wenn man in der Nacht oder am Sonntag noch etwas einkaufen will, haben deren kleine Läden doch fast ständig offen. Natürlich gibt es französische Supermarktketten im Viertel, aber es fällt doch auf, dass es noch viele kleine individuelle Geschäfte gibt. In Wien gibt es in den Innenstadtbezirken zwar auch genügend Läden, die sich aber oft auf Entlegenes oder Feinkost konzentrieren, während es in Paris auch viele Boulangerien gibt, die exzellentes Brot machen. Leider gibt es im Vergleich zu Paris, wo man allenthalben über eine Fromagerie stolpert, in Wien kaum Käsegeschäfte.
Allgemein ist die Atmosphäre familiärer. In einer Filiale der Diskonterkette Dia (vergleichbar mit Hofer bzw. Aldi), erlebe ich wie der Geschäftsführer freundlich eine Familie beim Einkaufen begrüßt, ganz so als sei es ein Tante-Emma-Laden auf dem Dorf. Vergleichbares erlebte ich in Wien noch nie.
Was die gastronomische Infrastruktur angeht, kann ich keinen großen Unterschied zu Wien erkennen. Selbstverständlich gibt es statt Beisln hier Brasserien und Restaurants. Aber die Dichte ist durchaus ähnlich. In Wien ist das Preisleistungsverhältnis um Welten besser, sieht man einmal von den günstigen Weinpreisen in Paris ab. Ethnoküche gibt es hier wie dort in Fülle.

Zur Architektur! Was bei der Stadtentwicklung auffällt: Die Pariser Stadtväter und -mütter sind viel mutiger. Wird die Wiener Innenstadt als Museum konserviert, finden Promeneure an der Seine immer wieder moderne und kontroversielle Projekte. Vom Centre Pompidou über die neue Opéra Bastille zur Bibliothèque nationale de France, um nur drei Beispiele herauszugreifen, stößt man in der ganzen Stadt auf spannende moderne Bauten. Das Nebeneinander von Alt & Neu ist wesentlich gewagter als in Wien. Das hält Paris lebendiger und reduziert die museale Atmosphäre, die in der Wiener Innenstadt herrscht. Hier könnten die Wiener Stadtentwickler sich gleich mehrere Scheiben von ihren Pariser Kollegen abschneiden.

Teil 2: Museen

John Neumeier: Dritte Symphonie von Gustav Mahler

Paris Opéra Bastille 27.4. 2013

Ich muss voraus schicken, dass ich von Ballett und Tanztheater weit weniger verstehe als von den anderen Kunstformen über die ich hier regelmäßig berichte. Allerdings schätze ich das moderne Tanztheater und die Performance durchaus. Während meines Studiums war ich ein regelmäßiger Gast der Salzburger Sommerszene.
Was John Neumeier hier mit Mahler anstellt, von dem ich wiederum sehr viel verstehe, bleibt mir ein Rätsel. Einerseits erschien mir die Choreographie nicht modern zu sein. Es wurde hübsch symmetrisch und nach der Art des klassischen Balletts getanzt. Einen direkten Bezug zu Mahlers grandioser Musik konnte ich nicht ausmachen: Die Herren, oben ohne und in einer Art langen Unterhosen bekleidet, tanzten zur Musik. Weibliche Tänzer durften lange nicht auf der Bühne und hatten ihren ersten Auftritt erst, als Mahlers langsamer Satz begann. Sobald also die Musik ins Süßliche schwenkte, was Herr Neumeier offenbar mit „weiblich“ assoziiert, durften Frauen auftreten. Danach traute ich meinen Augen nicht: Das erste Pas de deux wurde von einem Herrn und einer Dame getanzt, wo er in hellblau und sie in rosa gekleidet war. Nach Ironiesignalen aller Art suchte ich vergeblich.

Das Orchester der Oper spielte an der unteren Grenze des Tolerablen: Weder gab es größere Schnitzer noch musikalische Epiphanien. Die engagierte Solistin schlug sich ebenfalls tapfer. Fast vom Stuhl flog ich allerdings als der Chor vom Band eingespielt wurde!

Liebe Pariser! Wenn ihr schon unbedingt Mahlers Dritte spielen wollt, dann nehmt gefälligst den Aufwand auf euch und bringt sie vollständig live, wie sich das gehört. Eine Liveaufführung vom Band zu ergänzen ist eine Schande für eine Kulturstadt wie Paris!

