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Eine Notizen-Auswahl zum Kennenlernen

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Studentenaktion im Burgtheater

14.11. 2009

Lorenzaccio stand gestern auf dem Programm (Theaterkritik folgt), ein Stück über Korruption und die Unfähigkeit der „Elite“ im Florenz des 16. Jahrhunderts. Das Publikum wurde in der Pause passenderweise mit der Unfähigkeit der eigenen politischen Eliten konfrontiert, deren Symptom die desaströse und im internationalen Vergleich hochnotpeinliche Bildungs“politik“ ist. Schätzungsweise 150 bis 200 Studentinnen und Studenten besetzen im Rahmen der Protestaktion Unsere Uni die Bühne des Burgtheaters um auf Ihre berechtigten Anliegen aufmerksam zu machen. Auch Lehrende waren involviert. Es folgte ein Theater der ganz eigenen Art.

Wie pragmatisch die Protestbewegung angelegt ist, zeigt sich an der Dramaturgie. Zwar waren bereits vor dem Beginn der Vorstellung viele Studierende vor der Burg, aber man wartete doch tatsächlich brav die Pause gegen 21:50 Uhr ab, bevor man zur Tat schritt. Ein Teil zerstreute sich im Zuschauerraum, die meisten versammelten sich auf der Bühne und standen damit aus inszenatorischen Gründen im Dreck (Theatererde). Das Publikum spaltete sich in zwei Teile. Die (meinem Eindruck nach) überwiegende Mehrheit solidarisierte sich mit dem Protest. Es gab Applaus und „Bravo“-Rufe. Eine laut plärrende Minderheit gab sich empört mit „Buuh“-, „Raus hier“-, „Es reicht“-Rufen und ließen damit durchblicken, dass sie nicht verstanden hatten, was sie vor der Pause gesehen hatten. Sie schrieen im Burgtheater ihre eigenen Enkel und Kinder nieder, die für mehr Bildung protestieren, und schienen das Groteske der Situation nicht einmal zu erkennen. Es mag daran gelegen haben, dass die Abonnenten des „Nach der Premiere“ – Zyklus im Zuschauerraum saßen, von denen viele wohl mehr aus repräsentativen denn als kulturellen Gründen die Burg heimsuchen.

Anekdotisch möge dies das Ehepaar hinter mir illustrieren, die mir bisher noch nie mit Aktionismus aufgefallen waren. Beide waren bei den aufgebrachten Zwischenrufern. Die Dame schrie wenig damenhaft abwechselnd „Es reicht“, „Es waren nur ein paar Minuten ausgemacht“ und „Leere Schlagwörter“. Auf den naheliegenden Gedanken kam sie nicht, dass sich Ihre Forderung nach einer 3-Minuten-Aktion mit der einer komplexen Erörterung der Materie widersprechen könnte…

Die Studierenden hatten ein großes Transparent mit einem Brechtzitat auf die Bühne gebracht: „Schwierigkeiten werden nicht dadurch überwunden, dass sie verschwiegen werden“. Der Vortrag der Forderungen hätte aber etwas origineller inszeniert sein können. Die Bühne des Burgtheaters verlangt nach anderen Kommunikationsformen als eine blockierte Straßenkreuzung.

Nach einer guten halben Stunde war alles vorbei. Martin Schwab nutzte die Bankett-Szene nach der Pause geschickt für eine kurze Solidaritätserklärung mit den Studenten.

Ich berichtete als erster mit Live-Tweets von der Aktion, die schnell die Runde machten (70 Retweets in in 2h). War eine interessante Erfahrung, einmal aktuelle Informationen zu liefern, die sehr stark nachgefragt waren.

Weitere Informationen:

Meine Fotos von der Aktion
Video von der Aktion
Bericht in der Spät-ZIB des ORF (am Ende)

Kommentare?

Mein Privatkanon

Letzte Aktualisierung: 22.April 2017

Hier also die Liste meiner Lieblingsklassiker inklusive der Verlinkung auf die ensprechenden Notizen. Kurz: Es handelt sich um meine dringendsten Leseempfehlungen. Zuletzt nahm ich Balzacs Verlorene Illusionen in diesen illustren Kreis auf!

In den Bibliomanen Betrachtungen beschreibe ich meine derzeitigen Lesegewohnheiten. Was Lektüre zum Tagesgeschehen betrifft, verweise ich auf Was soll man lesen?.

Bibel – [Notiz]
Homer: Die Odyssee – [Notiz]
Herodot: Historien – [Notiz]
Aischylos: Orestie
Sophokles: König Ödipus; Antigone
Thukydides: Geschichte des peloponnesischen Kriegs – [Notiz]
Platon: Der Staat – [Notiz]
Aristoteles: Nikomachische Ethik
Ovid: Metamorphosen – [Notiz]
Augustinus: Der Gottesstaat – [Notiz]
Dante: Göttliche Komödie – [Notiz]
Montaigne: Essais – [Notiz]
Shakespeare: Tragödien – [Notizen]
Cervantes: Don Quijote – [Notiz]
Sterne: Tristram Shandy [Notiz]
Moritz: Anton Reiser
Schiller: Don Karlos; Wallenstein; philosophisch-ästhetische Schriften – [Notizen]
Goethe: Briefwechsel mit Schiller – [Notiz]
Goethe: Faust – [Notiz], Wahlverwandtschaften – [Notiz]
Balzac: Verlorene Illusionen [Notiz]
Flaubert: Madame Bovary
Dostojewskij: Die Brüder Karamasow – [Notiz], Böse Geister
Tolstoi: Anna Karenina. [Notiz]
Joyce: Ulysses – [Notiz]
Kafka: Erzählungen, Der Proceß
Thomas Mann: Buddenbrooks – [Notiz], Zauberberg, Josephs Romane – [Notizen], Dr. Faustus
Musil: Mann ohne Eigenschaften – [Notiz]
Doderer: Strudlhofstiege – [Notiz]
Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts – [Notiz]
Johnson: Jahrestage – [Notiz]
Bernhard: Auslöschung – [Notiz]

Chinesischer Frühling? [2007]

Ein Reisebericht

Man mag sich noch so ausführlich auf ein fremdes Land vorbereiten, viele Bücher und ungezählte Artikel lesen, sich mit Experten und „Experten“ im Vorfeld austauschen, Dokumentationen ansehen und Recherchen betreiben: Man gewinnt medial selbst bei beachtlichem Aufwand kein Bild, das den Eindrücken vor Ort stand halten könnte. Meine knapp dreiwöchige Reise begann Anfang April in Peking, führte von dort in die Provinz Shanxi (Hauptstadt: Taiyuan) und endete nach den Stationen Xian und Guilin in Shanghai. Eine meiner vielen Erwartungen war, dass das totalitäre System in China direkt im Alltag der Menschen beobachtbar sein müsste. Weit gefehlt! Die Menschen nehmen auch bei politischen Fragen kein Blatt vor den Mund. Selbst bei klassischen Tabuthemen kommt anscheinend kaum jemand auf die Idee, seine Stimme zu senken, oder sich vorher umzusehen, wer gerade zuhört. So warf kurz nach meiner Ankunft in Peking bereits der lokale Guide am Tian’anmen-Platz meine Vorurteile über den Haufen, indem er offen von den Studentenprotesten und Falun Gong sprach. Ich bemerkte auch nur wenig Polizei und Militär auf der Straße. Sieht man allerdings wie fluchtartig ein kleiner Bettlerjunge, der sein Skateboard als Rollstuhl gebrauchte, verschwand, als ihm ein Polizist nur einen Blick zuwarf, wird der Respekt vor den „Ordnungskräften“ am Detail offenbar. Auch die Sicherheitskontrollen bei der Ein- und Ausreise waren kaum zu bemerken, kein Vergleich zu den Schikanen wie ich sie in Israel oder den USA beobachten konnte. Vor dem Hintergrund der gut dokumentierten Verfolgung von Dissidenten diverser Couleur, spricht dies für eine sehr differenzierte Vorgehensweise der Sicherheitskräfte. Man schlägt zu, sobald es für die Machthaber gefährlich werden könnte, belästigt die Bevölkerung aber nicht mit einem enormen Spitzelapparat. Zusätzlich hatte ich bei meinen Gesprächen nicht den Eindruck, dass politische Rechte bei den Menschen eine große Rolle spielen. An erster Stelle stehen nach wie vor ein menschenwürdiger Lebensstandard und eine gesicherte Zukunft für die Kinder.

