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mordslust

Warum ist das Böse so verabscheuungswürdig und besitzt dennoch so eine Faszination? Vier neue Bücher beschreiben Ursachen, ohne dem wahren Bösen wirklich auf den Grund zu gehen.

Das Böse fasziniert die Menschen seit sie begannen, über ihre Rolle im Universum nachzudenken. Wirft man einen Blick auf den Buchmarkt, ist diese Faszination ungebrochen. Eine Fülle von Neuerscheinungen zum Thema füllen die Regale. Der marxistische Literaturtheoretiker Terry Eagleton versucht, das Böse aus einer philosophisch-kulturgeschichtlichen Perspektive zu behandeln. Eugen Sorg nähert sich von der anderen Seite: Als Vertreter des Roten Kreuzes während des Balkankriegs war er handfest mit den dort begangenen Gräueltaten konfrontiert und leitete aus diesen Erlebnissen seine provokanten Thesen ab. Zwei Neuerscheinungen schildern sehr eindringlich die Praxis des Bösen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder beschreibt in Bloodlands zum ersten Mal gleichzeitig in einer Monographie ausführlich die Massenmorde an Zivilisten, welche die Schergen Stalins und Hitlers mit erschreckendem Enthusiasmus ausführten. Reichliches Anschauungsmaterial liefern in Soldaten die Sönke Nietzel und Harald Welzer herausgegebenen und kommentierten Protokolle von abgehörten deutschen Kriegsgefangen.

Kannibalismus und Sonderkommandos

Liest man im Detail über Taten, die man gemeinhin als „böse“ beschreibt, stellt sich schnell Fassungslosigkeit ein. Snyder schildert etwa minuziös die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe in der Ukraine und spart auch das tabuisierte Thema des Kannibalismus nicht aus. 2,5 Millionen Menschen verhungerten. Zahlreiche Belege zeigen, dass Familien eigene Kinder „opferten“, sie also kochten und gemeinsam aßen, um später trotzdem zu verhungern. Bekannter ist das Wüten der deutschen Einsatzgruppen in Osteuropa, wo viele die von ihren Vorgesetzten vorgegeben Mordquoten ebenso übererreichen wollten, wie heute ein braver Angestellter die Zielvorgaben seiner Firma.

Natürlich drängt sich hier die Frage nach dem Warum auf. Je schrecklicher die Taten, desto bohrender die Frage. Jede Religion versucht, das Problem des Bösen auf ihre Weise zu lösen, gerne auch mit personifizierten bösen Gottheiten. Satan wurde im Christentum mit dieser Aufgabe betraut, unterstützt vom Konzept der Erbsünde. Über die berühmte Theodizee-Frage, wie ein allgütiger und allmächtiger Gott mit der Existenz des Bösen logisch kompatibel sein könne, streiten sich Theologen und Philosophen seit Jahrhunderten.
Die wichtigste Frage wird in der aktuellen Debatte aber kaum gestellt: Ist der Begriff des Bösen überhaupt erkenntnisrelevant? Betrachtet man das Phänomen aus erkenntnisgeschichtlicher Perspektive kann man diese Antwort nur verneinen. Es gibt nämlich keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass DAS BÖSE als Abstraktum existiert. Hier wird ein religiöses Konzept unkritisch in eine säkulare Debatte übertragen. Ergebnis sind substanzlos Spekulationen, die nicht widerlegbar sind, und damit keinen Erkenntniswert besitzen. Aussichtsreicher dürften weitere sozialpsychologische und neurologische Studien sein. Die Hirnforschung brachte in den letzten Jahren auch viel neues Wissen darüber, wie Religion im Kopf „funktioniert“.

Wer auf der Suche nach einer aktuellen Antwort zu Terry Eagletons Abhandlung über Das Böse greift, wird enttäuscht werden. Weder die inhaltliche Analyse des Phänomens noch die dafür angewandte Methodik ist überzeugend. Inhaltlich hält der Marxist das Böse für eine metaphysische Angelegenheit und nähert sich dem Begriff durch einen kulturwissenschaftlichen Parforce-Ritt durch die Weltliteratur, um schließlich bei Freuds Todestrieb erschöpft abzusteigen. Am überzeugendsten ist Eagleton, wenn er den aktuellen Sprachgebrauch rund um das Böse untersucht. Am Ende freilich steht der Leser bei schlechter Sicht im Nebel des kulturwissenschaftlichen Jargons und ist um kaum eine Erkenntnis reicher.

Der Mensch – ein böses Wesen?

Neue Denkanstöße gibt dagegen Eugen Sorgs polemisch-provokantes Buch Die Lust am Bösen. Die Hauptthese verrät bereits der Untertitel: Warum Gewalt nicht heilbar ist. Sorg hält den aktuellen Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema für hochgradig naiv. Bei jeder abscheulichen Tat werde sofort nach externen Ursachen gesucht. Wenn die klassischen Erklärungsmuster (schwere Kindheit; Missbrauch; Armut…) versagen, etwa wenn Amokläufer oder Terroristen aus vorbildlichen Verhältnissen zu ihrem gut geplanten Werk schreiten, herrsche Ratlosigkeit. Laut Sorg wolle die Gesellschaft nicht wahr haben, dass es beim Menschen eine gattungstypische Veranlagung zum Bösen gäbe. Untersuchungen wie das berühmte Milgram-Experiment belegten dies ebenso, wie die im Fall der Versuchung völlig unterschiedliche Reaktionen von Nachbarn aus ähnlichen Verhältnissen. Der eine werde ohne Zwang zum Folterknecht, der andere riskiere sein Leben, um selbst „Feinden“ zu helfen. Beispiele aus dem Balkankrieg machen diese Behauptung plausibel. Im letzten Drittel des Buches widerspricht Sorg aber implizit seiner eigenen These über die Autonomie des Bösen: Er wendet sich der Beschimpfung des Islams zu. Zwar halte auch ich es für sehr aufschlussreich, die Rolle von Religionen als Gewaltkatalysator zu untersuchen, aber wenn Sorg nun die islamische Welt ebenso undifferenziert wie wutentbrannt der Gewaltverherrlichung zeiht, sucht er nun selbst genau nach den externen Ursachen für das Böse, die er kurz zuvor als Erklärungsversuch noch scharf zurück weist.

Die unerfreuliche anthropologische Hypothese, dass Menschen immer wieder gerne aus Spaß quälen und töten, belegen auch die Abhörprotokolle von Wehrmachtsoldaten in dem Buch Soldaten. So meinte bereits im Juli 1940 ein Oberleutnant der Luftwaffe: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Eines vieler Beispiele. Falsch scheint auch die Annahme zu sein, die Verrohung eines Soldaten brauche viel Zeit. Ein Aufklärer bei der Luftwaffe empfand bereits nach vier Tagen sein Mordhandwerk als „Vorfrühstücksvergnügen“.

Ideologie ist fehl am Platz

Verteilt man weltanschauliche Zensuren, so steckt man diese Auffassung natürlich schnell ins konservative Eck. Wie die Beispiele zeigen, gibt es aber jede Menge Fakten, welche die Existenz von Gewalt um der Gewalt willen belegen. Der reaktionärer Umtriebe unverdächtige Jan Philipp Reemtsma spricht hier von autotelischer Gewalt.

Statt jeden Täter automatisch als Opfer seiner Umstände zu entschuldigen, sollte die Frage nach der individuellen Verantwortung nie reflexartig ausgeblendet werden. Die Idee von der Freiheit und Autonomie des Individuums war und ist eine fortschrittliche. Die in konservativen Kreisen beliebte Forderung, unverbesserliche böse Menschen gehörten möglichst hart bestraft, ist ebenfalls durch Fakten schnell als Kurzschluss überführt. In den USA etwa ist die Kriminalitätsrate trotz drakonischer Strafen signifikant höher als in EU-Staaten mit liberalem Strafrechtssystem. Das richtige Rezept ist hier, den anthropologischen Tatsachen ins Auge zu sehen, aber darauf gesellschaftspolitisch pragmatisch statt ideologisch zu reagieren.

Die Bücher

  • Terry Eagleton: Das Böse. (Ullstein)
  • Sönke Neitzel; Harald Welzer: Soldaten. Protokolle, vom Kämpfen, Töten und Sterben (S. Fischer)
  • Timothy Snyder: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin (The Bodley Head)
  • Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist (Nagel & Kimche)

Dieser Artikel ist die Langfassung des in the gap Nr. 120 erschienen Artikels.

Yorick, der Dritte

Philip Hautmann exhumiert in seinem ersten Roman einen alten Bekannten. Eine abenteuerliche Geschichte.

Wenn ein Autor sein erstes Buch vorlegt, ist es meist sorgfältig dem aktuellen Literaturbetrieb angepasst. Unschwer ist ja herauszufinden, welche Themen Verlage, Kritiker und Leser derzeit bevorzugen, oder was dem prototypischen Mitglied einer Literaturpreisjury ästhetisch zusagt. Deshalb gibt es bei der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur selten wirkliche Überraschungen. Philip Hautmann ließ sich beim Verfassen seines Erstlings nicht von solchen schnöden Überlegungen leiten. Sein Yorick. Ein Mensch in Schwierigkeiten ist ein sehr ambitioniertes Buch, das sich erfolgreich dagegen sperrt, in eine der gängigen feuilletonistischen Schubladen gesteckt zu werden. Sogar der sonst heutzutage unverzichtbare Untertitel Roman fehlt. Stattdessen erfährt man beim ersten Aufschlagen, dass es sich um ein Hybridbuch handelt. Viele Seiten sind unten mit grafischen Markern ausgestattet, die man mit der auf der Verlagsseite herunterladbaren Software (Mac only!) scannen kann.

Wer mit der Weltliteratur vertraut ist, der denkt bei Yorick natürlich nicht nur an den berühmten Totenschädel in Shakespeares Hamlet, sondern auch an den gleichnamigen Pfarrer in Laurence Sternes furiosen Klassiker Tristram Shandy. Hautmanns Yorick teilt mit dem berühmten Vorbild nicht nur die Spottsucht. Beide bringt ihre Scharfzüngigkeit in diverse gesellschaftliche Schwierigkeiten. Im ersten der drei Teile lernen wir den neuen Yorick ausführlich kennen und begleiten ihn auf seine Konversationsabenteuer. Yorick ist felsenfest davon überzeugt, dass er mit seinem philosophischen Kopf und seinem unwiderstehlichen Humor eine Bereicherung für jede Gesellschaft darstellt. Seine „Auflockerungsversuche“ sind jedoch nur selten von Erfolg gekrönt. Zu Beginn bleibt man unschlüssig darüber, inwiefern man Yorick als Intellektuellen ernst nehmen soll. Spätestens im zweiten Teil aber, in dem zwei ausführliche Abhandlungen Yoricks zu lesen sind, bekommt man Respekt vor seiner Denkleistung. Insofern erfüllt Yorick ein klassisches Intellektuellenklischee: Unbeholfen im Leben, aber ein passabler Denker.

Yoricks Bekanntenkreis besteht aus jeder Menge seltsamer Gestalten, die einen trotz (oder wegen?) der satirischen Überzeichnung sehr bekannt vorkommen. Der bei seiner Vernissage seine Zuseher zu Tode langweilende Gegenwartskünstler. Die selbst ernannte Psychoanalytikerin. Der provokative Anti-Gutmensch. Kurz, Hautmann lässt eine Reihe mehr oder weniger durchgeknallter Bobos mit hohem Wiedererkennungseffekt auf seine Leser los.
Im zweiten Teil bricht Yorick ins reale Leben auf. Er will sich „einen sogenannten Beruf“ suchen. Die Berufswelt wird daraufhin aus verschiedenen Blickwinkeln bloßgestellt. Angefangen bei den bei genauer Lektüre absurd formulierten Stellenanzeigen, über groteske Bewerbungsgespräche bis hin zum seltsamen Sozialkosmos in unseren Büros. Einer der komischen Höhepunkte des Romans ist Yoricks Intermezzo in einer Unternehmensberatung. Sein erster Auftrag lautet, er möge ein Konzept entwickeln, wie die skandalgebeutelte katholische Kirche wieder mehr Mitglieder gewinnen könnte. Wenn man mit dem aktuellen Beratungswesen vertraut ist, ein durchaus realistisches Ansinnen. Yorick schreibt daraufhin eine im Buch ausführlich abgedruckte Abhandlung über das Wesen von Religion. Dieser Exkurs ist eine ebenso präzise Zusammenfassung der Sachlage wie die späteren Ausführungen Yoricks über den Neoliberalismus. Letztere bringt ihm eine Einladung in den Club der Milliardäre und die Bekanntschaft des reichen Jim John Mearsheimer, dessen zahlreiche ausufernde Monologe (Achtung: Thomas-Bernhard-Alarm!) den zweiten Teil beschließen und ein trotz aller Satire aufschlussreiches Psychogramm ergeben.

Die Kindheit und Jugend der Psychotherapeutin Sabine steht im Mittelpunkt des dritten Teils. Selbstverständlich eingerahmt und unterbrochen von zahlreichen anderen Abschweifungen und abgerundet durch die seltsame Beziehung Sabines mit dem Großunternehmer Pierce Inverarity (Achtung: Thomas-Pynchon-Alarm!).

Eines der unzähligen Projekte Yoricks besteht darin, einen großen Roman zu schreiben. Er schickt das umfangreiche Manuskript an die „größten und renommiertesten Verlage“ und erläutert: „Schnell werden Sie bemerken, dass die Angelegenheit herkömmlicher Erzählstrategien sich verweigert sowie herkömmlicher Muster und Versuchen literarischer Deutung und Hermeneutik sich entzieht.“ Es ist natürlich kein Zufall, dass dies auch auf Hautmanns Yorick zutrifft, wobei diese Deutungsverweigerung als ästhetische Strategie sehr wohl zu identifizieren ist. Man könnte natürlich schnell den ebenso beliebten wie ausgebleichten Aufkleber „postmoderner Roman“ auf das Buch kleben. Dafür sind aber einige der Themen wie der Neoliberalismus oder nationalsozialistische Erschießungskommandos nicht beliebig genug. Hautmann selbst bevorzugt die Bezeichnung „Anti-Roman“ (siehe Interview).

