Kunst

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Die Buchskulpturen des Guy Laramee

Guy Laramee schafft beeindruckende und assoziationsreiche Skulpturen, indem er als Materialien Bücher verwendet. Fotos dieser Werke kann man auf seiner Webseite bewundern. Eine Zusammenstellung findet sich ebenfalls bei Visual News.

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Wo Jesus Meerschweinchen verspeist

Eine Reise durch Peru und Bolivien [Oktober/November 2011]

Als Francisco Pizarro Lima als Hauptstadt Perus gründete, suchte er sich am Pazifik ausgerechnet einen Platz aus, der neun Monate pro Jahr von einer trüben Dunstglocke eingenebelt wird. Lima ist die erste Station meiner Peru-Erkundung und eine prototypische Stadt Lateinamerikas. Die meisten der siebeneinhalb Millionen Einwohner leben in wenig ansprechenden Wohnblöcken. Die wohlhabende Minderheit findet man in hübschen modernen Stadtvierteln am Meer, wo die Bobo-Dichte ähnlich hoch ist wie in den Wiener Innenstadtbezirken. Die Slums wiederum schlängeln sich malerisch die Hügel hinauf.

Die Altstadt Limas zeigt das koloniale Machtgefüge bis heute: Regierungspalast und Kathedrale liegen am zentralen Platz. Unweit davon die Klöster der Dominikaner und der Franziskaner, die von Beginn an in einem heftigen Konkurrenzverhältnis bei der Verbreitung des Seelenheils standen. Diese bauliche Konstellation findet man in den meisten Städten Südamerikas.

Abgesehen von der Altstadt gibt es an Sehenswürdigkeiten noch einige Museen, allen voran das archäologische Museum. In Europa ist man zwar mit den Inka gut vertraut. Diese Zivilisation stand allerdings erst am Ende einer unglaublich vielfältigen Kulturentwicklung. Ich versuchte vor der Reise, mich einzulesen, aber angesichts einer zweistelligen Zahl an unterschiedlichen Prä-Inka-Kulturen, war das ein vergebliches Unterfangen. Erst als ich im Museum vor den unterschiedlichen Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen stehe, lichtet sich langsam der Nebel im Kopf.

Machu Picchu

Von Lima aus reise ich mit einem Zwischenstopp zum Traum aller Touristen: Machu Picchu. Der bequemste Weg ist mit dem Zug zur kleinen Stadt unterhalb der Stätte zu fahren. Die Lok schlängelt sich durch ein beeindruckendes Andental und man durchkreuzt in knapp neunzig Minuten mehrere Klimazonen. Die Alternative wäre eine mehrtägige Wanderung auf dem berühmten Inka-Trail, wo heutzutage allerdings so viel los ist wie auf der Einkaufsstraße einer Großstadt. Beim Bahnhof besteigt der Kulturtourist dann den Bus, der langsam den Berg hinauf kriecht. Die Zahl der Besucher ist auf dreitausend pro Tag limitiert. Auf dem Ticket steht deshalb Datum und Name. Am Eingang wird der Pass kontrolliert. Je berühmter die Sehenswürdigkeit, desto skeptischer bin ich vor einem Besuch. Machu Picchu wird aber zu Recht gerühmt. Die spektakuläre Lage legt sämtliche Schalter um, die ein durchschnittlich sozialisierter Mitteleuropäer in Sachen Naturerlebnis eingebaut bekommen hat: Romantisch! Mystisch! Grandios! Die Archäologen streiten seit der Entdeckung – genauer wäre: Bekanntmachung – Machu Picchus durch Hiram Bingham über die Funktion der Stadt. Ich schlendere durch die Ruinen und versuche mir ein eigenes Bild zu machen. Die beliebteste Theorie derzeit ist, dass es sich um die Sommerresidenz des Inka-Herrschers Pacha Kutiq handelte. Vor den gewaltigen der Landwirtschaft dienenden Terrassen der Bergstadt stehend, frage ich mich allerdings, ob sie zu einem Herrscherlandsitz passt. Pacha Kutiq konnte sich Lebensmittel aus dem ganzen Reich liefern lassen. Wieso sollte er ausgerechnet ein paar Meter von seinem Sommerpalast entfernt einen so störenden Betrieb gestatten?
Das Inka-Reich ist die einzige mir bekannte Zivilisation, wo Planwirtschaft exzellent funktionierte. Trotz der Millionenbevölkerung war die Nahrungsmittel-Logistik so ausgereift, dass es vor der Ankunft der Spanier kein Wort für „Hunger“ gab. Auf der Hochebene zwischen Cusco und dem Titacacasee liegt Raqchi, eine alte Tempelanlage aus der Prä-Inka-Zeit, wo man eine große Menge dieser Getreidespeicher besichtigen kann. Selbstverständlich hatten die Priester dort als Machtinstrument ihre Hände auf den gehorteten Lebensmitteln.

