Best Of

Eine Notizen-Auswahl zum Kennenlernen

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Ovid: Metamorphosen

Man kann endlos über den Kanon der Weltliteratur streiten. Es gibt aber eine Reihe von Klassikern, deren überragender Status außer Zweifel steht: Homer, Dante und Shakespeare wären zu nennen, aber auch die Metamorphosen des Ovid. Wenn man sich bei dieser Kategorisierung nicht auf ästhetische Kriterien einlassen will, gibt es eine plausible Alternative: Den Einfluss auf die Kulturgeschichte.

Die Metamorphosen zählen mit der Bibel und den Epen Homers zu den meist rezipierten Werken der Antike. Bis in die Neuzeit hinein waren sie die wichtigste Quelle für mythologische Stoffe. Auffallend ist hier besonders die Wirkung über die Grenzen der Literatur hinaus. Egal, welche der großen europäischen Gemäldegalerien man besucht: Man wird jede Menge „Verbilderungen“ der Geschichten des Ovid finden. Deshalb kennen Kunsthistoriker das Werk oft besser als Literaturfreunde. Innerhalb der Literatur war die Sammlung ebenfalls höchst wirkmächtig. Shakespeare etwa kannte die Metamorphosen gut, sie waren eine seiner Hauptinspirationsquellen.

Ich las den Zyklus nun nach fünfzehn Jahren zum zweiten Mal und war noch faszinierter über Ovids überragende Erzählkunst als damals. Er ist ein Meister der Verknappung. Immer wieder hatte ich den Eindruck, dass er so kurz und knapp wie ein moderner amerikanischer Erzähler schreibt. Die etwa 250 Geschichten werden meist aus minimalen Motiven und mit wenig Kontext entwickelt, entfalten aber trotzdem eine starke Wirkung. Auf der anderen Seite kann Ovid Ereignisse so packend und plastisch beschreiben als sei er ein niederländischer Maler. Man findet fulminante Schilderung quer durch den Zyklus. Das bezieht sich nicht nur auf die Figuren, sondern auch auf Naturerlebnisse. Ein über mehrere Seiten ausgemalter Schiffsuntergang samt Meeresunwetter gehört zum Besten, was ich diesbezüglich las. Auch Kampfschilderungen sind oft von einem Detailreichtum, die jedem Splattermovie zur Ehre gereichten. Da tritt Hirn aus Augenhöhlen aus, und es zucken die Muskeln und Venen von lebendig Gehäuteten. Der Effekt auf den Leser ist frappant.

An dieser Stelle ein Wort zur Übersetzung durch Michael von Albrecht. Er findet einen exzellenten Mittelweg zwischen Genauigkeit und Ästhetik. Die oben beschriebenen Vorzüge kämen ohne von Albrechts Übersetzungskunst nicht so stark zu tragen. Generell bin ich ein großer Freund von Prosa-Übersetzungen. Antike Versmaße ins Deutsche zu übertragen wirkt meist sehr künstlich und führt zur Verwendung von „überflüssigen“ Wörtern, nur um das Metrum zu halten. Das verfälscht dann den Stil des Originals.

Die Bildsprache ist faszinierend. Die Metaphern sind ungemein geschickt gewählt und vermitteln einen informativen Eindruck in die kognitive Welt der Antike. Wer einen Sinn für einzelne Phrasen und Bilder hat, wird Ovid mit großer Freude lesen. Sieht man sich die Struktur der Metamorphosen an, stößt man ebenfalls auf viel Unerwartetes. Ovid verwendet nämlich bereits diverse „Rahmentechniken“ für seine Erzählungen. Oft erzählen sich die Figuren gegenseitig Geschichten, ein Setting, dass dann durch Boccaccios Decamerone mehr als tausend Jahre später berühmt werden sollte. Die Chronologie einer solchen Serie von Geschichten variiert oft. D.h. es gibt Geschichten, die plötzlich eingeschoben werden, um die Vorgeschichte zu erleuchten. Ovid betreibt bereits ein sehr modernes „Zeitmanagement“. Bei einzelnen Geschichten verwendet Ovid oft unterschiedliche „Register“. Eine Passage kann sehr verknappt erzählt, eine andere derselben Geschichte sehr detailliert und rhetorisch aufgeladen.

Ovids Rhetorikausbildung schlägt sich ebenfalls an verschiedenen Stellen explizit nieder. So gibt es immer wieder sehr wirkungsvolle Reden in einzelnen Erzählungen. Pathetische Liebes-Verwicklungen wären an erster Stelle zu nennen, aber auch zu unerwarteten Themen. So hält Pythagoras im fünfzehnten Buch ein höchst beeindruckendes Plädoyer für den Vegetarismus, an dem auch ein PETA-Aktivist heute noch seine Freude hätte.

Abschließend ein Wort zum Lesetempo: Die Metamorphosen liest man am besten langsam und ohne Zeitdruck. Satz für Satz, Geschichte um Geschichte. Ich ließ mir für diese Zweitlektüre mehrere Monate Zeit und habe dieses Leseprojekt sehr genossen.

Ovid: Metamorphosen (Reclam)

Tipps für eine Wien-Reise

Letztes Update: 14. September 2017

Kulturinteressierte fragen mich oft nach Empfehlungen für eine Wien-Reise. Deshalb fasse ich die wichtigsten an dieser Stelle einmal zusammen. Vollständigkeit ist nicht angestrebt. Meine aktuelle Kulturberichterstattung findet sich in der Kategorie Wien.

Museen

Kunsthistorisches Museum
Eine der großen europäischen Gemäldegalerien mit einer Vielzahl exzellenter Bilder. Das Gebäude versteht man am besten als Teil des Museums: Als großartiges Monument der Ringstraßenarchitektur. Der Schwerpunkt liegt auf der italienischen und niederländischen Malerei. Die vor einigen Jahren sehr geschmackvoll umgestaltete Antikensammlung ist ein weiterer Höhepunkt. Eine ägyptische Sammlung und ein Münzkabinett sind ebenfalls im Haus am Ring untergebracht. Aktuelle Ausstellungen runden das Programm ab.

Naturhistorisches Museum
Direkt gegenüber des Kunsthistorischen Museums gelegen. Wer die großen naturwissenschaftlichen Museen (von München bis New York) bereits kennt, könnte sich einen Besuch aus inhaltlichen Gründen sparen. Die einschlägigen Themengebiete findet man anderen Orts besser & frischer präsentiert. Das NHM ist aber trotzdem einen Besuch wert: Es ist das Museum eines Museums. Die Räume mit den gediegenen alten Holzschaukästen und das Gebäude haben eine Atmosphäre, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, wenn man einen Sinn für diese Dinge hat.
Einen enthusiastischen Besuch dokumentiert Florian Freistetter in diesem Blogbeitrag.

Museumsquartier
Das Museumsquartier spielt eine Doppelrolle in der Stadt. Einerseits sind dort mehrere Museen und eine Reihe von Kultureinrichtungen untergebracht. Andererseits ist es einer der beliebtesten urbanen Treffpunkte in der Innenstadt. Wenn das Wetter mitspielt, sind dort hunderte Bobos in freier Wildbahn zu beobachten.
Das Leopold Museum hat eine (nach meinem Geschmack) sehr divergente Sammlung mit sehr unterschiedlicher Qualität. Es gibt dort aber so viel Hochkarätiges zu sehen (Klimt!), das man einen Besuch auf jeden Fall in Erwägung ziehen sollte.
Im MUMOK findet man die größte Sammlung moderner Kunst in Wien. Die Auswahl ist eklektizistisch und entbehrt großer Höhepunkte. Ausnahme ist die sehr umfangreiche Sammlung rund um den Wiener Aktionismus. Die Ausstellungen konnten mich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher nicht begeistern.

Schatzhaus Mittelalter
Das Untere Belvedere wird für Sonderausstellungen genutzt. Man findet dort aber auch dieses kleine, aber feine Sammlung mittelalterlicher Kunst. An deren Ende finden sich ausgewählte Skulpturen der Epoche. Dieser kleine Raum ist meiner Lieblingsorte in Wien.

Bestattungsmuseum
Eine kurze Notiz darüber gibt es hier. Lässt sich ideal mit einem Besuch des Zentralfriedhofs verbinden: Ein Rundum-Sorglos-Paket in Sachen Wiener Morbidität also.