Yorick ist insofern der Versuch eines enzyklopädischen Gegenwartsromans als er mit einer riesigen Menge an Themen angefüllt ist. Zu den bereits erwähnten kommen noch Esoterik, Verschwörungstheorien, Feminismus, Kosmologie, schwarze Löcher, Quantenphysik, Ameisenstaaten und viele andere mehr hinzu. Die meisten dieser Passagen sind voller Witz und mit treffsicherer Ironie geschrieben. Durch die episodische Struktur wird die Fülle der Themen im Text auch gut gebändigt. Zusätzlich gibt es für literarische Rätselfreunde jede Menge Anspielungen zu erkunden. Hautmann interessiert sich ausschließlich für die Erlebnisse seiner Figuren und für intellektuelle Fragestellungen. Eine Konsequenz davon ist, dass er auf jegliche detaillierte Beschreibung der Handlungsorte verzichtet. Im Vergleich zu einem realistischen Roman sind Zeit und Raum also stark unterdeterminiert, was beim Lesen einen etwas diffusen Eindruck hinterlässt.
Ähnliches gilt auch für die Makroebene des Buches. Zwar sind die drei Teile durch eine Reihe von Bezügen untereinander verknüpft, es bleibt aber beim Leser ein gewisser Eindruck der Disparatheit zurück. Anders formuliert: Je weiter man in den Roman hineinzoomt, desto besser funktioniert die ästhetische Strategie.
Das Schreiben guter Literatur setzt immer eine hohe Risikobereitschaft voraus. Mehr Autoren wie Philip Hautmann, welche das Wagnis eingehen, die ausgetretenen literarischen Trampelpfade zu verlassen, wären der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dringend zu wünschen.

Philip Hautmann: Yorick (Traumawien)

[Langfassung des in thegap Nr. 118 veröffentlichten Artikels]

Interview

„Yorick“ unterscheidet sich inhaltlich und ästhetisch sehr von dem, was im deutschsprachigen Raum sonst literarisch publiziert wird.

Grundsätzlich und in erster Linie interessiere ich mich für den Geist und für das was Geist hat. Insofern interessiere ich mich für Literatur primär dann, wenn sie Geist hat. Intensiv mit Literatur habe ich mich erst dann beschäftigt, als es mit meiner wissenschaftlichen und sonstigen Karriere nicht funktioniert hat. Zu diesem Zeitpunkt entstand diese Romanidee. Der Schreibprozess war mit vielen Unsicherheiten verbunden, eben aufgrund der Ungewohntheit der Form. Erst nachdem die Hälfte des Buches fertig war, hat sich das gefestigt.

Ihr Buch enthält umfangreiche Exkurse über Religion und Neoliberalismus: Wollen Sie den „Yorick“ als dezidiert politischer Roman verstanden wissen?

Ich verstehe mich durchaus auch als politischen Autor, allerdings ist das nur ein Aspekt unter vielen. Ich komme ja ursprünglich von der linken Studentenbewegung her, auch wenn ich mich inzwischen davon emanzipiert habe. Vor allen Dingen kann ich es aber nicht fassen, wie sehr die Erzeugnisse der jüngeren deutschsprachigen Schriftstellergeneration thematisch hauptsächlich um Ego- und Beziehungs-, fast schon nur mehr um Lifestylegeschichten herum kreisen! Klar, wir haben keinen Krieg oder dessen Nachwirkungen miterlebt, die gesellschaftlichen Verhältnisse sind stabil und die Inhalte unserer Lebenserfahrungen, aus denen wir schöpfen können, gewissermaßen gleichförmig und langweilig, aber ein bisschen mehr um die Welt, in der man lebt, sollte man doch schon besorgt sein, wenn man eben der Welt was mitteilen will.

Vieles deutet darauf hin, dass „Yorick“ in Wien spielt, auch wenn Sie mit expliziten Ortsangaben sehr zurückhaltend sind. Manches lässt auch an Linz denken. Ist „Yorick“ ein Wien-Roman?

Nein, der Roman ist eigentlich orts- und zeitlos gehalten, trotz einiger Anspielungen auf Linz und Wien. Oder eben Entenhausen. Das war durchaus Absicht, unter anderem, weil mich in der Gegenwartsliteratur die vielen Beschreibungen nerven, die eigentlich irrelevant sind. „Yorick” ist auch ein kosmopolitisches Buch, etwa die Passagen rund um den Milliardärsklub als transnationale Superklasse. Was man vielleicht als „österreichisch“ an dem Roman bezeichnen könnte, ist die Verschrobenheit der Figuren.

metropolis, hell yeah!

[Der Artikel erschien in The Gap Nr. 117]

Der Harvard-Ökonom Edward Glaeser schrieb eine Hymne auf das urbane Leben.

Städte sind in vielen Kreisen übel beleumundet. Lärm, Autolawinen, Smog und andere Gesundheitsübel führen Betonphobiker gerne exemplarisch an, bevor sie entnervt an den Stadtrand ziehen. Slums, Krankheiten und Kriminalität verlängern die Liste dieser Einwände, wenn man Städte weltweit ins Blickfeld rückt. Speziell Megacities mit einem großen Anteil an Armen, wie Mumbai oder Lagos, sind eine Fundgrube für herzzerreissende Geschichten. Spendiert man großzügig ein Happy End dazu, lassen sich damit sogar Kassenschlager wie Slumdog Millionaire (2008) drehen.

Harvard-Ökonom und New-York-Times Autor Edward Glaeser widerspricht den Stadtskeptikern in seinem neuen Buch Triumph of the City vehement. Der barocke Untertitel fasst seine Hauptthesen bereits zusammen: How our greatest invention makes us richer, smarter, greener, healthier and happier. Glaeser beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Thema und legt nun eine fundierte Zusammenschau vor.

Städte waren laut Glaeser nicht nur kulturhistorisch die Grundvoraussetzung für fast alle zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit. Auch die großen Zukunftsprobleme seien nur durch adäquate Stadtentwicklung zu lösen. Das treffe speziell für das rasante Bevölkerungswachstum in Indien und China zu, samt dem prognostizierten Energie- und CO2-Umsatz.

Mit der Gründung der ersten Städte setzte ein riesiger Innovationsschub ein, der bis heute anhält. Neben offensichtlichen ökonomischen Faktoren wie die durch die Landwirtschaft erstmals in größerem Ausmaß mögliche Spezialisierung in Berufsgruppen, waren dafür auch anthropologische Gründe maßgebend. Glaeser geht so weit, den Menschen als eine „urban species“ zu bezeichnen. Erst wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenlebten, schaffe dies die Voraussetzung, dass sich Ideen und Innovationen schnell verbreiteten. Unter vielen tausend Menschen steigt die Möglichkeit, Talentierte und Gleichgesinnte zu finden.

Wald und Wiesen

Aus kulturgeschichtlicher Perspektive ist Glaesers These tatsächlich leicht zu belegen, auch wenn er selbst nur wenige kurze Beispiele dafür anführt. Die größten Kreativitätsschübe fanden fast immer in Städten statt, und die entsprechenden Fälle sind bekannte ideographische Ikonen. Das klassische Athen, wo einer der größten Kreativitätsschübe der Weltgeschichte stattfand. Chang’an (heute: Xi’an), das während der Tang-Dynastie in China vom siebten bis ins neunte Jahrhundert als Zentrum einer neuen Stadtkultur eine kulturelle Blütezeit auslöste. Baghdad, die Welthauptstadt der Gelehrsamkeit während der arabischen Hochkultur. Das Florenz der Renaissance oder Wien um 1900 könnte man ebenfalls noch anführen.

Hier drängen sich nun einige Einwände auf. Einerseits gab es überragende intellektuelle Einzelleistungen. Man denke etwa an Montaigne, der seine berühmten Essais alleine im Bücherturm seines Schlosses schrieb. Andererseits konnte in der tiefsten Provinz Weltkultur entstehen. Das Weimar Goethes und Schillers kommt in den Sinn. Allerdings waren hier in beiden Fällen die kulturgeschichtlichen Auswirkungen nicht so tiefgreifend, wie bei den oben aufgezählten Beispielen. Glaeser erwähnt den berühmten Naturapostel und Waldhüttenapologeten Henry David Thoreau. Sein Bestseller Walden hätte in dieser Form nie entstehen können, wäre Thoreau nicht in Harvard ausgebildet worden, und lange in dessen urbanen intellektuellen Zirkel eingebettet gewesen.

Einen Aspekt, den Glaeser völlig ignoriert, ist die Tatsache, dass die Kreativitätsmechanik einer Stadt naturgemäß wertneutral ist, und sich auch für Unerfreuliches nutzen lässt. Das klassische Athen brachte nicht nur eine Fülle an Literatur, Philosophie und Historiographie hervor, sondern auch die intellektuelle Rechtfertigung für eine rücksichtslose Geopolitik. Nicht zuletzt gelangte die Rhetorik in Athen zur Blüte, mit deren manipulativer Methodik man entsprechende Beschlüsse leicht herbeiredete.
Im Florenz der Renaissance trieb man nicht nur Malerei und Skulptur auf neue Höhen, sondern die Stadt bot auch einen idealen Nährboden für den religiösen Fanatiker Savonarola. Dessen Ideen nähmen die Taliban heute noch mit Freuden auf, hätten sie auf ihren Koranschulen von ihm gehört.

Die bei Glaeser meist nur angedeutete kulturgeschichtliche Argumentation ist sehr plausibel. Sie stützt auch seine Ableitung, dass diese Beobachtungen eine anthropologische Grundlage hätten, welche mit der Evolution des Menschen zusammenhänge. An dieser Stelle wünscht man sich als Leser allerdings mehr empirische Belege. Zumal Glaeser so weit geht, dass virtuelle Nähe via Internet aus diesen Gründen nie ein Ersatz für die Innovationskraft „echten“ Stadtlebens sein könne.

Städte bündeln und verstärken menschliche Fähigkeiten laut Glaeser nicht nur wie eine Lupe Lichtstrahlen, sondern sie haben zahlreiche weitere Vorzüge. Erhöhte soziale Mobilität und der Wettbewerb vieler Begabungen sind zwei davon, weshalb viele Talentierte in Städte ziehen. Der Professor illustriert diese Punkte mit einem Feuerwerk an konkreten Beispielen über das gesamte Buch hinweg. Allgemeinen Thesen folgen meist veranschaulichende Exkurse. Man sieht dem Entstehen der Autoindustrie in Detroit zu und hundert Jahre später dem Verfall der Stadt. Man begleitet den Autor in die Slums von Mumbai und auf die Pariser Boulevards. Man staunt über das Funktionieren so riesiger Städte wie Tokyo und über den Aufstieg Singapurs zur von fester Hand gelenkten Wirtschaftsmetropole.

Grüne Lunge

Spannend wird es, wenn Glaeser mit dem eingangs erwähnten Klischee aufräumt, Städte seien große Umweltfeinde. Der Energie- und Platzverbrauch ist nämlich in dicht bebauten Innenstädten pro Person oder Haushalt signifikant geringer. Eine Stadtwohnung ist mit einem kleinen Teil der Energie zu heizen bzw. zu kühlen wie das Haus in einem Vorort. Wer mit dem öffentlichen Nahverkehr oder zu Fuß bequem seinen Arbeitsplatz erreicht, produziert weniger CO2 als ein Pendler, der täglich vor seiner Reihenhaushälfte ins Auto steigt. Der starke Trend in den USA, von den Innenstädten in die Vororte zu ziehen, bietet Glaeser jede Menge Datenmaterial zur Veranschaulichung.

Analysiert man die urbane Entwicklung in China und Indien, gibt es drei plausible Zukunftsszenarien: Erstens weite Teile der Bevölkerung bleiben dort wie bisher in ihrer landwirtschaftlichen Armutsfalle auf dem Land sitzen und benötigen weiterhin wenig Energie. Zweitens große Teile der Bevölkerung ziehen, wie in den letzten Jahren, in die Städte. Aber diese Städte entwickeln sich analog der amerikanischen mit riesigen Vororten und einer unüberschaubaren Zahl an Autos. Drittens die Verstädterung hält an, aber das Modell dafür ist nicht Los Angeles, sondern Tokyo. Viele Menschen leben in Wolkenkratzern auf engem Raum bei vergleichsweise niedrigem Energieumsatz und mit wenig Autos. Glaeser legt überzeugend dar, dass nur das letzte Szenario ökologisch verträglich ist: „If you love nature, stay away from it.“

Um zu diesem Ziel zu gelangen, benötigt es allerdings einer Urbanitätspolitik, die zu den gewünschten Ergebnissen führt. Glaeser beschreibt an vielen Beispielen, warum manche Städte scheitern, während andere wie New York auch große Krisen überwinden konnten. Im Gegensatz zu anderen berühmten Urbanismustheoretikern wie Jane Jacobs plädiert Glaeser für eine möglichst dicht besiedelte Stadt durch Hochhäuser. Der großzügige Bau von Wolkenkratzern hielte gleichzeitig auch die Preise in Schach. Solche Viertel sollten aber trotzdem ein reges Straßenleben aufweisen. Viele Geschäfte, Restaurants und andere „HotSpots“ müssten die Menschen von ihren Wohnungen auf die Straße ziehen. Unschwer zu erraten, dass Glaeser hier Manhattan als Prototyp im Hinterkopf hat.
Ein großer Fehler sei es, in Orte statt in Menschen zu investieren. Anstatt Geld in prestigeträchtige Bauten oder gar neue Stadtviertel zu stecken, empfiehlt Glaeser Problemstädten wie Detroit sich lieber auf Bildung und Innovationsförderung zu konzentrieren.

Karl Kraus digital – Drei neue Editionen

Im letzten halben Jahr schien der Literaturbetrieb alle Versäumnisse bezüglich des editorisch stiefmütterlich behandelten Karl Kraus auf einmal nachholen zu wollen: Drei neue Editionen sind zu vermelden. Den Auftakt machte die Österreichische Akademie der Wissenschaften, indem sie sämtliche 922 Nummern der “Fackel” für alle zugänglich ins Internet stellte. Wer lieber offline in dieser Fundgrube der scharfen Polemik schmökert, dem steht die im Frühjahr bei Zweitausendeins erschienene DVD zur Verfügung. Sollte trotz dieser gewaltigen Textmasse noch zusätzlicher Bedarf an Spitzzüngigkeiten gegeben sein, dem kann die Anfang Mai erschienene Werkausgabe in der Digitalen Bibliothek abhelfen, die auf den zwanzig bei Suhrkamp erschienenen Bänden basiert. Diese Publikationsflut verdankt sich nun nicht einem plötzlich exponentiell angestiegenen Interesse an Karl Kraus, sondern dem Urheberrecht: Seit dem 1. Januar 2007 sind dessen Werke “gemeinfrei”.