Religion und Kunst

Peru und Bolivien sind zwei Reiseländer, die einem viele Einblicke in das Funktionieren von Religion ermöglichen. Nach der für die Einheimischen verhängnisvollen Ankunft der Spanier gründeten die Franziskaner und Dominikaner ihre Bekehrungsfabriken. Die Franziskaner setzten auf Quantität: Möglichst viele sollten möglichst schnell getauft werden. Die Dominikaner wählten als Hunde des Herrn eine dogmatischere Vorgehensweise und wollten gewisse theologische Mindeststandards nicht unterschreiten. Deutlich später traten die Jesuiten in Aktion. Sie gingen erst buchstäblich bei den Indianern zur Schule. Nachdem sie deren Weltbild und Religion verstanden hatten, entwickelten sie ein maßgeschneidertes Bekehrungsprogramm. Es entstanden so riesige, von Jesuiten dominierte Gebiete, dass es die spanische Regierung mit der Angst zu tun bekam, und 1767 den Orden dort verbot.
Schon sehr früh setzten die Orden die kirchliche Kunst zu Missionierungszwecken ein. Die Marketingstrategie war eine zweifache: Erstens wollte man die Einheimischen durch Prunk beeindrucken. Dazu wurden die Kirchen mit viel Gold ausgestattet. Ich stehe immer wieder vor in barocker Fülle glänzenden Altären, die teils lange vor dem europäischen Barock geschaffen wurden, aber eine ähnliche Wirkung haben. In der Religion der Inka spielte Gold ebenfalls eine überragende Rolle, so konnte man hier mit Hilfe eines Materials eine Brücke zwischen zwei völlig inkompatiblen Weltanschauungen schlagen. Raffinierter war die zweite Variante, nämlich die Anpassung der christlichen Ikonographie an die indianische Kultur. Die Missionsverantwortlichen gingen dabei mit einem erstaunlichen Pragmatismus zu Werk. Nichts veranschaulicht das besser, als die Innenausstattung der Kathedrale von Cusco, der ehemaligen auf dreitausendsechshundert Meter Höhe gelegenen Inka-Hauptstadt. Mehr als dreihundertfünfzig Gemälde sind in der Kirche zu sehen und ermöglichen einen detaillierten Einblick in die Malschule von Cusco. Bereits ab 1580 wurden Elemente des italienischen Manierismus übernommen und die länglich-gestreckt gezeichneten Figuren entsprachen praktischerweise sehr dem indianischen Formempfinden. Weniger subtil war die Anpassung der Sujets: Auf der berühmten Darstellung des letzten Abendmahls liegt vor Jesus ein detailreich gemaltes gegrilltes Meerschweinchen – bis heute das Gericht der Wahl bei feierlichen Anlässen. Ich ließ mir eines Abends in Cusco ein Meerschweinchen servieren und empfehle allen Mitteleuropäern hiermit dringend, auf dieses kulinarische Experiment zu verzichten. Jesus bewirtete seine Jünger in einem andinischen Ambiente ferner mit Papayas, Avocados und Maisbrot.
Madonnen-Skulpturen sind durch geschickten Einsatz der Kleidung unten oft sehr breit und laufen zum Kopf hin spitz zu. Es gehört wenig Fantasie dazu, bei dieser Form einen Berg zu assoziieren. Kein Zufall selbstverständlich: Berge und speziell Vulkane spielten im Glauben der Inka eine überragende Rolle. Die Skulpturen erinnerten die Missonierungsopfer an Pachamama, die Mutter Erde. Die von den Ordensleuten überzeugten Peruaner nannten Pachamama also „Maria“ und alle waren mit dieser Farce zufrieden.
Religionswissenschaftler nennen die Verschmelzung zweier Glaubensrichtungen bekanntlich Synkretismus und im Andenraum ist das bis in die Gegenwart der vorherrschende Glaube. Selbst im Gespräch mit Angehörigen des (kleinen) Mittelstands begreift man schnell, wie tief diese alten Vorstellungen wurzeln, welche vom Katholizismus so weit entfernt sind wie der Titicacasee vom Traunsee. Der Vatikan klassifiziert diese Länder mit der ihm eigenen Chuzpe natürlich als hochkatholisch.

