Antike (Klassiker)

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Apologie des Sokrates

Sokrates Apologie zählt zu jenen Lieblingsklassikern, die ich regelmäßig immer wieder lese. In dieser Verteidigungsrede gegen jene verächtliche Anklage aus dem Jahre 399 BCE, die schließlich zu seinem berühmten Tod durch den Schierlingsbecher führt, finden sich viele geistige Schlüsselelemente für die europäische Entwicklung. Zuvörderst sind das die Autonomie des Individuums kombiniert mit dessen Kritikfähigkeit, Wahrheitsliebe sowie Gedanken- und Redefreiheit. Sokrates steht seinen Anklägern als freier Mann gegenüber und nimmt kein Blatt vor dem Mund. Er könnte wie die meisten Angeklagten rhetorisch taktieren, stattdessen spricht er uneingeschüchtert die Wahrheit über seine Anklage aus, nämlich dass sie ein leicht zu durchschauender Vorwand seien, und widerlegt die einzelnen Anklagepunkt schnell mit seinem scharfen Verstand.

Alle sokratischen Dialoge kreisen um das Thema Wahrheitssuche: Sokrates versucht durch geschicktes Befragen seinen Gesprächspartnern zu zeigen, dass ihre Theorien und Konzepte einer konstruktiven Kritik nicht standhalten. Gleichzeitig gab der Athener Jugend mit seiner Methode ein Werkzeug an die Hand, die „Allwissenheit“ der Erwachsenen anzuzweifeln. Das war sicher einer der versteckten Gründe für die Anklage:

So kommt es denn, daß die von ihnen [der Jugend] Überführten gegen mich voller Zorn sind und statt gegen sich selber und von einem gewissen Sokrates reden, einem gottlosen Menschen und Verführer der Jugend.

Er kündigt seinen Richtern und den anwesenden Athenern an, dass er sich nie ändern wird:

Solange ich noch Atem und Kraft habe, werde ich nicht aufhören, der Wahrheit nachzuforschen und euch zu mahnen und aufzuklären und jedem von euch, mit dem mich der Zufall zusammenführt, in meiner gewohnten Weise ins Gewissen zu reden“.

Bis heute eine unverzichtbare Charaktereigenschaft für freie Gesellschaften.

Sueton: Lives of the twelve Caesars

Suetons Geschichtswerk ist das einzige (fast) komplett überlieferte Werk des römischen Autors. Das mag mit der großen Popularität des Buches noch zu seinen Lebzeiten zusammenhängen. Was heute noch für hohe Einschaltquoten sorgt, nämlich Sex & Crime, sowie Klatsch über Prominenz, funktionierte bereits damals gut: Suetons zwölf Kaiser-Biographien sind voll davon. Je schlüpfriger, desto besser. Das liest sich stellenweise immer noch sehr unterhaltsam. Trotz dieses boulevardesken Einschlags ist Sueton eine der wichtigsten Geschichtsquellen über die Kaiserzeit. Für einige Protagonisten wie Caligula ist er sogar die Hauptquelle. Notwendig ist jedenfalls durchgehend eine sehr quellenkritische Lektüre. So fällt etwa schnell auf, dass Sueton bei Konflikten zwischen Kaisern und dem Senat sich fast immer auf die Seite des Senats stellt. Ich ließ mir die Biographien als Hörbuch vorlesen, wozu sie ganz vorzüglich geeignet sind.

Sueton: Lives of the twelve Caesars (als Hörbuch)

Sophokles: Antigone

Burgtheater 5.9. 2015

Regie: Jette Steckel

Antigone: Aenne Schwarz
Ismene: Mavie Hörbiger
Kreon: Joachim Meyerhoff
Haimon: Mirco Kreibich
Teiresias: Martin Schwab
Bote: Philipp Hauß
Chorführer: Oliver Masucci

Antigone zählt zu den besten und vielschichtigsten Dramen der Weltliteratur. Vielschichtig, weil es sich mit existenziellen Wertkonflikten beschäftigt, die bis heute relevant sind. Soll man die eigenen Werte über die Gesetze stellen? Wie streng muss ein Herrscher, die von ihm selbst gesetzten Regeln durchsetzen? Ist es vernünftig, die Religion über die Politik zu stellen? Wann ist Rebellion gegen die Eltern moralisch legitim? Das sind nur ein paar der Fragen, die das Stück des Sophokles in beindruckender Brillanz aufwirft.