Die in den westlichen Industrieländern so gefürchteten Niedriglöhne manifestieren sich dem Reisenden in Form einer Fülle von dienstleistenden Menschen. In jedem Hotel, in jedem Restaurant, in jedem Bus und jedem Zug, am Bahnhof und am Flughafen, gibt es unzählige Angestellte. Im Pekinger Capital Hotel, in dem sich die Aufzüge in Oxford-Englisch bei den Gästen nach jeder Fahrt bedanken, scheinen Menschen nur dazu angestellt zu sein, um den werten Reisenden etwa mit einem nachdrücklichen „Sir, please watch your step“ vor den Gefahren einer tückischen Stufe zu warnen. Am zweiten Abend klopfte es an die Tür meines Hotelzimmers. Drei verlegene junge Männer standen vor mir und redeten gestikulierend auf mich ein. Nach einiger Zeit verstand ich deren Aufgabe: Sie ziehen jeden Abend zu Dritt von Zimmer zu Zimmer, um nichts anderes zu tun als die Vorhänge zu schließen und die Betten aufzudecken. Am Flughafen geht die Bordkarte statt durch eine durch mindestens drei Hände, nicht ohne jedes Mal abgestempelt oder abgerissen zu werden. In guten Restaurants stehen nicht nur junge Männer auf den Toiletten, um den Gästen Seife und Handtücher zu reichen, man findet auch bis zu vier junge Damen am Ausgang des Lokals, von denen nichts anderes verlangt wird, als die Gäste freundlich zu verabschieden. Kurz, man sieht die Verlängerung der Billiglöhne in den Fabriken auch auf Schritt und Tritt im Dienstleistungssektor. Durch die westliche Brille betrachtet, ist das extrem ineffizient, reduziert aber sicher effektiv die Arbeitslosigkeit (zu Hungerlöhnen, versteht sich).

Die Perspektive des Mitteleuropäers kommt noch stärker zur Geltung, wenn es um die Kunstrezeption geht. Als ich vor dem knallbunten Himmelstempel samt Nebengebäuden in Peking stehe, kommt mir unweigerlich Disneyland in den Sinn. Das ist natürlich eine völlig inakzeptable Assoziation, sie stellt sich aber mit Hartnäckigkeit immer wieder ein. Auslöser dieses Eindrucks ist wohl unsere Gewohnheit, europäische antike Monumente meist in elegantem Weiß zu sehen. Es entbehrt selbstverständlich nicht der Ironie, dass auch sie im Original ähnlich knallbunt waren wie es die chinesische Architektur noch heute ist.

Vor dem Hintergrund der in Europa zum Teil wütend geführten Debatten um die korrekte Restaurierung von Kunstwerken, man erinnere sich nur an die „Renovierung“ der Sixtinischen Kapelle, verwundert es sehr, wenn man in China offenbar einfach fröhlich darauf los malt, sobald die Farben schwächer werden. Der Wert der Authentizität, der für uns zumindest bei der vormodernen Kunst einen so hohen Stellenwert einnimmt, spielt in Ostasien nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ein Professor für klassische Malerei in Guilin erläuterte zwei Wochen später dazu passend, dass es bei der Ausbildung zum Maler, die sieben Jahre und länger dauert, das höchste Ziel sei, perfekte Kopien von Meisterwerken herzustellen. Diese nähmen in der Wertschätzung dann durchaus denselben Rang ein, wie die „Originale“ selbst. Erst wenn man diese Kopiertechnik beherrscht, kann man sich dann durch subtile Feinheiten, etwa im Pinselstrich, einen Personalstil zulegen. Das ist nicht nur konträr zum abendländischen Konzept des Fortschritts und der Innovation in den Künsten, es dürfte auch die eine oder andere philosophische Theorie der Ästhetik in Verlegenheit bringen.

Unsere Reiseroute führte automatisch zu einem Buddhismus-Schwerpunkt. Besser spräche man wohl allgemein von „Religion“, da die in China gelebte Praxis des Mahayana-Buddhismus im Alltag mit unzähligen traditionellen Elementen kombiniert wird, vom Daoismus bis zum Ahnenkult. Mit der klassischen Lehre des Gautama hat dies naturgemäß nichts mehr zu tun. Eine der grundlegenden Ideen des Buddhismus ist bekanntlich, sich die Erlösung durch die Zähmung des Begehrens zu erarbeiten. In der chinesischen Tempelpraxis dagegen werden an die höheren Mächte begehrlich zahlreiche Wünsche herangetragen: Wie in allen anderen Religionen auch belästigt man die Vertreter der Transzendenz mit Wünschen nach Gesundheit, Kindern und einem langen Leben. Sind diese Grundbedürfnisse adäquat adressiert, darf es aber auch gerne eine Wohnung oder ein neues Auto sein, dessen beschleunigte Manifestation man sich durch ein gezieltes Opfer erhofft. An dieser Stelle sei kurz eingeflochten, dass ein junger, gut ausgebildeter Pekinger auf die Frage, was die größten Wünsche seiner Generation seien, folgende Einschätzung abgab: Erst eine Eigentumswohnung für die eigene Familie, danach einen Wagen (Mittelklasse sollte es schon sein) und schließlich eine Reise nach Europa.

Ungezählte Tempel betrat ich in den drei Wochen. Die höchste Konzentration dieser Anlagen findet sich auf 2000 Meter Höhe in einem malerischen Bergtal am Wutaishan, einem buddhistischen Lourdes (Provinz Shanxi). Je nach Zählung findet man dort um die 40 Klöster, in denen sich noch kaum Europäer, dafür aber sehr viele asiatische Pilger tummeln. Herausgreifen möchte ich nur eines davon, das Nanshan Si (Kloster am Südberg). Wenig besucht liegt es idyllisch am Ende des Tales und eignet sich hervorragend, um den ungeheuren Eklektizismus der Religionsausübung zu illustrieren: Es finden sich Hallen nicht nur zu den üblichen Verdächtigen, nämlich vielen Bodhisattvas, die religionssoziologisch für die Chinesen eine ähnliche Rolle spielen, wie die Heiligen für die Katholiken. Zusätzlich existieren dort daoistische Hallen und – mein Lieblingsfundstück – eine Wandmalerei mit einer furiosen Höllendarstellung, die selbst Dante Freude gemacht hätte, aber im buddhistischen Kontext eigentlich nichts verloren hat. Vieles davon ist leider nicht frei zugänglich, aber dank sinologischer Begleitung brachten wir einen Mönch dazu, uns auch die für Touristen eigentlich geschlossenen Teile des Klosters zu zeigen (darunter die „Hölle“).