Globenmuseum
Einer meiner Lieblingsorte in der Stadt! Im Stockwerk eines Stadtpalais in der Herrengasse untergebracht, enthält das Museum eine der besten Globensammlungen. Es verirren sich meist nur wenige Besucher hin, was sehr zur Atmosphäre beiträgt. Wer sich für Kartographie interessiert, bekommt eine Fülle von Informationen zum Thema. Die alten Globen sind auch ästhetisch sehr ansprechend.

Prunksaal der Nationalbibliothek
Pflichtbesuch für Bücherfreunde. Punkt.

Literaturmuseum
Ein schöner Neuzugang in der Wiener Museumslandschaft. Der Österreichischen Nationalbibliothek angegliedert gibt das Haus in einer gut gemachten Dauerausstellung einen Überblick über die Geschichte der österreichischen Literatur. Bücherfreunde sollten unbedingt einen Rundgang einplanen.

Römermuseum
Das Römermuseum ist institutionell Teil des Wienmuseums . Im Wien Museum am Karlsplatz gibt es eine Dauerausstellung zur Wiener Geschichte und meist sehr ansprechend gemachte aktuelle Ausstellungen. Das Römermuseum bietet dem an der Antike Interessierten eine sehr gute Möglichkeit, exemplarische Ausgrabungen aus der Römerzeit anzusehen. Informationen zur Stadtgeschichte runden die Fundstücke ab.

Heeresgeschichtliches Museum
Ein Unikum in der Wiener Museumslandschaft. Man flaniert durch eine höchst skurrile Mischung aus Geschichts- und Militärverklärung mit kritischen Einsprengseln. Dem Kenner erschließen sich deshalb interessante Einsichten über das vergangene und gegenwärtige Österreich.

Wirtschaftsmuseum
In dieses Museum verirren sich nur selten Touristen. Es ist in einem wunderschönen Altbau unter gebracht und beherbergt gleichzeitig das Kaffeemuseum. Eine der Gründer war Otto Neurath, weshalb für Freunde des Wiener Kreises ein Besuch ohnehin Pflichtprogramm ist. In einem Stock wurde das Wiener Leben der Jahrhundertwende nachgebaut, etwa eine Wohnung mit der damaligen Einrichtung. Eine charmante Idee.

Theater & Oper

Es gibt drei Opernhäuser (und eine freie Szene) in Wien sowie jede Menge Theater. Als Besucher sollte man die besten Häuser kennenlernen, also die Wiener Staatsoper (meist konservative Inszenierungen bei hohem musikalischen Niveau) und das Burgtheater. Hier ist speziell die kleinere Bühne, das Akademietheater, sehr empfehlenswert. Aber auch die experimentellen Bühnen des Hauses, das Kasino und das Vestibül bieten meist spannendes Theater.
Für das Burgtheater kann man online am 20. jedes Monats die Karten für das Folgemonat bestellen. Bei der Staatsoper beginnt der Vorverkauf immer genau einen Monat vor einer Vorstellung. In meinen Theater-Notizen stelle ich aktuelle Inszenierungen vor.

Stadt-Orte

Die Innenstadt (Erster Bezirk) ist ein furioses Freiluftmuseum. Ausführliche Erwanderung mit einem guten Reiseführer empfohlen! Die Ringstraße entlang zu spazieren, ist auch kein Fehler.

Auf keinem Fall entgehen lassen sollte man sich den Naschmarkt. Multikultureller Flair und sehr beliebte Bobo-Freiluftzone, obwohl natürlich immer auch jede Menge Touristen unterwegs sind. Authentisch multikultureller geht es auf dem Brunnenmarkt zu.

Der Zentralfriedhof liegt etwas außerhalb, ist aber ein für Wien sehr symbolischer Ort. Neben „Ehrengräbern“ der Kulturprominenz (Schubert!), ist vor allem der jüdische Teil des Friedhofs sehr sehenswert. Historische Denkanstöße sind dabei ebenso garantiert wie eine solide Portion Wiener Morbidität. Seit Herbst 2014 ist dort auch das Bestattungsmuseum untergebracht (siehe oben).

Für Freunde des Makabren sei noch auf den kleinen Friedhof der Namenlosen hingewiesen, wo über Jahrzehnte namenlose Donauleichen beerdigt wurden. Danach kann man dort auch noch einen Spaziergang direkt an der Donau machen und Wiener Kleinbürger in ihrer Schrebergartenidylle studieren.

Die Uno-City ist aus zwei Gründen besuchenswert. Erstens war die Errichtung dieses Stadteils eines der größeren Architektur-Projekte in den letzten Jahrzehnten und es ist der einzige Ort in Wien, der eine (bescheidene) Wiener Skyline bietet (z.B. vom Donaupark aus). Zweitens ist Wien ja eine Stadt mit vielen internationalen Organisationen und die UNO deren prominenteste. Wer sich dafür interessiert, sollte eine Führung durch die UNO machen. Man lernt dann nicht nur einen meist übermotivierten jungen UNO-Mitarbeiter kennen, sondern bekommt auch noch ein Design-Museum präsentiert. Die Inneneinrichtung ist im Stil der 1970er gehalten und wirkt heutzutage ziemlich schräg.

Interessant für Bücher- und Architekturfreunde ist die Hauptbücherei der Stadt Wien. Nicht in der renommiertesten Gegend errichtet, hat es das Bahnhofsviertel in mehrerer Hinsicht aufgewertet. Ein gelungener Bibliotheksbau!

Lohnend auch eine Beschäftigung mit dem Roten Wien. Wer sich dafür interessiert, erkundet es am besten mit Inge Podbreckys Stadtführer Rotes Wien.

Ein Ort mit sehr eigenem Flair ist auch der Narrenturm, Verzeihung, ich meine natürlich das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum. Die gruseligsten Ausstellungsgegenstände sind seit einigen Jahren aber nur noch mit Führung zugänglich. Bei heraufgesetzter Ekelschwelle einen Besuch wert.

Für Literaturfreunde ist natürlich ein Besuch der Strudlhofstiege im 9. Bezirk unverzichtbar. Der Neunte ist nicht nur „der“ Doderer-Bezirk in Wien. Auch der Wiener Kreis hat sich überwiegend in dieser Stadtgegend herumgetrieben.

Wien wurde nicht nur durch den Barock geprägt, sondern auch durch das „Rote Wien“ in den zwanziger Jahren. Darüber kann man sich in der Dauerausstellung Das Neue Wien im Waschsalon exzellent informieren. Das kleine Privatmuseum nutzt einen ehemaligen Waschsalon des Karl-Marx-Hof, einem der größten und berühmtesten Gemeindebauten Wiens, den man deshalb auch gleich kennenlernt.

Kaffeehäuser

An tollen Kaffeehäusern besteht in Wien kein Mangel. Ich selbst bin in der Innenstadt sehr gerne im Cafe Engländer oder im Cafe Museum. In der erweiterten Naschmarkt-Gegend wäre das Cafe Sperl ein weiterer Klassiker.
Ein Geheimtipp und völlig touristenfrei ist das Cafe Goldegg. Unbedingt einen Blick in den „Rauchsalong“ werfen.

Lokale

Wien ist auch ein kulinarisches Eldorado, wo man im Vergleich zu anderen Großstädten sehr gut essen kann, ohne ein Vermögen ausgeben zu müssen. Sehr gute Lokaltipps gibt es online beim Falter: Wien, wie es isst…. Meine Empfehlung wäre nach den Besten des Bezirks zu suchen, in dem man übernachtet.
Zwei meiner Stammlokale mit sehr guter Küche sind: Zum Alten Fassl. Klassisches Wiener Beisl mit Wiener Küche auf hohem Niveau. Wer asiatische Küche schätzt, wird an der authentischen Kochkunst im On Restaurant seine Freude haben.

Viele Lokale in Wien stellt mein Bekannter Helmut Hackl auf seinem Blog vor.

Unterkunft

Empfehlen kann ich die sehr zentral gelegene und geschmackvolle Pension Museum. Man ist in wenigen Minuten zu Fuß beim Kunsthistorischen Museum und an der Ringstraße.

Das besten Preis/Leistungsverhältnis in Wien haben vermutlich die „Billig-Design-Hotels“ von Motel One. Es gibt bereits mehrere Häuser und es sind weitere geplant.

Reise-Zeit

Die Museen und Kaffeehäuser, Opernhäuser und Theater sind natürlich ganzjährig ausgezeichnet besuchbar. Meine Lieblingsmonate für Wien sind Mai und September.