1993 sah ich die Antigone einmal als tief beeindruckendes Kammerspiel auf der Perner Insel, inszeniert von Leander Haußmann – für mich bis heute eine Referenz. Jette Steckel wählt einen völlig anderen Ansatz: Sie inszeniert das antike Drama wie eine Oper. Nicht nur wird die Bühnenmaschinerie des Burgtheaters beeindruckend ausgenutzt, von einer rotierenden blendenden Lichtwand bis zur kompletten Vernebelung des Zuschauerraums. Gleichzeitig kommt oft pompöse Bühnenmusik unterschiedlicher Stilrichtungen zum Einsatz. Das ist in sich durchaus stimmig und „funktioniert“. Es lenkt aber doch zu sehr vom gesprochenen Wort ab und damit von der größten Stärke des Sophokles. Weniger opernhaftes Pathos wäre hier mehr gewesen.

Ein weiterer Einwand ist, dass die komödienhaft inszenierten Botenszenen (Philipp Hauß) unnötig an der Substanz des Stückes knabbern. Selbst Joachim Meyerhoff übertreibt es als Kreon in Sachen verrückter Extravaganz. An der schauspielerischen Leistung ist nichts auszusetzen und auch der Chor (oft im gesamten Theater verteilt) erfüllt seine Rolle tadellos.

Trotz der angesprochenen Kritikpunkte eine sehr sehenswerte Aufführung.

Koran

Viel wird über den Koran gesprochen und geschrieben: Gelesen hat ihn meiner Erfahrung nach allerdings niemand – Moslems und Islamforscher einmal ausgenommen. Ich will mir deshalb durch eine Komplettlektüre ein eigenes Bild machen. Ich lese den Koran wie alle alten Bücher als einflussreicher Klassiker und mache damit keinen Unterscheid zum Alten Testament oder zu Herodots Historien.

Der erste Leseeindruck: Dieses Buch ist fest in der arabischen Kultur des siebten Jahrhunderts verwurzelt. Wie auch in Genesis spielt sich alles vor dem kulturellen Hintergrund einer Nomadengesellschaft ab. So kommen im Text jede Menge Kamele vor und der Koran räumt die Existenz von Dschinn ein, also jener arabischen Geister, die man von Tausendundeine Nacht her kennt. Diese Einbettung in den soziohistorischen Kontext ist für eine neue Religion als Anknüpfungspunkt selbstverständlich unverzichtbar, sonst wären die potenziellen neuen Gläubigen gleich von Anbeginn an überfordert. Auch das „naturwissenschaftliche“ Niveau der Welterklärung geht über den damaligen Wissenstand nie hinaus. Allah setzt als Faktor immer dort ein, wo das Alltagswissen aufhört. Zwei Beispiele dazu mögen genügen. Warum erschuf Allah die Berge? Als eine Art Briefbeschwerer für die Erde:

Und wir setzten festgründete Berge in die Erde, damit sie nicht schwankte mit ihnen.
[Sure 21]

Er trägt auch persönlich zur kosmischen Statik bei:

Und er hält den Himmel, daß er nicht auf die Erde falle, es sei denn mit seiner Erlaubnis.
[Sure 22]

Der zweite Haupteinfluss auf den Koran sind die biblischen Schriften, deren Themen und Figuren ständig erwähnt werden, und fester Bestandteil der rhetorischen Strategie sind. Dabei gibt es auch Stellen, etwa über Jesus und seine frühen Jahre, welche sich in dieser Form nicht im Neuen Testament finden. Besonders eng sind die Gemeinsamkeiten beim apokalyptischen Weltbild. Mohammed spricht wie Jesus oft vom letzten Gericht, und die Vernichtung der Welt ist als Drohung ständig im Hintergrund präsent.

