Kunst

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William E. Wallace: Genius of Michelangelo

In sechsunddreißig halbstündigen Vorlesungen versucht William E. Wallace seinen Zusehern, Leben und Werk des Michelangelo zu vermitteln. Wallace ist öffentlich kein Unbekannter. Neben mehreren Büchern produzierte der Michelangelo-Forscher auch Filme für die BBC über seinen Lieblingskünstler. Der Titel lässt eine unkritische Eloge erwarten, was aber nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Wallace wirft einen durchaus kritischen Blick auf seinen Gegenstand und versucht immer wieder, hartnäckige Michelangelo-Mythen zu widerlegen. Er reflektiert auch die Forschung und die Quellen durchaus kritisch.

Obwohl ich die Vorlesungsreihe insgesamt für gelungen und sehenswert halte, habe ich doch einen Vorbehalt. Wallace spricht sehr ausführlich über viele Kunstwerke Michelangelos und hier ist mir seine methodische Herangehensweise oft zu hermeneutisch. Mehr Fakten und weniger subjektive Interpretation hätten mich besser angesprochen. Für Freunde der Renaissancekunst ist Genius of Michelangelo aber trotzdem eine Empfehlung.

William E. Wallace: Genius of Michelangelo (Great Courses, Video, 18h)

Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938 & Horowitz. 50 Jahre Menschenbilder

Jüdisches Museum 5.2. 2017

Das Haupthaus in der Dorothergasse zeigt eine sowohl kunst- als auch sozialgeschichtliche spannende Ausstellung, dokumentiert sie doch Leben & Werk von Künstlerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wobei man sich die biographischen Informationen jeweils über sein Smartphone holen muss. Wie schwierig es die Damen hatten, wird vielfältig ersichtlich. Nicht nur mussten sie eigene Vereinigungen gründen, weil sie lange aus den Männerbünden ausgeschlossen waren. Auch zur akademischen Ausbildung wurden sie bekanntlich erst spät zugelassen. Bezeichnend sind auch die diversen Beschimpfungen durch ihre männlichen Kollegen, so lästerte Adolf Loos über „dilettantische Hofratstöchter“ und Julius Klinger sprach vom „Weiberkunstgewerbe“. Die Schau ist nicht übermäßig umfangreich und fasst die Werke thematisch zusammen, etwa zur Avantgarde oder sozialkritischen Kunst. Es wird auch eine Dokumentation über Anna Mahler gezeigt. (Bis 1.5.)

Im Haus am Judenplatz ist eine kleine, feine Fotografie-Ausstellung zu sehen. Der Wiener Fotograf Michael Horowitz geht dieser Beschäftigung nun seit 50 Jahren nach und dokumentiert nicht nur in seinen Porträts die Zeitgeschichte. Alleine das berühmte Foto von Thomas Bernhard auf seinem Fahrrad und jene von H.C. Artmann lohnen den Besuch. Fesselnd sind auch die gezeigten Farbfotos zum Zeitgeschehen, darunter ein sehr treffendes von einer Norbert-Hofer-Wahlkampfveranstaltung. (Bis 28.5.)

Georgia O’Keeffe

Kunstforum Wien 11.12. 16

Ich nutze die Gelegenheit dieser Retrospektive, um mich erstmals etwas ausführlicher mit Georgia O’Keeffe zu beschäftigen. Bisher war ihr Werk in Europa noch nicht oft zu sehen, weshalb dieses Ausstellungsprojekt sehr zu begrüßen ist. Vor Wien war die Schau in der Tate Modern in London zu sehen und zog dort 340.000 Besucher an. Ihre Arbeiten sind im wörtlichen Sinne regional, also durch ihre unterschiedlichen Wohnorte geprägt. Zu Beginn etwa durch ihr Leben in Texas. Danach durch ihren Aufenthalt in New York und in der Sommerfrische am Lake George. Später verbrachte sie viel Zeit in New Mexico, dessen Landschaft sie faszinierte und inspirierte.

Als eine der ersten Frauen, die sich in den USA als Avantgarde-Künstlerin etablieren konnte, erregt sie Zeit ihres Lebens immer wieder großes Aufsehen. Ihre Beziehung und spätere Heirat mit dem Galeristen Alfred Stieglitz, gleichzeitig einer der wichtigsten Fotografen seiner Zeit, war kreativ für beide Beteiligte sehr fruchtbar. Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über alle Phasen ihres Schaffens, von den frühen Zeichnungen bis zur späteren Landschaftsmalerei. Mich persönlich sprechen ihre berühmten Blumenbilder am wenigsten an, wohingegen mich ihre abstrakten Werke durchaus faszinieren. Wie alle großen Kreativen entwickelt sie einen unverkennbaren ästhetischen Personalstil über alle ihre Genres hinweg.

Alles in allem eine sehr solide und kompetent kuratierte Ausstellung. Zu sehen ist auch ein instruktiver Dokumentarfilm mit der etwa 90-jährigen Künstlerin. (Bis 26.3.)