Cusco

Das Zentrum der Inka-Hochkultur lag rund um Cusco, weshalb die Zahl archäologischer Stätten dort besonders hoch ist. Obwohl die Spanier nach ihrer Ankunft vieles aufschrieben, was sie beobachteten, gibt es noch viele Rätsel. So viel wir über das Weltbild der Inka und über das Funktionieren ihrer Gesellschaft wissen, desto weniger ist über wichtige Details bekannt. Die Bautechnik beispielsweise wirft viele Fragen auf. Ich fahre deshalb bei blauem Himmel und dünner Luft nach Saqsaywaman, das über Cusco thront. Die meisten Archäologen halten die Anlage für eine Festung. Dafür sprechen die riesigen, mehrfach gestaffelten Mauerwälle. Allerdings gab es offenbar auch Räumlichkeiten, die nicht militärisch genutzt wurden, und der Ort liegt an einer Seite, von der eigentlich keine Angriffe zu erwarten waren. Ich gehe die Überreste der Mauer entlang und bestaune die Felsblöcke, deren schwerster über hundert Tonnen wiegt. Die Inka verwendeten das Rad nicht und selbst der Einsatz von Hebeltechniken war beschränkt. Zehntausende Einheimische mussten diese Bergbrocken mit Muskelkraft bewegt haben. Plötzlich fällt mir ein, was ich in den Anden schon die ganze Zeit beobachtet, aber bisher noch nie auf den Punkt gebracht hatte: Es ist bis heute eine Träger-Gesellschaft. Obwohl es keinen Mangel an Fahrzeugen aller Art gibt, sieht man jede Menge Menschen zu Fuß, die auf dem Rücken Lasten schleppen. Ich konnte mich nicht erinnern, auch nur eine Schub- oder Sackkarre gesehen zu haben. Auf dem Hinflug nach Lima saß ich neben einem jungen Belgier unterwegs zu seiner fünften Trekkingreise in Peru. Auch er berichtete beeindruckt, wie mühelos die Träger seiner Touren selbst große Lasten trugen. Ich stehe vor den Felsblöcken von Saqsaywaman, blicke auf die Ebene hinter mir und stelle mir tausende von Indianern vor, die mit Seilen riesige Gewichte bewegen. Aber wie konnte man in Zeiten ohne Megaphone unzählige Arbeiter gleichzeitig koordinieren? Jedenfalls hatten die Inka-Herrscher aufgrund ihrer ausgefeilten Administration die Möglichkeit, innerhalb von wenigen Tagen hunderttausende ihrer Untertanen zur Arbeit oder zum Krieg zu mobilisieren.

In der Nähe des berühmten Plaza de Armas, auf dem man früher Mumien der verblichenen Inka-Herrscher in Prozessionen herum trug, liegt die Stadtbibliothek. Im Gegensatz zu Klagenfurt lässt sich die Stadtverwaltung Cuscos nicht lumpen, und stellt ihren Einwohnern ein Haus des Wissens zur Verfügung. Die Größe ist bescheiden und die alten Zettelkästen passten mehr ins neunzehnte als ins einundzwanzigste Jahrhundert. Dafür gibt es einen Raum mit Internetstationen. Die Leseplätze sind überfüllt. Junge und Alte drängen sich um die Pulte und bilden teils kleine Menschentrauben. Die zerlesenen Zeitschriften sind besonders begehrt. Wer verstehen will, welche Hoffnungen Menschen auf Bildung setzen können, der besuche Bibliotheken in Entwicklungsländern.

