Klassiker

Schillers Bücherwünsche als er sich in Bauerbach versteckt hielt

Brief an Wilhelm Friedrich Hermann Reinwald vom 9. Dezember 1782:

Sie waren so gütig meiner Bitte zuvorzukommen, und mir in meinen literarischen Bedürfnissen Vorschub zu versprechen. Ich bin also so frei Ihnen ohngefehr diejenigen Schriften zu merken, die mir zuerst einfallen, und meinen gegenwärtigen Wunsch am nächsten liegen. Sie sind:

Leßings kritische Schriften, also ohngefehr
Dramaturgie.
Theaterbibliotec.
Beiträge zur Litteratur.
Laokoon.

Homes Grundsätze der Kritik. Rammlers Bibliothek der Schönen Künste und Wißenschaften.
Robertsohns Geschichte von Schottland.
Shakespears Othello und Romeo und Juliette.
Smiths Theorie der Empfindungen.
D. Humes Geschichte Carls 1sten von Engelland.
Zimermann von der Erfahrung in der Arzneikunst.
Alexander Gerard über das Genie, und den Geschmak.
Mendelsohns, Sulzers, Garves [Philosophische Schriften].
Ouevres de Mons. l’Abbe St Real. (Denjenigen Teil wo die Geschichte des Don Carlos von Spanien vorkommt.)
Wielands Agathon.

und, wenn Sie welche haben,
Reisebeschreibungen -

Offenbar hat er genügend Bücher bekommen, um das Leben auf dem Dorf (“dem barbarischen Bauerbach”) ohne geistige Schäden zu überstehen :-)

Flattr this!

Ein “geflickter Lumpenkönig”

In einem bisher unbekannten Brief von 1933 übt Thomas Mann Kritik an Hitler

(APA) Frankfurt/Main – Einen bisher unbekannten, gegen das Naziregime gerichteten Brief des Schriftstellers Thomas Mann aus dem Jahr 1933 hat die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” am Dienstag veröffentlicht. Darin setzt sich Mann kritisch mit der veränderten politischen Lage nach Hitlers Machtergreifung 1933 auseinander. Unter anderem bezeichnet er Hitler als einen “geflickten Lumpenkönig”, der “schauerliche Geschichtsfälschungen…ins Mikrophon bellen darf”. Die Deutschen seien so “märchenthöricht”, sich das gefallen zu lassen.

Mann schrieb den Brief am 4. Februar 1933, wenige Tage nach der Machtergreifung, an den Historiker Eugen Fischer-Baling. Dieser, ebenfalls ein Hitler-Kritiker, hatte sich in seinem 1932 erschienenen Buch “Volksgericht” mit den historischen Hintergründen des Ersten Weltkriegs beschäftigt. Der Schriftsteller brach eine Woche nach Verfassen des Briefes zu einer Vortragsreise nach Amsterdam, Brüssel und Paris auf. Anders als geplant kehrte er von dieser Reise nicht nach Deutschland zurück; sie führte ihn ins Exil in die Schweiz und später in die USA.

Der Brief stammt nach Angaben von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners aus dem Nachlass des 1964 gestorbenen Fischer-Baling und war bisher nicht veröffentlicht worden. Die ersten bisher bekannten Äußerungen Manns gegen das Dritte Reich stammen aus einem Brief von 1937.

Flattr this!

Schiller über die “Räuber”

Brief an Wolfgang Heribert von Dalberg über die “Räuber”:

[3. November 1781]

Daß E.E. die Amalia lieber erschießen als erstechen laßen wollen gefällt mir ungemein, und ich willige mit Vergnügen in diese Veränderung. Der Effekt muß erstaunlich seyn, und kömmt mir auch räubermäßiger vor.

Flattr this!

Hayden Pelliccia: Was Jason a Hero?

The New York Review of Books 12/2001

Die Neuübersetzung der “Argonautika” des Apollonius Rhodios durch Peter Green (University of California Press) ist für Pelliccia ein willkommener Anlass* um mehrere Dinge klar zu stellen. Green interpretiere das Epos in weiten Teilen falsch, wenn er die klassische Tradition antiker Epen für seine Deutung ins Zentrum rücke. Der Rezensent kann das mit einer Reihe von plausiblen Argumenten belegen.

Amüsant ist seine Kritik an dem Epos, sie liest sich wie der Verriss eines gerade erschienenen Buchs, wobei selbstverständlich Kriterien der antiken Ästhetik und Literaturtheorie zur Beurteilung herangezogen werden.