Hieronymus Bosch – Garten der Lüste

Filmcasino 12.11. 2016

E/F 2016
Regie: José Luis López-Linares

Der Todestag des Hieronymus Bosch jährt sich dieses Jahr zum 500. Mal. Das ist der Anlass für viele Aktivitäten, darunter auch dieser neue Dokumentarfilm. Er beschäftigt sich exklusiv mit einem der berühmtesten Bilder des Künstlers, nämlich dem im Prado hängenden Garten der Lüste.

In knapp neunzig Minuten versucht der Film zweierlei. Erstens will er möglichst viel Kontext & Wissen über das Gemälde vermitteln. Es kommen Kunsthistoriker und andere Experten zu Wort. Wir sehen die biographischen Schauplätze und kunsthistorische Bezüge wie die Buchmalerei. Selbst eine Neurologin kommt zu Wort. Zweitens allerdings will José Luis López-Linares die Ästhetik und die Wirkung des Werks uns Zusehern nahe bringen. Dazu sehen wir immer wieder spannende Details und werden Zeuge, wie intellektuelle Prominenz aus unterschiedlichsten Disziplinen auf das Bild reagiert, etwa Salman Rushdie und Orhan Pamuk.

Diese Kombination funktioniert so gut, dass ich gleich am nächsten Tag das einzige Bild Boschs in Wien aufsuchte, nämlich das Weltgerichtstriptychon in der Gemäldegalerie der Akademie der Künste. Bosch rätselhafte Bilder erinnern mich an das Werk Kafkas und werden die Menschheit und die Wissenschaft wohl auch noch ebenso lange beschäftigen.

100 Meisterwerke des Kunsthistorischen Museums

Diese gelungene Serie ist eine Kooperation des Kunsthistorischen Museums mit ORF III. Hier nur der kurze Hinweis, dass die ersten 50 Folgen auf You Tube zu sehen sind.

Ist das Biedermeier? Amerling, Waldmüller und mehr

Unteres Belvedere 1.11. 2016

Die neue Herbstausstellung im Unteren Belvedere versucht, einen anderen Blick auf die Epoche des Biedermeier zu werfen. Es ist ja überhaupt fraglich, inwieweit „Biedermeier“ ein adäquater kunsthistorischer Epochenbegriff ist. Im angelsächsischen Raum bevorzugt man für diese Periode bekanntlich „realism“. Die Schau zeigt anhand vieler Werke, dass in dieser Epoche nicht nur jene Idyllen gemalt wurden, welche man als Klischee dem Biedermeier gerne zuschreibt. Freilich finden sich auch solche darunter, etwa die brave Familie im biederen Heim. Das Schaffen des Ferdinand Georg Waldmüller steht im Mittelpunkt, dem wohl wichtigsten österreichischen Maler dieses Zeitraums. Man wagt aber auch einen Blick über den Tellerrand: Maler der benachbarten Kronländer sind ebenso präsent. Auch ausgewählte Möbelstücke fehlen nicht.

Die Werkauswahl ist durchaus gelungen. Die Ausstellung scheitert aber daran, ihre Ausgangsthese plausibel zu machen. Diese wird nämlich außer im Titel und in den Begleitinformationen nirgends explizit thematisiert. So wirkt das Thema mehr als Vorwand, gute Bilder an die Wand zu hängen, denn als genuine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. (Bis 12.2.)

Michelangelos Sixtinische Kapelle in Wien

Votivkirche 2.11. 2016

Sich mit dem großartigen Michelangelo zu beschäftigen ist naturgemäß eine begrüßenswerte Angelegenheit. Deshalb stehe ich diesem Ausstellungsprojekt prinzipiell positiv gegenüber als ich die Votivkirche betrete. Zu sehen sind dort große Reproduktionen aus der Sixtinischen Kapelle in akzeptabler Qualität. Man kann sich die meisten Bilder also aus einer Nähe ansehen, wie das sonst schwer möglich wäre. Allerdings sind die Bilder in zwei vergleichsweise engen Gängen gegenüber aufgehängt, so dass man sie leider nicht aus einer größeren Entfernung betrachten kann. Der Audioguide stellt die knapp vierzig Bilder ausführlich vor, legt den Schwerpunkt für meinen Geschmack aber zu sehr auf inhaltliche und theologische Aspekte. Die Ästhetik Michelangelos kommt dabei deutlich zu kurz.

Insgesamt wirkt das Projekt auf mich lieblos kuratiert. Vor dem Eingang läuft ein Video, ansonsten gibt es ein paar Tafeln mit überschaubarem Informationsgehalt. Dabei böte die Digitaltechnik heute so viele Möglichkeiten zur Veranschaulichung. Angesichts dieses Gesamtpaket fast 20 Euro Eintritt zu verlangen, grenzt an eine Unverschämtheit. (Bis 4.12.)