Wien-Literatur

Meine Lieblingsromane über Wien sind:

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften
Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege
Thomas Bernhard: Alte Meister

Reise-Literatur

Felix Czeike: DuMont Kunst Reiseführer Wien
Der ausführlichste Reiseführer zu allen kulturellen Themen. Kenntnisreich und anspruchsvoll.

Erich Klein: Denkwürdiges Wien
Geschichtlich orientierte Spaziergänge mit vielen spannenden Hinweisen, die man kaum in eineM anderen Reiseführer findet. Wer sich für das politische Wien interessiert, ist mit dem Buch bestens aufgehoben.

Peter Eickhoff: 111 Orte in Wien, die man gesehen haben muss
Informationen über dieses Buch finden sich in meiner Notiz.

Für aktuelle Veranstaltungstipps, Kulturberichte etc. besorgt man sich in Wien angekommen am besten den aktuellen Falter. Erscheint jeden Mittwoch neu und zählt „nebenbei“ auch zu den besten Printmedien in Österreich.

Allgemeinbildung 2020…

… oder soll man noch Klassiker lesen?

Zu Teil 1

Seit der Renaissance war ein wichtiger Bestandteil der gehobenen Allgemeinbildung, Klassiker zu lesen. In erster Linie sollte man die antiken Autoren im Original gelesen haben. Dieses humanistische Bildungsideal wurde bei den gesellschaftlichen Eliten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beibehalten. Immer ergänzt durch weitere kanonisierte Autoren: Shakespeare, Goethe und Schiller sind hier prominent zu nennen.

Was versprach man sich davon? Ich denke, man kann die Motive auf drei Gründe reduzieren: Kenntnis des nationalen und europäischen Kulturerbes (mit entsprechender ideologischer Aufladung), Abgrenzung einer Bildungselite nach unten, und die Hoffnung, durch Bildung besonders edle Charaktere zu formen. So schön diese Hoffnung auch war, dass der Mensch durch (klassische) Bildung edel hilfreich und gut würde, speziell die deutsche Geschichte zeigt das Gegenteil. Regelmäßige Goethe-Lektüre schloss eine SS-Mitgliedschaft ebenso wenig aus, wie eine Altphilologie-Professur das Hinausmobben jüdischer Kollegen aus deutschen Universitäten. Edle Taten fanden sich dafür ebenso bei humanistisch völlig ungebildeten Menschen. Goebbels war als Germanist ebenfalls ein großer Kenner der Klassiker. Ich neige deshalb der These zu, dass (klassische) Bildung zwar bereits vorhandene Charaktereigenschaften in Menschen beeinflussen kann, sie aber auf keinen Fall ausreicht, Menschen allgemein von unmoralischen Taten abzuhalten oder sie zu moralischen Taten zu motivieren.

Abgrenzung durch klassische Bildung als Statussymbol funktioniert heutzutage auch immer weniger. Im Österreich des 21. Jahrhunderts kann man sich damit eher als jemand profilieren, der einen seltsamen Spleen hat. Goethe-Leser? Das ist aber ein originelles Hobby! Ich selbst lerne gerade Aikido…

Plausibel von den ursprünglichen drei Motiven bleibt als die Kenntnis des eigenen Kulturerbes. Wie im ersten Teil ausgeführt halte ich das im Sinne eines abstrakten Überblickswissen für sinnvoll.

Warum also sollte man 2020 noch Klassiker lesen? Anders formuliert: Welchen Nutzen bringt die Klassikerlektüre dem Einzelnen oder gar der Gesellschaft?

Klassiker zu lesen und zu verstehen, ist eine Fähigkeit wie viele andere, die man zumindest einige Jahre lang trainieren muss. Eine passende Analogie ist vielleicht das Schachspiel. Die Regeln sind schnell gelernt. Ein oberflächliches Verständnis über strategische Grundzüge des Spiels ebenfalls. Ein wirklich guter Spieler zu werden setzt neben Talent aber sehr viel Aufwand voraus. Je mehr man spielt, je ausführlicher man sich mit der „Mechanik“ des Schach beschäftigt, je öfter man Partien analysiert, desto besser wird man werden. Bis man die Feinheiten einer Stellung oder die Finessen eines über viele Züge gehenden Manövers zu würdigen weiß, können viele Jahre vergehen. Eine weitere Analogie wäre das Erlernen einer Fremdsprache.

Es gibt auch unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Ein verständnisvolles Lesen der Romane des 19. Jahrhunderts ist früher möglich, als ein verständnisvolles Lesen von antiker, mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Literatur. Dickens ist weniger fremd als Homer, Dante oder Shakespeare.

Der Deutschunterricht ist beim Erlernen dieser Fähigkeit eher hinderlich als hilfreich, aber das wäre ein anderes Thema. Warum ist Klassiker-Lektüre so kompliziert? Weil der Gegenstand auf mehreren Ebenen komplex ist. Vergleichsweise banal ist die Notwendigkeit, intellektuell größere Zeiträume zu überwinden, was ein gewisses Kontextwissen voraussetzt. Auch das fiktionale Lesen an sich stellt nicht die größte Herausforderung dar. Wer den Abenteuern Harry Potters zu folgen vermag, der schafft das prinzipiell auch bei „Wilhelm Meister“. Die Hauptschwierigkeit liegt im Kern der Sache begründet, wie Klassiker funktionieren. Ein detaillierter Beschreibungsversuch findet sich im entsprechenden Abschnitt meiner Dissertation. Qualitätsvolle Literatur macht es dem Leser quasi aus Prinzip schwer, ihm zu folgen. Gute Literatur erfindet sich formal ständig neu, variiert das Alte und hebt es auf eine neue Komplexitätsstufe. Widerborstigkeit ist ein Kernbestandteil von Klassikern. Sie sind meist seltsam, ungewöhnlich und schwer in vorhandene Erfahrungsraster einzuordnen. Kognitionspsychologisch gesprochen: Es fehlt an den notwendigen Frames. Wir Menschen wollen aber gerne alles sofort in vorhandene Schubladen legen. Ist das nicht möglich, löst das Irritation und oft Ablehnung aus. Das gilt auch für andere Kunstsparten. Beispielsweise wurde die Musik Mozart von den Zeitgenossen zunächst als ungewöhnlich schwierig empfunden.
Klassiker lesen lernen heißt auf einer abstrakten Ebene, mit diesen Komplexitäten umgehen zu können. Man lässt sich nicht nur auf Unbekanntes, Herausforderndes und „Schwieriges“ ein, sondern hat daran sogar Vergnügen. Dieses Können bringt den Einzelnen individuell weiter und nützt auch der Gesellschaft, weil kognitive Komplexitätsbewältigung und Ausdauer eine wichtige Voraussetzung für Erfolge aller Art ist. Kurz sei noch angemerkt, dass Weltliteraturleser zwangsläufig zu Weltbürgern werden.

Einzigartig sind Klassiker noch in einer weiteren Hinsicht: Man kann Fremdes aus der Innensicht kennenlernen. Natürlich kann man sich Wissen über eine Zeit oder ein Land durch Sachbücher aneignen. Aber egal wie viele Studien und Aufsätze man über den Landadel in England um 1800 liest oder über das Stadtleben in Paris der 1830er Jahre: Man wird dadurch nie einen vergleichbaren Einblick bekommen wie durch die Lektüre der Romane Jane Austens oder Honoré de Balzac‘. Das gilt nicht nur für vergangene Zeiten, sondern auch für andere Kulturen in der Gegenwart.

Klassiker-Lektüre im Jahr 2020? Selbstverständlich!

Wiener Symphoniker

Konzerthaus 14.1.

Dirigent: Fabio Luisi
Klavier: Ivo Pogorelich

Sergej Rachmaninow:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-moll op. 18 (1900-1901)

Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 e-moll op. 98 (1884-1885)

Wie konnte es zu dieser Klangkatastrophe kommen? Rachmaninows 2. Klavierkonzert gehört zu den Ohrwürmern des Konzertbetriebs. Böse Zungen sagen auch, es lebe überwiegend von einer leeren Virtuosität auf Kosten der musikalischen Substanz. Da haben sich Herr Luisi und Herr Pogorelich nun gedacht: Wir bürsten diese ausgeleierte Nummer gegen den Strich und spielen es so wenig ohrwurmig wie nur irgendwie möglich! Ivo Pogorelich machte auf alten Wilden und hämmerte pubertär auf dem schlecht klingenden Klavier herum: Wilde Tempi, atonale Einschübe. Als wollte er Glenn Gould nach einem Gehirnschlag parodieren. Begleitet wurde dieser Unfug von einem undifferenzierten Klangbrei der Wiener Symphoniker.