Die mannigfaltigen Möglichkeiten der neuen Medien rückt die altehrwürdige Disziplin der Editionswissenschaft in den Mittelpunkt einer ebenso spannenden wie kontroversen Diskussion. Jahrzehntelang erstellte man aufwändige historisch-kritische Ausgaben, um die Texte der Klassiker den Philologen variantenreich zur Verfügung zu stellen. Von diesen für den normalen Leser unerschwinglichen und unverständlichen Ausgaben ausgehend, erstellte man dann Studien- und Leseeditionen. Dies ging zwar nicht ohne heftige Kontroversen ab (welcher “Apparat” etwa der beste sei), doch steckte die Form der Edition, nämlich gedruckte Bücher, die Grenzen des Machbaren ab.

Diese Situation änderte sich grundlegend als Personalcomputer omnipräsent wurden und mit der CD-ROM ein neues Trägermedium für Texte zur Verfügung stand. Ein passendes Beispiel wäre die 2003 bei K.G. Saur erschienene “Fackel” auf CD-ROM. Gleichzeitig wurde dank des World Wide Webs auch der Hypertext populär. Ein Klick auf ein Wort führt zu einem anderen Text, was nicht nur sehr bequem ist, sondern auch die Kommentierungstechniken nachhaltig veränderte. Parallel dazu gab es auch innerhalb der Editorenzunft umstrittene Neuerungen. Faksimile-Ausgaben wie die Frankfurter Kafka Ausgabe (FKA) versetzen konservative Editoren in Rage: Basisdemokratischer Zugriff auf die “Originale” könne einen nach allen Regeln der Kunst erstellten Text nicht ersetzen.

Mit der Computerphilologie beschäftigt sich ein eigenes Fach mit Theorie und Praxis elektronischer Editionen. (1)

Die konkreten Vorteile einer digitalen Edition sind schnell aufgezählt: Es gibt erstens keine Platzbeschränkung. Die am Klagenfurter Musil-Institut entstehende elektronische Gesamtausgabe wäre wegen des exorbitanten Nachlassmaterials in Buchform nicht finanzierbar. Die Verbreitung kann zweitens aufgrund der günstigen Herstellungskosten über Wissenschaftsbibliotheken hinaus auch an jeden interessierten Leser erfolgen. Eine DVD ersetzt Dutzende dicke Bände. Neben der bereits erwähnten besseren Kommentierbarkeit, kann man drittens zusätzlich die Faksimiles der Originale anbieten. Hier setzt nun auch ein wichtiger theoretischer Unterschied an: Die klassische Edition nimmt die vorhandenen Dokumente (Autographen, Drucke) und konstruiert nach klaren Kriterien einen Text. Die Dokumente selbst bleiben für den Rezipienten unzugänglich. Walter Gabler analysiert in “Das wissenschaftliche Edieren als Funktion der Dokumente” (2) dieses geänderte Verhältnis von Dokumenten zu Texten. Statt die Faksimiles nur als Illustration einzusetzen, solle man den Text aber auch konzeptuell aus ihnen ableiten:

“Operationalisiert für die Edition im elektronischen Medium folgt daraus: wir strukturieren die wissenschaftliche Ausgabe für die Zukunft so, dass wir in ihren Mittelpunkt und an den hierarchischen Scheitelpunkt ihrer relational verknüpften Diskurse die virtuelle Präsenz der Dokumente stellen. Von dort leiten wir edierte Texte ab, als je aktualisiertes Funktionspotential der Dokumente, und in dynamischer Rückbindung an sie.” (3)

Diese Forderung erschließt sich, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Originaldokument durch diverse Kontexte zahlreiche Bedeutungen hat, die über den Text hinausgehen. Das gilt nicht nur für die Art der Handschrift (z.B. sorgfältig geschrieben oder schnell hingekritzelt) oder mittelalterliche Codices (z.B. Text A nur auf Innendeckel des Textes B), sondern auch für gedruckte Materialien. “Die Fackel” ist hier ein ausgezeichnetes Beispiel, denn Karl Kraus legte größten Wert auf die druckgraphische Gestaltung der Hefte. Schriftgröße, Art der Hervorhebungen, Trennungssymbole und die Zahl der Spalten wären als Beispiele dafür nennen. Sogar um die unterschiedlichen Rottöne der einzelnen Ausgaben kümmerte Kraus sich persönlich. Auch abgedruckte Dokumente sind in der Fackel keine Seltenheit. Im Dezember 1915 findet sich unter der Überschrift “Die letzte Wahrheit über den Weltkrieg” die Todesanzeige des Landsturmannes Wilhelm Berdux der “Den Heldentod fürs Vaterland” erlitt. (4)

Die Bedeutung der Auswahl und die zeitgeschichtliche Relevanz der Fremd- und Eigenanzeigen auf den Umschlagseiten sind ohnehin evident. Ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der digitalen Krausausgaben wird demnach sein, ob sie diesen semantischen Mehrwert auch transportieren. Weiters wird zu prüfen sein, ob die Kommentierungsmöglichkeiten des Mediums genutzt werden. Entscheidend für den Erfolg jeder Edition ist natürlich die Qualität des präsentierten Textes.

Es war die schlechte Textqualität, welche die erste elektronische Ausgabe der Fackel auf CD-ROM schnell in Verruf brachte. Andreas Weigel belegt das ausführlich in seinem kritischen Aufsatz über diese Edition. (5) Um verifizieren zu können, ob die neuen Ausgaben weniger Fehler aufweisen, greife ich im Folgenden auf einige seiner Beispiele zurück. So finden sich auf der CD-ROM zahlreiche Scanfehler, die nicht lektoriert wurden: “Zeltgefühl” statt “Zeitgefühl”; “erlordern” statt “erfordern” etc.

Für die Fackel im Internet ergeben diese und weitere Stichproben, dass sich die Akademie derartige Schlampereien erfreulicherweise nicht leistete. Auch die DVD verschont ihre Leser mit dieser peinlichen Fehlerkategorie. Die Digitalisierung beider Texte ist also mit großer Sorgfalt erfolgt.

Für die Fackel-Ausgabe im Internet gilt, dass alle Seiten der Fackel als Faksimile zur Verfügung stehen. Damit erhält man buchstäblich direkten Einblick in jedes Heft. Zusätzlich gibt es eine Textversion. Wechseln zwischen Text und “Original” ist ebenso möglich wie das parallele Anzeigen (links der Text, rechts das Bild). Damit sind auch wissenschaftliche Recherchen ausgezeichnet möglich. Sogar den unterschiedlichen Rottönen kann man problemlos nachgehen, da auch alle Umschläge als Foto vorhanden sind.

Auf diese Farben muss der Benutzer der DVD verzichten, hier sind die Faksimiles nur in Schwarzweiß abrufbar. Von dieser Einschränkung abgesehen, ist auch bei dieser Ausgabe die komplette Zeitschrift als Faksimile anzusehen. Die digitalisierte Ausgabe des Suhrkamp-Verlags erhält ebenfalls eine Auswahl aus der Fackel, allerdings ohne Faksimiles. Immerhin sind alle 529 Abbildungen der Bücher in digitaler Form enthalten.

Eine klassische Kommentierung gibt es bei keiner der drei Ausgaben. Damit lässt man eine der größten Vorzüge einer digitalen Edition ungenutzt. “Die Fackel” mit adäquaten Anmerkungen zu versehen, wäre allerdings eine gewaltige Arbeitsleistung. Wir haben hier also zwei Leseausgaben vor uns. Die Internetversion ist mit einigen begleitenden Texten versehen, “Paratexts” genannt. Seltsamerweise sind nicht nur die “Editoral Notes” auf Englisch, obwohl ein des Deutschen nicht mächtiger dieses Angebot ohnehin nicht nutzen kann. Deutlich großzügiger gibt sich die DVD-Ausgabe. Auch hier sucht man zwar einen Textkommentar vergeblich, allerdings werden knapp 450 Seiten bibliographische Informationen mitgeliefert. Es handelt sich dabei um ein von Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher erstelltes Verzeichnis, das jedes Heft kurz kommentiert (zum Teil auch inhaltlich, allerdings sehr knapp). (6) Der Band der Digitalen Bibliothek wartet nur mit den Anhängen zu den Buchausgaben auf (ohne Verlinkungen)nebst einem zweiseitigen Einführung von Christian Wagenknecht.

Als letztes Bewertungskriterium noch ein Blick auf die verwendete Technik. Die Navigation der Online-Fackel ist auf den ersten Blick ungewöhnlich (und führt unter Umständen zur Notwendigkeit des seitlichen Scrollens, wenn man beispielweise Ergebnisliste, Text und Faksimile neben einander hat). Man gewöhnt sich aber schnell daran und kann das Angebot bald effizient nutzen. Die DVD-Ausgabe der “Fackel” sowie die Suhrkamp-Ausgabe greifen auf die inzwischen sehr ausgereifte Software der “Digitalen Bibliothek” zurück (Version 4), die über komplexe Suchmöglichkeiten verfügt. Ein großer Vorteil gegenüber der Internetversion sind die Möglichkeiten, Textstellen mit Kommentaren zu versehen bzw. diese farblich hervorzuheben.

Es lässt sich das Fazit ziehen, dass alle drei elektronischen Ausgaben die wichtigste Aufgabe, den analogen Text weitgehend fehlerfrei in ein elektronisches Format zu bringen, sehr gut bewältigt haben. Dass zusätzlich bei beiden Fackelvarianten ein komplettes Faksimile zur Verfügung steht, ist sehr begrüßenswert. Allerdings lässt sich die von Gabler geforderte enge konzeptuelle Verknüpfung zwischen Faksimile und Text noch nicht einmal ansatzweise finden. Mangels Kommentierung handelt es sich bei allen drei Editionen um nützliche Leseausgaben bzw. zuverlässige Rechercheinstrumente. Besonders hervorzuheben ist selbstverständlich, dass nun eines der größten monomanischen Publizistikprojekte des letzten Jahrhunderts entweder gratis im Internet oder für bescheidene zwanzig Euro als DVD zur Verfügung steht. Bisher mussten sich Interessierte mühsam antiquarisch einen der Nachdrucke beschaffen.

Die Resonanz auf die Veröffentlichungen war entsprechend groß und ging nicht ohne gedankliche Kurzschlüsse ab. So wurde Karl Kraus mit Aplomb von der Bloggerszene als berühmter Ahne adoptiert. Nun mag es wenige Qualitätsblogs geben, die hohen sprachlichen und (medien)kritischen Anforderungen genügen. Kraus hätte sich aber schön bedankt, mit den hunderttausenden ebenso schlecht geschriebenen wie gedachten Elaboraten dieses Sprachkosmos in Verbindung gebracht zu werden.

(1) Im deutschsprachigen Raum ist das Forum Computerphilologie der wichtigste Anlaufpunkt.
Es gibt auch das “Jahrbuch für Computerphilologie” heraus.

(2) http://computerphilologie.tu-darmstadt.de/jg06/gabler.html

(3) Ebenda Absatz [17]

(4) Fackel Nr. 413-417 S. 86

(5) Andreas Weigel: “Brille ohne Gläser.” Mustergültig misslungene CD-ROM-Edition von Karl Kraus’ Zeitschrift “Die Fackel”.

(6) Friedrich Pfäfflin und Eva Dambacher in Zusammenarbeit mit Volker Kahmen (Hrsg.): Der ›Fackel‹-Lauf. Bibliographische Verzeichnisse: ›Die Fackel‹ als Verlagserzeugnis 1899-1936 – Verlag Jahoda & Siegel, Wien 1905-1935 – Zeitschriften, die sich an der ›Fackel‹ entzündeten: Vorbilder, Schmarotzer und Blätter aus dem Geist der ›Fackel‹. Ein Jahrhundertphänomen. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 1999. (Beiheft 4 zum Marbacher Katalog 52). S. 11-111.

Veröffentlicht in Literatur und Kritik November 2007.

Robert Musil – Die Edition für das 21. Jahrhundert

Unter den Autoren der Moderne zählt Robert Musil zu den größten editorischen Herausforderungen. Die jahrzehntelange Arbeit am unvollendeten Mann ohne Eigenschaften hinterließ ein gewaltiges Manuskriptkonvolut. Als wären viele tausend Blätter an Entwürfen nicht genug, muss man noch diverse Bearbeitungsstufen berücksichtigen – die Kapitelentwürfe sind nur die Spitze des Eisbergs. Zusätzlich gibt es Korrekturen, spätere ergänzende Notizblätter zu diesen Entwürfen und Musils Kommentare zu seinen Kommentaren.

Früher hätten es Germanisten mit einer historisch-kritischen Rekonstruktion versucht, die dann mit den anderen Klassiker-Ausgaben in den Bibliotheken der Germanistik-Institute verstaubt wäre. Das Klagenfurter Robert-Musil-Institut entschied sich für den moderneren Weg einer digitalen Edition. Bereits 1992 gab es einen ersten Anlauf auf CD-ROM, der sich allerdings aufgrund des hohen Preises und den schnell veralteten technischen Voraussetzungen nicht durchsetzen konnte.
Die Herausgeber sehen die neuen elektronischen Möglichkeiten als unverzichtbar für die zukünftige Editionswissenschaft an:

Das Medium Buch bringt diese Beziehungen in einfache (oder vereinfachte) lineare Relationen, womit dem Inhalt oft Gewalt angetan wird. Verweissysteme, die in Büchern verwendet werden, haben etwas von Notlösungen an sich und bilden komplexe Relationen immer nur unvollständig und unvollkommen ab. Erst in elektronischen Editionen können komplexe Relationen in Texten und zwischen Texten identisch, gleichsam synchron abgebildet werden.

Unterschieden werden für diese Ausgabe fünf Relationstypen: Verweise zwischen den Texten Musils, Verweise auf Visuelles (Faksimiles), Verweise auf andere Texte, Verweise auf den Kontext und Verweise auf Metainformationen aller Art. Die Kombination dieser Bezüge sowie die globale Suchfunktion macht die ungewöhnliche Reichhaltigkeit dieser Edition aus.

Sie enthält eine komplette Leseausgabe in 20 Bänden, die neben den literarischen Werken auch die Reden, die wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die Tagebuchhefte und die Korrespondenz umfasst.
Zum Lesetext gibt es einen Stellenkommentar, der sich auf Personennamen, Werktitel, Orte usw. beschränkt, und damit wichtige Fakten zum Kontext bietet, ohne die Grenze zur Interpretation zu überschreiten. Manchmal wird auch das historische oder biographische Umfeld zur Erläuterung herangezogen. Selbstverständlich fehlen ebenfalls umfangreiche Erläuterungen zur Ausgabe und deren Vorgeschichte nicht.