Wie beim Christentum stützt sich die Missionierungsarbeit auf drei Faktoren: Erstens, die bereits angesprochene Erklärung des derzeit Unerklärlichen durch den neuen Gott. Zweitens die Verheißung eines sensationellen Paradieses, wenn man sich bekehrt und den neuen Regeln der Religion folgt. Drittens die Drohung mit der Hölle. Sehr hübsch ist, dass den letzten Punkt der Koran sogar explizit einräumt:

Und demzufolge sandten wir ihn als arabischen Koran nieder und durchsetzen ihn mit Drohungen, auf daß sie gottesfürchtig würden.
[Sure 20]

Die Großartigkeiten des Paradies und der Grusel der Hölle werden oft erwähnt, teils in ritualistisch sich wiederholenden Formulierungen:

Aber für die Ungläubigen sind Kleider aus Feuer geschnitten, gegossen wird siedendes Wasser über ihre Häupter, das ihre Eingeweide und ihre Haut schmilz; und eiserne Keulen sind für sie bestimmt.
[Sure 22]

Siehe, Allah führt jene, die glauben, in Gärten durcheilt von Bächen. Geschmückt sollen sie sein in ihnen mit Armspangen von Gold und Perlen, und ihre Kleidung darinnen soll aus Seide sein.
[Sure 22]

Beides wird immer wieder unmittelbar gegenüber gestellt.

Zusätzlich wird regelmäßig versucht, ein Gefühl von Dankbarkeit zu evozieren, indem Mohammed betont, dass Allah für das Wohlergehen der Nomadengesellschaft sorgt:

Und in dem Wechsel von Nacht und Tag und in der Versorgung, die Allah vom Himmel hinabsendet, durch die er die Erde nach ihrem Tode erweckt, und in dem Wechsel der Winde sind Zeichen für ein verständiges Volk.
[Sure 45]

Literarisch spannend ist die einzigartige Kommunikationssituation des Koran: Allah spricht nicht nur direkt zu seinem Propheten Mohammed, sondern gibt ihm wie ein moderner PR-Berater ständig konkrete Anweisungen, was er seinen Arabern sagen soll. Oft in der Form, wenn sie dir X sagen, dann antworte mit Y. X sind dabei meist zu erwartende Einwände, die gegen eine neuen Religionsgründer vorgebracht werden können.

In Form und Struktur ist der Koran einzigartig. So sind die Suren entgegen der Chronologie angeordnet: Die frühen Suren beschließen das Buch, die späten Suren stehen am Anfang. Erstere sind kurz und greifen immer wieder auf poetische Stilmittel zurück. Letztere sind längere Abhandlungen mit dem Schwerpunkt auf gesellschaftliche Regeln. Die moslemische Gemeinde war zu diesem Zeitpunkt schon bedeutend größer und komplexer, weshalb der Bedarf an normativen Regeln rapide gestiegen war.

Ein großer Unterschied zum Alten Testament oder zu den hinduistischen Epen ist das Fehlen größerer narrativer Strukturen. Es gibt keine einzige längere Erzählung im Koran. Abraham, Mose und Kollegen werden zwar oft erwähnt, aber nur immer kurz, um den Beleg für eine religiöse Forderung zu liefern. Gleichzeitig fehlt den Suren – trotz unterschiedlicher thematischer Schwerpunkte – jegliche Abwechslung, weshalb sich literarisch schnell Langeweile einstellt. Auch unterschiedliche Genres wie im Alten Testament (Geschichtserzählung, Gesetze, Propheten, Sprichwörter usw.) finden sich nicht.

Der Koran ist demgegenüber für die Rezitation ausgelegt, was nicht nur zur mündlichen Tradition arabischer Nomadenstämme passt, sondern sich selbst in der Übersetzung noch durch zahlreiche formelhafte Wiederholungen zeigt.

In der Öffentlichkeit gibt es das eingespielte Medienritual, dass zwischen Islamismus und Islam immer dann unterschieden wird, wenn neue Terroranschläge zu beklagen sind. Das habe nichts mit dem Islam zu tun, wird dann ritualartig von allen Seiten betont. Es wird auch in Abrede gestellt, dass das islamistische ISIS-Kalifat auf dem Islam basiere. Liest man den Koran aber unter der moslemischen Voraussetzung, dass es das unmittelbare Wort Gottes ist, und deshalb eine nicht zu hinterfragende Handlungsanleitung, ist dieser Distanzierungsreflex leider falsch.