Nun kann ich die Idee, ein Stück „frech“ zu interpretieren, durchaus nachvollziehen. Es gibt hier aber ein weites Spektrum. Die Skala reicht von subtiler Ironie und Distanzierung bis bin zu der an diesem Abend versuchten Holzhammermethode. Für letztere braucht man allerdings ein musikalisches Format, von dem die Beteiligten des Abends meilenweit entfernt waren. Das Publikum beklaschte ausgiebig und brav, was vom Ohrwurm übrig blieb.

Nach der Pause gab es noch eine, höflich formuliert, drittklassig interpretierte Brahms-Symphonie zu hören. Imposant waren alleine die Soli der Holzbläser. Ansonsten ebenfalls eine mehr als peinliche Angelegenheit für den Wiener Konzertbetrieb. Die Wiener Symphoniker werden jetzt wieder für einige Jahre gemieden.

James Joyce: Ulysses [2.]

Viele Literaturkenner halten den Ulysses für einen der besten Romane der Weltliteratur. Viele ambitionierte Leser haben aufgrund der vermeintlichen oder tatsächlichen „Schwierigkeit“ einen großen Respekt vor dem Buch. Immer wieder höre ich, man hätte die Lektüre mehrmals versucht – und abgebrochen. Tatsächlich setzt ein Verständnis des Ulysses eine beachtliche intellektuelle Anstrengung voraus. Vergleichbar vielleicht mit dem Bereisen eines fremden Landes. Man muss sich einerseits gut vorbereiten, damit man seine Reiseerlebnisse richtig einordnen kann. Andererseits kommt man ohne Offenheit und Mut zum Fremden nicht weiter.

Joyce schrieb 1914-1921 an dem Roman, beschäftigte sich aber bereits vorher mit Geschichten und Motiven, die in das Buch Eingang fanden. Die Publikation war aufgrund der „rücksichtslosen“ Darstellung (auch der erotischen Eskapaden) seiner Figuren schwierig. In Irland war der Roman von der Zensur lange verboten. Ich las den Roman zum zweiten Mal und ließ mir einige Monate Zeit dazu.

Was den Ulysses zu keiner einfachen, aber desto anregenderen Lektüre macht, ist Joyce erzählerischer Formenreichtum. Jedes der achtzehn Kapitel hat seine eigene Sprache. Üblicherweise versteht man nach den ersten 30 bis 50 Seiten die Machart eines Romans: Man durchschaut die Form, den Stil, die Erzählperspektive. Man hat sich „eingelesen“. Anders hier: Jedes Kapitel verlangt diese Anstrengung aufs Neue, und ich vermute, das ist einer der Hauptgründe, warum viele die Lektüre abbrechen. Das Werk ist eine literarische Dauerirritation. Das ist schade, liefert Joyce doch einen enzyklopädischen Einblick in die Leistungsfähigkeit der Literatur. Im Ulysses findet man so gut wie jede denkbare Erzählperspektive, vom allwissenden auktorialen Erzähler über den unzuverlässigen personalen Erzähler bis hin zu Passagen aus der Ich-Perspektive. Innere Monologe, stream of consciousness und Dialoge in Dramenform wären weitere Beispiele. Stilistisch spielt Joyce ebenfalls mit allen Möglichkeiten. Kaum eine Textart, die er nicht benutzt, viele davon parodistisch. Journalistenprosa, Juristenfachjargon, Bibelsprache, Werbesprache, okkultes Raunen, Fachsprachen, Slang in allen Formen usw.

Als Einstieg kann man sich durchaus einzelne Kapitel vornehmen, das schüchtert weniger ein als der Vorsatz, alles in einem Zug zu lesen.

Nun drängt sich die Frage auf: Wie kann diese Fülle der formalen Mittel in einem Einzelwerk funktionieren? Meine Antwort darauf wäre: Die hohe struktuelle und semantische Dichte hält den Roman zusammen. Damit meine ich die unglaubliche Fülle an symbolischen Bezügen, welche den Roman auf mehreren Ebenen zusammenhalten. Ein Strukturalist würde hier von einer Vielzahl von Isotopien sprechen. Eine Analogie zur Musik: Der Ulysses ist (was die Dichte angeht) etwas Ähnliches wie Wagners Ring der Nibelungen für die Musik. Ein Riesenwerk, das Genregrenzen sprengt, und eine völlig eigenständige Ästhetik entwickelt, damit es als Werk funktionieren kann. Man sagte Joyce nach, dass er ein ungewöhnliches gutes Gedächtnis hatte. Ein solches ist auch bei der Lektüre des Romans hilfreich, um auch nur in Ansätzen diesen Bezügen folgen zu können.

Umstritten in der Forschung ist, wie wichtig die Folie der Odyssee ist, die dem Ulysses einen zusätzlichen Rahmen gibt. Literaturtheoretisch ist das eine sehr spannende Frage, denn diese Folie wird quasi von außen über den Roman gestülpt. Im Roman selbst wird das Werk Homers kaum thematisiert. Die Figuren sind sich dieser Parallelen also nicht bewusst. Joyce steuert damit aber die Erwartungshaltung seiner Leser und man zieht zusätzlichen Gewinn aus der Lektüre, wenn man die Irrfahrten des Odysseus im Hinterkopf hat.

Dicht ist der Text auch, was die Themenvielfalt betrifft. Jedes Kapitel hat mindestens ein Thema, das aus verschiedenen Perspektiven bearbeitet wird: Geschichte, Medizin, Politik, Literatur und Musik sind nur einige davon. Kurz: Ulysses ist ein enzyklopädisches Werk. Joyce versucht die Komplexität der Realität in ästhetische Komplexität zu übersetzen – und das gelingt ihm kongenial. So ist es auch kein Zufall, dass Shakespeare im Roman eine wichtige Rolle spielt. Joyce hatte durchaus den Anspruch, es Shakespeare gleich zu tun, und die Welt literarisch neu zu erschaffen.

Sein Blick auf die Figuren ist ein analytischer, wenn nicht zynischer. Joyce schickt seinen Leopold Bloom und die anderen Figuren am 16. Juni 1904 wie Versuchstiere durch Dublin und registriert schonungslos jede ihrer Regungen. Die Abgründe, in die er seine Figuren und damit seine Leser führt, zeigen einen schonungslosen und kritischen Blick auf seine Artgenossen. Das macht Joyce auch zu einem der großen Aufklärer der Weltliteratur.

Ich las den Roman abwechselnd in der kommentierten Ausgabe der Wollschläger-Übersetzung und im Original. Die kommentierte Ausgabe läßt einen zwiespältigen Eindruck zurück. Das hat nichts mit der guten Qualität des Kommentars zu tun, der immer wieder sehr nützlich ist, sondern mit dem Leseerlebnis: Ist der Romantext vom Kommentar buchstäblich eingekreist, lenkt das sehr von der eigentlichen Lektüre ab. Meine Empfehlung wäre, sich die Übersetzung auch unkommentiert zu kaufen (wer nicht ohnehin im Original liest) und diese als Leseausgabe zu verwenden. Die kommentierte Ausgabe zusätzlich zum Nachschlagen.

James Joyce: Ulysses. Kommentierte Ausgabe (Suhrkamp Verlag) [2.]

Über die Rolle des Schweinsbratens in der Literatur…

oder: Wie wichtig sind Details in Romanen?

Anlässlich unseres Twitter-Projekts im Theater Reichenau, entspann sich eine Diskussion, inwiefern die Korrektheit von Details für die Qualität von Literatur von Bedeutung sei. In 140-Zeichen-Tweets ließ sich diese Frage nicht ausdiskutieren, deshalb hier einige Gedanken dazu.

Über das Verhältnis von Fiktion und Realität wurden viele Bücher geschrieben. Neben viel Geschwurfel sind auch einige sehr instruktive darunter, nicht nur, aber vor allem von semiotischer und strukturalistischer Seite. Wie wichtig die Bodenhaftung von Literatur in der Wirklichkeit ist, hängt natürlich in erster Linie vom Genre ab. Viel Freiheit genießen hier Gattungen wie das Märchen oder Genres wie Fantasy. Ähnliches gilt für experimentelle Literaturformen aller Art. Hier können selbst logische „Grundgesetze“ außer Kraft gesetzt werden, wie Harald Fricke in seinem vorzüglichen literaturtheoretischen Standardwerk Norm und Abweichung ausführlich demonstrierte.