Mich im Gewirr der Bodhisattvas ikonographisch zu Recht zu finden, gab ich schnell auf. So war es ein Trost, eine junge Chinesin zu beobachten, die unbedingt zu einem bestimmten dieser hilfreichen Geister beten wollte, und etwas ratlos vor den verschiedenen Figuren stand. Sie musste sich erst beim diensthabenden Mönch erkundigen, wen sie eigentlich anbeten sollte. Eine erfrischend pragmatische Vorgehensweise. Diese Lebensnähe kann man auch einer religiösen Zeremonie nicht absprechen, an der ich am anderen Ende des Tals als Besucher teilnahm. Mehrere Familien hatten Mönche mit einem „Ahnen-Gottesdienst“ beauftragt. Die Mönche saßen in einem offenen Viereck und lasen ihre Mantras. Die Gläubigen gingen, jeder mit einem Stapel Geldscheine in der Hand, langsam von Mönch zu Mönch und legten einen dieser Scheine vor einem Mönch nieder. Danach beugte man sich vor und empfing den Segen mit Hilfe der Schriftrolle aus der vorgelesen wurde. Nach kurzer Zeit stapelten sich vor den meisten Mönchen hübsche Stapel mit Banknoten. Als ich meiner Verblüffung ob dieser vergleichsweise schamlosen Umwandlung von Geld in Segen Ausdruck verlieh, wurde mir bedeutet, dass es sich dabei quasi nur um Trinkgelder handele und schon die Veranstaltung an sich ein großes Preisschild trüge.

Auf dem Weg zum Wutaishan sollte man auf keinen Fall die Yunggang Grotten bei Datong versäumen. Nach dem barbarischen Bildersturm der Taliban in Afghanistan, findet man dort die besterhaltenen buddhistischen Grotten aus dem 5. Jahrhundert. In vielen Höhlen finden sich zehntausende an Buddhafiguren, von zwei Zentimetern bis 17 Meter Höhe. Die Ausschmückung der Höhlen ist mit großer Meisterschaft ins Werk gesetzt worden und man stößt sogar auf europäische Einflüsse in der Bildsprache.

Eine vorzügliche Gelegenheit sich mit dem Islam in China zu beschäftigen, gab es in Xian, dem Zentrum des moslemischen Glaubens im Reich der Mitte. Die meisten Moslems sind Sunniten und Angehörige der Hui Nationalität und fallen im Straßenbild nur durch eine weiße Kappe auf. Ein Angestellter der Moschee, Herr Wai, erklärte sich bereit, uns einiges über den Alltag der Hui in China zu erzählen. Es klang relativ glaubwürdig, dass Chinas Regierung die Minderheiten löblich fördere. Diese Einschätzung bekam ich auch in Südchina zu hören und eine dieser Fördermaßnahmen bestehe darin, dass Minderheiten im Gegensatz zu Han Chinesen oft mehrere Kinder haben dürfen. Eine religiöse „Zusatzausbildung“ des Hui-Nachwuches sei kein Problem, so lange alle Kinder die staatlichen Schulen besuchen. Es gäbe auch ein staatliches Ausbildungsprogramm für Imame. Die Moschee selbst sieht von ihrer Architektur her aus wie ein chinesischer Tempel und wirkt deshalb wie ein religiöses Kuriosum.

Will man etwas über den Alltag der Chinesen erfahren, reicht es keinesfalls die klassische touristische Route (Peking, Xian, Guilin, Shanghai) zu bereisen. Deshalb entschieden wir uns für eine vielstündige Fahrt in die nordöstliche Gegend von Peking, sowie für einen knapp einwöchigen Besuch der Provinz Shanxi (nicht zu verwechseln mit Shaanxi weiter südlich), sieben Zugstunden westlich von der Hauptstadt gelegen.

Neben der Landwirtschaft ist die wichtigste Branche dort der Kohleabbau, und eine Reihe der berüchtigten Bergwerksunglücke mit vielen Toten fanden in Shanxi statt. Schon auf der Zugfahrt von Peking nach Datong (in der ersten von vier (!) Klassen) hatte man teilweise gespenstische Szenerien vor Augen: Man fährt auf dem Lößplateau, das der Landschaft eine dreckiggelbe Grundfarbe gibt. Davor türmen sich Kohleberge, alte durchgerostete Krananlagen und jämmerliche Blechhüten. Man stelle sich das in großen Dimensionen und mit schwarzem, klebrigem Kohlestaub bedeckt vor. Mich erinnerte dieser düstere Landstrich an die apokalyptischen Schilderungen des Wolfgang Hilbig und auch in der folgenden Woche kamen mir regelmäßig Beschreibungen des frühindustriellen Englands durch Charles Dickens in den Sinn.

Zwischen diesen noch im Gebrauch befindlichen musealen Industrieparks finden sich immer wieder futuristisch wirkende, hochmoderne Anlagen wie aus einem Prospekt in die chinesische Provinz verpflanzt, und geben ein groteskes Sinnbild über die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen China ab. Dieser staub trockenen Erde versuchen Bauern mit einfachsten Mitteln eine Ernte abzuringen. Die Dörfer bestehen vielerorts noch aus armseligen Lehmhütten, Müll aller Art ist allgegenwärtig. Viele hunderte Kilometer legten wir durch den Norden Shanxis zurück und nie habe ich etwas besser verstanden, als dass die jungen Menschen dieser Region in Scharen in die Städte abwandern. Selbst das Los eines Wanderarbeiters wird vor diesem Hintergrund sehr erstrebenswert.

Zwei Wochen später stand ich, diese Bilder immer noch im Kopf, am Bund in Shanghai vor der berühmten nächtlichen Skyline. Böse Zungen behaupten ja, dass China nicht nur Papier und Schwarzpulver, sondern auch den Kitsch erfunden hätte. Angesichts dieser bunten, aber doch seltsam stimmig wirkenden Disneywelt in den chinesischen Städten, ist man fast geneigt, dem zuzustimmen. Dieser ungeheuerliche Kontrast zwischen staubigen Lehmhütten und futuristischen Wolkenkratzern zeigt die Herausforderung, vor der China in den nächsten Jahrzehnten steht, wohl am augenscheinlichsten.

[Literatur und Kritik Juli 2007; © Christian Köllerer]

Museum der Stadt Bad Ischl oder über das Kulturverständnis der Provinz

22.2. 2009

Vor gut einem Monat hatte ich das Vergnügen, das „Museum der Stadt Bad Ischl“ zu besuchen. Wer in Ischl unterwegs ist, dem fällt schnell auf, dass an allen Ecken und Enden auf das Stadt-Sein hingewiesen wird, ganz so, als sei man sich dessen doch nicht ganz sicher und müsste sich die Verortung auf der Urbanitätsskala, wenn auch ganz unten, ständig selbst bestätigen.

Nun könnte man einwenden: Was in aller Welt hat in einem Hochkultur-Blog ein Bericht über diese provinzielle Entität zu  suchen? Der Grund heißt Heinz Knapp, ein „Künstler“, der hier eigentlich auch nicht erwähnt werden dürfte, stünde er nicht symptomatisch für die kulturelle und ästhetische Rückständigkeit der Provinz. Ihm ist im „Museum der Stadt Bad Ischl“ eine Sonderausstellung gewidmet, was mehr über das Kunstverständnis der Verantwortlichen aussagt als man eigentlich wissen will.

Das Museum selbst führt anhand „klassischer“ Exponante durch die Stadtgeschichte. Die Räume sind durchaus sorgfältig kuratiert und vermitteln interessante historische Einblicke. Erwartungsgemäß fehlt aber jedes kritische Bewusstsein. Der Franz-Josefs- und Sissi-Kult feiert fröhliche Urständ – an der Museumskasse gibt es sogar Sissi-Handschmuck käuflich zu erwerben – und man ist bereits positiv darüber überrascht, dass die Unterzeichnung der Kriegserklärung in Ischl erwähnt wird.

Der Unterhaltungstonsetzer Franz Lehár wird ständig servil als „Meister Lehár“ tituliert, woran Freunde der gepflegten Schnulze sicher ihre Freude haben.

Höhepunkt des Hauses die Sarsteinersammlung. Hans Sarsteiner (1839-1918) tat das Naheliegende: Er flüchtete regelmäßig aus Bad Ischl und unternahm eine Reihe von Weltreisen. Er brachte viele Exponate zurück nach Österreich, die jetzt im Museum zu sehen sind. Das bringt einen tröstlichen Hauch von weiter Welt in diese Räume, denn man erwartet keinen Samurai-Harnisch in einem oberösterreichischen Museum.