Wie alle religiösen Texte, ist auch der Koran polyvalent: Man findet für fast jede Auffassung ein passendes Zitat. Es ist ja ein wesentliches Erfolgsrezept einer Weltreligion, dass sie möglichst unterschiedliche Zielgruppen bedienen kann, und die Basistexte ohne Schwierigkeit selbst logisch widersprüchliche Aussagen stützen. Die Bibel ist dafür ein ebenso exzellentes Beispiel. Die einzig intellektuell zulässige Vorgehensweise wären hier Meta-Interpretationsregeln, die für alle Textstellen gelten, und die es weder für das Christentum noch für den Islam gibt. Ergebnis: Man bewirft sich ad infinitum mit sich widersprechenden Textstellen bei null Erkenntnisgewinn. Man denke hier an die theologische Bibelinterpretation: Wenn es genehm ist, nimmt man eine Textstelle wörtlich. Wenn nicht, versteht man sie im symbolisch.

Wie ist das also jetzt mit dem Jihad und den Ungläubigen?

Es gibt nur wenige Stellen, die sich mit gutem Willen als Toleranz gegenüber Ungläubigen verstehen lassen:

Siehe, Allah ist vergebend, verzeihend.

[…]

Siehe, Allah ist wahrlich gütig gegen die Menschen und barmherzig.
[Sure 22]

Demgegenüber steht eine Vielzahl von ausgesprochen aggressiven Stellen auf die sich Islamisten völlig berechtigt berufen können, wenn sie ihrem unappetitlichen Handwerk nachgehen. Ich beschränke mich auf wenige Beispiele:

Es gibt keine Stadt, die wir nicht vernichten wollen vor dem Tag der Auferstehung oder doch mit strenger Strafe strafen wollen; das ist in dem Buch verzeichnet.
[Sure 17]

Wahrlich, Allahs Haß ist größer als euer Haß gegen euch selber, da ihr zum Glauben gerufen wurdet und ungläubig waret.
[Sure 40]

Und wenn ihr einen Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.
[Sure 47]

Aus historischer Perspektive kann man diese Aggressivität einerseits mit dem Kampfesethos der damaligen Stammesgesellschaften erklären. Andererseits mit dem Status als kleine, verfolgte religiöse Minderheit, die deshalb rhetorisch überkompensiert. Gefährlich wird es allerdings, wenn heute solche Stellen als Handlungsanweisung wörtlich genommen werden.

Das gilt auch für die sozialen Regeln, welche der Koran vorschreibt. Für das siebte Jahrhundert waren sie teilweise sozialrevolutionär. Das Almosengebot etwa etablierte erstmals ein religiös vorgeschriebenes soziales Netz für (verstoßene) Frauen, Waisen und Arme. Selbst die heute archaisch wirkenden Regeln für Frauen, waren in Zeiten, wo sie als Eigentum des Mannes galten, progressiv. Fortschrittliche Moslems transponieren das deshalb in ihre Forderung, soziale islamische Regeln heute müssten genauso ihrer Zeit voraus sein wie damals jene des Mohammed.

So lange 1,7 Milliarden Moslem den Koran allerdings buchstäblich als Wort Gottes verstehen, wird die Menschheit vor einer schwer zu lösenden Herausforderung stehen.

Koran.. Übersetzt von Max Henning.

Bhagavad Gita

Die Bhagavad Gita fehlt auf keiner Liste mit den bedeutendsten Klassikern der Weltliteratur und ist gleichzeitig einer der wichtigsten religiösen Texte des Hinduismus. Ursprünglich war es kein eigenes Buch, sondern Teil des indischen Riesenepos Mahabharata. Trotz (oder aufgrund?) seiner Kürze von 700 Versen zählt dieser Auszug zu den meist gelesenen und beliebtesten hinduistischen Texten.