Eine kleine Kostprobe:

There is little suspense, and very little sense that a plot is being advanced. Characters do not evolve, which in hindsight is unsurprising, given that almost nothing has been done to establish them in the first place. Changing the order of episodes around could often be done without much impact of the whole. In short, Apollonius has found in or made out of the traditional materials of the fleece story just the kind of loose, commodious, episodoc structure that Aristotle condemned and his own contemporary Callimachus embraced, using it for his own long poem “Aetia”.

* Die Rezension ist im kostenpflichtigen Archiv der NYRB.

Flattr this!

Machiavelli: Der Fürst

Es gibt Bücher, die man zu kennen glaubt, ohne sie gelesen zu haben. Machiavellismus ist ein gängiger Terminus für skrupellose Machtpolitik, “Der Fürst” wird gemeinhin als Beleg dafür angeführt. Nun zeichnen sich Klischees dadurch aus, dass sie einen wahren Kern besitzen, und so findet man viele Belege, die diese Interpretation stützen.

Man stößt aber ebenfalls auf konträre Aussagen, in denen Machiavelli ein idealistisches Herrscherbild zeichnet, und Gerechtigkeit einfordert. Die Rezeptionssituation erinnert an Nietzsche: Differenzierte Lektüre ist gefragt, nicht auf willkürliche Zitatensammlung gestützte Pauschalurteile.

Beeindruckend ist Machiavellis Sprache. Präzise Beschreibungen, logische Argumentation und treffende Metaphorik zeichnen seinen Stil aus. Faszinierend ist die analytische Schärfe seiner Analyse, aufschlussreich die Beobachtungen über menschliches Verhalten.

Aus geistesgeschichtlicher Perspektive interessant ist seine zweckrationale Methode. Sie zeigt einerseits, dass der gebetsmühlenhafte Vorwurf, die moderne Zweckrationalität sei ein Ergebnis der Aufklärung des 18. Jahrhunderts historisch falsch ist. Man könnte im Gegenteil argumentieren, dass die Aufklärer dieser Epoche bereits aus früheren “Fehlern” lernten und methodische Rationalität mit einem progressiven Wertekanon verbanden. Andererseits ist “Der Fürst” ein weiterer Beleg dafür, dass es oft sinnvoll ist, bei der politisch-ethischen Bewertung die methodisch-formale Ebene analytisch von den inhaltlichen Thesen zu trennen: Rationale, durch historische und politische Beobachtungen gestützte Analyse war zu Lebzeiten Machiavellis ausgesprochen progressiv: Die Gegenreformation stand ebenso noch bevor wie die irrationalen Exzesse der Hexenverfolgung.

Machiavelli: Der Fürst (Kröner)

Flattr this!

John Updike: Unter dem Astronautenmond

Der zweite Teil der Rabbit-Tetralogie ist ästhetisch komplexer als sein Vorgänger. Ein Grund dafür ist die explizite politische Dimension des Werks. Implizit ist ein Roman als fiktionale Darstellung von Wirklichkeit natürlich immer politisch (wenn man den Begriff nicht zu eng fasst).

“Rabbit Redux” zeigt die Umwälzungen der amerikanischen Gesellschaft Ende der sechziger Jahre aus der Sicht eines Kleinbürgers, dessen Leben befristet aus den Fugen gerät. Updikes Leistung besteht darin, diese Bedeutungsschichten so in den Roman einzubetten, dass sie als integraler Bestandteil der Handlung wirken, keinesfalls aufgesetzt wie so oft in politischen Thesenromanen. Zudem konfrontiert Updike den Leser mit einer Vielzahl von Perspektiven und unorthodoxen Meinungen, die erst kombiniert ein Gesamtbild ergeben.

Literarisch ist das Buch von erstaunlicher Perfektion: Von der komplexen Metaphorik über die personale Erzähltechnik bis hin zur Zeitstruktur, Updike beherrscht sein Handwerk. Motivation genug, sich nach und nach durch sein Gesamtwerk zu lesen.

John Updike: Unter dem Astronautenmond (rororo)

Flattr this!

Thomas Bernhard: Amras

Suhrkamp Taschenbuch (Amazon Partnerlink)

1964 geschrieben ist diese Erzählung aufschlussreich für Bernhards literarische Entwicklung. So finden sich eine Vielzahl von thematischen Motiven, die für seine späteren Werke konstitutiv sind: die Beschäftigung der Figuren mit Geistesfragen (hier Naturwissenschaften und Musik), sein schonungsloser Blick auf die österreichische Provinz (hier Tirol), die Zurückgezogenheit der Protagonisten von der Welt (hier ein Turm), das Zerbrechen von Geistesmenschen an der Welt.