Zusätzlich enthält die DVD den gesamten digitalisierten Nachlass. Dabei handelt es sich um 56 Mappen in acht Gruppen. Es wurden alle Blätter als Faksimiles integriert und jedes Blatt wurde sorgfältig transkribiert. Damit schließt die Ausgabe an die unter Editionsphilologen in den letzten Jahren breit diskutierte Praxis an, die Manuskripte selbst zu publizieren – man denke etwa an die Frankfurter Kafka-Ausgabe des Stroemfeld Verlags. Erstmals hat damit die an Musil interessierte Leserschaft die Gelegenheit, sich selbst ein Bild über die Nachlass-Situation zu verschaffen. Zumal die Klagenfurter Ausgabe mit 149 Euro wohlfeil zu haben ist.
Man kann die Nachlass-Mappen in Ruhe zu Hause am Computer durchblättern, anstatt sich in der Wiener Nationalbibliothek um die entsprechende Genehmigung bemühen zu müssen. Druckte man das gesamte enthaltende Material wären dafür etwa 50.000 Seiten notwendig.

Walter Fanta war als Projektleiter der Kopf hinter der Klagenfurter Ausgabe. Er verbrachte unzählige Stunden mit dem Nachlass in der Nationalbibliothek und legte bereits eine Reihe von zum Teil sehr umfangreichen Publikationen zum Thema vor.

Die Editionsgeschichte geht fast bis zum Tode Musils zurück. Seine Gattin Martha Musil gab bereits 1943 einen dritten Band des Mann ohne Eigenschaften heraus mit ausgewählten Kapiteln des Nachlasses. Ganze tausend Exemplare wurden von dem Buch gedruckt. Knapp zehn Jahre danach nahm sich Adolf Frisé der Publikationsfrage an und prägte dann über Jahrzehnte hinweg die Edition der Musilschen Werke. 1952 erschien im Rowohlt Verlag die erste von ihm zusammengestellte Ausgabe des großen Romans. Die nachgelassenen Kapitel wurden dabei als quasi „natürliche“ Fortsetzung der veröffentlichten Teile verstanden. Die oben beschriebene Komplexität des Materials wurde von Frisé erst viel später erkannt. Die Bedeutung dieser Buchveröffentlichung lag denn vor allem darin, Musils Hauptwerk vor dem Vergessen zu bewahren.

Frisés Ziel war es, eine umfassende Ausgabe der Werke bei Rowohlt zu veröffentlichen. Ihm gelang dies schließlich in den Jahren 1976-1981. Diese Texte prägen bis heute maßgeblich die Musil-Rezeption, sind sie doch die einzigen gedruckten Editionen auf dem Buchmarkt. Im Beiheft der Klagenfurter Ausgabe wird zu Recht darauf hingewiesen, dass diese zweite Edition des Mann ohne Eigenschaften durch Frisé die textphilologischen Fehler seines ersten Versuches vermeidet. Durch den nicht erläuterten Status der entgegen der Chronologie angeordneten Nachlasstexte, sei aber der Ruf des Romans entstanden, niemand hätte ihn je zu Ende gelesen.

Deshalb entschied man sich jetzt bei der neuen Leseausgabe des Romans für eine Aufteilung in vier Bände. Während die ersten beiden Teile die autorisierte Druckfassung wiedergeben, konzentriert sich der dritte auf die Fortsetzung des Romans. Die zahlreichen Vorstufen, welche die Lesbarkeit der bisherigen Ausgaben so erschwerten, wurden in einen vierten Band ausgelagert.

Die Langwierigkeit eines solches Editionsprojekt bringt es mit sich, dass Entscheidungen für eine bestimmte Software unabsehbare Konsequenzen haben. Die Herausgeber entschieden sich für Folio Views, das die besten Verknüpfungsmöglichkeiten und die besten Suchfunktionen biete. Die Benutzerführung ist praktikabel und die Verweise funktionieren so, wie man das aus dem Web gewohnt ist. Die Oberfläche wirkt aber im Vergleich zu aktueller Software etwas antiquiert. Dürfte man einen Wunsch äußern, so wäre dies die Exportmöglichkeit in ein Format, das kompatibel mit Ebook-Lesegeräten ist (ePub oder PDF). Dann könnte man sich die Bände der Leseausgabe auf eines der neuen Geräte laden, die ein einigermaßen bequemes elektronisches Lesen erlauben.

Ab und an findet man kleine Fehler. So stößt man etwa in Über die Dummheit auf Seite 8 auf eine fehlerhafte Verlinkung. Aber die Herausgeber kündigen ein Update für Februar 2011 an, wo nicht nur derartige Kleinigkeiten behoben werden, sondern auch die Kommentar- und Hyperlinkstruktur ergänzt werden wird.

Trotz der Entwicklung hin zum elektronischen Lesen, bleibt für Musil-Freunde das wichtigste Desiderat: Die druckfertige elektronische Leseausgabe sollte von Rowohlt so schnell wie möglich in eine gute Buchausgabe verwandelt werden. Robert Musil war angesichts seines Ranges in den letzten Jahren viel zu wenig auf dem Buchmarkt präsent.

Robert Musil: Klagenfurter Ausgabe. Kommentierte digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften. Mit Transkriptionen und Faksimiles aller Handschriften. Herausgegeben von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino. Klagenfurt: Robert Musil-Institut der Universität Klagenfurt. DVD-Version 2009

Informationen und Bestellmöglichkeit:

Musil-Edition

[Literatur und Kritik September 2010]

Grenzerfahrungen in Zentralasien

Eine Reise durch fünf Länder [April 2009]

Es gibt Weltgegenden von denen nur selten Kunde in die westlichen Medien dringt. Zentralasien ist so groß wie Westeuropa, aber die Nachrichtenlage ist nicht besser als für eine kleine Karibikinsel. Selbst auf den Weltwetterkarten von CNN, BBC World oder Euronews wird diese Region ignoriert. Zwischen Afghanistan und Südrußland ist die meteorologische Situation offenbar unerheblich.

Kulturgeschichtlich Interessierte verbinden mit Zentralasien die Seidenstraße. Die Bilder im Kopf wechseln zwischen selbstgestrickter Orientromantik und den exotischen Vorstellungen, welche gerne von den Marketingabteilungen der Tourismusunternehmen in Umlauf gebracht werden. Was aber erwartet den Reisenden tatsächlich in Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Kasachstan? Eine intensive dreiwöchige Reise sollte mir helfen, mir ein eigenes Bild zu machen.
Unterwegs war ich mit Jürgen Stürmer, einem auf den russischen und arabischen Raum spezialisierten Kenner der Region sowie zusätzlich immer wieder mit lokalen Guides.

Zu Beginn sei gesagt, dass es sich bei allen fünf Ländern um solide Diktaturen handelt, selbstverständlich mit graduellen Abstufungen. Turkmenistan, ohne Zweifel zu den politisch unappetitlichsten Staatsgebilden zu zählen, war die erste Station der Reise. Touristen sind eigentlich unerwünscht, weshalb die Hürden für die Einreise so fantasievoll sind, dass Kafkas Bürokraten zuvorkommend wie amerikanische Dienstleister wirken. Wir kamen um Mitternacht am Flughafen in Aschgabat an, und es dauerte knapp zwei Stunden bis die kleine Gruppe abgefertigt war. Es wurde aufgeschrieben, gestempelt, kontrolliert und kontrolliert, gestempelt und aufgeschrieben, jeweils mehrmals und in unterschiedlicher Reihenfolge. Für den Checkin ins Hotel „Grand Turkmen“ waren zwei Passfotos notwendig, außerdem gab es einen Hotelstempel in den Pass. Nach drei Tagen hatte man einen Berg von Reiseunterlagen, der anderen Orts vermutlich ausreichen würde, eine GmbH zu gründen.

Nach der Unabhängigkeit Turkmenistans im Jahr 1991 übernahm Saparmyrat Nyýazow die Macht, der ehemalige Vorsitzende der kommunistischen Partei, und errichtete einen auf monomanen Personenkult gegründeten Polizeistaat. Eine Erkundung der Hauptstadt Aschgabat führt dem Besucher sofort vor Augen, was mit den zweistelligen Milliarden Euro an Erdöl- und Erdgaseinnahmen des Landes überwiegend passiert ist: Das Geld wurde in protzige Prunkbauten gesteckt. Ein Monumentalbau nach dem anderen reiht sich entlang der „Boulevards“, viele großzügig mit italienischem Marmor verkleidet. Ergänzt durch von den Einheimischen so genannte „Elitewohnungen“, aufgemotzte Plattenbauten, für die loyalen Funktionäre. Dazwischen immer wieder großzügig angelegte Parks. Eine wundersame Kreuzung aus Dubai und Disneyland. Aschgabat hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Plätze, Parks und Promenaden sind menschenleer. Urbanes Leben ist im turkmenischen Staatswesen offenbar nicht vorgesehen, und man kann nur hoffen, dass zumindest am Wochenende ein paar Menschen diese Anlagen nutzen. Die aus Frauen bestehenden Reinigungstrupps, die meist mit verhülltem Kopf diese groteske Stadtsimulation sauber halten müssen, machen den Gesamteindruck nur noch gespenstischer.

Nyýazow ließ sich schon bald als Türkmenba?y (Führer der Turkmenen) verehren. Er schrieb als ideologisches Grundlagenwerk das Buch „Ruhnama“, das seine Untertanen zwangsverehren mussten. Es war de facto an vielen Schulen der einzige Unterrichtsstoff. In Aschgabat steht ein riesiges Buchdenkmal, welches dieses Druckwerk riesengroß in elegantem Pink und Hellgrün abbildet. Ich hätte nicht gedacht, ausgerechnet in Aschgabat mein erstes überdimensionales Buchdenkmal zu sehen …

Im Historischen Museum der Hauptstadt wird der von Nyýazow erfundene Nationalmythos propagandistisch ausgeschlachtet. Auch das Museum war menschenleer, schätzungsweise kamen auf jeden Besucher mindestens zwei Reinigungskräfte. Sehr sehenswert ist allerdings der archäologische Teil des Hauses. Es gibt dort eine der weltgrößten Sammlungen an Elfenbeintrinkhörnern („rhyta“) aus dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Eine Delegation des Louvre hatte angeboten, einige dringend notwendige Restaurierungsarbeiten an den Gefäßen durchzuführen, man will die Kunstwerke aber nicht außer Landes geben. Erwähnenswert sind auch die dort ausgestellten Fresken aus der ehemaligen Partherstadt Nisa. Die Ausgrabungen liegen nur wenige Kilometer von Aschgabat entfernt, einer Besichtigung stand nichts im Wege. Einer der dort tätigen Archäologen, Batir, gab uns einen guten Einblick in den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Arbeit vor Ort.

Eine knappe Stunde Flug über die Wüste und man erreicht Daschwahus im Norden des Landes. Prunkbauten sucht man vergeblich, hier sieht man das eigentliche Turkmenistan, ein Entwicklungsland. Heruntergekommene Häuser in der Stadt, armselige Dörfer, waghalsige oberirdisch verlegte Gasleitungen an den Straßen entlang. Die Infrastruktur ist jämmerlich und ich empfehle den Ausflug nach Kohne Urgentsch, der ehemaligen Hauptstadt des Choresm-Reiches (995) und ein berühmtes ehemaliges Handlungszentrum, nur hartgesottenen Kulturreisenden. Von den vielen Prachtbauten sind noch einige Ruinen zu sehen, so eine Grabmoschee der Sufi-Dynastie und das Mausoleum des Sultan Tekesch. Avicenna und Al Biruni waren einige Zeit in der Stadt tätig, was sie unter Emir Mahmum Gurgandsch zu einem intellektuellen Zentrum machte.

Die Grenzübertritte innerhalb Zentralasiens sind ebenso mühselig wie eindrucksvoll. Perpetuierte bürokratische Amokläufe, welche dem Liebhaber dieser Dinge unvergessliche Erlebnisse bescheren. Wir fahren auf einem besseren Feldweg durch Niemandsland auf die turkmenische Grenze zu. Es gilt den Bus zu verlassen und mit dem Gepäck durch ein Tor zu schreiten, nachdem ein turkmenischer Grenzbeamter einen ersten Blick auf den Pass geworfen hat. Wir gehen weiter zu einer schäbigen Grenzstation, in der eine mehrköpfige Kommission, angeordnet nach der Anzahl der Sterne auf den Schulterklappen, jeweils die Vielzahl an inzwischen angesammelten Reisedokumenten sichtet. Irgendwann bekommt man den ersehnten Ausreisestempel in den Pass.
Am anderen Ende wartet die Fortsetzung des Feldwegs. Ein pensionsreifer VW-Bus bringt alle im Pendelverkehr zur usbekischen Grenzstation, die in einem überdimensionierten Baustellencontainer angesiedelt ist. Naturgemäß sind auch hier diverse Formulare vorzubereiten, so will der usbekische Staat genau wissen, wie viele Devisen man ein- und ausführt. Angesichts der eigenen, international unbrauchbaren Währung vermutlich eine Notwendigkeit. Wer 20 Euro wechselt, bekommt 38 Geldscheine der größten verfügbaren Sorte, weshalb man einen nennenswerten Teil seiner Usbekistan-Tour mit Geldzählen verbringt. Die Gesamtprozedur an der Grenze dauert an die zwei Stunden. Sechsmal hatte ich in Zentralasien dieses Vergnügen.