Wie so viele Epen beschäftigt sich auch der Mahabharata mit einem großen Krieg. Zu Beginn der Bhagavad Gita finden wir den Helden Arjuna zwischen zwei feindlichen Heeren, die für ihn ein moralisches Dilemma darstellen: Er hat Familie und Freunde auf beiden Seiten:

O day of darkness! What evil spirit moved our minds when for the sake of an earthly kingdom we came to this field of battle ready to kill our own people?
[1, 45]

Was geschieht, wenn ein Mensch moralische Bedenken hat? Es kommt ein Gott und versucht ihm dieses Zaudern auszureden. Denn Religion ist ja bekanntlich jene Kraft, die gute Menschen am besten für böse Taten motiviert. Konkret ist das hier Krishna, der praktischerweise auch seinen Streitwagen lenkt:

Think thou also of thy duty and do not waver. There is no greater good for a warrior than to fight in a righteous war.
[2, 31]

Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Religion war es immer, das Volk für die Herrschenden zu mobilisieren. So offen wie hier wird das aber nur selten ausgesprochen.

Den Rest des Buches versucht Krishna nun Arjuna zu überzeugen, dass er unbedingt kämpfen muss. Er verwendet dazu unterschiedliche Strategien und beginnt mit den religiösen Kernkonzepten des Hinduismus, etwa der Reinkarnation. Später kommen weitere grundlegende Prinzipien zur Sprache, so das Kastensystem.

Krishna überzeugt Arjuna, indem er ihm die Kompatibilität seiner spirituellen Pflichten mit denen seines Alltags aufzeigt. Die Botschaft ist klar: Du kannst ein normales Leben führen und trotzdem deine religiösen Pflichten erfüllen. Das dürfte – neben der attraktiven literarischen Form – einer der Gründe für die große Popularität der Bhagavad Gita sein.

Eingestreut findet man hübsche Sätze wie diese:

From passion comes confusion of mind, then loss of remembrance, the forgetting of duty. From this loss comes the ruin of reason, and the ruin of reason leads man to destruction.
[2, 63]

Gelesen habe ich den Klassiker in einer wunderschönen bibliophilen Ausgabe der Londoner Folio Society.

The Bhagavad Gita. (Folio Society)

Über die Relevanz von Herodot und Thukydides

Wer Herodots „Historien“ und Thukydides‘ „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ versteht, weiß wohl das Wichtigste, was es über die Natur des Menschen und des Krieges zu wissen gibt.

Ein sehr gutes Beispiel dafür liefert Robert Kaplan in The Atlantic. In seinem Essay The Art of Avoiding War beschreibt er hübsch, was die amerikanische Außenpolitik von den beiden grandiosen griechischen Geschichtsschreibern lernen kann:

The Scythians were nomadic horsemen who dominated a vast realm of the Pontic steppe north of the Black Sea, in present-day Ukraine and southern Russia, from the seventh century to the third century b.c. Unlike other ancient peoples who left not a trace, the Scythians continued to haunt and terrify long after they were gone. Herodotus recorded that they “ravaged the whole of Asia. They not only took tribute from each people, but also made raids and pillaged everything these peoples had.” Napoleon, on witnessing the Russians’ willingness to burn down their own capital rather than hand it over to his army, reputedly said: “They are Scythians!”

The more chilling moral for modern audiences involves not the Scythians’ cruelty, but rather their tactics against the invading Persian army of Darius, early in the sixth century b.c. As Darius’s infantry marched east near the Sea of Azov, hoping to meet the Scythian war bands in a decisive battle, the Scythians kept withdrawing into the immense reaches of their territory. Darius was perplexed, and sent the Scythian king, Idanthyrsus, a challenge: If you think yourself stronger, stand and fight; if not, submit.

Ein Geschenk der Götter

Filmcasino 31.12. 2014

D 2014

Regie: Oliver Haffner

Neun Langzeitarbeitslose landen via Jobcenter statt im ursprünglich geplanten Computer- in einem Theaterkurs. Den gibt Anna, die sich eigentlich arbeitslos melden wollte, weil ihr Vertrag am Stadttheater nicht verlängert wurde. Haffner drehte den Film in und um Ulm herum. Herausgekommen ist deshalb auch ein Porträt der deutschen Provinz. Die neun Protagonisten stehen alle auf der Verliererseite des deutschen Wohlstands und Haffner leuchtet kurz, aber hell, in ihre Hartz-4-Existenzprobleme hinein. Das gibt dem Werk auch eine politische Dimension.