In Paris

Ich bin die nächsten neun Tage in Paris. In der Zwischenzeit gibt es keine neuen Beiträge. Reise-Berichterstattung wie immer via Twitter.

Reise-Notizen: Marokko

Dezember/Januar 2012/13

Eigentlich wollte ich über Weihnachten zum ersten Mal Fuß auf den afrikanischen Kontinent südlich der Sahara setzen: Eine Expeditionsstudienreise nach Äthiopien war gebucht. Sie wurde mangels Teilnehmer abgesagt, und ich werde versuchen, sie im Herbst nachzuholen. Eine Alternative war mit Marokko schnell gefunden. Das Land stand schon lange auf der Wunschliste und gerade nach dem Übergang des arabischen Frühlings in den arabischen Herbst ist Nordafrika ein interessantes Ziel.

Die Lufthansa hatte mit dem Winterflugplan den Direktflug nach Casablanca eingestellt, Royal Air Maroc wäre nur noch zu horrenden Preisen zu buchen gewesen, so dass ich wider besseres Wissen mit Iberia fliege. Service und Komfort ist so schlecht wie erwartet. Man sollte wirklich nur im Notfall in diese überdimensionalen Sardinendosen steigen. Nach einer Nacht beginnt die große Rundreise. Wir werden knapp 3000 Kilometer in fünfzehn Tagen zurücklegen und die wichtigsten Landesteile und Städte des Landes besuchen, mit der Ausnahme des Nordens. Ich hatte mir Marokko als trockenes, verstepptes Land vorgestellt, ähnlich wie Ägypten außerhalb der Nilgegend. Weit gefehlt! Nördlich des Atlas ist Marokko zumindest im Winter so grün wie Zentraleuropa. Landwirtschaft und Weinberge sind zu sehen. Die marokkanischen Weine sind unerwartet gut, eine der positiven Spätfolgen der französischen Kolonialzeit.

Die erste Station ist gleich die berühmteste: Marrakesch. Der Gauklerplatz am späteren Sonntagnachmittag ist zum Bersten voll, anders als einen Tag darauf. Nebst kulinarischen Köstlichkeiten aller Art und Fallensteller für Touristen (mit Affen!) sind tatsächlich jede Menge Einheimische auf dem Platz. Gaukler sieht man zwar nur wenige, aber um die legendären Geschichtenerzähler bilden sich große Menschentrauben, was nicht nur für Literaturwissenschaftler spannend zu beobachten ist. Wer den Orient kennenlernen will, der setze sich für ein paar Stunden mit einem Minztee in ein Straßencafe am Rande des Jemaa el Fna, und beobachte das Treiben dort. Dem Bazar der Stadt ist bereits sehr anzusehen, dass Marrakesch das wichtigste Touristenziel des Landes ist.

Ganz anders noch der riesige Souk von Fes, den ich schon gegen Ende der Reise besuche. Auf 15 labyrinthischen Quadratkilometern bekommt man einen authentischen „mittelalterlichen“ Eindruck. Nirgends auf der Welt sah ich bisher so viele traditionelle Handwerker bei der Arbeit. Neben Schneidern, Schustern, Bäckern und so weiter gibt es Metallbearbeitung in bester Qualität. Was die Waren angeht, wundere ich mich, wie wenig chinesischen Ramsch man sieht, der ja inzwischen weltweit die Märkte dominiert.

Von Marrakesch fahre ich jedoch erst einmal weiter an die Atlantikküste. Essaouira ist ein sehenswerter Küstenort mit einem Fischerhafen, an dem die moderne Zeit ebenso spurlos vorübergegangen ist wie am Bazar der Stadt. Schwere Befestigungen am Atlantik erinnern an die Kolonialzeit und den Sonnenuntergang erlebe ich am Atlantikstrand. Agadir ist dagegen ein im Winter heruntergekommen wirkender klassischer Badeort. Es ist mir ein Rätsel, wieso Menschen an solchen Orten ihre Urlaubszeit verbringen. Den Atlantik sollten wir erst am Ende der Reise in Rabat wiedersehen.