In Usbekistan liegen die Höhepunkte der Seidenstraße, für den Kulturreisenden ein ausreichender Grund, hier am meisten Zeit zu verbringen, und zwar acht Tage. Chiwa liegt nicht weit von der turkmenischen Grenze entfernt und hat die besterhaltene Altstadt des Landes. Schöne Ensembles mit Moscheen, Medresen und Mausoleen findet man auch in anderen Städten Usbekistans, in Chiwa aber fügen sich diese nahtlos in einen orientalischen Gesamteindruck ein. Die meisten historischen Bauwerke sind frisch renoviert, was bei den Touristen sicher mehr Entzücken auslöst als bei Archäologen. Trotz des schönen Ensemblecharakters wirkt die Altstadt etwas zu klinisch, so als hätte man eine Attraktion aus Tausendundeiner Nacht für Besucher nachgebaut. Die Vielzahl der Koranschulen geht auf konkurrierende Stiftungen zurück. Wie auch im Christentum lag den moslemischen Herrschern der Blütezeit der Gedanke nicht fern, sich durch Bestechung ins Paradies einkaufen zu können. Heutzutage denkt man bei „Koranschule“ an Erziehungsinstitutionen in Pakistan, in denen Schülern aus armen Verhältnissen die islamistische Ideologie eingeprügelt wird. Vor fünf Jahrhunderten zählten die Koranschulen jedoch zu den besten Universitäten der Welt, auch Naturwissenschaften wurden unterrichtet. Deshalb verwendet man in diesem Kontext wohl besser „Medrese“ als Begriff.
Chiwa hat eine beeindruckende Geschichte. Legenden über die Stadt gehen bis in biblische Zeiten zurück. Historisch belegt ist sie erstmals im 10. Jahrhundert. 1592 tritt Chiwa die Nachfolge von Kohne Urgentsch als Hauptstadt des Choresm Reiches an.
Während man in Turkmenistan keine fröhlichen Menschen auf der Straße sah und die Atmosphäre bedrückt wirkte, scheinen die Usbeken trotz der schwierigen Umstände mehr Freude am Leben zu haben. Die Angst vor staatlicher Repression ist offenbar deutlich geringer als im Polizeistaat nebenan. Die Infrastruktur ist ebenfalls fortschrittlicher als im Nachbarland. Wie schnell sie aber an ihre Grenzen stößt, zeigen wiederholte Stromausfälle nach Regenfällen. In Buchara habe ich aus diesem Grund zum ersten Mal in meinem Reiseleben ein Museum mit Taschenlampe besichtigt.

Nach Buchara fährt man von Chiwa gut 400km durch die Wüste Kiselkum auf – diplomatisch formuliert – suboptimalen Straßen. Der erste Eindruck von dieser berühmten Stadt der Seidenstraße passt zu den Bildern im Kopf. Die Bedeutung Bucharas hatte geographische Gründe, hier kreuzte sich die nördliche und südliche Route der Karawanenstraße. Aber nicht nur der Handel blühte, es war auch die intellektuelle Hauptstadt seiner Zeit. Avicenna, Rudaki, Ferdausi und viele andere wählten sie zur Wirkungsstätte. Zahlreiche Handschriften werden immer noch dort aufbewahrt. Die Moschee Kalan und besonders das dazugehörige Minarett gehört zu den schönsten Bauwerken in Zentralasien. Die Proportionen des 50m hohen Turms und des Bauschmucks sind von atemberaubender Perfektion.
Lange Zeit pflegte man die von den Einwohnern wegen des hohen Unterhaltungswertes geschätzte Tradition, Straftäter und Ungläubige von diesem Minarett in den Tod zu stürzen. Ich wage die These, dass es sich hier um die ästhetisch gelungenste Hinrichtungsstätte der Weltgeschichte handelt. Wer sich über weitere historische Unappetitlichkeiten dieser Weltgegend bis weit ins 19. Jahrhundert hinein informieren will, der sei auf die einschlägigen Reiseberichte verwiesen, etwa Hermann Vámbérys „Mohammed in Asien. Verbotene Reise nach Buchara und Samarkand“. Wie viele andere einschlägige Titel ist dieses Buch leider nur noch antiquarisch erhältlich.
Das Mausoleum der Samaninden darf nicht unerwähnt bleiben, zählt es doch zu den berühmtesten Werken der islamischen Baukunst. Vermutlich um 900 errichtet, sieht es mit seiner Grundfläche von 10x10m und seiner Höhe von vierzehn Metern wie ein architektonisches Understatement aus. Die Eleganz der Ausführung und das hohe Niveau des Bauschmucks setzten aber für die folgenden Jahrhunderte oft nachgeahmte Maßstäbe.

Die Fahrt nach Samarkand führt durch sehr ärmliche Gegenden des Landes. Dem Land Bodenfrüchte abzugewinnen ist offensichtlich harte Arbeit. Von den bekannten Strapazen der Baumwollernte einmal ganz abgesehen, zu der auch Schulkinder in den Sommermonaten immer noch gezwungen werden. Den korrupten Machthabern sind Devisen naturgemäß wichtiger als die Ausbildung ihres Nachwuchses. Trotz der Armut sind in allen Ländern Zentralasiens Handys weitverbreitet. Selbst Hirtenjungen scheinen auf ihre Schafe ohne Mobiltelefon nicht mehr aufpassen zu können. Und sogar in Gegenden mit Dörfern ohne Strom oder fließendem Wasser gibt es exzellenten Mobilfunkempfang.
Unterwegs bietet sich ein Abstecher nach Schahr-e Sabs an, der Geburtsstadt Timurs (1336-1405), der diese Weltgegend nicht nur bis heute durch zahlreiche Bauten geprägt hat, sondern vom neuen Usbekistan auch als eine Art Nationalheiliger inthronisiert wurde. Man die Überreste des Palastes Ak Sarai besichtigen, dessen zwei Pylonen noch stehen und beachtliche 38m hoch sind. Dadurch lässt sich die Dimension dieses riesigen Bauwerks gut erkennen. Timur ließ die besten Architekten und Künstler aus seinem neuen Reich buchstäblich zusammenfangen und die Ergebnisse sind immer noch beeindruckend.

Nun also Samarkand, dessen orientalischer Zauber einer der wenigen Anhaltspunkte ist, die ein Mitteleuropäer heute mit Zentralasien üblicherweise assoziert. Seidenstraße! Orient! Tausendundeine Nacht! Exotik! – Es mag an dem trüben Wetter gelegen haben als wir dort ankamen: Anfangs waren nicht einmal Spuren dieses Klischees erkennbar. So originell ein Wiener Novembertag in dieser Oasenstadt sein mag, dem Flair Samarkands ist eine graue Regenatmosphäre nicht zuträglich. Auch als das Wetter schließlich besser wurde, wollten die eigenen Eindrücke so gar nicht zu den romantischen Erwartungen passen. Natürlich gibt es in der Stadt zauberhafte Ecken. Der berühmte Rigestan Platz wird seinem Ruf ebenso gerecht wie die gepriesene Gräberstadt Schah-e Sende, deren „Erlebniswert“ mit altägyptischen Baudenkmälern durchaus vergleichbar ist. Diese Stätten sind aber in der Stadt weit verteilt, und ein paar Blocks weiter steht man in tristen Vierteln voller heruntergekommener sowjetischer Plattenbauten. So tritt einem Samarkand als eine seltsame Mischung aus Chiwa und Skopje entgegen.

Wer nach Zentralasien aufbricht, sei also vorgewarnt. Es gibt die orientalische Seite dieser Länder und sie ist sehenswert. Zu mindestens gleichen Teilen ist es aber eine Reise durch die Ex-Sowjetunion samt der einschlägigen deprimierenden städtebaulichen Folgeerscheinungen. Natürlich gibt es Positives aus dieser Zeit. Dass es in allen fünf Ländern kaum Analphabetismus gibt (im Unterschied etwa zu Afghanistan), ist dem sowjetischen Erziehungswesen zu verdanken. Auch die Gesundheitsversorgung profitiert noch aus den alten Zeiten, auch wenn sich diese Strukturen bereits auflösen.

Von Samarkand aus ist man schnell in Tadschikistan, wo es nicht nur spektakuläre Berglandschaften zu sehen gibt, sondern die Ausgrabungen von Pendischkent, einer alten Stadt der Sogder. Im ansonsten gut informierten Dumont Kunstreiseführer des Klaus Pander ist vom „Pompeji Zentralasiens“ die Rede. Hat man sich gut durchgerüttelt zu dieser Stätte vorgearbeitet, sieht man aber sofort, dass von einem Pompeji keine Rede sein kann. Man steht vor einer lehmigen Kraterlandschaft, die zwar einen guten Eindruck über die Größe der Stadt und deren Anlage vermittelt, aber sonst in einem deplorablen Zustand ist. Die fröhlich zwischen ausgegrabenen Wohnhäusern weidenden Tierherden, die von keinerlei Absperrung ferngehalten werden, sind nicht das größte Problem. Bauten aus Stampflehm freizulegen und sie danach nicht durch Überdachung zu schützen, ist archäologisch hochgradig fahrlässig. Wenn keine entsprechenden Mittel vorhanden sind, sollte man diese Grabungen den zukünftigen Generationen überlassen. In Europa hört man ständig die nicht unberechtigte Klage, wie wenig Budget für Archäologie vorhanden sei. Wer einmal den Unterschied zwischen „wenig“ und „gar keines“ mit eigenen Augen sehen will, der fahre nach Pendischkent!
Die Geographie Tadschikistans ist der Nordafghanistans sehr ähnlich. Man fährt über halsbrecherische kurvenreiche Bergstraßen durch eine beeindruckende Gebirgsszenerie, vorbei an ebenso malerischen wie ärmlichen Bergdörfern. Man kann sich dabei gut vorstellen, dass westliche Soldaten auf ähnlichen Wegen ihre afghanischen Patrouillen fahren und angesichts des Terrains gegen einen Hinterhalt hoffnungslos im Nachteil sind.

Taschkent war die letzte Station in Usbekistan und ist als Hauptstadt das urbane Zentrum des Landes. Alte Bauwerke gibt es dort kaum, dafür viele Neubauten im alten orientalischen Stil und eine der ältesten Koranhandschriften der Welt. Diese wird in einem kleinen Museum von den Gläubigen verehrt anstatt dass man sie endlich einer ordentlichen philologischen Analyse unterzöge wie das bei Bibeltexten seit dem 17. Jahrhundert üblich ist.

Von Taschkent ging es per Flugzeug weiter nach Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans. Von allen Ländern Zentralasiens ist es das politisch am wenigsten repressive. Allerdings steht es ökonomisch mit Tadschikistan auf der Stufe eines Entwicklungslandes. Kulturelle Besichtigungspunkte gibt es in Nordkirgisistan nur wenige. Nicht versäumen sollte man das Minarett von Burana, das man bequem auf dem Weg zum Issyk Kul See besichtigen kann. Dieser Hochgebirgssee ist die eigentliche Attraktion des Landes. 6000km2 groß und bis zu 700m tief ist er der zweitgrößte Hochgebirgssee der Welt. Auf beiden Seiten von den schneebedeckten Gebirgsketten des Tien-Shan eingerahmt, bieten sich für Naturfreunde lohnende Ausblicke. An manchen Stellen fühlt man sich sogar an geologische Formationen im Westen der USA erinnert. Wäre die Infrastruktur nicht so erbärmlich schlecht, könnte sich dort ein Touristenparadies entwickeln. Im Moment geben die Straßen aber zur philosophischen Überlegung Anlass, wie viele Schlaglöcher eine ‚Straße‘ haben darf, bevor man ihr diesen Status absprechen muss. In dieser Gegend spielen die Geschichten des Tschingis Aitmatow, des berühmtesten Kirgisen, und wer einen literarischen Eindruck von der Region bekommen will, dem sei seine Erzählung „Dshamilja“ empfohlen.

Kasachstan war die letzte Station der Reise. Dort besichtigte ich eines der wohl entlegensten UNESCO Weltkulturerbe-Denkmäler, nämlich die bronzezeitlichen Felszeichnungen in der Tamgaly-Schlucht. Gelegen im Niemandsland der kasachischen Steppe geben sie einen guten Eindruck von der schamanischen Kultur der damaligen Bewohner. Touristen verlaufen sich dorthin nur selten, es war überhaupt eine weitestgehend „touristenfreie“ Reise, die eigenen Reisegefährten natürlich ausgenommen.

Die Hauptstadt Almaty zeigt deutlich, dass Kasachstan das reichste Land Zentralasiens ist. Glaubt man den offiziellen Statistiken, kann man es bereits mit den ärmeren Ländern Europas vergleichen. So ist das BNP nicht mehr sehr weit von dem Polens entfernt. Almaty ist mit seinen martialischen Kriegerdenkmälern und seiner großen orthodoxen Holzkirche sehr russisch geprägt. Den Orient hatte man mit dem Grenzübertritt bereits weitgehend verlassen und damit ist Almaty eine passende Zwischenstation für die Rückreise nach Westeuropa.

300 Fotos von der Reise, fotografiert von Hermann Gabriel

Publiziert als “Kulturbrief” in “Literatur und Kritik” Nr. 397/398

Bernhard / Unseld: Der Briefwechsel

Briefwechsel sind für Leser wie Literaturwissenschaftler eine willkommene Quelle, um einen Autor besser kennenzulernen. Für Biographen sind sie neben Zeitzeugenberichten eine unverzichtbare Fundgrube. Der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld wird also auf großes Interesse stoßen. Wer sich Enthüllungen größeren Umfanges erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich lernt man neue Seiten des Thomas Bernhard kennen, aber man darf bei der Lektüre nie aus dem Auge verlieren: Beide Briefeschreiber waren sich bewusst, dass ihre Korrespondenz einmal eine breitere Leserschaft finden wird. Unseld schrieb schon 1968 an seinen Autor: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Man liest also keine private (Geschäfts-)Korrespondenz, sondern darf sich getrost zur Nachwelt zählen, für die diese Briefe auch geschrieben wurden.

Der knapp 900 Seiten umfassende Band enthält 524 Briefe. Den Auftakt macht Thomas Bernhard am 22. Oktober 1961, als er einem bisher nicht veröffentlichten Prosamanuskript einen Brief an Siegfried Unseld persönlich nachschickt. „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Der letzte Brief vom 25. November 1988 ist bitter: „[…] wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, „nicht mehr können“, dann streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Bernhard und Unseld in Wirklichkeit war, ist in diesem Band glänzend dokumentiert.

Der Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf Geschäftlichem. Leitmotivisch ziehen sich Bernhards Forderungen nach Krediten und Honoraren durch viele Briefe. Er war mit seinen Ansprüchen nicht zimperlich, und man muss es Siegfried Unseld hoch anrechnen, dass er keine Mühen scheute, Bernhard für den Suhrkamp Verlag zu halten. Der Verleger sah von Anfang an, dass Bernhard das Potenzial hatte, einer der wichtigsten und unverwechselbarsten Gegenwartsautoren zu werden.
Ein weiteres Dauerkonfliktthema, das auch den Streit kurz vor Bernhards Tod ausgelöst hatte, war die Veröffentlichung der autobiographischen Schriften im Residenz Verlag. Bernhard verstieß damit mehrmals gegen explizite Abmachungen mit dem Suhrkamp Verlag und setzte diese Seitensprünge gezielt als Druckmittel ein. Er hielt auch immer wieder Manuskripte so lange zurück, bis finanzielle Forderungen zu seiner Zufriedenheit beglichen wurden. In den späten siebziger und achtziger Jahren entspannte sich Bernhards ökonomische Lage speziell durch den Erfolg seiner Theaterstücke.