Anders bei der Literatur, die man (etwas naiv) gerne als „realistisch“ bezeichnet. Romane, welche man diesem Genre gerne zuschlägt, sind beispielsweise Gesellschafts- oder Zeitromane. Fontanes Effi Briest wäre ein prominentes Beispiel, Dickens Oliver Twist ein weiteres. Überhaupt kann man die meisten berühmten Romane des 19. Jahrhunderts in diese große Schublade packen. Die Erwartungshaltung der Leser ist bei diesen Büchern, dass sich der Autor an gewisse implizite Gesetzmäßigkeiten hält. Hätte Thomas Mann in einer seiner Erzählungen den Eiffelturm in München aufgestellt, hätten das seine Leser vermutlich nicht goutiert.

Wie funktioniert Literatur? Der Autor gibt seinem Leser semantische Markierungen mit auf den Weg, mit deren Hilfe sich der Leser seine fiktionale Welt zusammenbastelt. Das Ergebnis sieht je nach den kognitiven Voraussetzungen des Lesers unterschiedlich aus. Ein zeitgenössischer Thomas-Mann-Leser, der noch nie etwas von Paris gehört hätte, und auch München nicht gut kennt, würde sich durch einen Eiffelturm im Zentrum nicht gestört fühlen. Deshalb konstruiert man für solche Analysen besser eine Art „idealen Leser“, den man mit genügend Wissen ausstattet, damit eine hinreichend „mächtige“ fiktionale Welt entstehen kann.

Auslöser unserer kleinen Debatte war der in Kehlmanns Ruhm in Zentralasien ständig servierte Schweinsbraten (siehe meine Rezension). Die meisten Leser Kehlmanns werden Zentralasien nicht kennen und dürften sich deshalb von dieser „falschen Wirklichkeit“ nicht weiter gestört führen. Wer aber je diese Gegend bereiste, für den zerbröselt diese Fiktion, und er wird aus seinem realistischen Lesemodus heraus gerissen. In der Moderne übrigens ein durchaus gängiges narratives Verfahren.

Nun stellt sich spätestens hier die Frage: Ist Kehlmanns Ruhm „realistische“ Literatur? Die Metafiktionalität spräche doch eigentlich gegen ein so „naives“ Verständnis des Textes? Dieser Einwand greift aber zu kurz. Alle Geschichten des Romans setzen sich augenscheinlich intensiv mit der Gegenwart auseinander. Was hat der Autor nicht alles hinein gepackt: Aktive Sterbehilfe in der Schweiz, die Unerträglichkeit des Kulturinstitutstourismus, unsichere Fluglinien, Zwang zu unlogischen Flugbuchungen, inkompetente Call-Center-Angestellte, entführte Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Kulturkritik an schlechten Filmen durch Massenproduktion, korrupte afrikanische Minister, frustrierte Ex-Pats in Lateinamerika, indolente Beamte eines zentralasiatischen Staates, die Verseuchung des Buchmarkts mit esoterischen Publikationen…

Kurz: Der Roman ist vollgepackt mit praller „Wirklichkeit“ und bezieht sein „oberflächliches“ Funktionieren in erster Linie aus dieser Ebene. Der „ideale Leser“ erwartet bei den meisten dieser Geschichten, dass die Fakten stimmen. Gegen Ende wird das zwar mit dem Unprofor-Fehler metafiktional aufgelöst, bei den anderen Geschichte ist diese Distanz aber semantisch „unterdeterminiert“. Es gibt zu wenige Signale selbst für den „idealen Leser“, dass ihm eine relativierende, antirealistische Lesart aufgedrängt würde.

Womit wir wieder beim fiktionalen Schweinsbraten angelangt wären. Die Wirkung der Geschichte beruht darauf, dass Maria in einem exotischen Land verloren geht. Ein emotionaler Effekt stellt sich für den Leser nur dann ein, wenn er in einem realistischen Erzählmodus liest. Läse er die Geschichte im metafiktionalen Modus, gäbe es keine Empathie für Maria. Die Geschichte würde nicht „funktionieren“. Der falsche Schweinsbraten zwingt einen wohl informierten Leser aus dem realistischen Lesemodus heraus und zerstört die literarische Wirkung ohne dass er einen ästhetischen Mehrwert dadurch hätte.

Lessing: Philotas

Vestibül des Burgtheaters 26.6.

Regie: Michael Höppner

Philotas: Simon Kirsch
König Aridäus: Markus Hering
Strato: Bernd Birkhahn
Parmenio: Jürgen Maurer

Viele Dramenentwürfe schrieb Lessing. Philotas gehört zu den wenigen kleineren Werken, die er vollendet hat. „Klein“ bezieht sich allerdings nur auf die Länge des Stücks. Es ist ein hochgradig ambivalenter Text, der in der Forschung sehr kontrovers diskutiert wurde. Inzwischen gibt es aber einen plausiblen Konsens, dass das Stück eine Kritik der Heldentragödie ist, und Lessing damit intelligent den preußischen Patriotismus auf den Arm nimmt.

Der junge Philotas gerät in seiner ersten Schlacht aus eigener Schuld in Gefangenschaft und macht sich im Eingangsmonolog große Vorwürfe. Als Prinz ist er natürlich eine wertvolle Geisel, und er fürchtet zurecht, dass sein Vater viele Zugeständnisse für seine Auslösung wird machen müssen. Lessing legt seinen Charakter zwischen kindisch-pubertären Idealismus und fanatischem Patriotismus an. Man muss genau zuhören, um die Nuancen der Figur zu verstehen. König Aridäus und Strato wirken als rationale, humane Gegenpole, ganz im Sinne der Aufklärung.
Als Philotas erfährt, dass spiegelbildlich der Sohn des Königs Aridäus Gefangener bei seinem Vater ist, kommt ihm die rettende Idee: Beginge er Selbstmord, hätte sein Vater alle Trümpfe in der Hand. Der Plan gelingt und am Ende liegt ein toter Teenager am Boden als Beleg für die Dummheit von Patriotismus und irrationalem Idealismus. Die klugen Pläne der Konfliktlösung des König Aridäus scheitern an der Sturheit des jungen Mannes. Das als Reflexion über die Grenzen der Aufklärung zu lesen, scheint mir nicht allzuweit hergeholt. Zumal der König am Ende resigniert abdankt als seine Bemühungen scheitern.

So mancher Regisseure hätte dieses Stück als grelle antimilitarische Parodie angelegt. Höppner war klüger und verlässt sich voll und ganz auf Lessings Text. Die kindisch-heroischen Ambivalenzen des Philotas werden ausgespielt. Das Publikum kann sich ein eigenes Bild über den Jungen machen, anstatt eine fixe Lesart vorgesetzt zu bekommen. Ähnlich inszeniert Andrea Breth und für Klassikerinszenierungen gibt es keine klügere Vorgehensweise.

Das Vestibül des Burgtheaters ist der ideale Ort für dieses zwielichtige Kammerspiel. Die wenigen Zuseher sitzen im Kreis um die Bühne herum. Die Schauspieler sind zum Greifen nah. Sicher ein Grund, warum der Abend so packend ist. Der zweite ist das ausgezeichnete Schauspiel des Simon Kirsch. Er gibt einen kongenialen Philotas, was angesichts der „schwierigen“, sich widersprechenden Charakterzüge eine Meisterleistung ist. Die drei anderen Figuren sind mit Markus Hering, Bernd Birkhahn und Jürgen Maurer ebenso exzellent besetzt.

Angemerkt sei noch, dass der Philotas (wie fast alles „Klassische“) ein hochaktuelles Stück ist, in einer Zeit, wo junge Menschen aufgrund durchaus ähnlicher „heroischer“ Motive mit Sprengsstoffgürteln aus dem Haus gehen. Lessing analysiert die Psyche dieser Menschen auf 30 Buchseiten präziser als so manche lange Terrorismus-Studie.

Wenn man der Inszenierung denn etwas vorwerfen wollte, könnte das zu große Plaktivität in der Verwendung von Symbolen und bei den musikalischen Einlagen sein. Da das Ergebnis aber ein perfekt funktionierender Theaterabend ist und eines meiner interessantesten Bühnenerlebnisse seit langem, wäre Beckmesserei hier völlig unangebracht.