Was den Film aber grandios macht, ist der Bezug zum Theater. Nach heftigen Konflikten zu Beginn erarbeitet diese inhomogene Gruppe mit zunehmender Hingabe eine Aufführung von Sophokles‘ Antigone. Als Kontrast dient die alles andere als sympathische Provinztheaterszene. Wider aller Wahrscheinlichkeit gelingt ihnen ein toller Theaterabend.

Das Prinzip „Underdogs treffen auf Theaterklassiker“ funktionierte ja bereits in Cäsar muss sterben ausgezeichnet.

Ein Interview mit dem Regisseur brachte die Süddeutsche Zeitung.

Aischylos: Die Perser

Keines Mannes Knechte oder Untertanen heißen sie.
(Aischylos)

Meine Lektüre ist derzeit von der bevorstehenden dreiwöchigen Iran-Studienreise geprägt. Ich nutze die Gelegenheit, mich zum ersten Mal intensiv mit den Persern zu beschäftigen. Ein guter Anlass also, mir Aischylos Drama wieder vorzunehmen. Die Perser wurde 472 vor unserer Zeitrechnung aufgeführt und ist damit die erste überlieferte griechische Tragödie. Das Werk ist in vieler Hinsicht bemerkenswert. Im Mittelpunkt steht nämlich die Brutalität des Krieges, welche nicht nur für die europäische Geschichte ein beständiger Begleiter sein wird. Erstaunlich ist, mit welcher Empathie Aischylos die Leiden der Feinde ins Zentrum rückt. Zwar dient das Stück vor allem dem patriotischen Zweck, den Sieg der Athener bei Salamis zu feiern. Trotzdem schildert der Autor drastisch die Kriegsfolgen für ein Land:

Die Klippen auch und Ufer waren überschwemmt von Leichen.

Zu Beginn ist das Schicksal des persischen Heeres noch unklar, es gibt aber düstere Vorzeichen sowohl in der Rede des Chors als auch durch den Traum der Königsmutter Atossa. Wie der Bote dann die schlechte Nachricht verkündet, um sie dann im gruseligen Detail auszuführen, ist auch heute auf der Bühne noch sehr wirkungsvoll. Erwähnenswert ist auch, dass bereits im ersten überlieferten Drama ein Geist seinen Auftritt hat: Dareios. Hier spannt sich ein hübscher literaturgeschichtlicher Bogen zum Auftritt von Hamlets Vater.

Ästhetisch nimmt Aischylos in seinem frühen Stück zentrale Aspekte der späteren Tragödien vorweg. Etwa das auch strukturell wichtige Konzept der Hybris. Hier ist es Xerxes, dessen Vermessenheit die Götter mit dieser Katastrophe strafen. Ein würdiger Auftakt der europäischen Theatergeschichte.

Politik und die Bibel

Christliche Fundamentalisten berufen sich heute noch gerne auf das Alte Testament zur Rechtfertigung ihres ideologischen Weltbilds. Wie irrational das ist, zeigt hübsch der folgende offene Brief des J. Kent Ashcraft an die ultrakonservative Kommentatorin Dr. Laura Schlesinger (Mai 2000):

Dear Dr. Laura,

Thank you for doing so much to educate people regarding God’s Law. I have learned a great deal from your show, and I try to share that knowledge with as many people as I can. When someone tries to defend the homosexual lifestyle, for example, I simply remind him that Leviticus 18:22 clearly states it to be an abomination. End of debate.