Titicacasee

Von Cusco aus fahre ich weiter zum Titicacasee. Die Hochebene liegt auf knapp viertausend Meter. Die Klimazonen sind nach oben verschoben, weil unterhalb der Berge der Dschungel liegt. Die Bäume Perus machen sich über unsere mitteleuropäischen Baumgrenzen lustig und versammeln sich in dieser Höhe noch zu Wäldern. Spektakuläre Wolkenformationen sind zum Greifen nahe. Darunter sehe ich dasselbe Schauspiel wie in vielen anderen armen Ländern, die ich besuchte. Immer wenn ich auf Reisen sehe, wie sich die Kleinbauern mit ihren armseligen Mitteln für ihren noch armseligeren Lebensunterhalt abplagen, sei es in Zentralchina, sei es in Nordindien, sei es in Kasachstan, drängt sich mir die Frage auf, ob die Menschen nicht doch besser Jäger und Sammler geblieben wären, statt sich auf das mühselige Landwirtschaftsabenteuer einzulassen. In einem armen Land ohne Sozialhilfe ist der Kampf um das tägliche Überleben selbstverständlich für viele Millionen Menschen an der Tagesordnung.

Trist ist auch die Stadt Puno, die direkt am Titicacasee liegt. Das Erklimmen eines Hotelstockwerks ist auf dieser Höhe bereits eine sportliche Großtat. War Cusco das machtpolitische Zentrum der Inka, so ist der Titicacasee das mythologische. Die Vorfahren der Inka sollen von der Sonneninsel dort stammen. Mit einem Durchmesser von fünfundsechzig Kilometer ist der See breiter als das Land Israel an vielen Stellen. Beinahe zweihundert Kilometer lang und bis zu dreihundert Meter tief wirkt der Titicacasee wie ein Binnenmeer. Haupttouristen-Attraktion sind die aus Schilf gebauten Inseln der Uros-Indianer. Sie zogen ursprünglich auf den See, um den Kriegszügen der Inka zu entgehen. Als ich eine dieser Do-it-yourself-Inseln betrete, wird mir aber schnell klar, dass sie heute nur noch ein Erlebnispark für Touristen sind.
Authentischer ist die Insel Taquile auf der noch tausendfünfhundert Einheimische wohnen. Die vielen bereits fertigen und noch in Bau befindlichen neuen soliden Häuser zeigen uns, dass wir Tagestouristen auch dort die Wirtschaft ordentlich ankurbeln. Trotz der Rucksack- und Kulturreisenden ist die Insel noch nicht am Stromnetz angeschlossen. Auch fließendes Wasser in den Häusern ist eine Seltenheit.

Bolivien

Am tiefblauen Titicacasee entlang, hinter dem sich schneebedeckte Sechstausender erheben, fahre ich Richtung bolivianische Grenze weiter. Im sonst verschlafenen Grenzort war aufgrund eines Marktes Hochbetrieb. Kaum hatte ich mich auf der peruanischen Seite zu den grotesken Grenzformalitäten vorgeschoben, gibt es ein neues Hindernis: Eine Wasserleiche treibt friedlich auf dem Fluss und die zum bolivianischen Grenzübergang führende Brücke war vollgestopft mit enthusiasmierten Schaulustigen.

Auf dem Weg nach La Paz bietet sich ein Zwischenstopp in Tiwanaku an, auch wenn von der einst monumentalen Kultstätte nur noch rekonstruierte Reste zu sehen sind. Die Ruinen dienten über Jahrzehnte als Steinbruch für neue Bauprojekte. Der Grundriss der Akapana-Pyramide gibt eine Vorstellung über die Größe der Anlage. Das erhaltene Sonnentor von Tiwanaku zählt zu den wichtigsten erhaltenen Denkmälern des gesamten Andenraums.

Eine gute Stunde Fahrzeit später, vorbei an der gespenstisch wirkenden Millionenstadt El Alto, wo unzählige unverputzte Häuser eine ebenso trostlose wie spektakuläre Landschaft zieren, und ich stehe über La Paz, die gleich mehrere Superlative für sich beanspruchen darf. Sie ist auf dreitausendsechshundert Meter die höchst gelegene Hauptstadt der Welt. Passionierte Radfahrer sollten die Stadt allerdings meiden: Vom tiefst bis zum höchst gelegenen Viertel sind neunhundert Höhenmeter zu überwinden. Hat man Geld, wohnt man im Tal, wo man die eisigen Winde des Hochlands weniger spürt und die Temperatur bis zu zehn Grad wärmer ist als auf den Höhen Laz Paz‘. Geld mit Touristen wird in La Paz noch direkter verdient als an anderen Orten: Auf dem bunten Bauernmarkt der Stadt nehmen mir Könner ohne Federlesens mein Smartphone ab. La Paz hebt die Fremdheit der Andenkultur auf eine neue Stufe. Das Rätsel, wie sie funktioniert, kann ein kurzer Besuch dort nicht lösen. Die an den Läden baumelnden getrockneten Alpacaföten werde ich jedenfalls nicht so schnell vergessen.