Nordkorea in Wien – ein Augenzeugenbericht

Museum für angewandte Kunst 25.5.

Blumen für Kim Il Sung heißt die seltsame Ausstellung, die Peter Noever nach Wien in sein Museum holte. Der göttliche Kim Il Sung spielt die Hauptrolle, weshalb man natürlich am Eingang einen Metalldetektor passieren muss. Im ersten Stock sitzen zwei fröhlich wirkende Asiaten (gute Tarnung?), und der Gedanke liegt nahe, dass der nordkoreanische Geheimdienst seinen großen Führer (gut, dessen Abbilder) natürlich nicht ohne Begleitschutz ins feindliche Ausland schickt. In der Ausstellung steht sich das Sicherheitspersonal selbst im Weg und man sähe gerne das Vertragswerk, das die Ausstellungsmodalitäten regelt.

Höhepunkt des Wahnsinns sind die Schnüre, welche die Portraits Kim Il Sungs weiträumig absperren: Niemand soll der selbsternannten Erlaucht zu nahe treten. Zu sehen ist er in allen Situationen des besorgten Landesvaters: Mit Arbeitern, Bauern, Kindern etc., von denen jeweils wohlgenährte Exemplare abgebildet sind, welche die Künstler offenbar trotz der Hungersnöte im Land als Modell auftreiben konnten.

Die Bilder selbst sind so weit vom westlichen Kunstverständnis entfernt, dass man sie zum Anlass für ein längeres kunstphilosophisches Traktat nehmen könnte, mit Schwerpunkt auf dam Verhältnis zwischen Kunst und Macht. Der Sachverhalt ist weniger eindeutig als man denkt. Die Beschäftigung mit der Kunst der Renaissance vor und während der Toskanareise führte deutlich vor Augen, dass viele der größten Maler auch brav ihren Auftraggeber gehorchen mußten. Man hielt sich an den Renaissancehöfen auch gerne gut bezahlte Hofhumanisten.

Diese Art der totalitären Ästhetik erinnerte mich jedenfalls sehr an meine Reise durch Turkmenistan.

Das MAK erlaubt seinen Besuchern also eine Erfahrung zu machen, die man sonst nur auf entlegeneren Reiserouten geboten bekommt. Fakt ist aber auch, dass man mit dieser Kooperation eines der übelsten Regime international aufwertet.

[30.4.]: Der Economist berichtet ausführlich über die aktuelle Situation in Nordkorea.

Grenzerfahrungen in Zentralasien

Eine Reise durch fünf Länder [April 2009]

Es gibt Weltgegenden von denen nur selten Kunde in die westlichen Medien dringt. Zentralasien ist so groß wie Westeuropa, aber die Nachrichtenlage ist nicht besser als für eine kleine Karibikinsel. Selbst auf den Weltwetterkarten von CNN, BBC World oder Euronews wird diese Region ignoriert. Zwischen Afghanistan und Südrußland ist die meteorologische Situation offenbar unerheblich.

Kulturgeschichtlich Interessierte verbinden mit Zentralasien die Seidenstraße. Die Bilder im Kopf wechseln zwischen selbstgestrickter Orientromantik und den exotischen Vorstellungen, welche gerne von den Marketingabteilungen der Tourismusunternehmen in Umlauf gebracht werden. Was aber erwartet den Reisenden tatsächlich in Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Kasachstan? Eine intensive dreiwöchige Reise sollte mir helfen, mir ein eigenes Bild zu machen.
Unterwegs war ich mit Jürgen Stürmer, einem auf den russischen und arabischen Raum spezialisierten Kenner der Region sowie zusätzlich immer wieder mit lokalen Guides.

Zu Beginn sei gesagt, dass es sich bei allen fünf Ländern um solide Diktaturen handelt, selbstverständlich mit graduellen Abstufungen. Turkmenistan, ohne Zweifel zu den politisch unappetitlichsten Staatsgebilden zu zählen, war die erste Station der Reise. Touristen sind eigentlich unerwünscht, weshalb die Hürden für die Einreise so fantasievoll sind, dass Kafkas Bürokraten zuvorkommend wie amerikanische Dienstleister wirken. Wir kamen um Mitternacht am Flughafen in Aschgabat an, und es dauerte knapp zwei Stunden bis die kleine Gruppe abgefertigt war. Es wurde aufgeschrieben, gestempelt, kontrolliert und kontrolliert, gestempelt und aufgeschrieben, jeweils mehrmals und in unterschiedlicher Reihenfolge. Für den Checkin ins Hotel „Grand Turkmen“ waren zwei Passfotos notwendig, außerdem gab es einen Hotelstempel in den Pass. Nach drei Tagen hatte man einen Berg von Reiseunterlagen, der anderen Orts vermutlich ausreichen würde, eine GmbH zu gründen.

Nach der Unabhängigkeit Turkmenistans im Jahr 1991 übernahm Saparmyrat Nyýazow die Macht, der ehemalige Vorsitzende der kommunistischen Partei, und errichtete einen auf monomanen Personenkult gegründeten Polizeistaat. Eine Erkundung der Hauptstadt Aschgabat führt dem Besucher sofort vor Augen, was mit den zweistelligen Milliarden Euro an Erdöl- und Erdgaseinnahmen des Landes überwiegend passiert ist: Das Geld wurde in protzige Prunkbauten gesteckt. Ein Monumentalbau nach dem anderen reiht sich entlang der „Boulevards“, viele großzügig mit italienischem Marmor verkleidet. Ergänzt durch von den Einheimischen so genannte „Elitewohnungen“, aufgemotzte Plattenbauten, für die loyalen Funktionäre. Dazwischen immer wieder großzügig angelegte Parks. Eine wundersame Kreuzung aus Dubai und Disneyland. Aschgabat hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Plätze, Parks und Promenaden sind menschenleer. Urbanes Leben ist im turkmenischen Staatswesen offenbar nicht vorgesehen, und man kann nur hoffen, dass zumindest am Wochenende ein paar Menschen diese Anlagen nutzen. Die aus Frauen bestehenden Reinigungstrupps, die meist mit verhülltem Kopf diese groteske Stadtsimulation sauber halten müssen, machen den Gesamteindruck nur noch gespenstischer.

Nyýazow ließ sich schon bald als Türkmenba?y (Führer der Turkmenen) verehren. Er schrieb als ideologisches Grundlagenwerk das Buch „Ruhnama“, das seine Untertanen zwangsverehren mussten. Es war de facto an vielen Schulen der einzige Unterrichtsstoff. In Aschgabat steht ein riesiges Buchdenkmal, welches dieses Druckwerk riesengroß in elegantem Pink und Hellgrün abbildet. Ich hätte nicht gedacht, ausgerechnet in Aschgabat mein erstes überdimensionales Buchdenkmal zu sehen …

Im Historischen Museum der Hauptstadt wird der von Nyýazow erfundene Nationalmythos propagandistisch ausgeschlachtet. Auch das Museum war menschenleer, schätzungsweise kamen auf jeden Besucher mindestens zwei Reinigungskräfte. Sehr sehenswert ist allerdings der archäologische Teil des Hauses. Es gibt dort eine der weltgrößten Sammlungen an Elfenbeintrinkhörnern („rhyta“) aus dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Eine Delegation des Louvre hatte angeboten, einige dringend notwendige Restaurierungsarbeiten an den Gefäßen durchzuführen, man will die Kunstwerke aber nicht außer Landes geben. Erwähnenswert sind auch die dort ausgestellten Fresken aus der ehemaligen Partherstadt Nisa. Die Ausgrabungen liegen nur wenige Kilometer von Aschgabat entfernt, einer Besichtigung stand nichts im Wege. Einer der dort tätigen Archäologen, Batir, gab uns einen guten Einblick in den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Arbeit vor Ort.