Bernhards zukünftiger Stil klingt bereits an, er unterscheidet sich aber deutlich von seinem “reifen” Romanstil. Seine spätere Übertreibungskunst relativiert seine Kritik durch Ironie, ohne sie zu entkräften. In “Amras” ist wenig davon enthalten, so dass das schmale Werk einen viel düsteren Eindruck auf den Leser macht als seine Hauptwerke.

Flattr this!

Antike im Web (4): Classics Doctoral Student Finds Bones…

…That Prove Homer Was Right About Sacrifices”

Lange war es umstritten, ob Homers Beschreibungen der griechischen Opfer-Rituale authentisch sind oder erst nachträglich in die Epen eingefügt wurden. Nun scheinen neue archäologische Erkenntnisse zu belegen, dass Homers Beschreibungen tatsächlich zeitgenössische Bräuche schildern. Siehe Science Daily vom 23. 1. 2001.

Flattr this!

Nabokov: Pnin

rororo (Amazon Partnerlink)

Es ist erfreulich, dass die von Dieter E. Zimmer sorgfältige übersetzte und kommentierte Werkausgabe nach und nach als Taschenbuch erscheint, zumal Rowohlt sich in der letzten Zeit nicht durch verlegerische Großtaten auszeichnet.
Bis jetzt konnte ich mich zu keinem endgültigen Urteil über “Pnin” durchringen, dazu ist der Roman in meinen Augen ästhetisch zu ambivalent. Vor allem die intendiert eigenartige Erzählperspektive bedürfte einer ausführlichen Analyse. Auf den ersten Blick schildert ein Ich-Erzähler Ausschnitte aus dem Leben eines schrulligen russischen Professors, der als Exilant an einer amerikanischen Provinzuniversität lehrt.

Das Erzählte ist wesentlich detaillierter als dem Ich-Erzähler bekannt sein könnte, der Vorwurf eines fehlerhaft konstruierten allwissenden Ich-Erzählers läge nahe. Selbstverständlich macht ein Nabokov keine solchen Fehler, sondern verfolgt mit dieser Struktur bestimmte Ziele, nämlich einerseits den Leser zu verunsichern, andererseits (mindestens) eine zusätzliche Ebene in den Roman einzuführen: Die Beziehung zwischen der fiktiven Figur Pnin und dem fiktiven Erzähler, dem es nicht gelingt, Pnin so kauzig darzustellen, wie beabsichtigt. Letztendlich setzt sich Pnin gegen seinen Schöpfer durch und gewinnt die Sympathie des Lesers. Man könnte auch sagen, Nabokov verbündet sich als Autor mit seiner Figur gegen seinen Erzähler.

Trotzdem (oder deshalb?) wirkt der Roman auf mich sehr artifiziell im negativen Sinn des Wortes. Vor allem die existenzielle Dimension in Pnins Biographie kommt zu kurz, aber auch Pnins Intellektualität hätte mehr geistigen Raum verdient.

Links:

  • International Vladimir Nabokov Society
  • Nabokov Mailingliste
  • Flattr this!

    John Updike: Hasenherz

    Updikes Rabbit-Tetralogie steht seit Jahren auf meiner mentalen Leseliste, über “Hasenherz” kam ich bis jetzt aber nicht hinaus. Einen neuen Anlauf startend las ich den Roman nun zum zweiten Mal. Updikes Kunst besteht vor allem darin, moderne erzähltechnische Methoden der Bewusstseinsdarstellung souverän zu benutzen, um damit subtile psychologische Portraits zu zeichnen.
    Auffallend ist sein Blick für Details aller Art, die zur Atmosphäre des Romangeschehens maßgeblich beitragen, ohne – wie sonst so oft – in ästhetisch funktionslosen Schilderungen zu münden. Updike gehört nicht zu den Autoren, die durch wenige Striche eine fiktionale Welt entstehen lassen. Er ist zeichnet seine Welt mit präzisem Realismus, ohne den Leser damit zu ermüden.

    Johne Updike: Hasenherz (rororo)

    Flattr this!

    • RSS Feed for Posts
    • RSS Feed for Comments
    • Twitter
    • XING
    • Facebook

    Flattr

    Wer mag, kann die Notizen durch "flattern" unterstützen.

    Aktuell in Arbeit