Der Artikel wird als Kulturbrief in der nächsten Ausgabe von Literatur und Kritik veröffentlicht.

Nächste Station war Buenos Aires.

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René Magritte

Albertina 7.12.

Eigentlich wollte ich diese Schau auslassen, weil ich durch die große Zahl an Blockbuster-Ausstellungen in der Albertina zunehmend genervt bin. Ein großer Name jagt den nächsten, was zwar für in Wien Wohnenden Vorteile hat, aber die im Hintergrund stehende Besuchermaximierungsstrategie schreckt ab. Man erkennt die Absicht und ist verstimmt.

Das wäre in diesem Fall ein Fehler gewesen. Magritte zählt zum Kernbestand jedes Posterladens, was eine unbefangene Annäherung erschwert. Desto erfreulicher, dass man in der mehr als 150 Werke umfassenden Ausstellung auch einen unbekannteren Maler kennenlernen kann: Zeichnungen sind ebenso zu sehen wie Gebrauchskunst. Die bekanntesten Werke zählen zum Spätwerk, etwa die gesichtslosen Männer. Ich wusste aber nicht, dass Magritte auch einmal im Stile Renoirs malte. Beispiele findet man ebenfalls in der Ausstellung.

Wer Magrittes Bilder nur in Reproduktion kennt, wird sich wundern, dass die Originale weniger glatt und glänzend sind. Die Sujets wirken deshalb noch hintergründiger als im Hochglanz. (Bis 26.2.)

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Reise-Notizen: Waldviertel

Bevor ich im August einige Tage im Waldviertel unterwegs war, kannte ich Usbekistan besser als diesen Teil Österreichs. Zöge man um Wien konzentrische Kreise nähme – cum grano salis – mein geographisches Wissen zu, je weiter man sich von Wien entfernt. Die Nachbarländer Polen und Ungarn beispielsweise kenn ich bisher kaum.
Was das Waldviertel angeht, stellte sich meine Ignoranz als Fehler heraus, und zwar unerwartet in intellektueller Hinsicht. Es gibt nämlich für den Kulturinteressierten jede Menge zu besichtigen: Burgen  und Stifte.

Die zu einem Renaissanceschloss umgebaute Rosenburg kann innen und außen mit Hilfe eines passablen Audioguides besichtigt werden. Dabei erfährt man auch einiges über die Hobbys gelangweilter Aristokraten oder die Entwicklung der zeitgenössischen Mode. Sehr beeindruckend ist die südlich von Zwettl gelegene Burg Rapottenstein. Eine der best erhaltenen spätmittelalterlichen Burganlagen überhaupt, erlaubt sie einen interessanten Einblick in das waldviertler Ritterleben. Zugänglich allerdings nur im Rahmen von Führungen. Wie architektonisch abwechslungsreich die Gegend ist, zeigt das Schloß Rosenau. Heute als Hotel geführt, ist es ein gutes Beispiel für den Barockstil. Gleichzeitig beherbergt es das kleine, aber kompetent gemachte Freimaurer-Museum.
Die Renaissance betritt man wieder im Schloß Greilenstein. Selten bekommt man einen so guten Einblick in das Funktionieren des späten Feudalwesens, da Büro-, Gerichtsräume samt Akten noch erhalten ist. Faszinierend ist aber vor allem die Anlage insgesamt mit dem malerisch-heruntergekommenen Park, in dem man gerne einen ganzen Tag verbrächte. Sollte man unbedingt ansehen, wenn man in der Nähe ist.
Als Teil des österreichischen Kernlandes ist das Waldviertel natürlich mit Stiften gesegnet. Von Stift zu Stift fahrend, drängte sich mir die Frage auf, wie die damaligen nicht allzu zahlreichen Einwohner diese Luxusbauten dauerhaft finanzieren konnten. Heute werden die Anlagen als Wirtschaftsbetriebe geführt. Die Klosterläden verkaufen einen aparten Mix von Waren, beispielsweise viel Hochprozentiges und gleich einen geweihten Schutzengel dazu, sollte man sich nach dem Schnapskonsum doch noch ans Steuer setzen.
Eine der schönsten Klosteranlagen des Landes ist Stift Altenburg. Weniger berühmt als etwa Melk ist die Anlage ästhetisch überlegen, weil sich das Barockprinzip von der Struktur bis zu den einzelnen Gebäuden selten so einheitlich präsentiert. Die von Paul Troger mit einem grotesken Totentanz verzierte riesige Krypta zählt zu den faszinierendsten Kunsträumen, die ich bisher sah. Grandios auch Trogers Fresken in der Stiftskirche. Wer sich hinter den Altar schleicht, bekommt eine atemberaubende Perspektive des Deckenfreskos zu sehen. Ein barockes IMAX-Erlebnis.
Paul Troger begegnet man auch im Stift Zwettl, wo er die von Joseph Munggenast erbaute Bibliothek mit seiner Kunst schmückte. Seit dieser Reise gehört Troger zu meinen Barockfavoriten. Alleine seine Arbeiten lohnen eine Waldviertel-Tour. Deshalb sollte auch das vergleichsweise kleine Stift Geras im Norden nicht fehlen, wo Troger seine Kunstfertigkeit im furiosen Deckenfresko des Marmorsaals zeigt.