Die Vielfältigkeit Marokkos zeigt sich in den Berglandschaften. Ich besuche den Anti-Atlas, den Atlas und den Mittleren Atlas. Diese Gebirge sind so unterschiedlich als seien sie auf anderen Kontinenten. Man kann das gut anhand der Farben beschreiben. Der Anti-Atlas ist überwiegend beige und sandfarben, wie einige Bilder des Paul Klee. Große, cremefarbene Quader liegen monolithisch in der Landschaft. Lehmbauten alter Berberstämme hängen an den Wänden. Ganz anders im Atlas. Dort gibt es viele Schluchten an deren Boden pittoreske Oasen liegen, in denen sich völlig unpittoresk arme Kleinbauern mit ihren tierbetriebenen Pflügen abquälen. Hinter den Feldern die traditionellen Lehmdörfer. Dazwischen immer öfters modern gebaute Häuser. Die Landbevölkerung zieht zum Arbeiten in die Stadt und lernt das moderne Bauen kennen. Kehrt man später mit Geld in sein altes Dorf zurück, dann baut man modern! Die Nachbarn wollen nicht als rückständig gelten und ziehen nach. Meine Prognose: In zwanzig Jahren wird man das klassische Berberlehmdorf nur noch auf Fotos bewundern können. Doch zurück zu den optischen Eindrücken! Scheint die Sonne schillern die hohen Bergwände dieser Schluchten in vielen Farben. Ganz so als wollte die Geologie uns zurufen: Auch ich bin Kunst! Viele Landschaftsformen erinnern an den Westen der USA. Weniger monumental vielleicht, aber sehr nah verwandt.
Der Mittlere Atlas wiederum erinnert an Zentraleuropa. Wälder gibt es dort und selbst ein Skigebiet. Ich bin im Winter dort und marokkanische Kinder beim Schlittenfahren anzutreffen zerstört ein weiteres Orientklischee des Reisenden aus Europa.
Um das Landschaftliche abzuschließen, sei noch die Sahara erwähnt. Wir Studienreisenden sehen freilich nur den Rand der Wüste, doch für ein kleines Wüstenerlebnis reicht es, wenn man sich die Mühe macht über ein paar Dünen zu stapfen, um dort alleine den Sonnenuntergang beobachten zu können.

Während der Reise sehe ich sehr viel islamische Architektur. Ich kenne Koranschulen und Moscheen bereits aus zahlreichen anderen Ländern, die Paläste und Agadire (Speicherburgen) sind für mich neu. Wirklich alt ist freilich nichts. Was aus Lehm gebaut ist, muss jährlich nachgebessert werden. Europäische Patina darf man in Marokko also nicht erwarten. Der Prunk der Prachtbauten steht jedenfalls wie überall auf der Welt in starkem Kontrast zur Armseligkeit der Dörfer.

Abschließend noch ein paar Worte zur Politik. Außer einigen kleineren Demonstrationen zog der arabische Frühling spurlos an dem Land vorüber. Das liegt an der klugen Politik des Königs, Mohammed VI. Zwar ist die Monarchie immer noch ein absolute, aber im Vergleich zu seinem tyrannischen Vater ist Mohammed VI. ein aufgeklärter Herrscher, der sogar ein wenig an die europäischen gekrönten Aufklärer wie Joseph II. erinnert. In den letzten Jahren stärkte er die Zivilgesellschaft, gab Frauen mehr Rechte und baute die Infrastruktur des Landes aus. Was die Straßen angeht, kann ich das nach den vielen Kilometern kreuz und quer im Land durchaus bestätigen. Gleichzeitig geht der König konsequent gegen Islamisten und andere „Unruhestifter“ vor. Eine Mischung, die zwar aus westlicher Sicht nicht sympathisch ist, dem Land aber eine in dieser Weltregion beneidenswerte Stabilität beschert.

Reise-Notizen: Kärnten

September 2012

Kärnten ist Österreichs lustigstes Bundesland. Eine erstklassige Parodie. Wo fängt man an? Bei der Landeshauptstadt Klagenfurt, die als einzige Provinzhauptstadt der Welt keine Stadtbibliothek besitzt? Bei der korrupten Politikerklasse, die das Land wie zu Feudalzeiten als Selbstbedienungsladen versteht? Bei der Bevölkerung, die viele Jahre Jörg Haider als Landeshauptmann (wie die Ministerpräsidenten in Österreich heißen) wählte und vergötterte? Selbst heute gibt es noch Haider-Gedenkstätten, obwohl es inzwischen selbst kognitiv Benachteiligten klar sein sollte, wie sehr der Mann dem Land schadete.