I do need some advice from you, however, regarding some of the specific laws and how to best follow them.

a) When I burn a bull on the altar as a sacrifice, I know it creates a pleasing odor for the Lord ( Lev 1:9 ). The problem is my neighbors. They claim the odor is not pleasing to them. Should I smite them?

b) I would like to sell my daughter into slavery, as sanctioned in Exodus 21:7 . In this day and age, what do you think would be a fair price for her?

c) I know that I am allowed no contact with a woman while she is in her period of menstrual uncleanliness ( Lev 15:19-24 ). The problem is, how do I tell? I have tried asking, but most women take offense.

d) Lev. 25:44 states that I may indeed possess slaves, both male and female, provided they are purchased from neighboring nations. A friend of mine claims that this applies to Mexicans, but not Canadians. Can you clarify? Why can’t I own Canadians?

e) I have a neighbor who insists on working on the Sabbath. Exodus 35:2 clearly states he should be put to death. Am I morally obligated to kill him myself?

f) A friend of mine feels that even though eating shellfish is an Abomination ( Lev 11:10 ), it is a lesser abomination than homosexuality. I don’t agree. Can you settle this?

g) Lev 21:20 states that I may not approach the altar of God if I have a defect in my sight. I have to admit that I wear reading glasses. Does my vision have to be 20/20, or is there some wiggle room here?

h) Most of my male friends get their hair trimmed, including the hair around their temples, even though this is expressly forbidden by Lev 19:27 . How should they die?

i) I know from Lev 11:6-8 that touching the skin of a dead pig makes me unclean, but may I still play football if I wear gloves?

j) My uncle has a farm. He violates Lev 19:19 by planting two different crops in the same field, as does his wife by wearing garments made of two different kinds of thread (cotton/polyester blend). He also tends to curse and blaspheme a lot. Is it really necessary that we go to all the trouble of getting the whole town together to stone them? ( Lev 24:10-16 ) Couldn’t we just burn them to death at a private family affair like we do with people who sleep with their in-laws? ( Lev. 20:14 )

I know you have studied these things extensively, so I am confident you can help.

Thank you again for reminding us that God’s word is eternal and unchanging.

Your devoted disciple and adoring fan.

Das Trojanische Pferd

Kasino des Burgtheaters 7. Juni 2012

Regie: Matthias Hartmann
Musik: Karsten Riedel, Joeri Cnapelinckx

mit
Therese Affolter
Bernd Birkhahn
Franz Csencsits
Sven Dolinski
Stefanie Dvorak
Lucas Gregorowicz
Sabine Haupt
Philipp Hauß
Daniel Jesch
Fabian Krüger
Oliver Masucci
Juergen Maurer
Christiane von Poelnitz
Sylvie Rohrer
Catrin Striebeck
Adina Vetter
Sara Zangeneh

Nach dem Erfolg des furiosen Krieg und Frieden hat sich der Matthias Hartmann wohl gedacht, dieses Konzept lasse sich problemlos auf andere Klassiker übertragen. Aber die Theaterkunst ist kein Fließband, weshalb dieser Abend überhaupt nicht funktioniert. Ich verließ deshalb nach knapp drei Stunden während der zweiten Pause den Schauplatz.

Beim Tolstoi-Projekt tragen, zusätzlich zur makellosen schauspielerischen Leistung, drei Dinge konzeptuell zum Erfolg bei: Tolstois grandiose Sprache, sein fiktionales Weltschaffungstalent sowie die Originalität des Regieansatzes. Auf Homer und seine Ilias lässt sich das nicht so ohne weiteres übertragen. Wobei sich Hartmann nicht auf Homer als literarische Quelle beschränkt: Es wird eine Fülle von unterschiedlichen, um nicht zu sagen: divergenten Texten zum Erzählen der Geschichte verwendet: Walter Jens, Rudolf Hagelstange, Euripides, Christa Wolf und eine Reihe mehr. Das sorgt zwar für interessante literarische Kontraste, wirkt aber ohne ein übergreifendes geistiges Konzept völlig unmotiviert. Die Welt Homers ist für uns eine fremdere Welt als das 19. Jahrhundert des russischen Romans. Hartmann versucht diese Distanz durch Kriegs-Klamauk zu überbrücken. Nun ist es selbstverständlich legitim, diese beschränkte antike Kriegerwelt ins Lächerliche zu ziehen. Damit lassen sich allerdings im besten Fall neunzig Minuten füllen, aber keinesfalls viereinhalb Stunden. Zumal ja die tragischen Seiten der Geschichte auch immer wieder mal ausgespielt werden, was inkohärent wirkt.

Schade, schade, schade!

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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