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Aiwasowski: Maler des Meeres

Bank Austria Kunstforum 26.4.

Anstatt wie sonst auf bekannte Namen zu setzen, will das Kunstforum mit der aktuellen Ausstellung den vor allen Russland und der Ukraine berühmten Marine-Maler Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817 – 1900) auch hierzulande bekannt machen. Tatsächlich sah ich bisher kaum so effektive und technisch perfekte Meeresgemälde wie die von Aiwasowski gemalten. Das Meer auf seinen Bildern hat eine so strahlende Leuchtkraft, dass Zeitgenossen verlangten, hinter die Gemälde zu sehen, wo sie Laternen oder andere “Tricks” vermuteten.

Aiwasowskis Bilder sind voll romantischem Pathos und setzen schamlos auf die Schiffsbruch-Metaphorik. Boshaft könnte man ihn als Boulevard-Maler auf höchstem technischen Niveau bezeichnen. Deshalb ist es auch fehl am Platz, ihn mit William Turner zu vergleichen, was offenbar ein Topos in der Aiwasowski-Rezeption ist. Richtig ist, dass auch Turner sehr furiose und effektvolle Marinemalerei betrieb. Seine ästhetische Entwicklung war aber eine völlig andere. Während Aiwaskowski bis zu seinem Tod überwiegend seiner realistischen Technik verhaftet blieb, entwickelte sich Turners Spätwerk formal immer mehr in Richtung Abstraktion. Turner zählte zu seiner Zeit zur formalen Avantgarde. Ihn nur aufgrund der Thematik mit Aiwasowski zu vergleichen, kratzt höchstens an der Oberfläche.

Die Bilder der Ausstellung sind jedenfalls sehr beeindruckend. Man kann sich nur schwer wieder von ihnen trennen. Wer nicht regelmäßig in die Eremitage kommt, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. (Bis 10.7.)

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Roboterträume

Kunsthaus Graz 28.1.

Im Kooperation mit dem Museum Tinguely aus Basel setzt sich die Ausstellung mit den diversen Facetten von Robotern auseinander. Popkulturelle Referenzen findet man ebenso wie Bezüge zur Debatte rund um Künstliche Intelligenz. Die Breite der gezeigten Kunstwerke ist groß. Von quasi dadaistischen Kunstinstallationen über Roboter, die den Zuseher zur Interaktion auffordern, bis hin zu insektenähnlichen, Unbehagen einflößenden Maschinen. Roboterträume ist eine der gelungensten modernen Ausstellungen, die ich seit längerer Zeit sah. Das hängt nicht zuletzt mit der ironischen Perspektive zusammen, welche viele der Kunstwerke zum Thema einnehmen. Nur noch bis 20.2.

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Michelangelo & Picasso

Albertina 3.1.