Man könnte die Form der Sonderausstellung nutzen, um kritisch einige Mythen der Stadt zu hinterfragen. Man könnte jungen Gegenwartskünstlern ein Forum bieten. Man könnte ein intellektuelles Kontrastprogramm anbieten als Gegenpol für die kulturelle Ödnis der Stadt. Stattdessen lädt man Heinz Knapp ein, seinen „Passionszyklus“ auszustellen. Warum ein Mensch mit Verstand im 21. Jahrhundert religiöse Splatterthemen als Sujet wählt, soll hier gar nicht hinterfragt werden. Dass dies aber in einer künstlerisch derartig peinlichen Form geschieht, ist eine Provinzposse ersten Ranges. Die „besten“ Bilder zeugen von dreister Klee-Epigonalität und die Skulptur im Raum (Goliath, wenn ich mich recht erinnere) erinnert ironiefrei an die Blechkulissen von Science Fiction Serien aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Moderne? Modernismus? Postmoderne?

Peter V. Zima bringt Licht ins Dunkel der aktuellen Theorienlandschaft [1998]

Für viele Literaturinteressierte ist der Begriff „Postmoderne“ längst ein Reizwort, das durch inflationären Gebrauch beinahe bedeutungsleer geworden ist. Aber nur wenige Theoretiker scheinen sich dadurch gestört zu fühlen: In philosophischen, soziologischen und literaturtheoretischen Debatten spielt das Postmoderne-Konzept mangels Alternativen nach wie vor eine wichtige Rolle. Kluge Veröffentlichungen zum Thema erleichtern diese theoretische Zwangsgemeinschaft, eine davon soll im folgenden vorgestellt werden.

Peter V. Zima, Vorstand des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Klagenfurt, publiziert in beeindruckender Regelmäßigkeit Studien, die als Standardwerke bezeichnet werden müssen. Nach Literarischer Ästhetik (1991) und Die Dekonstruktion (1994) ist nun Moderne/Postmoderne erschienen. Der Hauptvorzug liegt bei allen drei Bänden in der Kombination einer sehr differenzierten Analyse mit einer klaren Darstellungsweise. Angesichts der unnötigen Dunkelheit vieler literaturtheoretischer Publikationen, kann der hohe Grad an Lesbarkeit gar nicht genug hervorgehoben werden. Gilt doch in manchen Theoretiker-Zirkeln eine große Zahl an dunklen Metaphern bereits als Qualitätsnachweis, als ob stilistische Extravaganzen analytische Schärfe ersetzen könnten.

Die monographische Behandlung eines so komplexen Themas wie „Moderne/Postmoderne“ ist ein gewagtes Unterfangen, denn es gilt eine Vielfalt von Problemfeldern zu berücksichtigen. Den wichtigsten von ihnen sind denn auch fünf Kapitel der Studie gewidmet, im sechsten skizziert Zima eine eigene Theorie. Am Beginn steht zu Recht die Frage nach der Bestimmung der relevanten Begriffe, werden doch „Moderne“, „Modernismus“ und „Postmoderne“ von verschiedenen Disziplinen unterschiedlich verwendet. Während in der Soziologie „Moderne“ sehr oft synonym für „Neuzeit“ gebraucht wird, bezeichnet er auf literarischem Gebiet eine ästhetische Konzeption, die (trotz Vorläufern im vorigen Jahrhundert) erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Blüte stand. Deshalb schlägt Zima für den literarischen Bereich den Begriff „Modernismus“ vor, um Verwechslungen auszuschließen.

Umsichtig nimmt der Klagenfurter Literaturwissenschaftler mögliche Kritik vorweg, indem er seine Darstellung explizit als modifizierbare Konstruktionen begreift. Als Ausgangspunkt seiner Analyse dient ihm die These, daß Moderne, Modernismus und Postmoderne mit formalen und ästhetischen Kategorien allein nicht zu erfassen sind, dazu müsse auch der sprachliche, gesellschaftliche und soziologische Kontext berücksichtigt werden. Die Richtigkeit dieser Hypothese bestätigt sich im Verlauf der Untersuchung: Alle einschlägigen Publikationen, die ausschließlich mit formal-ästhetischen Kriterien arbeiten, beziehen sich jeweils nur auf einen Ausschnitt der literarischen Moderne und ignorieren Autoren, die sich nicht in die jeweilige Theorie einpassen lassen. Wie sollte man auch die Werke von Thomas Mann, Kafka, Joyce und Gide und anderen auf einen ästhetischen Nenner bringen? Bezöge man noch die diversen Avantgarden wie Futurismus und Dadaismus mit ein, wäre das Unterfangen gänzlich aussichtslos.

Angesichts dieser Problemlage widmet sich Zima zuerst soziologischen und philosophischen Fragestellungen. Die Antworten der Soziologen fallen erwartungsgemäß höchst unterschiedlich aus. Neben anderen werden einschlägige Publikationen von Ulrich Beck, Zygmunt Bauman, Alain Touraine und Anthony Giddens ebenso besprochen wie Bücher ökofeministischer, marxistischer und konservativer Provenienz. Dabei gelingt Zima stets eine sachliche Rekonstruktion der Theorien, ohne daß er deshalb auf kritische Argumente verzichten müßte.

Diese bewährte Darstellungsweise wendet der Literaturwissenschafter dann auch im Kapitel über postmoderne Philosophien an: Die Ansichten Foucaults, Deleuzes, Vattimos, Rortys und – selbstverständlich – Derridas werden prägnant analysiert. Habermas‘ Kommunikationstheorie wird als universalistische Kontrastfolie für Lyotards extremen Partikularismus verwendet.

Nachdem der theoretische Kontext nun detailliert beschrieben wurde, wendet sich Zima der literaturwissenschaftlichen Debatte zu. Er schlägt folgendes literaturgeschichtliche Modell vor: Während in der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts Ambiguitäten zwischen Schein und Sein, Gut und Böse usw. noch aufgelöst werden konnten, wandeln sie sich im Modernismus zu Ambivalenzen, die unaufgelöst nebeneinander bestehen bleiben. In der Postmoderne wird die Ambivalenz durch die Indifferenz abgelöst: Werte werden beliebig austauschbar. Zima macht diese Sichtweise überwiegend an Beispielen österreichischer Literatur plausibel, etwa indem er Musils Drama „Die Schwärmer“ Werner Schwabs „Mesalliance“ gegenüberstellt. Ein Ergebnis sind zwei nützliche Kataloge, welche typische Stilbegriffe und damit verbundene philosophische Probleme für den Modernismus und die Postmoderne zusammenfassen und die auch literaturtheoretischen Laien einen schnellen Überblick erlauben.

Welchen Standpunkt nimmt nun Zima selbst in den heftig tobenden theoretischen Grundsatzdebatten ein? Er macht kein Geheimnis daraus, daß er in der Tradition der Frankfurter Schule steht. Diese teilweise unkritische Übernahme der Kritischen Theorie fordert zur Kritik heraus, etwa wenn er sich an mehreren Stellen auf Adornos und Horkheimers Theorie der Aufklärung beruft, ohne den fragwürdigen Aufklärungsbegriff der beiden zu thematisieren. Trotzdem wäre es unfair, Zima eine ideologische Haltung zu unterstellen, ist doch die Vermeidung ideologischer Fallstricke eines seiner Hauptanliegen. So fordert er im letzten Kapitel seines Buches eine dialogische Auseinandersetzung der unterschiedlichen theoretischen Lager, die jeweils monologisch ihre Positionen wiederholten: „Das Gehäuse des Monologs kann noch am ehesten durch interdiskursiven Dialog, durch interdiskursive Kritik aufgebrochen werden: d.h. durch eine Auseinandersetzung zwischen ideologische und theoretisch heterogenen Soziolekten und ihren Diskursen.“ (S. 384)

Die Sympathie, die man diesem Vorschlag spontan entgegenbringt, darf aber über dessen Schwächen nicht hinwegtäuschen. Diese Gleichberechtigung der Diskurse setzt nämlich einen radikalen Konstruktivismus voraus: jeder Diskurs konstruiere eine jeweils eigenständige Wirklichkeit und sei deshalb gleichberechtigt mit allen anderen. Bezieht man sich dabei nur auf kognitive Prozesse, ist diese Feststellung banal. Zima scheint jedoch einen ontologischen Konstruktivismus zu befürworten, denn ohne diesen machte seine These von der Gleichberechtigung der Diskurse wenig Sinn. Das aber ist eine so starke und fragwürdige theoretische Grundannahme, daß es wenig aussichtsreich erscheint, daß sie von den Vertretern der unterschiedlichen Positionen als gemeinsame Basis akzeptiert werden könnte.

