Kunst

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Loving Vincent

Filmcasino 29.12. 17

GB/PL 2017
Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman |

Das Spektakuläre dieses Films ist seine Machart. Als auf Öl gemalter Animationsfilm ist er damit wohl der erste seiner Art. 125 Künstler malten dafür 65.000 Bilder. Diese sind komplett in der Ästhetik von van Goghs grandiosen Gemälden gehalten, was optisch natürlich unglaublich eindrucksvoll ist. Viele „Einstellungen“ basieren auf berühmten Bildern des Malers, was zu einer kunsthistorischen Detektivarbeit einlädt.

Weniger gelungen finde ich die Geschichte. Der Vater eines Bekannten van Goghs schickt seinen Sohn los, um einen Brief an dessen Bruder Theo zuzustellen. Es läuft dann auf eine Art Kriminalgeschichte rund um den seltsamen Tod des Malers hinaus. Man erhält dadurch zwar einige Einblicke in die Persönlichkeit des Künstlers. Mir persönlich hätte eine andere, weniger auf Spannung setzende Handlung deutlich besser gefallen.

David Lynch – The Art Life

Filmcasino 16.12. 17

US/DK 2016

Regie: Jon Nguyen

David Lynch kannte ich bisher ausschließlich als Regisseur und gehe mit der Erwartung ins Kino, das Porträt eines Filmkünstlers zu sehen. Die Dokumentation zeigt jedoch primär Lynch Werdegang als bildender Künstler. Seine Skulpturen und Assemblagen sind ähnlich verstörend wie die bekannten Filme. Assoziationen zu Horror-Motiven drängen sich immer wieder auf. Wer nun vermutet, diese Vorliebe mit dem Abseitigen hinge mit Lynch Kindheit zusammen, könnte nicht falscher liegen: Er wuchs umsorgt in einer „perfekten“ Familie auf. Diese behütete und idyllische Jugend sowie seine ersten Schritte als Künstler nehmen den größten Raum ein. Der Film endet mit dem Durchbruch als Filmemacher. Ästhetisch ist The Art Life ansprechend konzipiert: Über die Laufzeit des Films arbeitet Lynch an einem neuen Kunstwerk. Man sieht also ein aktuelles Werk entstehen, während gleichzeitig sein Leben autobiographische aufgearbeitet wird.

Ausstellungen in Wien

Zwei sehenswerte Ausstellungen gibt es derzeit in der Albertina: Egon Schiele & Eduard Angeli. Es gibt ja kaum ein Wiener Museum, das nicht einen größeren Bestand an Schiele-Werken hätte, aber die Sammlung an Zeichnungen in der Albertina ist herausragend. Schön, dass sie ihren Bestand wieder einmal in großem Umfang ausstellen. Angeordnet sind die Bilder chronologisch. Einige davon waren mir im Original neu, etwa seine Zeichnungen, die während seines Gefängnisaufenthalts entstanden sind. (Bis 18.6.)
Im Keller ist anlässlich seines 75. Geburtstags eine umfangreiche Retrospektive der Gemälde Eduard Angelis zu sehen, die so ganz anders sind, als man es von der Gegenwartskunst gewöhnt ist: Gegenständlichkeit mit subtilen Widerhaken. Angeli beschäftigt sich mit Räumen und ihre (oft düsteren) Atmosphäre. Menschen interessieren ihn nicht. (Bis 25.6.)

Das Künstlerhaus Wien ist wegen Umbauarbeiten in die Siebenbrunnengasse 26 im fünften Wiener Gemeindebezirk umgezogen und fand eine temporäre Bleibe in dem Stockwerk der ehemaligen Altmann’schen Textilfabrik. Der loftartige Ausstellungsraum eignet sich sehr gut für diesen Zweck. Zu sehen ist dort Das bessere Leben eine politische Konzeptausstellung, die sich mit Problemen der Gegenwart auseinandersetzt, darunter die Flüchtlingskrise. Eingeladen wurden primär Künstler, die einen Bezug zu diesen Themen haben. Prinzipiell bin ich kein großer Freund von „Politik-Kunst“, weil das Ergebnis oft auf Kosten der ästhetischen Qualität geht. Hier gibt es aber eine Reihe von Werken, die Ästhetik mit politischem Anspruch sehr gut verbinden. (Bis 20.5.)

Beide Ausstellungen im Wien Museum sind sehenswert. In der hübsch betitelten Schau Brennen für den Glauben. Wien nach Luther gehen die Kuratoren der protestantischen Phase Wiens nach. Wiens Bevölkerung war nach der Reformation einmal mehrheitlich protestantisch. Viele Stationen zeigen diese Entwicklung und deren spätere Unterdrückung. Es ist sehr viel schönes Druckwerk aus dieser Zeit zu sehen, etwa einer der seltenen Originaldrucke von Luthers 95 Thesen. (Bis 14.5.)
Einen Stock höher setzt man sich mit der Darstellung Wiens aus der Luft auseinander: Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick. Sie zeigt nicht nur historische Pläne und Fotos, sondern beschäftigt sich auch mit der kulturgeschichtlichen Interpretation dieser unterschiedlichen Sichtweisen. (Bis 17.9.)