Fremde Götter – Faszination Afrika und Ozeanien

Leopold Museum 24.10. 2016

Von den vielen Ausstellungen, die ich während meines „Wien-Urlaubs“ besuche, ist „Fremde Götter“ herausragend. Das liegt zum Teil an dem Seltenheitswert, den afrikanische und ozeanische Kunst in Wien hat. Es gibt einige Exponate im Weltmuseum, aber im Vergleich zu anderen Metropolen wie Paris oder London ist das nicht erwähnenswert. Bei den Stücken handelt es sich überwiegend um Masken und Skulpturen aus West- und Zentralafrika, die ästhetisch anspruchsvoll präsentiert werden. Auch die Klischees, welche man gerne mit der Kunst aus dem Süden assoziert, werden thematisiert. Nach jedem Raum mit nativer Kunst folgt einer, der sich mit der Rezeption durch europäische Künstler auseinandersetzt. Hier gibt es wenige Überraschungen, aber diese Bilder und Skulpturen in direktem Vergleich mit den „Originalen“ zu sehen, ist sehr reizvoll. Die ozeanographische Kunst mit ihrer unterschiedlichen Ikonographie sorgt ebenso für Abwechslung wie die Werke einiger zeitgenössischer Künstler. (Bis 9.1.)

Martin Parr – A Photographic Journey

Kunst Haus Wien 21.10. 2016

Der Brite Martin Parr beschäftigt sich in seinen Fotos meist mit dem Alltag. Oberflächlich betrachtet sind seine Bilder gelungene Momentaufnahmen. Eine genauere Auseinandersetzung mit ihnen zeigt aber, dass er der westlichen Gesellschaft gekonnt einen Spiegel vorhält. Es gibt einige Themen, auf die er immer wieder zurückkommt, etwa das Alltagsleben von Touristen in Badeorten. Aber auch die sogenannte „bessere Gesellschaft“ kommt nicht zu kurz.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus seinen berühmtesten Fotoserien. Insgesamt sind Auszüge aus dreizehn Werkkomplexen zu sehen. Es gibt aber auch mehrere Filme zu rezipieren: Wer Parr als Filmemacher kennenlernen will, hat reichlich damit Gelegenheit. Eine einstündige Dokumentation gibt Einblicke in seine Ästhetik und seine Arbeitsweise.

Besonders hübsch ist natürlich, dass Martin Parr anlässlich der Ausstellung eine eigene Fotoserie über Wien anging. Dieses gelungene Wien-Porträt wäre alleine schon ausreichend, um sich auf den Weg ins Kunst Haus Wien zu machen. (Bis 2.11.)

Berlinde de Bruyckere & Willhelm Lehmbruck

Leopold Museum 5.6. 2016

Ich wollte mir eigentlich vor allem die Lehmbruck-Ausstellung ansehen und bin dabei auch auf die bedrückenden Werke der Berlinde de Bruyckere gestoßen. Sie gilt als eine der wichtigsten Skulpturenkünstlerinnen der Gegenwart und das völlig zurecht. Ihre Skulpturen setzen sich auf eine brutale Art und Weise mit dem menschlichen Körper durch das Mittel der Verfremdung auseinander. Was der von mir sehr geschätzte Francis Bacon in seinen Gemälden handwerklich und konzeptuell erreicht, überträgt de Bruyckere ins Dreidimensionale. Das Ergebnis sind ausgesprochen verstörende Kunstwerke, welche unvermeidlich zur Reflexion über die menschliche Existenz, den Tod und den aktuellen Zustand der Welt anregen. (Bis 5.9.)

Wilhelm Lehmbrucks biographisches Schlüsselerlebnis war, wie bei den meisten Künstlern seiner Generation, der erste Weltkrieg. Obwohl er den Krieg nur „indirekt“ erst als Kriegsmaler und schließlich als Sanitäter in einem Berliner Lazarett erlebte, änderte sich nicht nur sein Kunststil, sondern dürften diese bitteren Erfahrungen auch einer der Gründe für seinen Freitod im Jahre 1919 gewesen sein. Die Ausstellung zeigt wesentliche Werke aus allen seinen Schaffensperioden und ist wie die meisten Retrospektiven chronologisch konzipiert. Das Frühwerk ist künstlerisch hochwertig, aber stilistisch noch nicht eigenständig, was sicher auch mit seiner Ausbildung an der konservativen Düsseldorfer Kunstakademie zusammenhängt. Persönlich sprechen mich die Arbeiten erst nach seiner expressionistischen Wende an, wo er unter anderem überlebensgroße Figuren schafft, deren Schmalheit an Rodin gemahnt. Sein wohl berühmtestes Werk ist eine Auseinandersetzung mit dem Krieg und ist ebenfalls ausgestellt: Der Gestürzte. Abgerundet wird die Retrospektive mit Arbeiten von Künstlern, welche Lehmbruck Zeit seines Lebens geprägt haben, und mit einem Blick auf dessen Rezeption. Passenderweise zählt dazu wieder Berlinde de Bruyckere. (Bis 4.7.)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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