Unseld spielte den rationalen Part in der Beziehung. Wie vielschichtig die Verhältnisse zwischen Autor und Verleger sein konnten, wusste Unseld nicht nur aus eigener Erfahrung. Er hatte sich auch literaturgeschichtlich mit diesem Thema beschäftigt und legte 1991 die Monographie „Goethe und seine Verleger“ vor. Unseld erkannte schnell, dass er Bernhard als den Ausnahmeautor behandeln musste, als der sich Bernhard selbst sah. Ohne regelmäßige finanzielle Zugeständnisse wäre die Beziehung zum Suhrkamp Verlag nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das Konfliktritual lief immer ähnlich ab: Bernhard stellt rhetorisch brillant eine ultimative Forderung finanzieller oder verlegerischer Natur. Unseld versucht brieflich oder telefonisch zu kalmieren. Es kommt zu einem persönlichen Treffen, und sei es am Frankfurter Flughafen, wo Bernhard auf einen Weiterflug wartet. Unseld übergibt den verlangten Geldbetrag, oft große Summen, in bar. Bernhard revanchiert sich mit einem Manuskript. Unseld hält nach dem Treffen brieflich die oft komplizierten finanziellen Vereinbarungen noch einmal fest. Für einige Zeit hält die neue Harmonie an, bis der nächste Streit vom Zaun bricht.

Es wäre aber ein Fehler, Bernhards finanzielle Hartnäckigkeit auf den schnöden Mammon zu reduzieren. Richtig ist zwar, dass der Autor Kostspieliges wie Immobilien, Autos und Reisen schätzte. Das Hauptmotiv für seine Geldforderungen dürfte aber der Wunsch nach dauerhafter Absicherung seiner schriftstellerischen Autonomie gewesen sein. Wie existenziell wichtig ihm seine Arbeit war, ist an vielen Stellen evident.

Die Edition der Briefe ist vorbildlich. Die Anmerkungen sind direkt unter dem jeweiligen Brief abgedruckt, was mühsames Blättern überflüssig macht. Ergänzt werden sie durch umfangreiche Berichte des Siegfried Unseld. Er führte Aufzeichnungen über seine Zusammenkünfte mit Autoren und schrieb Reiseberichte. Diese Einschübe informieren den Leser ausführlich über die vielen Treffen mit Bernhard sowie über die Theaterpremieren seiner Stücke und sind damit ein wichtiger Teil dieser Edition. Unseld kann in ihnen sehr direkt sein: „Es ist ja immer dasselbe: er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu einer künstlerischen Ideologie. Und diese wird jedes Mal schlimmer werden.“ (März 1975)
Die Briefe Unselds enthalten immer wieder aufschlussreiche Informationen über den Suhrkamp Verlag. So schreibt er beispielsweise am 15. Juli 1968 als Trost an Bernhard, dass sich von Becketts „Molloy“ seit 1954 nur 2.554 Stück verkauft hätten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer gute Literatur schreibt, sollte keine Bestseller-Verkäufe erwarten.

Klopft man die Briefe auf literarisch-ästhetische Einblicke ab, wird man kaum fündig. Bernhard schreibt so gut wie nie über das Spezifische seiner Kunst. Er setzt sein literarisches Genie voraus und formuliert das mit der arroganten Selbstsicherheit einer seiner fiktiven Geistesmenschen. Auf andere Autoren des Suhrkamp Verlags wie Peter Handke oder Martin Walser reagiert er eifersüchtig. So schreibt er über Walsers „Brandung“:
„Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!“ (26.11. 1985)
Für „Alte Meister“ dagegen hätte der Verlag kaum etwas getan. Der Vorwurf an Unseld, der Verlag vernachlässige seine Bücher in unerhörter Weise, wiederholt sich regelmäßig. Unseld reagiert dann mit langen Aufzählungen, was man konkret für einzelne Titel unternommen hätte.

Wenn der Briefwechsel aber eines veranschaulicht, ist es Bernhards Perfektionsanspruch bezüglich seiner Werke. Bei Schlampereien in der Produktion wird er fuchsteufelswild. Er besteht auf seine eigenwillige Interpunktion, die alleine der Musikalität seines Stils untergeordnet ist und die Regeln des Duden oft ignoriert. Er mischt sich oft gegen den beschwörenden Rat seines Verlegers in die Publikationstermine seiner Bücher ein. So sollten etwa auf keinen Fall zu viele Bücher in kurzem Abstand erscheinen. Er besteht gegen das wiederholte Flehen seines Verlegers auf den Romantitel „Verstörung“. Unseld prophezeit deshalb schlechte Verkäufe, behält Recht, und muss sich dann von Bernhard böse Worte über die schlechten Absatzzahlen anhören.
Derartigen verlagslogistischen Angelegenheiten sind neben den finanziellen Dingen ein großer Teil der Korrespondenz gewidmet. Später ergänzt durch Diskussionen, inwiefern manche seiner boshaftesten Stellen juristische Konsequenzen haben könnten. Breiten Raum nimmt ebenfalls die Theaterpraxis ein. Bernhard pochte auf sein Mitspracherecht, welche Häuser die Rechte für seine Stücke bekommen sollten.

Nun sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, der Band sei langweilige Geschäftskorrespondenz. Er ist ein Lesevergnügen ersten Ranges! Bernhards Briefe passen stilistisch zu seiner Literatur: Es sind kleine Sprachkunstwerke angereichert mit Tiraden, Boshaftigkeiten und komischen Apercus. Die Entwicklung der konfliktreichen Freundschaft zwischen Autor und Verleger trägt ebenfalls zu einer spannenden Lektüre bei.

Dieser Briefwechsel ist sicher die wichtigste Publikation zu Thomas Bernhard seit längerer Zeit. Es gab aber noch weitere aufschlussreiche Veröffentlichungen. „Meine Preise“ wurde aus dem Nachlass herausgegeben und enthält Bernhards Berichte und Reflexionen über das deutschsprachige Literaturpreistheater. Wie sehr er diese Anlässe gehasst hat, ist ebenso bekannt wie die Skandale, die einige von ihnen auslösten. Die 1980 von Bernhard fertiggestellten Texte gehören nicht zum Besten, was er geschrieben hat. Ihnen fehlt immer wieder die Schärfe und Brillanz, die man als Bernhard-Leser erwartet. Man kann seine Entscheidung nachvollziehen, sie nicht zu veröffentlichen. Ein großer Pluspunkt ist die schonungslose Selbstanalyse des Autors: „Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck (…) Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“ (S. 100f.).

Eine exzellente Ergänzung zum Briefwechsel ist die opulente Bildbiographie des Residenz Verlags. Die Fotografin Erika Schmied und der Kunsthistoriker Wieland Schmied stellten den Band zusammen. Beide waren mehr als 20 Jahre mit Thomas Bernhard befreundet. Die Fotos und Texte widmen sich den Schauplätzen der Kindheit und Jugend, seinem Leben in Oberösterreich sowie den Orten in Bernhards Prosa. Die Bilder zeigen oft einen „anderen“ Bernhard, wenn er sich beispielsweise lachend auf dem Kirtag in Laakirchen Schuhe kauft.

Erwähnenswert ist schließlich der Katalog zur Ausstellung im Wiener Theatermuseum „Thomas Bernhard und das Theater“. Herausgegeben von Manfred Mittermayer und Martin Huber, zwei ausgewiesenen Bernhard-Kennern, dokumentiert der Band das Theaterschaffen des Autors. Nach zwei einleitenden Beiträgen der Herausgeber über Bernhards Verhältnis zu Salzburg (und den Festspielen) sowie zum Burgtheater folgen eine Reihe informativer Artikel über diverse Teilaspekte seiner Stücke. Es kommen auch Theaterpraktiker ausführlich zu Wort, von Claus Peymann über Bernhard Minetti zu Gerhard Voss. Eine ausführliche, kommentierte Chronologie aller Stück schließt den Band ab.

Thomas Bernhard / Siegfried Unseld: Briefwechsel (Suhrkamp)

Thomas Bernhard: Meine Preise (Suhrkamp)

Erika Schmied; Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten. Salzburg: Residenz Verlag

Manfred Mittermayer / Martin Huber (Hrsg.): Thomas Bernhard und das Theater (Christian Brandstätter Verlag)

Publiziert in Literatur und Kritik (September 2010)

Martin Amanshauser

Die ersten beiden Romane Martin Amanshausers [1998]

Zwei Bücher innerhalb eines Jahres vorzulegen ist für einen jungen Autor eine beachtliche Leistung, vor allem wenn es sich um die ersten beiden Titel, also den eigentlichen Beginn einer literarischen Laufbahn handelt. Der Erstling Martin Amanshausers, Im Magen der Hyäne, ist auch kein normales Debut, sondern ein origineller “Wiener Stadtkrimi”, makaber und grotesk in bester Wiener Tradition. Ratlos hingegen läßt einen sein zweiter – besser wohl: erster – Roman Erdnußbutter zurück.

In seinem ersten Buch nimmt Amanshauser den Leser und die Leserin fürsorglich bei der Hand und führt sie in die dunklen Abgründe der Stadt, dorthin wo Eingeweide in Plastiksackerln transportiert werden, und das skrupellose Billasyndikat vergammelte Embryonen in Fleischkrapferl verarbeitet. In eine Welt, in der ein intelligentes Ozonöferl und die Rasenmäher Christi, eine katholische Sekte, ihr Unwesen treiben und Semmelschmierapparate gesucht werden.

Doch langsam und der Reihe nach. Auslöser der mörderischen Geschichte ist ein in der U-Bahn – absichtlich? – liegengelassenes Krimiheft mit dem ominösen Titel “Der Panegyriker – Ein blutiger Krimi aus Wien in 23 Bezirken”. Darin findet der Ich-Erzähler Martin A. einen Zettel mit der Aufforderung, die 23 Kapitel einzeln im Abstand von einer Woche zu lesen und sich an die jeweiligen Schauplätze des Krimis zu begeben. Damit ist man auch schon mit der Struktur von Amanshausers Roman vertraut, denn natürlich gliedert er sich ebenfalls in 23 Abschnitte, die den Wiener Bezirken entsprechen. Unser Held bricht also auf, um den Panegyriker zu suchen, einen Wiener Miniatur-Mabuse, dessen blutige Spuren sich durch Wien ziehen. Von Bezirk zu Bezirk folgt Martin A. nun diesem Dämon und gerät von einem makaberen Abenteuer ins nächste, nicht ohne den Lesenden en passant ausführlich mit seiner Einstellung zum Leben im allgemeinen und zu Schinkensemmerln im besonderen bekannt zu machen.

Amanshauser schwelgt in düster-grotesken Bildern, etwa wenn sein Romanheld das Kellerabteil seiner Wohnung betritt: “Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit … da liegen Rattenkadaver in allen Größen, in deren Eingeweiden silbrig glänzende Fledermäuse hocken, die mit schmatzenden Schnabelgeräuschen brettljausnen. Wenn Hieronymus Bosch eine Ratte gewesen wäre, er hätte hier gute Motive gefunden.” Auch Amanshauser findet viele originelle Motive, und treibt seinen Roman von einem spektakulären Höhepunkt zum nächsten, indem er virtuos mit Kolportageelementen spielt. Aber er beläßt es nicht dabei, sondern veranstaltet einen wahren Wirbel mit trivialen Versatzstücken, ohne selbst jedoch ins Triviale abzugleiten. Denn durch den ironischen Grundton und den überbordenden schwarzen Humor werden diese Elemente ausreichend stark verfremdet. Nimmt man noch die Passagen hinzu, die unmerklich ins Surreale und Phantastische hinübergleiten, hat man die wichtigsten Erzählstrategien erfaßt. Fast wäre ich versucht, dem Roman das Etikett “postmodern” anzuhängen, wenn dieses Modewörtchen nicht durch inflationären Gebrauch schon beinahe bedeutungslos geworden wäre. Passend illustriert ist der Band von Dr. Schaupe, ein Pseudonym, hinter dem sich laut Klappentext ein Wiener Grafiker verbirgt.

Amanshauser hat also einen handwerklich sehr soliden Krimi vorgelegt, der wegen seines abgründigen Humors keineswegs eine so düstere Stimmung hervorruft, wie das die erwähnten Motive vielleicht erwarten lassen. Das Buch liest sich im Gegenteil sehr unterhaltend und stellt auch gar nicht den Anspruch, sich mit den Werken anderer literarischer Erforscher seelischer Abgründe, wie Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek, vergleichen zu wollen.

Wendet man sich nun nach diesem durchaus originellen Wurf seinem in diesem Herbst erschienen Roman Erdnußbutter zu, ist die Enttäuschung groß. Erwarten konnte man ein einfallsreiches und schlüssiges ästhetisches Konzept, denn in Amanshausers “Wiener Stadtkrimi” funktionieren die gewählten Erzählstrategien ja ausgezeichnet. Für sein zweites Buch hat er nun jedoch zu einer Art des vorsichtigen Recyclings dieser erzählerischen Mittel gegriffen, anstatt ein neues literarisches Konzept zu suchen, das immanent ebenso schlüssig wäre, wie das für seinen Wiener Stadtkrimi.

Es handelt sich auch diesmal um eine Kriminalgeschichte. Erzählt wird sie aus der Perspektive eines “abgesandelten” Wiener Studenten, der nach ein paar Tagen Obdachlosigkeit von Belenski und dessen amerikanischen Freund “Oklahoma”, zwei zwielichtigen Typen, mietfrei in einer schäbigen WG untergebracht wird. Philanthropische Motive hinter dieser Tat zu erwarten, wäre selbstverständlich naiv, und schon bald wird der neue Mitbewohner von Lydia, deren Beziehung zum Drahtzieher Belenski ihm anfänglich unbekannt ist, zu kleineren dubiosen Aufträgen herangezogen. Sie nimmt ihn zu einer größeren Aktion mit nach Salzburg, geheime Skizzen sollen übergeben werden. Aus einer eifersüchtigen Laune heraus vertauscht er die Dokumente mit einem alten Profil-Heft und löst damit eine Kettenreaktion aus, die mehrere Morde nach sich zieht. Der zweite Handlungsstrang beginnt in Salzburg und schildert die Erlebnisse Ninettes, die dort nach ihrem geisteswissenschaftlichen Studium als Guide arbeitet, und es beruflich mit verdächtigen Asiaten zu tun bekommt, von denen sich einige gegen Ende, nachdem sich die beiden Handlungsstränge vorhersehbar vereinigt haben, als Mafiosi entpuppen.