Doch auch wenn man Zimas anregende Lösungsvorschläge nicht ohne weiteres teilen mag: Sein Buch über „Moderne/Postmoderne“ gehört zu den besten, die im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema erschienen sind.

Peter V. Zima: Moderne/Postmoderne.. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. Tübingen/Basel: A. Francke 1997 (=UTB 1967)

[© Christian Köllerer]

Israel, Ende Februar – Ein Kulturbrief [2006]

Pünktlich landet der Flug OS 0857 in Tel Aviv, und die Stewardess spult mit üblicher Routine ihre Hinweise über die möglichen unerwünschten Auswirkungen der Schwerkraft auf das Handgepäck ab. Abweichend vom Standardtext wünscht sie den Passagieren schließlich keine „pleasant“, sondern „a safe journey“. Willkommen im Nahen Osten.

Die Palästinenser entschlossen sich vor wenigen Wochen, ihre politische Zukunft den Islamisten der Hamas anzuvertrauen. Der Karikaturenstreit überschritt den ersten Höhepunkt und man wurde des Flaggenverbrennens langsam überdrüssig. Die mediale Mobilmachung von CNN & Co. noch im Bewusstsein, will ich dieser Inszenierung eigene Erfahrungen entgegen setzen.

Ist man als Europäer tatsächlich das neue Feindbild in der arabischen Welt? Abgesehen vom Gazastreifen und der Westbank, bietet Ost-Jerusalem wohl die beste Gelegenheit, mit Arabern ins Gespräch zu kommen. Mein Hotel „The Olive Tree“ liegt im besetzten Osten der Stadt, unweit des arabischen Teils der Altstadt. Die Warnungen der deutschen Obrigkeit in den Wind schlagend, welche große Vorsicht beim Besuch der historischen Viertel dringend ans Herz legte, spaziere ich durch das Damaskustor in das Gassenlabyrinth. Schon bald nähert sich mir eine Gruppe arabischer Jugendlicher. Mich skeptisch musternd kamen sie langsam näher, um mir dann lachend ein „Welcome in Jerusalem“ zuzurufen. Animositäten gegen Europäer kann ich trotz ausgiebiger Fußmärsche nicht beobachten. Die Stimmung auf arabischer Seite ist gedrückt, was angesichts der Omnipräsenz des israelischen Militärs wenig überrascht. Größere Gruppen junger Wehrpflichtiger mit ihren Sturmgewehren auf dem Rücken patrouillieren durch die engen Gassen. Die Schaufenster, die ab und zu mit großen Portraits Arafats geschmückt sind, scheinen sie nicht zu stören.

Die Allgegenwärtigkeit von Waffen ist für in Mitteleuropa sozialisierte Menschen verblüffend. Junge Rekruten sind stets in voller Bewaffnung auf der Straße unterwegs. Selbst am Frühstücksbuffet des Ramon Inn, seines Zeichens das einzige Hotel in der verschlafenen Wüstenstadt Mizpe Ramon, holen sich zwei junge Männer mit umgehängtem Gewehr ihr Gebäck. Schulklassen müssen laut Gesetz von mindestens zwei bewaffneten Erwachsenen begleitet werden, so dass es schon Sechsjährigen nicht verborgen bleiben kann, dass sie ihres Lebens nicht sicher sind. Israel erweckt von den Golanhöhen im Norden bis zum vierhundert Kilometer entfernten Eilat am Roten Meer den Eindruck großer Wehrhaftigkeit. Allzeit zu allem bereit scheint das Motto vor allem der Jugend zu sein. In Yad Vashem weist mich ein Angestellter darauf hin, dass es viele Jugendliche nur schwer akzeptieren könnten, dass die europäischen Juden dem Völkermord nicht mehr Widerstand leisteten. In Zukunft nie mehr wehrlos sein zu wollen, ist offenkundig wichtiger Teil der Mentalität der jungen Israeli.

Die ständigen Sicherheitskontrollen verschärfen diesen Eindruck zusätzlich. Selbst beim Besuch eines Dorfgasthauses in En Kerem muss man seine Taschen entleeren und erträgt geduldig das Piepsen des Metalldetektors.

Es lasse sich kaum Geld verdienen, erklärte mir ein junger Jerusalemer Taxifahrer, um anschließend ausgiebig über die schlechte allgemeine wirtschaftliche Lage zu klagen. Ein fliegender Souvenirverkäufer, der trotz der wenigen Touristen in Jerusalem sein Glück versucht, erzählt mir, er komme eigentlich aus Bethlehem, wo angesichts der angespannten Lage nun die Touristen schon wieder ausblieben, und er nicht wisse, wie er seine Familie ernähren soll. In der zweiten Jahreshälfte 2005 kam der Tourismus langsam wieder in Schwung. Es wird sich weisen, ob das nur eine kurze Unterbrechung der jahrelangen Flaute war.

Während der klassische Tourist seit der zweiten Intifada Israel als Reiseziel mied, galt dies nur eingeschränkt für Pilger. Wer mit göttlichem Beistand reist, sieht offenbar potenzielle Gefährdungen weniger dramatisch. Überhaupt dürfte es weltweit kein Land geben, in dem sich eine so große Vielfalt an Religionen samt ihren Anhängern beobachten lässt. Allein in Jerusalem sind die Varianten des Christentums kaum zu zählen. Wer im komplexen Geflecht der feinen theologischen Unterschiede den Überblick verliert, kann sich vertrauensvoll an das „Christian Information Center“ beim Jaffator wenden. Die Eifersüchteleien der einzelnen Konfessionen über die Heiligen Stätten sind legendär und wurden mit der religiösen Streitereien eigenen Verbissenheit geführt. 1757 versorgten griechische Mönche beispielsweise ihre Anhänger mit Waffen und metaphysischer Munition, worauf diese in der Nacht vor Palmsonntag nicht nur Vandalenakte in der Basilika des Heiligen Grabes verübten, sondern im Anschluss daran auch noch das Kloster der Minoriten stürmten, um die Mönche zu massakrieren. 1873 und 1901 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen griechisch-orthodoxen und katholischen Mönchen. Wer sich für diese und andere Akte der Nächstenliebe interessiert, dem sei Bernard Wassersteins Monographie „Jerusalem. Der Kampf um die heilige Stadt“ (München 2002) empfohlen. Der Schlüssel der Grabeskirche wird deshalb sinnigerweise seit vielen Generationen von einer moslemischen Familie verwahrt. Raufereien zwischen kirchlichen Würdenträgern konnte ich nicht beobachten. Sogar die beiden Malteser Ritter mit ihren pittoresken weißen Umhängen hatten ihre Schwerter zu Hause gelassen. Aber trotz der ungeheuren Zahl an Kirchen in der Jerusalemer Altstadt stellt man unschwer fest, dass die konfessionellen Einflusssphären streng abgegrenzt sind. Am augenscheinlichsten schlägt sich das in den verschiedenen Räumen der Grabeskirche nieder. Durch die vielen Anbauten entstand ein architektonischer Moloch, der zwar hintersinnige religionsphilosophische Analogien nahe legt, aber Freunde der Baukunst nur den Kopf schütteln lässt.