Daniel Richter – Lonely Old Slogans

21er Haus 9.4. 17

Ich gehe mehr aus Pflichtgefühl in die Ausstellung, weil ich über Daniel Richter schon mehrmals etwas las, aber nur eine beschränkte Vorstellung von seinem Werk hatte. Doch schnell bin ich sehr beeindruckt. Die Schau gibt einen guten Einblick in sein Werk. Obwohl man einige Stilwechsel erkennen kann, hat Richter doch einen ausgeprägten Personalstil über die Zeit hinweg. Manche Bilder sind verspielt mit Anspielungen auf die Popkultur oder alte Meister. Andere dagegen beeindrucken mit ihrer existenziellen Angst, etwa wenn sie Gewalt, Krieg oder Einsamkeit thematisieren. Zumindest assoziiere ich das mit nicht wenigen Bildern. Seine Farbpalette reicht von monochrom bis grell bunt. Sehr sehenswert ist auch der gezeigte Film mit einem ausführlichen Gespräch über Richters Werdegang, Ästhetik und seine politischen Ansichten.

William E. Wallace: Genius of Michelangelo

In sechsunddreißig halbstündigen Vorlesungen versucht William E. Wallace seinen Zusehern, Leben und Werk des Michelangelo zu vermitteln. Wallace ist öffentlich kein Unbekannter. Neben mehreren Büchern produzierte der Michelangelo-Forscher auch Filme für die BBC über seinen Lieblingskünstler. Der Titel lässt eine unkritische Eloge erwarten, was aber nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte. Wallace wirft einen durchaus kritischen Blick auf seinen Gegenstand und versucht immer wieder, hartnäckige Michelangelo-Mythen zu widerlegen. Er reflektiert auch die Forschung und die Quellen durchaus kritisch.

Obwohl ich die Vorlesungsreihe insgesamt für gelungen und sehenswert halte, habe ich doch einen Vorbehalt. Wallace spricht sehr ausführlich über viele Kunstwerke Michelangelos und hier ist mir seine methodische Herangehensweise oft zu hermeneutisch. Mehr Fakten und weniger subjektive Interpretation hätten mich besser angesprochen. Für Freunde der Renaissancekunst ist Genius of Michelangelo aber trotzdem eine Empfehlung.

William E. Wallace: Genius of Michelangelo (Great Courses, Video, 18h)

Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938 & Horowitz. 50 Jahre Menschenbilder

Jüdisches Museum 5.2. 2017

Das Haupthaus in der Dorothergasse zeigt eine sowohl kunst- als auch sozialgeschichtliche spannende Ausstellung, dokumentiert sie doch Leben & Werk von Künstlerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wobei man sich die biographischen Informationen jeweils über sein Smartphone holen muss. Wie schwierig es die Damen hatten, wird vielfältig ersichtlich. Nicht nur mussten sie eigene Vereinigungen gründen, weil sie lange aus den Männerbünden ausgeschlossen waren. Auch zur akademischen Ausbildung wurden sie bekanntlich erst spät zugelassen. Bezeichnend sind auch die diversen Beschimpfungen durch ihre männlichen Kollegen, so lästerte Adolf Loos über „dilettantische Hofratstöchter“ und Julius Klinger sprach vom „Weiberkunstgewerbe“. Die Schau ist nicht übermäßig umfangreich und fasst die Werke thematisch zusammen, etwa zur Avantgarde oder sozialkritischen Kunst. Es wird auch eine Dokumentation über Anna Mahler gezeigt. (Bis 1.5.)

Im Haus am Judenplatz ist eine kleine, feine Fotografie-Ausstellung zu sehen. Der Wiener Fotograf Michael Horowitz geht dieser Beschäftigung nun seit 50 Jahren nach und dokumentiert nicht nur in seinen Porträts die Zeitgeschichte. Alleine das berühmte Foto von Thomas Bernhard auf seinem Fahrrad und jene von H.C. Artmann lohnen den Besuch. Fesselnd sind auch die gezeigten Farbfotos zum Zeitgeschehen, darunter ein sehr treffendes von einer Norbert-Hofer-Wahlkampfveranstaltung. (Bis 28.5.)