Nachzutragen bleibt noch, daß der Roman formal am Handlungsende (Kapitel Null) beginnt, mit unserem Studenten und Ninette in einer toskanischen Villa und zwei Leichen in der Tiefkühltruhe. Die Geschichte führt dann langsam auf dieses Finale zu.

Es wäre wenig sinnvoll, eine ausführlichere Inhaltsangabe zu liefern, denn die oben skizzierte Handlung ist selbstverständlich nur der Kern, um den sich eine Reihe von mehr oder weniger abseitigen Geschichten und Figuren ranken. Letztere zeichnen sich durch eine bestechende Eindimensionalität aus, vom Alt-Hippie über Vertreter der “Schönes-Wochenende-Gesellschaft” bis hin zum Salzburger Schnürlregen wird kaum ein Klischee ausgelassen (“Der alte Hecht war ein übler Nazi, die Mutter lieb und dumm.”). Immanent hat das durchaus eine gewisse erzählerische Konsequenz, wird das Geschehen doch ausschließlich aus der Perspektive eines jungen Studenten berichtet, der sich selbst ständig über seine Gedankenarmut beklagt, die sich dann – trotz der offensichtlichen Koketterie dieses Topos – tatsächlich in den Schilderungen des Romans niederschlägt. Deshalb ist auch das Personenregister am Ende des Romans sinnlos, man wird über “Armstrong, Luis” ebensowenig etwas Bemerkenswertes aus dem Buch erfahren, wie über “Warhol, Andy”. Das ist zweifellos ironisch gemeint, kann aber trotzdem nicht überzeugen. Im direkten Zusammenhang mit der Erzählperspektive steht auch die Sprache, ein schnoddriger und flapsiger Erzählton, der für kurze Zeit originell wirkt, aber nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, einem fast 350 Seiten langen Roman ein solides sprachliches Fundament zu geben. Einmal gewählt muß dieser Ton von Amanshauser auf Gedeih und Verderb bis zum Ende durchgehalten werden, was die Charakterisierungsmöglichkeiten der übrigen Figuren stark einschränkt. Ninette beispielsweise wird ebenfalls in diesem Stil beschrieben, sogar dann, wenn ihre Gedanken und Gefühle aus der Innenperspektive geschildert werden. Sie “denkt” also trotz des völlig verschiedenen Bildungshintergrundes im selben Ton wie der Ich-Erzähler. Das wirkt auf den Leser einerseits unglaubwürdig, und ist andererseits eine Hauptursache der erwähnten eindimensionalen Charakterzeichnung. Diese setzt sich manchmal aber auch ins Inhaltliche fort. Daß eine studierte Fremdenführerin im Jahr 1998 schwarze Fahnen am Großen Festspielhaus mit dem Tode Karajans in Verbindung bringt, ist nur ein unstimmiges Detail, deren Summe dem Roman aber merklich schadet. Ihm wäre überhaupt ein aufmerksameres Lektorat zu wünschen gewesen: Daß etwa ein Kommentar über das Aufschreiben der Geschichte (Erzählzeit) versehentlich in die Zeitebene der Geschichte (erzählte Zeit) rutscht (S. 164) wäre ein leicht zu korrigierender Flüchtigkeitsfehler gewesen.

Bei der Lektüre hat man den Eindruck, daß sich Amanshauser – ganz anders als bei seinem Erstling – nicht entscheiden konnte, welches Buch er eigentlich schreiben wollte. Einen unterhaltsamen Krimi oder doch eher eine Krimiparodie? Während viele Motive auf parodistische Intentionen hindeuten, sprechen nicht nur gesellschaftskritische Exkurse wieder dagegen. Einen kritischen Gegenwartsroman, verpackt in eine originelle Geschichte? Dafür sprächen die zahlreichen politischen Anspielungen (sogar die Affäre Rosenstingl findet noch Erwähnung) und die Schilderung ausgewählter kultureller Milieus. In diesem Fall müßte sich Amanshauser aber an den Werken seiner Kollegen messen lassen, etwa dem mit großem Kunstverstand geschriebenen Debütroman Wie man‘s nimmt von Norbert Niemann, der in ganz anderen literarischen Regionen angesiedelt ist. Aber ein derartiger Vergleich soll ihm an dieser Stelle erspart bleiben.

Martin Amanshauser: Im Magen einer kranken Hyäne. Wiener Stadtkrimi. Wien/München: Deuticke Verlag 1997. 152 Seiten, broschiert. öS 198.-

Martin Amanshauser: Erdnußbutter. Roman. Wien/München: Deuticke Verlag 1998. 352 Seiten. öS 248.-

[Literatur und Kritik Nr. 329/330, November 1998; © Christian Köllerer]

Engagement für ein großes Werk

Der Briefwechsel Martha Musils [1999]

Robert Musils Beziehung zu seinen Verlegern war Zeit seines Lebens eine problematische. Die Publikation seiner Bücher erforderte eine Reihe verlegerischer Tugenden, die damals wie heute Seltenheitswert besitzen, vor allem die Bereitschaft, ökonomische Risiken einzugehen, und den Willen, anspruchsvollen Werken zum Durchbruch zu verhelfen. Musil machte es seinen Verlegern aber auch alles andere als einfach. Die Publikationsgeschichte seines Hauptwerks zeigt das sehr deutlich. Ohne das große Stilbewußtsein und den kompromißlosen künstlerischen Gestaltungswillen des Autors, hätte der Mann ohne Eigenschaften (MoE) nie entstehen können. Doch diese langsame, ästhetisch sorgfältige Arbeitsweise hatte, wenig überraschend, eine ökonomische Kehrseite: Jahr um Jahr mußte Musil seinen Verleger Ernst Rowohlt vertrösten, und die Spannungen zwischen beiden nahmen ständig zu. 1930/31 konnte endlich der erste Band des Romans (Erstes Buch, Kapitel 1-123) erscheinen, zwei Jahre später dann ein Teil des zweiten Buches (Kapitel 1-38). Obwohl von Kennern enthusiastisch begrüßt, gelang Musil damit nicht der ersehnte literarische Durchbruch, was natürlich auch mit der Machtübernahme der Nazis zusammenhing. Bis zum Tag seines Todes, dem 15. April 1942 in Genf, arbeitete Musil weiter an seinem opus magnum und hinterließ eines der vollendetsten Fragmente der Weltliteratur. In den vierziger Jahren war Musil jedoch fast vergessen, seine Wiederentdeckung setzte erst ein Jahrzehnt später mit der umstrittenen Neuausgabe seiner Werke durch Adolf Frisé ein.

Zwei von Marie-Louise Roth herausgegebene Briefwechsel Martha Musils erlauben nun erstmals, sich ein genaueres Bild über die Schwierigkeiten zu verschaffen, die in den vierziger Jahren mit der angestrebten Neuauflage der Werke Musils verbunden waren. Denn nach dem Tod Ihres Gatten setzte Martha Musil alle Hebel in Bewegung, um einen passenden Verlag dafür zu interessieren. Das Buch umfaßt die ausführlich kommentierten Briefwechsel mit dem heute weitgehend vergessenen Schweizer Essayisten und Publizisten Armin Kesser (1906 – 1965), der den größten Teil des Bandes füllt, sowie die Korrespondenz mit Philippe Jaccottet (*1925), dem französischen Übersetzer Musils. Damit liegt freilich nur ein kleiner Teil ihrer Korrespondenz vor, denn sie erwähnt im März 1949 sechs Damen und zweiundzwanzig Herren, mit denen sie in brieflichem Kontakt stünde (S. 275).

Der schriftliche Austausch mit Kesser umspannt den Zeitraum vom Herbst 1942 bis kurz vor ihren Tod am 24. August 1949. Die Beziehung zwischen beiden ist komplex und sie richtig zu rekonstruieren ist nicht einfach, weil für die ersten Jahren nur sehr wenig Briefe Kessers überliefert sind, so daß sich zwangsläufig ein einseitiges Bild ergibt. Martha Musil sah in Kesser einen Geistesverwandten ihres Mannes, weshalb sie großen Wert auf dessen Mitarbeit bei der Neuordnung des Nachlasses und der Konzeption des dritten Bandes des MoE legte. Während Martha Musil häufig und ausführlich an Kesser schrieb, hielt sich dieser auf Distanz, anders sind ihre vielen Klagen über fehlende Antworten und unbeantwortete Fragen nicht zu erklären. Andererseits sind die abgedruckten Briefe Kessers oft durchaus mitfühlend, und es zeugen auch Geschenke und zahlreiche Telefonate für sein Interesse an der Briefpartnerin. Mit der Zeit entwickelte sich jedenfalls ein höheres Maß an Vertrautheit, und Martha Musil brachte ein erstaunliches Verständnis für den schwierigen Charakter Kessers auf. Der Kontakt mit ihm kam bereits zu Lebzeiten ihres Mannes zustande. Es sind auch einige – allerdings unbedeutende – Briefe Robert Musils an Kesser überliefert, und Martha charakterisiert ihn bereits in einem Brief vom 30.1. 1940 an ihre aus ihrer zweiten Ehe mit Enrico Marcovaldi hervorgegangenen Tochter Annina als “einen sehr netten, ernsten jungen Schriftsteller”.

Im Jahr 1943 gelingt es Martha Musil schließlich auf Subskriptionsbasis einen Band mit Nachlaßkapiteln des MoE bei der Imprimerie Centrale in Lausanne herauszubringen, etwas irreführend als “Dritter Band” deklariert. Nachdem ihre weiteren Bemühungen keinen Erfolg zeitigten, verläßt sie im August 1946 Europa und fliegt von Paris aus zu Ihrer Tochter Annina Rosenthal in die USA. Sie wohnt dort bei ihrer Familie in Philadelphia, unterbrochen durch Aufenthalte in New York. Obwohl sie vielversprechende Kontakte knüpfen kann, beispielsweise zu Alfred Knopf, gelingt es ihr nicht, einen amerikanischen Verlag für die Übersetzung und Publikation der Werke Musils zu gewinnen. Diese Mißerfolge führen, zusammen mit familiären Spannungen, im Juli 1947 zu ihrer Rückkehr nach Europa. Die letzten zwei Jahre Ihres Lebens wird sie bei Ihrem Sohn Gaetano Marcovaldi in Rom wohnen.

Obwohl das Buch- und Verlagsgeschäft in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein schwieriges Unterfangen war, ist das Verhalten einiger Verleger gegenüber Martha Musil kein Ruhmesblatt für die Branche. Zwar gab es Angebote kleinerer Häuser, das Werk Musils neu herauszubringen, doch Martha Musil lehnte diese Angebote ab bzw. zögerte definitive Antworten hinaus. Das ist insofern sehr beachtlich, als sie diese Einkünfte dringend notwendig gehabt hätte, sie aber trotz dieser ökonomischen Zwänge keinerlei Kompromisse einging. Als geeignete Verleger erschienen ihr Eugen Classen und Henry Govert, die zusammenarbeiteten und von denen sie vage Zusagen hatte. Anstatt diese aber einzulösen, begann ein unwürdiges Taktieren: Briefe wurde nicht oder sehr spät beantwortet, fadenscheinige Ausreden wurden vorgebracht, auf halbe Zusagen folgten wieder halbe Absagen usw. Das Blatt wendete sich erst im Februar 1949, als Ernst Rowohlt Martha Musil kontaktierte. Doch Ihre Sorgen waren damit noch nicht ausgestanden, denn ein geplantes Treffen kam nicht zustande, und Martha Musil starb am 24. August 1949, bevor eine verlegerische Lösung erreicht worden war, die ihre hohen Ansprüche befriedigt hätte.

Es wäre ungerecht, die Briefwechsel auf das publikationsgeschichtlich Verwertbare zu reduzieren, auch wenn dieser As-pekt für die Musil-Forschung besonders aufschlußreich ist. Denn die Briefe haben selbstverständlich auch einen Eigenwert, indem sie dem Leser eine facettenreiche Persönlichkeit vor Augen führen. Martha Musil war eine psychologisch einfühlsame Korrespondentin, intellektuell in ihren Urteilen unabhängig und stand deshalb dem Werk ihres Mannes durchaus nicht unkritisch gegenüber. Ihre Schilderung des öden Philadelphia, denen dann die positiven Eindrücke aus New York folgen, zeugen ebenso von ihrem Talent Briefe zu schreiben, wie ihre kleinen Exkurse zur bildenden Kunst.

Leider kann ich diese Rezension nicht abschließen, ohne auf die Ärgernisse der aktuellen Editionslage hinzuweisen, die ein ausgesprochen trauriges Bild darbietet. Denn der Rowohlt Verlag ist offenbar nicht in der Lage, die Werke eines seiner wichtigsten Schriftsteller vollständig lieferbar zu halten. Zwar liegt das belletristische Oeuvre mehr oder weniger komplett vor; die gewichtigen Essays, Reden und Kritiken jedoch sucht man derzeit in der Buchhandlung vergebens. Angesichts der Bedeutung des Autors wäre auch die Herausgabe einer preislich leserfreundlichen Gesamtausgabe dringend notwendig. Diese sollte selbstverständlich auch die Tagebücher (derzeit DM 160.-) und Briefe (DM 440.-) umfassen, damit man auch sie endlich einem breiteren Lesepublikum zugänglich machte.

Martha Musil: Briefwechsel mit Armin Kesser und Philippe Jaccottet. Herausgegeben von Marie-Louise Roth in Zusammenarbeit mit Annette Daigger und Martine von Walter. 2 Bände. 637 Seiten. Bern: Peter Lang 1997 (Musiliana, Band 3).