Kurz: Ein hoch interessantes Reiseziel.

Ich quartiere mich direkt am Wörthersee ein und fahre eine Woche bei strahlendem Sonnenschein kreuz und quer durch das Bundesland. Der Kontrast zwischen den unzähligen malerischen Seen, der erhabenen Berglandschaft und dem geistigen Zustand des Landes könnte kaum größer sein. Unterwegs fragt man sich ständig, kann es wirklich so schlimm sein? Viele Dinge fallen auf. So empfehle ich dringend, ein besonderes Augenmerk auf die Kriegerdenkmäler in Kärnten zu richten. Symbolisches Pathos, wohin man blickt. Poetische Höhepunkte eingeschlossen: „Mehr als unser Leben / konnten wir nicht geben“ („Künstlerstadt“ Gmünd) sei im Land der Ingeborg Bachmann hervorgehoben. Schließlich der Mann an der Kasse im Stiftsmuseum in Millstatt. „In dreißig Jahren wird ganz Österreich islamisch sein“ doziert er der Dame an der Kasse. Wien sei bereits zu 95% islamisch, doch, doch, das habe ihm ein Geistlicher kürzlich bestätigt. Worauf die Kassendame trocken erwidert: „Alles ändert sich. Das stört ich mich nicht.“

Kulturell hat Kärnten einiges zu bieten. Eine meiner ersten Wege am Wörthersee führt mich selbstverständlich zum Mahler Komponierhäusl, wo ich den Wächter von seinem kleinen Nickerchen aufschrecke. Mahlers Naturenthusiasmus fand in der Wörtherseeidylle natürlich jede Menge Futter. Nach der Zahl der Gäste befragt, meint er, dass nur noch wenige Menschen Mahlers Werkstatt aufsuchen. Einheimische so gut wie nie, aber ab und zu kämen musikinteressierte Touristen wie ich.

Die größte Überraschung war das in der Pampa gelegene Museum Liaunig. Der Gegend angemessen würde man ein Folklore- oder ein Bauernmuseum erwarten. In Wahrheit handelt es sich um eines der geschmackvollsten Museen für moderne Kunst, die ich bisher sah. Der Industrielle Herbert W. Liaunig trug Zeit seines Lebens eine exquisite Sammlung zusammen. Schwerpunkt ist die österreichische Kunst seit 1950, aber es gibt auch viele herausragende internationale Stücke. Für diesen Kunstschatz ließ er – in Sichtweite seines Wohnschlosses – ein Museum in einen Hügel bauen. Die 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden jährlich wechselnd mit Themenausstellungen bespielt. Zugänglich ausschließlich per Führung. Die Ausstellungshalle ist lichtdurchflutet und erinnert an eine riesige Industriehalle, was architektonisch ausgezeichnet zur modernen Kunst passt. Die Qualität und die hochwertige Präsentation ist so gut gelungen, dass das Wiener MUMOK dagegen wie ein Provinzhaus wirkt.

Der zweite kulturelle Höhepunkt der Reise ist das archäologische Museum in Globasnitz an der slowenischen Grenze, das sich sowohl mit dem ostgotischen Gräberfeld aus der Völkerwanderungszeit in der Nähe beschäftigt als auch mit der über dem Ort gelegenen Kultstätte Hemmaberg. Das kleine Museum ist anschaulich gestaltet, besitzt exquisitere Mosaiken als manche großen Häuser und ist deshalb unbedingt einen Besuch wert. Das gilt auch für die Ausgrabungen am Hemmaberg, ein früher Pilgerort mit gut erhaltenen Resten. Vieles wurde inzwischen allerdings so restauriert, dass man die Restauration nicht vom Vorgefundenen unterscheiden kann. Das ist alles andere als „state-of-art“ in der Archäologie und man fragt sich, wer dafür verantwortlich ist.

Wer sich für Archäologie interessiert, sollte auf keinen Fall den Magdalensberg auslassen. Das drei Hektar große Freiluftmuseum gibt nicht nur viele Einblicke in eine kleine römische Handelsstadt um die Zeitenwende, mit Fokus auf die damalige Eisenproduktion, sondern ebenfalls einen grandiosen Ausblick auf das Zollfeld.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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