Die christlichen Stätten im Norden sind weniger beeindruckend. Rund um den See Genezareth gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus der Zeit des Neuen Testaments. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich auf den bequemeren Beruf des Apostels verlegte.

Unweit davon, auf dem Hügel Schech‘ Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen singt, nein schreit eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte. An vielen dieser christlichen Stätten sind nur moderne Gebäude mit bescheidenen ästhetischen Qualitäten zu finden. Deshalb ist es oft lohnender, anstatt der Bauwerke die Pilger zu beobachten.

An Nazareth lässt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung demonstrieren. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus‘ ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen.

Synagogen gibt es in Jerusalem ebenfalls in großer Anzahl. Nach der Besichtigung unzähliger Kirchen benötigt man etwas Zeit, um sich vom Entblößen des Kopfes als Respektbekundung auf das Bedecken desselben zum selben frommen Zweck umzustellen. Wer sich mit der Geschichte des Synagogenbaus beschäftigen will, sollte unbedingt das Israel Museum besuchen, in dem man drei historische Innenräume mit Originalteilen rekonstruiert hat. (indisch, italienisch und bayerisch).

An der Klagemauer herrscht Hochbetrieb. Neben den zahlreichen Betenden findet dort eine Bar Mizwa statt. Als junger Katholik erhält man als Zeichen der Vollmitgliedschaft von seinem Bischof eine symbolische Ohrfeige, auf das kein Zweifel über die Autoritätsverhältnisse bestehe. Eine Bar Mizwa dagegen läuft als fröhliches Fest ab. Die Stimmung ist heiter und ausgelassen. Der Junge wird lachend von Verwandten auf den Schultern getragen. Andere lassen Süßigkeiten auf die Feiernden herabregnen.

Nun sind, schon aus Gründen der religiösen Ausgewogenheit, noch ein paar Worte über den Islam angebracht. Während es Juden von ihrem Rabbinat streng verboten ist, den Tempelberg zu besteigen, darf man als Reisender am Morgen dieses berühmte Wahrzeichen der Stadt kurz betreten. Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Leider kann man die Al Aqsa Moschee seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen.

Steht man auf dem Tempelberg mit der Klagemauer unter sich und den zahlreichen Kirchen in der Altstadt vor sich, denkt man zwangsläufig über die Zukunft dieser außergewöhnlichen Stadt nach. Der Blick fällt auf die schwer bewaffneten Soldaten und die Gedanken kreisen um den gordischen Knoten des religiösen und politischen Hasses. Skeptisch steige ich hinab in die turbulente Altstadt und versuche, die Erkenntnis beiseite zu schieben, dass die Jerusalemfrage noch sehr lange die Weltöffentlichkeit beschäftigen wird.

[Literatur und Kritik Mai 2006; © Christian Köllerer]

Modest Mussorgski: Boris Godunow

Wiener Staatsoper 17.1.

Boris Godunow, Zar von Russland: Ferruccio Furlanetto
Pimen, Chronikschreiber und Eremit: Kurt Rydl
Grigori Otrepjew, der falsche Dimitri: Marian Talaba
Marina Mnischek, Tochter des Wojwoden von Sandomir: Nadia Krasteva
Rangoni, geheimer Jesuit: Egils Silins
Dirigent: Sebastian Weigle
Regie und Ausstattung: Yannis Kokkos

Mussorgski war ein Wenig-Komponierer und im Kernrepertoire haben sich nur zwei Stücke gehalten: „Die Bilder einer Ausstellung“ und „Boris Godunow“. Diese Oper kannte ich bis vor einigen Wochen noch nicht, bis ich mich auf den gestrigen Abend vorzubereiten begann. Ein Versäumnis, denn Mussorksi schuf damit nicht nur eine musikalisch sehr ansprechende Kreation, sondern auch einen neuen Operntyp, was sie musikgeschichtlich und ästhetisch besonders interessant macht.

In den Musikgeschichten wird Mussorksi gerne unter den „Russischen Nationalisten“ abgehandelt (gemeinsam u.a. mit Glinka, Borodin, Rimsky-Korsakov und heute weniger bekannten Figuren), welche die akademisch gelehrte Musiksprache an den neu gegründeten russischen Konservatorien ablehnten. Betrachtet man „Boris Godunow“, ist diese Schublade nicht unangebracht. Mussorski schuf ein Werk vollgestopft mit russischer Mythologie und Freunde der russischen Literatur werden sich spätestens beim Auftreten eines Staretz zu Hause fühlen. Wie Dostojewksij oder Tolstoi versucht der Komponist, die russische Gesellschaft als Ganzes einzubeziehen: So tritt nicht nur die Machtelite (Zar, Adlige, Kleriker) auf, auch das hungernde Volk, ein Narr oder Soldaten usw. sind Teil des Bühnengeschehens. Eine Szene spielt in einem Wirtshaus an der litauischen Grenze, die nächste im Zarenpalast.

Ästhetisch war es Mussorksi ein Anliegen, seine Musiksprache so natürlich wie möglich dem gesprochenen Wort anzupassen, also das Gegenteil dessen zu versuchen, was Wagner mit seinen bis heute bespöttelten Stabreimen betrieb. Soweit man das, ohne Russisch zu können, beurteilen kann, gelingt ihm das ausgezeichnet. Er verzichtet auf klassische musikalische Mittel der Oper (Arien, Koloraturen), schafft es aber trotzdem, musikalisch hervorragende Qualität zu liefern. Dieser innovative ästhetische Ansatz dürfte das größte Verdienst der Oper sein.

Die Aufführung selbst gestern war ungewöhnlich gut. Die Inszenierung versucht einen Mittelweg zwischen Kostümoper und moderner Inszenierung zu finden, was überraschenderweise nicht schlecht gelang. Das Ensemble war durch die Bank hervorragend disponiert.  Kurt Rydls Stimme ist immer noch eine Urgewalt, aber auch Ferruccio Furlanetto war hervorragend in Form.

Karl Corino: Robert Musil. Eine Biographie

Corinos penible Rekonstruktion eines Schriftstellerlebens

Jahrzehntelang beschäftigt sich Karl Corino bereits mit Leben und Werk des Robert Musil (1880 – 1942) und zieht nun mit seiner gewichtigen Biographie ein vorläufiges Fazit dieser Bemühungen. Mehr als zweitausend faktenreiche Seiten erwarten den Interessierten. Etwa vierhundert davon sind akribischen Fußnoten vorbehalten, die Corinos Besessenheit, auch noch die entlegendsten Details aufzustöbern, besonders eindrucksvoll belegen. Man fühlt sich an den Faktenenthusiasmus des literaturwissenschaftlichen Positivismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erinnert.

Das Buch besteht aus fünfundvierzig Kapiteln, die in chronologischer Abfolge die Lebensstationen Musils behandeln. Einige davon beschäftigen sich ausführlich mit dem Umfeld des Autors, so mit Vorfahren und Verwandten (Kap. 2), dem Freund Johannes von Allesch (Kap. 7), oder mit dem (Vor)Leben seiner Gattin Martha (Kap. 12). Andere enthalten Exkurse, etwa über des Autors Beziehung zum Sport (Kap. 25) und Film (Kap. 32).

Für Musilkenner finden sich cum grano salis wenig neue Erkenntnisse, aber das ist mehr ein Verdienst als ein Versäumnis des Biographen, publizierte Corino doch viele seiner Ergebnisse bereits in Aufsätzen und in seinem Bildband „Robert Musil. Leben und Werk in Bildern und Texten“ (1988). Die Summe der lebensgeschichtlichen Forschung nun nicht mehr verstreut, sondern „enzyklopädisch“ in einem Band vorliegen zu haben, ist nicht nur aus Gründen der Bequemlichkeit höchst erfreulich.