[Literatur und Kritik Nr. 333/334, Mai 1999. © Christian Köllerer]

Chinesischer Frühling? [2007]

Ein Reisebericht

Man mag sich noch so ausführlich auf ein fremdes Land vorbereiten, viele Bücher und ungezählte Artikel lesen, sich mit Experten und “Experten” im Vorfeld austauschen, Dokumentationen ansehen und Recherchen betreiben: Man gewinnt medial selbst bei beachtlichem Aufwand kein Bild, das den Eindrücken vor Ort stand halten könnte. Meine knapp dreiwöchige Reise begann Anfang April in Peking, führte von dort in die Provinz Shanxi (Hauptstadt: Taiyuan) und endete nach den Stationen Xian und Guilin in Shanghai. Eine meiner vielen Erwartungen war, dass das totalitäre System in China direkt im Alltag der Menschen beobachtbar sein müsste. Weit gefehlt! Die Menschen nehmen auch bei politischen Fragen kein Blatt vor den Mund. Selbst bei klassischen Tabuthemen kommt anscheinend kaum jemand auf die Idee, seine Stimme zu senken, oder sich vorher umzusehen, wer gerade zuhört. So warf kurz nach meiner Ankunft in Peking bereits der lokale Guide am Tian’anmen-Platz meine Vorurteile über den Haufen, indem er offen von den Studentenprotesten und Falun Gong sprach. Ich bemerkte auch nur wenig Polizei und Militär auf der Straße. Sieht man allerdings wie fluchtartig ein kleiner Bettlerjunge, der sein Skateboard als Rollstuhl gebrauchte, verschwand, als ihm ein Polizist nur einen Blick zuwarf, wird der Respekt vor den “Ordnungskräften” am Detail offenbar. Auch die Sicherheitskontrollen bei der Ein- und Ausreise waren kaum zu bemerken, kein Vergleich zu den Schikanen wie ich sie in Israel oder den USA beobachten konnte. Vor dem Hintergrund der gut dokumentierten Verfolgung von Dissidenten diverser Couleur, spricht dies für eine sehr differenzierte Vorgehensweise der Sicherheitskräfte. Man schlägt zu, sobald es für die Machthaber gefährlich werden könnte, belästigt die Bevölkerung aber nicht mit einem enormen Spitzelapparat. Zusätzlich hatte ich bei meinen Gesprächen nicht den Eindruck, dass politische Rechte bei den Menschen eine große Rolle spielen. An erster Stelle stehen nach wie vor ein menschenwürdiger Lebensstandard und eine gesicherte Zukunft für die Kinder.

Die in den westlichen Industrieländern so gefürchteten Niedriglöhne manifestieren sich dem Reisenden in Form einer Fülle von dienstleistenden Menschen. In jedem Hotel, in jedem Restaurant, in jedem Bus und jedem Zug, am Bahnhof und am Flughafen, gibt es unzählige Angestellte. Im Pekinger Capital Hotel, in dem sich die Aufzüge in Oxford-Englisch bei den Gästen nach jeder Fahrt bedanken, scheinen Menschen nur dazu angestellt zu sein, um den werten Reisenden etwa mit einem nachdrücklichen “Sir, please watch your step” vor den Gefahren einer tückischen Stufe zu warnen. Am zweiten Abend klopfte es an die Tür meines Hotelzimmers. Drei verlegene junge Männer standen vor mir und redeten gestikulierend auf mich ein. Nach einiger Zeit verstand ich deren Aufgabe: Sie ziehen jeden Abend zu Dritt von Zimmer zu Zimmer, um nichts anderes zu tun als die Vorhänge zu schließen und die Betten aufzudecken. Am Flughafen geht die Bordkarte statt durch eine durch mindestens drei Hände, nicht ohne jedes Mal abgestempelt oder abgerissen zu werden. In guten Restaurants stehen nicht nur junge Männer auf den Toiletten, um den Gästen Seife und Handtücher zu reichen, man findet auch bis zu vier junge Damen am Ausgang des Lokals, von denen nichts anderes verlangt wird, als die Gäste freundlich zu verabschieden. Kurz, man sieht die Verlängerung der Billiglöhne in den Fabriken auch auf Schritt und Tritt im Dienstleistungssektor. Durch die westliche Brille betrachtet, ist das extrem ineffizient, reduziert aber sicher effektiv die Arbeitslosigkeit (zu Hungerlöhnen, versteht sich).

Die Perspektive des Mitteleuropäers kommt noch stärker zur Geltung, wenn es um die Kunstrezeption geht. Als ich vor dem knallbunten Himmelstempel samt Nebengebäuden in Peking stehe, kommt mir unweigerlich Disneyland in den Sinn. Das ist natürlich eine völlig inakzeptable Assoziation, sie stellt sich aber mit Hartnäckigkeit immer wieder ein. Auslöser dieses Eindrucks ist wohl unsere Gewohnheit, europäische antike Monumente meist in elegantem Weiß zu sehen. Es entbehrt selbstverständlich nicht der Ironie, dass auch sie im Original ähnlich knallbunt waren wie es die chinesische Architektur noch heute ist.

Vor dem Hintergrund der in Europa zum Teil wütend geführten Debatten um die korrekte Restaurierung von Kunstwerken, man erinnere sich nur an die “Renovierung” der Sixtinischen Kapelle, verwundert es sehr, wenn man in China offenbar einfach fröhlich darauf los malt, sobald die Farben schwächer werden. Der Wert der Authentizität, der für uns zumindest bei der vormodernen Kunst einen so hohen Stellenwert einnimmt, spielt in Ostasien nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ein Professor für klassische Malerei in Guilin erläuterte zwei Wochen später dazu passend, dass es bei der Ausbildung zum Maler, die sieben Jahre und länger dauert, das höchste Ziel sei, perfekte Kopien von Meisterwerken herzustellen. Diese nähmen in der Wertschätzung dann durchaus denselben Rang ein, wie die “Originale” selbst. Erst wenn man diese Kopiertechnik beherrscht, kann man sich dann durch subtile Feinheiten, etwa im Pinselstrich, einen Personalstil zulegen. Das ist nicht nur konträr zum abendländischen Konzept des Fortschritts und der Innovation in den Künsten, es dürfte auch die eine oder andere philosophische Theorie der Ästhetik in Verlegenheit bringen.

Unsere Reiseroute führte automatisch zu einem Buddhismus-Schwerpunkt. Besser spräche man wohl allgemein von “Religion”, da die in China gelebte Praxis des Mahayana-Buddhismus im Alltag mit unzähligen traditionellen Elementen kombiniert wird, vom Daoismus bis zum Ahnenkult. Mit der klassischen Lehre des Gautama hat dies naturgemäß nichts mehr zu tun. Eine der grundlegenden Ideen des Buddhismus ist bekanntlich, sich die Erlösung durch die Zähmung des Begehrens zu erarbeiten. In der chinesischen Tempelpraxis dagegen werden an die höheren Mächte begehrlich zahlreiche Wünsche herangetragen: Wie in allen anderen Religionen auch belästigt man die Vertreter der Transzendenz mit Wünschen nach Gesundheit, Kindern und einem langen Leben. Sind diese Grundbedürfnisse adäquat adressiert, darf es aber auch gerne eine Wohnung oder ein neues Auto sein, dessen beschleunigte Manifestation man sich durch ein gezieltes Opfer erhofft. An dieser Stelle sei kurz eingeflochten, dass ein junger, gut ausgebildeter Pekinger auf die Frage, was die größten Wünsche seiner Generation seien, folgende Einschätzung abgab: Erst eine Eigentumswohnung für die eigene Familie, danach einen Wagen (Mittelklasse sollte es schon sein) und schließlich eine Reise nach Europa.

Ungezählte Tempel betrat ich in den drei Wochen. Die höchste Konzentration dieser Anlagen findet sich auf 2000 Meter Höhe in einem malerischen Bergtal am Wutaishan, einem buddhistischen Lourdes (Provinz Shanxi). Je nach Zählung findet man dort um die 40 Klöster, in denen sich noch kaum Europäer, dafür aber sehr viele asiatische Pilger tummeln. Herausgreifen möchte ich nur eines davon, das Nanshan Si (Kloster am Südberg). Wenig besucht liegt es idyllisch am Ende des Tales und eignet sich hervorragend, um den ungeheuren Eklektizismus der Religionsausübung zu illustrieren: Es finden sich Hallen nicht nur zu den üblichen Verdächtigen, nämlich vielen Bodhisattvas, die religionssoziologisch für die Chinesen eine ähnliche Rolle spielen, wie die Heiligen für die Katholiken. Zusätzlich existieren dort daoistische Hallen und – mein Lieblingsfundstück – eine Wandmalerei mit einer furiosen Höllendarstellung, die selbst Dante Freude gemacht hätte, aber im buddhistischen Kontext eigentlich nichts verloren hat. Vieles davon ist leider nicht frei zugänglich, aber dank sinologischer Begleitung brachten wir einen Mönch dazu, uns auch die für Touristen eigentlich geschlossenen Teile des Klosters zu zeigen (darunter die “Hölle”).

Mich im Gewirr der Bodhisattvas ikonographisch zu Recht zu finden, gab ich schnell auf. So war es ein Trost, eine junge Chinesin zu beobachten, die unbedingt zu einem bestimmten dieser hilfreichen Geister beten wollte, und etwas ratlos vor den verschiedenen Figuren stand. Sie musste sich erst beim diensthabenden Mönch erkundigen, wen sie eigentlich anbeten sollte. Eine erfrischend pragmatische Vorgehensweise. Diese Lebensnähe kann man auch einer religiösen Zeremonie nicht absprechen, an der ich am anderen Ende des Tals als Besucher teilnahm. Mehrere Familien hatten Mönche mit einem “Ahnen-Gottesdienst” beauftragt. Die Mönche saßen in einem offenen Viereck und lasen ihre Mantras. Die Gläubigen gingen, jeder mit einem Stapel Geldscheine in der Hand, langsam von Mönch zu Mönch und legten einen dieser Scheine vor einem Mönch nieder. Danach beugte man sich vor und empfing den Segen mit Hilfe der Schriftrolle aus der vorgelesen wurde. Nach kurzer Zeit stapelten sich vor den meisten Mönchen hübsche Stapel mit Banknoten. Als ich meiner Verblüffung ob dieser vergleichsweise schamlosen Umwandlung von Geld in Segen Ausdruck verlieh, wurde mir bedeutet, dass es sich dabei quasi nur um Trinkgelder handele und schon die Veranstaltung an sich ein großes Preisschild trüge.

Auf dem Weg zum Wutaishan sollte man auf keinen Fall die Yunggang Grotten bei Datong versäumen. Nach dem barbarischen Bildersturm der Taliban in Afghanistan, findet man dort die besterhaltenen buddhistischen Grotten aus dem 5. Jahrhundert. In vielen Höhlen finden sich zehntausende an Buddhafiguren, von zwei Zentimetern bis 17 Meter Höhe. Die Ausschmückung der Höhlen ist mit großer Meisterschaft ins Werk gesetzt worden und man stößt sogar auf europäische Einflüsse in der Bildsprache.

Eine vorzügliche Gelegenheit sich mit dem Islam in China zu beschäftigen, gab es in Xian, dem Zentrum des moslemischen Glaubens im Reich der Mitte. Die meisten Moslems sind Sunniten und Angehörige der Hui Nationalität und fallen im Straßenbild nur durch eine weiße Kappe auf. Ein Angestellter der Moschee, Herr Wai, erklärte sich bereit, uns einiges über den Alltag der Hui in China zu erzählen. Es klang relativ glaubwürdig, dass Chinas Regierung die Minderheiten löblich fördere. Diese Einschätzung bekam ich auch in Südchina zu hören und eine dieser Fördermaßnahmen bestehe darin, dass Minderheiten im Gegensatz zu Han Chinesen oft mehrere Kinder haben dürfen. Eine religiöse “Zusatzausbildung” des Hui-Nachwuches sei kein Problem, so lange alle Kinder die staatlichen Schulen besuchen. Es gäbe auch ein staatliches Ausbildungsprogramm für Imame. Die Moschee selbst sieht von ihrer Architektur her aus wie ein chinesischer Tempel und wirkt deshalb wie ein religiöses Kuriosum.

Will man etwas über den Alltag der Chinesen erfahren, reicht es keinesfalls die klassische touristische Route (Peking, Xian, Guilin, Shanghai) zu bereisen. Deshalb entschieden wir uns für eine vielstündige Fahrt in die nordöstliche Gegend von Peking, sowie für einen knapp einwöchigen Besuch der Provinz Shanxi (nicht zu verwechseln mit Shaanxi weiter südlich), sieben Zugstunden westlich von der Hauptstadt gelegen.

Neben der Landwirtschaft ist die wichtigste Branche dort der Kohleabbau, und eine Reihe der berüchtigten Bergwerksunglücke mit vielen Toten fanden in Shanxi statt. Schon auf der Zugfahrt von Peking nach Datong (in der ersten von vier (!) Klassen) hatte man teilweise gespenstische Szenerien vor Augen: Man fährt auf dem Lößplateau, das der Landschaft eine dreckiggelbe Grundfarbe gibt. Davor türmen sich Kohleberge, alte durchgerostete Krananlagen und jämmerliche Blechhüten. Man stelle sich das in großen Dimensionen und mit schwarzem, klebrigem Kohlestaub bedeckt vor. Mich erinnerte dieser düstere Landstrich an die apokalyptischen Schilderungen des Wolfgang Hilbig und auch in der folgenden Woche kamen mir regelmäßig Beschreibungen des frühindustriellen Englands durch Charles Dickens in den Sinn.

Zwischen diesen noch im Gebrauch befindlichen musealen Industrieparks finden sich immer wieder futuristisch wirkende, hochmoderne Anlagen wie aus einem Prospekt in die chinesische Provinz verpflanzt, und geben ein groteskes Sinnbild über die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen China ab. Dieser staub trockenen Erde versuchen Bauern mit einfachsten Mitteln eine Ernte abzuringen. Die Dörfer bestehen vielerorts noch aus armseligen Lehmhütten, Müll aller Art ist allgegenwärtig. Viele hunderte Kilometer legten wir durch den Norden Shanxis zurück und nie habe ich etwas besser verstanden, als dass die jungen Menschen dieser Region in Scharen in die Städte abwandern. Selbst das Los eines Wanderarbeiters wird vor diesem Hintergrund sehr erstrebenswert.

Zwei Wochen später stand ich, diese Bilder immer noch im Kopf, am Bund in Shanghai vor der berühmten nächtlichen Skyline. Böse Zungen behaupten ja, dass China nicht nur Papier und Schwarzpulver, sondern auch den Kitsch erfunden hätte. Angesichts dieser bunten, aber doch seltsam stimmig wirkenden Disneywelt in den chinesischen Städten, ist man fast geneigt, dem zuzustimmen. Dieser ungeheuerliche Kontrast zwischen staubigen Lehmhütten und futuristischen Wolkenkratzern zeigt die Herausforderung, vor der China in den nächsten Jahrzehnten steht, wohl am augenscheinlichsten.

[Literatur und Kritik Juli 2007; © Christian Köllerer]

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“Die Presse” meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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