Eine knappe Stunde Flug über die Wüste und man erreicht Daschwahus im Norden des Landes. Prunkbauten sucht man vergeblich, hier sieht man das eigentliche Turkmenistan, ein Entwicklungsland. Heruntergekommene Häuser in der Stadt, armselige Dörfer, waghalsige oberirdisch verlegte Gasleitungen an den Straßen entlang. Die Infrastruktur ist jämmerlich und ich empfehle den Ausflug nach Kohne Urgentsch, der ehemaligen Hauptstadt des Choresm-Reiches (995) und ein berühmtes ehemaliges Handlungszentrum, nur hartgesottenen Kulturreisenden. Von den vielen Prachtbauten sind noch einige Ruinen zu sehen, so eine Grabmoschee der Sufi-Dynastie und das Mausoleum des Sultan Tekesch. Avicenna und Al Biruni waren einige Zeit in der Stadt tätig, was sie unter Emir Mahmum Gurgandsch zu einem intellektuellen Zentrum machte.

Die Grenzübertritte innerhalb Zentralasiens sind ebenso mühselig wie eindrucksvoll. Perpetuierte bürokratische Amokläufe, welche dem Liebhaber dieser Dinge unvergessliche Erlebnisse bescheren. Wir fahren auf einem besseren Feldweg durch Niemandsland auf die turkmenische Grenze zu. Es gilt den Bus zu verlassen und mit dem Gepäck durch ein Tor zu schreiten, nachdem ein turkmenischer Grenzbeamter einen ersten Blick auf den Pass geworfen hat. Wir gehen weiter zu einer schäbigen Grenzstation, in der eine mehrköpfige Kommission, angeordnet nach der Anzahl der Sterne auf den Schulterklappen, jeweils die Vielzahl an inzwischen angesammelten Reisedokumenten sichtet. Irgendwann bekommt man den ersehnten Ausreisestempel in den Pass.
Am anderen Ende wartet die Fortsetzung des Feldwegs. Ein pensionsreifer VW-Bus bringt alle im Pendelverkehr zur usbekischen Grenzstation, die in einem überdimensionierten Baustellencontainer angesiedelt ist. Naturgemäß sind auch hier diverse Formulare vorzubereiten, so will der usbekische Staat genau wissen, wie viele Devisen man ein- und ausführt. Angesichts der eigenen, international unbrauchbaren Währung vermutlich eine Notwendigkeit. Wer 20 Euro wechselt, bekommt 38 Geldscheine der größten verfügbaren Sorte, weshalb man einen nennenswerten Teil seiner Usbekistan-Tour mit Geldzählen verbringt. Die Gesamtprozedur an der Grenze dauert an die zwei Stunden. Sechsmal hatte ich in Zentralasien dieses Vergnügen.

In Usbekistan liegen die Höhepunkte der Seidenstraße, für den Kulturreisenden ein ausreichender Grund, hier am meisten Zeit zu verbringen, und zwar acht Tage. Chiwa liegt nicht weit von der turkmenischen Grenze entfernt und hat die besterhaltene Altstadt des Landes. Schöne Ensembles mit Moscheen, Medresen und Mausoleen findet man auch in anderen Städten Usbekistans, in Chiwa aber fügen sich diese nahtlos in einen orientalischen Gesamteindruck ein. Die meisten historischen Bauwerke sind frisch renoviert, was bei den Touristen sicher mehr Entzücken auslöst als bei Archäologen. Trotz des schönen Ensemblecharakters wirkt die Altstadt etwas zu klinisch, so als hätte man eine Attraktion aus Tausendundeiner Nacht für Besucher nachgebaut. Die Vielzahl der Koranschulen geht auf konkurrierende Stiftungen zurück. Wie auch im Christentum lag den moslemischen Herrschern der Blütezeit der Gedanke nicht fern, sich durch Bestechung ins Paradies einkaufen zu können. Heutzutage denkt man bei „Koranschule“ an Erziehungsinstitutionen in Pakistan, in denen Schülern aus armen Verhältnissen die islamistische Ideologie eingeprügelt wird. Vor fünf Jahrhunderten zählten die Koranschulen jedoch zu den besten Universitäten der Welt, auch Naturwissenschaften wurden unterrichtet. Deshalb verwendet man in diesem Kontext wohl besser „Medrese“ als Begriff.
Chiwa hat eine beeindruckende Geschichte. Legenden über die Stadt gehen bis in biblische Zeiten zurück. Historisch belegt ist sie erstmals im 10. Jahrhundert. 1592 tritt Chiwa die Nachfolge von Kohne Urgentsch als Hauptstadt des Choresm Reiches an.
Während man in Turkmenistan keine fröhlichen Menschen auf der Straße sah und die Atmosphäre bedrückt wirkte, scheinen die Usbeken trotz der schwierigen Umstände mehr Freude am Leben zu haben. Die Angst vor staatlicher Repression ist offenbar deutlich geringer als im Polizeistaat nebenan. Die Infrastruktur ist ebenfalls fortschrittlicher als im Nachbarland. Wie schnell sie aber an ihre Grenzen stößt, zeigen wiederholte Stromausfälle nach Regenfällen. In Buchara habe ich aus diesem Grund zum ersten Mal in meinem Reiseleben ein Museum mit Taschenlampe besichtigt.

Nach Buchara fährt man von Chiwa gut 400km durch die Wüste Kiselkum auf – diplomatisch formuliert – suboptimalen Straßen. Der erste Eindruck von dieser berühmten Stadt der Seidenstraße passt zu den Bildern im Kopf. Die Bedeutung Bucharas hatte geographische Gründe, hier kreuzte sich die nördliche und südliche Route der Karawanenstraße. Aber nicht nur der Handel blühte, es war auch die intellektuelle Hauptstadt seiner Zeit. Avicenna, Rudaki, Ferdausi und viele andere wählten sie zur Wirkungsstätte. Zahlreiche Handschriften werden immer noch dort aufbewahrt. Die Moschee Kalan und besonders das dazugehörige Minarett gehört zu den schönsten Bauwerken in Zentralasien. Die Proportionen des 50m hohen Turms und des Bauschmucks sind von atemberaubender Perfektion.
Lange Zeit pflegte man die von den Einwohnern wegen des hohen Unterhaltungswertes geschätzte Tradition, Straftäter und Ungläubige von diesem Minarett in den Tod zu stürzen. Ich wage die These, dass es sich hier um die ästhetisch gelungenste Hinrichtungsstätte der Weltgeschichte handelt. Wer sich über weitere historische Unappetitlichkeiten dieser Weltgegend bis weit ins 19. Jahrhundert hinein informieren will, der sei auf die einschlägigen Reiseberichte verwiesen, etwa Hermann Vámbérys „Mohammed in Asien. Verbotene Reise nach Buchara und Samarkand“. Wie viele andere einschlägige Titel ist dieses Buch leider nur noch antiquarisch erhältlich.
Das Mausoleum der Samaninden darf nicht unerwähnt bleiben, zählt es doch zu den berühmtesten Werken der islamischen Baukunst. Vermutlich um 900 errichtet, sieht es mit seiner Grundfläche von 10x10m und seiner Höhe von vierzehn Metern wie ein architektonisches Understatement aus. Die Eleganz der Ausführung und das hohe Niveau des Bauschmucks setzten aber für die folgenden Jahrhunderte oft nachgeahmte Maßstäbe.

Die Fahrt nach Samarkand führt durch sehr ärmliche Gegenden des Landes. Dem Land Bodenfrüchte abzugewinnen ist offensichtlich harte Arbeit. Von den bekannten Strapazen der Baumwollernte einmal ganz abgesehen, zu der auch Schulkinder in den Sommermonaten immer noch gezwungen werden. Den korrupten Machthabern sind Devisen naturgemäß wichtiger als die Ausbildung ihres Nachwuchses. Trotz der Armut sind in allen Ländern Zentralasiens Handys weitverbreitet. Selbst Hirtenjungen scheinen auf ihre Schafe ohne Mobiltelefon nicht mehr aufpassen zu können. Und sogar in Gegenden mit Dörfern ohne Strom oder fließendem Wasser gibt es exzellenten Mobilfunkempfang.
Unterwegs bietet sich ein Abstecher nach Schahr-e Sabs an, der Geburtsstadt Timurs (1336-1405), der diese Weltgegend nicht nur bis heute durch zahlreiche Bauten geprägt hat, sondern vom neuen Usbekistan auch als eine Art Nationalheiliger inthronisiert wurde. Man die Überreste des Palastes Ak Sarai besichtigen, dessen zwei Pylonen noch stehen und beachtliche 38m hoch sind. Dadurch lässt sich die Dimension dieses riesigen Bauwerks gut erkennen. Timur ließ die besten Architekten und Künstler aus seinem neuen Reich buchstäblich zusammenfangen und die Ergebnisse sind immer noch beeindruckend.