Die Albertina setzt vor allem auf Blockbuster. Im Moment sind dort gleichzeitig eine Michelangelo- und eine Picasso-Ausstellung zu sehen. Michelangelo allerdings nur noch bis zum 9. Januar. Hier sind mehr als 100 Zeichnungen ausgestellt, darunter auch prominente Leihgaben, etwa aus den Uffizien. Überwiegend sind diese nach den Werken gegliedert für die sie Studien darstellen: Die Schlacht von Cascina, Die Sixtinische Kapelle usw. Das ist durchaus spannend und gibt dem kunstgeschichtlich Interessierten die Gelegenheit zu eingehenderen Studien. Man müßte sich die Zeichnungen freilich in mehreren Tranchen ansehen, Dutzende Zeichnungen auf einmal sind angesichts der Aufmerksamkeit, welche diese filigrane Kunstform erfordert, zu viel auf einmal.

Die Picasso-Schau ist Frieden und Freiheit betitelt (bis 16.1.) und setzt sich mit der politischen (also vor allem pazifistischen) Seite seiner Bilder auseinandern. Das ist zwar biographisch und kunstgeschichtlich durchaus spannend. Persönlich kann ich mit dem zum Teil sehr schnell gepinselten Spätwerk Picassos ästhetisch nur wenig anfangen. Zu sehen sind auch ausführliche biographische Tafeln und viele Plakate der Friedensbewegung an deren Gestaltung Picasso mitwirkte.

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Ausstellungen und Museen in Wien

Die letzte in Wien verbrachte Urlaubswoche nutzte ich zu einer Reihe von Ausstellungs- und Museumsbesuchen:

Im Kunsthistorischen Museum zu sehen ist eine Ausstellung über Hans von Aachen (1552-1615), der an diversen Höfen Europas als Hofmaler erfolgreich war. Herausragende Beispiele seiner Portraitkunst sind zu sehen. Einige Kleinformate sind aber durch eine Absperrung so schlecht zu erkennen, dass sich das Mitnehmen eines Feldstechers empfiehlt.

Im Wien Museum widmet man dem großen Wiener Dichter eine Ernst Jandl Show. Hier sind vor allem die biographischen Exponate spannend, etwa das Zeugnis über Jandls Lehrer-Probejahr. Leider ist die Geräuschkulisse eine unwürdige Jandl-Kakophonie. Man hört diverse Aufnahmen zugleich und damit keine richtig. Die Akustik gehörte dringend nachgebessert.

Die Akademie der Bildenden Künste zeigt Living Across. Spaces of Migration, eine etwas eklektische, aber zum Nachdenken anregende künstlerische Auslotung des Migrationsthemas. Im Mittelpunkt stehen Videoinstallationen wie die beeindruckende Verarbeitung des Schiffsmotivs durch Zineb Sedira.
Ich besuchte nach längerer Zeit wieder einmal die Gemäldegalerie der Akademie und hatte ganz vergessen, dass darin einige herausragende Werke hängen, etwa von Rembrandt, Rubens und natürlich Hieronymus Bosch.

Eine Neuentdeckung war für mich das ebenso geschmackvoll wie instruktiv eingerichtete Globenmuseum der ÖNB. Eine der wertvollsten Sammlungen der Welt ist dort zu sehen. Ein ruhiger, inspirierender Ort inmitten des Wiener Innenstadt-Trubels.

Am gleichen Ort befindet sich das Esperantomuseum. Hier ist “Museum” allerdings etwas hoch gegriffen, es handelt sich nur um einen größeren Raum, in dem allerdings einige amüsante Kuriosa rund um die Kunstsprache ausgestellt sind.

Das Naturhistorische Museum hat vor einiger Zeit Christian Köberl als neuen Leiter bekommen. Was die Schauräume angeht, ließ er aber fast alles beim Alten. Das NHM besuche ich ja meistens weniger, ob der solid kurartieren Ausstellungen (aber: viel Patina!), sondern als Museum eines Museums. Die Räume, alten Schaukästen und das Gebäude sind den gezeigten naturhistorischen Belehrungen fast gleichrangig.

Abschließend die frohe Botschaft, dass es unser Museum Moderner Kunst (Mumok) mit Hyper Real endlich einmal geschafft hat, eine exzellente Ausstellung auf die Beine zu stellen. Anhand vieler Beispiele bekommt der Besucher die Entwicklung der neueren “ultrarealistischen” Malerei vorgeführt. Passenderweise ergänzt und kontrastiert durch Fotokunst. Klare Empfehlung!

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Neulich im MUMOK

The Moderns: Revolutions in Art and Science 1890-1935 (bis 23.1.)
Brigitte Kowanz: Now I see (bis 3.10.)