Eine Stärke Corinos liegt darin, mit historischen Quellen zu arbeiten, um Licht auf Lebensumstände Musils zu werfen. Im dritten Kapitel „Im A-Loch des Teufels“ über dessen Kadettenjahre zitiert er beispielsweise die Selbstdarstellungen der Militärunterrealschule in Eisenstadt und der Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weißkirchen, um diesen kakanischen Kitsch mit dem brutalen Alltag der Zöglinge zu kontrastieren. Dabei greift der Autor plausibel auf Memoiren des späteren Generals Edmund Glaise von Horstenau zurück.

Über Musils intellektuelles Weltbild ist viel geschrieben worden: Die Bandbreite der Positionen reicht von naturwissenschaftlich-rational bis zum wenig überzeugenden Postulat, der diplomierte Ingenieur sei ein Vorläufer postmoderner Beliebigkeit. Wer sich für Musils geistigen Werdegang interessiert, erfährt bei Corino zwar alle mehr oder minder bekannten Tatsachen über Buchlektüren und theoretischer Beschäftigung -, aber dieser positivistische Ansatz trägt nur bedingt zu einem Gesamtbild bei.

Das sechste Kapitel, welches Musils Philosophiestudium in Berlin zum Thema hat, ist leider eines der kürzesten des Buches. Abgesehen von einem kurzen Referat über Gestaltpsychologie hält sich Corino ziemlich bedeckt. Mehr als kompensiert wird dieses Defizit durch die ausführliche Schilderung des geschichtlichen und kulturellen Kontextes der einzelnen Lebenssituationen. Ob es sich um Wien oder Berlin, um Literatur- oder Verlagspolitik handelt, der Leser wird mit gebührlicher Ausführlichkeit darüber unterrichtet.

Die biographischen Verdienste des Buches sind seit seinem Erscheinen ausführlich und berechtigterweise gewürdigt worden. Zu kurz kam bisher eine Analyse von Corinos Methode. Sein legitimes Ziel, Musils Leben so penibel wie möglich zu rekonstruieren, stößt immer wieder an eine Grenze: der des fehlenden Materials. Nun ist es das Schicksal des Biographen, dass es zu gewissen Fragen keine adäquaten Quellen gibt. Mut zur Lücke zu bekennen und die Leserschaft darauf hinzuweisen, ist jedoch nicht der Weg, den Corino einschlägt.

Er treibt seinen Ansatz so weit, dass er Musils literarische Texte wörtlich als biographische Quellen zitiert, so als hätte Literatur exakt denselben Stellenwert wie Briefe, Tagebücher und andere Zeitzeugnisse. Eine wie auch immer geartete Differenz, sei es philosophisch (ontologisch, ästhetisch) oder sei es sprachlich (literaturtheoretisch, pragmatisch), wird durch dieses Verfahren explizit nicht anerkannt, anderenfalls wäre das umstandslose Zitieren von literarischen Texten als biographische Belege undenkbar.

Die literaturtheoretischen Diskussionen der letzten Jahrzehnte mögen extrem kontrovers geführt worden sein. Als kleinster gemeinsamer Nenner ließ sich aber immer feststellen, dass Literatur ein polyvalenter, vielschichtiger Gegenstand sei, der sich nur unter großen semantischen Verlusten in einen nicht literarischen Text transferieren lasse. Diese Feststellung würde ein Anhänger der Empirischen Literaturwissenschaft ebenso unterschreiben wie ein Dekonstruktivist, um zwei möglichst weit voneinander gelegene Positionen zu nehmen.

Corinos befremdliche Vorgehensweise lässt sich am besten anhand des neunten Kapitel zeigen, in dem er sich mit dem schwierigen Verhältnis Musils zu Herma Dietz und deren frühen Tod beschäftigt:
„Durch die Krise mit Herma veränderte sich auch Musils Verhältnis zu seiner Mutter. Er kam nicht darum herum, Vergleiche zwischen Hermine I und Hermine II zu ziehen.“ (281)
Der Beleg für diese Änderung der Beziehung Musils zu seiner Mutter? Ein Zitat aus der Novelle „Tonka“ auch „die Mutter war einmal ein Mädchen, das mehr noch als Tonka [!] zu ihm gepasst hätte.“ (281) Herma, die reale Freundin, und Tonka, eine literarische Kunstfigur, werden im gesamten Kapitel verwendet als seien beide identisch.

An manchen Stellen fühlt man sich sogar an Platons Idealstaat erinnert, aus dem der Philosoph bekanntlich alle Dichter verbannt wissen wollte, weil diese die Realität durch Lügen entstellten. Als Corino auf die Möglichkeit zu sprechen kommt, dass Musil Herma mit Syphilis infiziert haben könnte, ist er empört darüber, dass der männliche Held in „Tonka“ nicht auch krank ist: „[…] zeigen, wie heftig Musil versuchte, den Verdacht gegen sich herunterzuspielen, – lässt er sich in der Novelle über Tonka doch sogar zu der (die Aporie des Lesers steigendern Behauptung) hinreißen [!], die Ärzte hätten an seinem Helden „ja nie eine Krankheit finden können“ (P 303).“ (282)
Corino macht Musil den moralischen Vorwurf, dass er in einem literarischen Werk von einem biographischen Faktum abweiche, so als sei eine Novelle eine eidesstattliche Erklärung, die nur der Wahrheit verpflichtet sei. Liegen jedoch genügend nicht-literarische Quellen vor, was erfreulicherweise die Regel ist, findet man in Corino einen hervorragenden Ausleger und Vermittler, der seinem „Forschungsobjekt“ auch mit hinreichender Distanz begegnet.

Das Buch ist, mit der erläuterten methodischen Einschränkung, ein kaum mehr zu übertreffender Meilenstein in der biographischen Musilforschung, dessen Lektüre unbedingt lohnt.

Corino, Karl: Robert Musil. Eine Biographie (Rowohlt) ISBN 3-498-00891-9 Gebunden 2048 Seiten 78 Euro

[Literatur und Kritik Juli 2005; © Christian Köllerer]

Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege [2.]

Als ich diesen Roman vor vielen Jahren zum ersten Mal las, war ich bereits nach wenigen Seiten von Doderers beeindruckender Sprachkunst eingenommen. „Die Strudlhofstiege“ nimmt seitdem einen herausragenden Platz in meinem Privatkanon ein. Würde eine zweite Lektüre daran etwas ändern? Seit längerer Zeit überprüfe ich derartige Leseerlebnisse, indem ich erneut zu prägenden Bücher greife. Die Ergebnisse waren unterschiedlich: So fand ich Dostojewskijs „Verbrechen und Strafe“ deutlich schwächer als beim ersten Mal, während die „Die Brüder Karamasow“ oder „Die Dämonen“ meinen Wiederholungsbesuch völlig unbeschadet bestanden. Natürlich gewinnen viele Bücher durch häufiges Lesen, da sich mit jedem Durchgang mehr Details zeigen und sich die Struktur der Werke besser erschliesst. In diese Kategorie würde ich, ohne Vollständigkeit anzustreben, die großen Romane Thomas Manns, den „Mann ohne Eigenschaften“, den „Faust“ und die „Wahlverwandtschaften“, Homers „Odyssee“ und Sophokles „Dramen“ geben.

Um das Ergebnis des neuen Leseexperiments vorwegzunehmen: „Die Strudlhofstiege“ scheint ebenfalls in die letzte Kategorie zu gehören. Die herausragenden Qualitäten des Romans zu benennen, ist gar nicht so einfach. Auf den ersten Blick spricht nicht weniges gegen ihn: Ein engmaschiges Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen auf 900 Seiten auszubreiten klingt nicht übermäßig spannend: Gelangweilte Damen der besseren Wiener Gesellschaft, Liebschaften und Rochaden auf allen Ebenen, Gefühlsduseleien von Gymnasiasten, pedantische Hofräte und Beamte …

Versuchte man, die Handlungsstränge wiederzugeben, würde man schnell „Völlig überladen!“ rufen. Doderer konnte selbst nur dadurch den Überblick bewahren, dass er riesige Pläne zeichnete. Anstatt sich aber bei der Lektüre dieser semantischen Monstrositäten zu langweilen, ist man fasziniert. Woran liegt das?