Georgia O’Keeffe

Kunstforum Wien 11.12. 16

Ich nutze die Gelegenheit dieser Retrospektive, um mich erstmals etwas ausführlicher mit Georgia O’Keeffe zu beschäftigen. Bisher war ihr Werk in Europa noch nicht oft zu sehen, weshalb dieses Ausstellungsprojekt sehr zu begrüßen ist. Vor Wien war die Schau in der Tate Modern in London zu sehen und zog dort 340.000 Besucher an. Ihre Arbeiten sind im wörtlichen Sinne regional, also durch ihre unterschiedlichen Wohnorte geprägt. Zu Beginn etwa durch ihr Leben in Texas. Danach durch ihren Aufenthalt in New York und in der Sommerfrische am Lake George. Später verbrachte sie viel Zeit in New Mexico, dessen Landschaft sie faszinierte und inspirierte.

Als eine der ersten Frauen, die sich in den USA als Avantgarde-Künstlerin etablieren konnte, erregt sie Zeit ihres Lebens immer wieder großes Aufsehen. Ihre Beziehung und spätere Heirat mit dem Galeristen Alfred Stieglitz, gleichzeitig einer der wichtigsten Fotografen seiner Zeit, war kreativ für beide Beteiligte sehr fruchtbar. Die Ausstellung gibt einen guten Überblick über alle Phasen ihres Schaffens, von den frühen Zeichnungen bis zur späteren Landschaftsmalerei. Mich persönlich sprechen ihre berühmten Blumenbilder am wenigsten an, wohingegen mich ihre abstrakten Werke durchaus faszinieren. Wie alle großen Kreativen entwickelt sie einen unverkennbaren ästhetischen Personalstil über alle ihre Genres hinweg.

Alles in allem eine sehr solide und kompetent kuratierte Ausstellung. Zu sehen ist auch ein instruktiver Dokumentarfilm mit der etwa 90-jährigen Künstlerin. (Bis 26.3.)

Hieronymus Bosch – Garten der Lüste

Filmcasino 12.11. 2016

E/F 2016
Regie: José Luis López-Linares

Der Todestag des Hieronymus Bosch jährt sich dieses Jahr zum 500. Mal. Das ist der Anlass für viele Aktivitäten, darunter auch dieser neue Dokumentarfilm. Er beschäftigt sich exklusiv mit einem der berühmtesten Bilder des Künstlers, nämlich dem im Prado hängenden Garten der Lüste.

In knapp neunzig Minuten versucht der Film zweierlei. Erstens will er möglichst viel Kontext & Wissen über das Gemälde vermitteln. Es kommen Kunsthistoriker und andere Experten zu Wort. Wir sehen die biographischen Schauplätze und kunsthistorische Bezüge wie die Buchmalerei. Selbst eine Neurologin kommt zu Wort. Zweitens allerdings will José Luis López-Linares die Ästhetik und die Wirkung des Werks uns Zusehern nahe bringen. Dazu sehen wir immer wieder spannende Details und werden Zeuge, wie intellektuelle Prominenz aus unterschiedlichsten Disziplinen auf das Bild reagiert, etwa Salman Rushdie und Orhan Pamuk.

Diese Kombination funktioniert so gut, dass ich gleich am nächsten Tag das einzige Bild Boschs in Wien aufsuchte, nämlich das Weltgerichtstriptychon in der Gemäldegalerie der Akademie der Künste. Bosch rätselhafte Bilder erinnern mich an das Werk Kafkas und werden die Menschheit und die Wissenschaft wohl auch noch ebenso lange beschäftigen.

100 Meisterwerke des Kunsthistorischen Museums

Diese gelungene Serie ist eine Kooperation des Kunsthistorischen Museums mit ORF III. Hier nur der kurze Hinweis, dass die ersten 50 Folgen auf You Tube zu sehen sind.

Ist das Biedermeier? Amerling, Waldmüller und mehr

Unteres Belvedere 1.11. 2016

Die neue Herbstausstellung im Unteren Belvedere versucht, einen anderen Blick auf die Epoche des Biedermeier zu werfen. Es ist ja überhaupt fraglich, inwieweit „Biedermeier“ ein adäquater kunsthistorischer Epochenbegriff ist. Im angelsächsischen Raum bevorzugt man für diese Periode bekanntlich „realism“. Die Schau zeigt anhand vieler Werke, dass in dieser Epoche nicht nur jene Idyllen gemalt wurden, welche man als Klischee dem Biedermeier gerne zuschreibt. Freilich finden sich auch solche darunter, etwa die brave Familie im biederen Heim. Das Schaffen des Ferdinand Georg Waldmüller steht im Mittelpunkt, dem wohl wichtigsten österreichischen Maler dieses Zeitraums. Man wagt aber auch einen Blick über den Tellerrand: Maler der benachbarten Kronländer sind ebenso präsent. Auch ausgewählte Möbelstücke fehlen nicht.

Die Werkauswahl ist durchaus gelungen. Die Ausstellung scheitert aber daran, ihre Ausgangsthese plausibel zu machen. Diese wird nämlich außer im Titel und in den Begleitinformationen nirgends explizit thematisiert. So wirkt das Thema mehr als Vorwand, gute Bilder an die Wand zu hängen, denn als genuine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema. (Bis 12.2.)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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