Man sollte meinen, in einer Kulturstadt wie Wien wäre hinlänglich Kompetenz vorhanden, um den Bezügen zwischen Naturwissenschaften und der modernen Kunst nachzugehen. Weit gefehlt! Die Ausstellung The Moderns strotzt vor Oberflächlichkeiten und Halbwahrheiten. Selbst Falschheiten findet man, etwa wenn auf einer Texttafel zu Einsteins spezieller Relativitätstheorie schnurstracks zu seiner berühmten Formel übergegangen wird. Die paar Zeilen zu Nietzsche sind zur Hälfte mit Biographischem gefüllt, als ob inzwischen nicht das letzte Schulkind wüßte, dass der Arme am Ende dem Wahnsinn verfallen ist. Man hätte die wenigen Zeilen vielleicht besser mit geistesgeschichtlicher Substanz angereichert, die über einige Schlagwörter hinausgehen.

Man könnte nun einwenden, ein so ambitioniertes Projekt könne ja nur an der Oberfläche kratzen. Man hätte aber zumindest an einigen Stellen exemplarisch in die Tiefe gehen können. Was man wissenschaftsgeschichtlich über die moderne Physik kolportiert, wird wissenschaftstheoretisch nicht reflektiert. Es wird jeweils die banalste Interpretationsmöglichkeit verwendet, also gedankliche Kurzschlüsse wie: Quantenphysik – Unschärfe – Beobachter – Abschied von der wissenschaftlichen Objektivität. Als ob es den handelnden Personen nicht um eine Beschreibung der Wirklichkeit gegangen wäre und als ob man Naturwissenschaften betreiben könnte, ohne das Ideal der Wahrheit im Hinterkopf zu behalten. Bücherregale zu diesem Thema wurden vollgeschrieben, aber offenbar von den Kuratoren nicht einmal angelesen.

Die den diversen wissenschaftlichen Themen wie “Energie” zugeordneten und ausgestellten Kunstwerke sind entweder mehr oder weniger willkürlich verteilt oder auch fragwürdig zugeordnet, etwa wenn man neue Raumkonzepte mit kubistischen Gemälden illustriert. Deren Formen ja meist mit euklidischer Geometrie gut beschreibbar wären und deren Zweidimensionalität in diesem Zusammenhang auch deplatziert ist.

Übrig bleiben die sehenswerten ausgestellten alten wissenschaftlichen Gerätschaften und die Kunstwerke, die auch ohne dem konzeptuellen Rahmen einen Besuch lohnen. Bedauerlich, dass eines der bekannteren Wiener Museen hier nicht zu mehr intellektuellem Niveau in der Lage war.

Die Lichtinstallationen der Brigitte Kowanz auf der anderen Seite sind sehr sehenswert. Ihr Ansatz ist originell, mit den Mitteln des Lichts auch semantische Fragestellungen zu reflektieren und Bezüge zur konkreten Poesie herzustellen. Gleichzeitig setzt sie ihr Konzept sehr ansprechend um, da die meisten ihrer Arbeiten das Prädikat “schön” im wörtlichen Sinn verdienen. Eine intelligente Augenweide.

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James Cleugh

Die Medici. Macht und Glanz einer europäischen Familie (Serie Piper, Restposten)

Als Vorbereitung meiner Toskana-Reise im Mai las ich auch James Cleughs Sammelbiographie über die Familie Medici. Das Buch setzt Ende des 13. Jahrhunderts ein und endet Mitte des 18. Jahrhunderts. Wobei der Schwerpunkt selbstverständlich auf der Renaissance liegt. Nach 500 eng bedruckten Seiten mit vielen Abbildung (leider alle schwarz-weiß), ist man gut informiert. Aber man legt die Monographie ohne Abschiedsschmerz aus der Hand. Cleugh gibt seinen gewaltigen Stoff solide und wohlgeordnet wieder. Ohne Zweifel beherrscht er das Metier des Sachbuchautors. Allerdings wird einem nichts darüber hinaus geboten. Weder reflektiert er die Historiographie, deren Teil er ist, noch stößt man auf stilistische Glanzleistungen. Kurz, es ist eine denkbar uninspirierte Angelegenheit. Trotzdem hat mich Cleugh mit einem umfassenden historischen Wissen für meine Reise ausgestattet, so dass ich von der Lektüre nicht abraten will.

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