An der Sprache! Doderers barock-süffiger Stil hat in der deutschsprachigen Literatur nicht seinesgleichen und hob die österreichische Literatursprache auf neue Höhen. Das besondere Merkmal seiner Sprachkunst scheint mehr darin zu liegen, dass er barockes Überborden mit begrifflicher Präzision verbindet. Dadurch entsteht eine ungewöhnlich dichte Welthaltigkeit. Nimmt man noch Doderers Ironie hinzu, deren Abstufungen von sympathischer Distanziertheit bis zu beissender Satire er meisterhaft beherrscht, hat man eine erste Annäherung an seine Sprache.

Nun ist dieser Stil kein Selbstzweck, sondern wird von Doderer vor allem zu einem Ziel meisterhaft eingesetzt: Zur psychologischen Charakterisierung seiner Figuren. War Robert Musil der brillante Intellektuelle der österreichischen Literatur und sein „Mann ohne Eigenschaften“ dessen Manifestation, so ist Heimito von Doderer der brillante Psychologe. Wie er das Seelenleben seiner Figuren in allen Nuancen auslotet und mit welcher Raffinesse er Handlungen psychologisch motiviert, das gehört zum Besten, was die Weltliteratur hier zu bieten hat. Diese analytische Schärfe ist eine der Hauptursachen, warum man den an der Oberfläche vergleichsweise banalen Beziehungswirrwar mit größter Spannung folgt.

Doderer setzt sein Skalpell aber nicht nur auf der Ebene der Individuen an. Die Wiener Gesellschaft des ersten Fünftel des 20. Jahrhunderts liegt ebenfalls auf dem Seziertisch. Seine zahllosen köstlichen Einzelbeobachtungen summieren sich so nicht nur zu einem fulminanten Gesellschaftsbild, sondern auch zu einem prächtigen Porträt Wiens.

Führt man diese unterschiedlichen Ebenen zusammen, bemerkt man schnell: Der Roman „funktioniert“ eben durch seine Dichte so ausgezeichnet. Die auf den ersten Blick völlig überfrachtete Handlung passt zur sprachlichen und psychologischen Dichte des Romans. Der Leser erhält den Eindruck einer überbordenden Welthaltigkeit und Lebensechtheit, die sogar bei guter Literatur nur selten zu finden ist. Die selbst beim zweiten Lesen anhaltende Unübersichtlichkeit im Beziehungsgeflecht ist Teil der ästhetischen Strategie. Wäre ein „übersichtlicher“ Roman aus einer Großstadt der zwanziger Jahre künstlerisch glaubwürdig? Doderer entschied sich für einen anderen Weg als Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ oder Joyce in „Ulysses“. Hier sollte die Unübersichtlichkeit der Moderne in erster Linie durch sprachliche und formale Mittel zum Ausdruck kommen: Die Architektur des realistischen Romans wurde nachhaltig aufgelöst. Doderer entschied sich für einen anderen Weg: Er blieb den Mitteln des klassischen Romans weitgehend treu und versuchte die Moderne ästhetisch durch ein extrem dichtes semantisches und strukturelles Geflecht adäquat zu treffen. Meiner Meinung nach gelingt ihm das auch ausgezeichnet, obwohl er sogar auf eine Art allwissenden Erzähler setzt, was gemeinhin als Todsünde eines modernen Autors gilt.

Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege (dtv)

Empfehlungen: New York Review of Books

Gäbe es eine platonische Idee für „Zeitschrift“, käme die NYRB diesem Ideal wohl ziemlich nahe. Seit etwa 10 Jahren versäume ich keine Ausgabe, und diese Lektüre hat sich inzwischen zu einer unverzichtbaren intellektuellen Grundversorgung entwickelt.

Die zwanzig Ausgaben pro Jahr ergeben einen ausgezeichneten Überblick zu sehr vielen Fachgebieten. Die Artikel sind von bewährten Fachleuten verfasst und überschreiten das Genre der Rezension in mehrerer Hinsicht: Es werden nicht nur neue Bücher vorgestellt, sondern meist auch ein Überblick über den aktuellen Diskussionsstand eines Fachgebiets gegeben. Das setzt natürlich eine entsprechende Textlänge voraus. Die NYRB ist das Gegenmittel zur weit verbreiteten Häppchenpublizistik. Darüberhinaus wird man mit der fundierten Meinung des Verfassers zu einem Thema konfrontiert. Man „erspart“ sich dadurch oft die Lektüre vieler Bücher, und wer hat schon Zeit regelmäßig Neuerscheinungen über die Renaissance, die Klimaforschung, Sklaverei in den USA, Biographien über viele Klassiker, den Irakkrieg oder Musikgeschichte zu lesen? Als zusätzlichen Service bekommt man eine Menge Verlagsanzeigen über neue Bücher ins Haus, inserieren in der NYRB doch nicht nur alle führenden „University Presses“.

Analytische und investigative Artikel zu politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten runden die NYRB ab. Die Blattlinie ist in jeder Hinsicht der Aufklärung verpflichtet und läßt sich wohl am besten mit linksliberal beschreiben. Postmoderne Dampfplauderein sucht man auf den Seiten der NYRB (anders als z.B. in der „London Review of Books“) vergeblich. Das passte auch schlecht zur klassischen Gelehrsamkeit der meisten Texte. Die sonst übliche Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften kann man ebenfalls nicht konstatieren.

Die NYRB hat eine Reihe von Stammautoren (20-30), die sich regelmäßig zu Wort melden. Diese schreiben nicht nur vorzügliche Artikel, sondern veröffentlichen auch regelmäßig Bücher. Man rutscht auf diese Weise lesend in eine Gemeinschaft vorzüglicher Sach- und Fachbuchautoren hinein, ein angenehmer Nebeneffekt.

Viele Jahre wurde die NYRB von Mäzenen aus New York am Leben erhalten. Seit längerer Zeit trägt sich das Projekt selbst (Auflage jenseits der 100.000 weltweit). Die besten europäischen Zeitschriften („Lettre“, „Merkur“…) bringen regelmäßig übersetzte NYRB-Artikel. Warum nicht gleich das Original lesen? Abonnements gibt es hier.

[Hier ein weiterer kurzer Text über die NYRB, zuerst publiziert auf koellerer.de]

Entdeckt habe ich die NYRB erst ziemlich spät, 1996 um genau zu sein. Meiner Meinung nach handelt es sich weltweit um die beste Zeitschrift zu intellektuellen Themen, im deutschsprachigen Raum gibt es leider nichts vergleichbares. Ansatzweise die eine oder andere Buch-Zeitschrift. Aber halb- oder vierteljährliche Erscheinungstermine, können mit den 20 NYRB-Ausgaben nicht konkurrieren.

Dabei ist das Rezept denkbar einfach: Man nehme die besten Fachleute zu einem Thema, gebe ihnen viel Platz, und mache keinerlei Kompromisse bezüglich der Qualität. Die meisten Artikel beschäftigen sich mit einem oder mehreren Büchern. Diese sind aber meist nur der Ausgangspunkt für eine intensive und kompetente Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Fachgebiet. Nach der Lektüre weiß man nicht nur vieles über die Neuerscheinung, sondern ist allgemein über die aktuelle Forschung darüber orientiert.

Die Themenführerschaft der NYRB erschließt sich regelmäßigen Lesern dadurch, dass nicht selten längere Zeit nach Erscheinen, bestimmte Themen in den deutschsprachigen Feuilletons auftauchen, oft auch mit expliziter Bezugnahme.

Das Themenspektrum ist weit, Naturwissenschaftler kommen ebenso zu Wort wie politische Publizisten. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf diversen (hoch)kulturellen Themen.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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