Nun also Samarkand, dessen orientalischer Zauber einer der wenigen Anhaltspunkte ist, die ein Mitteleuropäer heute mit Zentralasien üblicherweise assoziert. Seidenstraße! Orient! Tausendundeine Nacht! Exotik! – Es mag an dem trüben Wetter gelegen haben als wir dort ankamen: Anfangs waren nicht einmal Spuren dieses Klischees erkennbar. So originell ein Wiener Novembertag in dieser Oasenstadt sein mag, dem Flair Samarkands ist eine graue Regenatmosphäre nicht zuträglich. Auch als das Wetter schließlich besser wurde, wollten die eigenen Eindrücke so gar nicht zu den romantischen Erwartungen passen. Natürlich gibt es in der Stadt zauberhafte Ecken. Der berühmte Rigestan Platz wird seinem Ruf ebenso gerecht wie die gepriesene Gräberstadt Schah-e Sende, deren „Erlebniswert“ mit altägyptischen Baudenkmälern durchaus vergleichbar ist. Diese Stätten sind aber in der Stadt weit verteilt, und ein paar Blocks weiter steht man in tristen Vierteln voller heruntergekommener sowjetischer Plattenbauten. So tritt einem Samarkand als eine seltsame Mischung aus Chiwa und Skopje entgegen.

Wer nach Zentralasien aufbricht, sei also vorgewarnt. Es gibt die orientalische Seite dieser Länder und sie ist sehenswert. Zu mindestens gleichen Teilen ist es aber eine Reise durch die Ex-Sowjetunion samt der einschlägigen deprimierenden städtebaulichen Folgeerscheinungen. Natürlich gibt es Positives aus dieser Zeit. Dass es in allen fünf Ländern kaum Analphabetismus gibt (im Unterschied etwa zu Afghanistan), ist dem sowjetischen Erziehungswesen zu verdanken. Auch die Gesundheitsversorgung profitiert noch aus den alten Zeiten, auch wenn sich diese Strukturen bereits auflösen.

Von Samarkand aus ist man schnell in Tadschikistan, wo es nicht nur spektakuläre Berglandschaften zu sehen gibt, sondern die Ausgrabungen von Pendischkent, einer alten Stadt der Sogder. Im ansonsten gut informierten Dumont Kunstreiseführer des Klaus Pander ist vom „Pompeji Zentralasiens“ die Rede. Hat man sich gut durchgerüttelt zu dieser Stätte vorgearbeitet, sieht man aber sofort, dass von einem Pompeji keine Rede sein kann. Man steht vor einer lehmigen Kraterlandschaft, die zwar einen guten Eindruck über die Größe der Stadt und deren Anlage vermittelt, aber sonst in einem deplorablen Zustand ist. Die fröhlich zwischen ausgegrabenen Wohnhäusern weidenden Tierherden, die von keinerlei Absperrung ferngehalten werden, sind nicht das größte Problem. Bauten aus Stampflehm freizulegen und sie danach nicht durch Überdachung zu schützen, ist archäologisch hochgradig fahrlässig. Wenn keine entsprechenden Mittel vorhanden sind, sollte man diese Grabungen den zukünftigen Generationen überlassen. In Europa hört man ständig die nicht unberechtigte Klage, wie wenig Budget für Archäologie vorhanden sei. Wer einmal den Unterschied zwischen „wenig“ und „gar keines“ mit eigenen Augen sehen will, der fahre nach Pendischkent!
Die Geographie Tadschikistans ist der Nordafghanistans sehr ähnlich. Man fährt über halsbrecherische kurvenreiche Bergstraßen durch eine beeindruckende Gebirgsszenerie, vorbei an ebenso malerischen wie ärmlichen Bergdörfern. Man kann sich dabei gut vorstellen, dass westliche Soldaten auf ähnlichen Wegen ihre afghanischen Patrouillen fahren und angesichts des Terrains gegen einen Hinterhalt hoffnungslos im Nachteil sind.

Taschkent war die letzte Station in Usbekistan und ist als Hauptstadt das urbane Zentrum des Landes. Alte Bauwerke gibt es dort kaum, dafür viele Neubauten im alten orientalischen Stil und eine der ältesten Koranhandschriften der Welt. Diese wird in einem kleinen Museum von den Gläubigen verehrt anstatt dass man sie endlich einer ordentlichen philologischen Analyse unterzöge wie das bei Bibeltexten seit dem 17. Jahrhundert üblich ist.

Von Taschkent ging es per Flugzeug weiter nach Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans. Von allen Ländern Zentralasiens ist es das politisch am wenigsten repressive. Allerdings steht es ökonomisch mit Tadschikistan auf der Stufe eines Entwicklungslandes. Kulturelle Besichtigungspunkte gibt es in Nordkirgisistan nur wenige. Nicht versäumen sollte man das Minarett von Burana, das man bequem auf dem Weg zum Issyk Kul See besichtigen kann. Dieser Hochgebirgssee ist die eigentliche Attraktion des Landes. 6000km2 groß und bis zu 700m tief ist er der zweitgrößte Hochgebirgssee der Welt. Auf beiden Seiten von den schneebedeckten Gebirgsketten des Tien-Shan eingerahmt, bieten sich für Naturfreunde lohnende Ausblicke. An manchen Stellen fühlt man sich sogar an geologische Formationen im Westen der USA erinnert. Wäre die Infrastruktur nicht so erbärmlich schlecht, könnte sich dort ein Touristenparadies entwickeln. Im Moment geben die Straßen aber zur philosophischen Überlegung Anlass, wie viele Schlaglöcher eine ‚Straße‘ haben darf, bevor man ihr diesen Status absprechen muss. In dieser Gegend spielen die Geschichten des Tschingis Aitmatow, des berühmtesten Kirgisen, und wer einen literarischen Eindruck von der Region bekommen will, dem sei seine Erzählung „Dshamilja“ empfohlen.

Kasachstan war die letzte Station der Reise. Dort besichtigte ich eines der wohl entlegensten UNESCO Weltkulturerbe-Denkmäler, nämlich die bronzezeitlichen Felszeichnungen in der Tamgaly-Schlucht. Gelegen im Niemandsland der kasachischen Steppe geben sie einen guten Eindruck von der schamanischen Kultur der damaligen Bewohner. Touristen verlaufen sich dorthin nur selten, es war überhaupt eine weitestgehend „touristenfreie“ Reise, die eigenen Reisegefährten natürlich ausgenommen.

Die Hauptstadt Almaty zeigt deutlich, dass Kasachstan das reichste Land Zentralasiens ist. Glaubt man den offiziellen Statistiken, kann man es bereits mit den ärmeren Ländern Europas vergleichen. So ist das BNP nicht mehr sehr weit von dem Polens entfernt. Almaty ist mit seinen martialischen Kriegerdenkmälern und seiner großen orthodoxen Holzkirche sehr russisch geprägt. Den Orient hatte man mit dem Grenzübertritt bereits weitgehend verlassen und damit ist Almaty eine passende Zwischenstation für die Rückreise nach Westeuropa.

300 Fotos von der Reise, fotografiert von Hermann Gabriel

Publiziert als „Kulturbrief“ in „Literatur und Kritik“ Nr. 397/398

Bernhard / Unseld: Der Briefwechsel

Briefwechsel sind für Leser wie Literaturwissenschaftler eine willkommene Quelle, um einen Autor besser kennenzulernen. Für Biographen sind sie neben Zeitzeugenberichten eine unverzichtbare Fundgrube. Der nun vorliegende Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld wird also auf großes Interesse stoßen. Wer sich Enthüllungen größeren Umfanges erwartet, wird enttäuscht sein. Natürlich lernt man neue Seiten des Thomas Bernhard kennen, aber man darf bei der Lektüre nie aus dem Auge verlieren: Beide Briefeschreiber waren sich bewusst, dass ihre Korrespondenz einmal eine breitere Leserschaft finden wird. Unseld schrieb schon 1968 an seinen Autor: „Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden.“ Man liest also keine private (Geschäfts-)Korrespondenz, sondern darf sich getrost zur Nachwelt zählen, für die diese Briefe auch geschrieben wurden.

Der knapp 900 Seiten umfassende Band enthält 524 Briefe. Den Auftakt macht Thomas Bernhard am 22. Oktober 1961, als er einem bisher nicht veröffentlichten Prosamanuskript einen Brief an Siegfried Unseld persönlich nachschickt. „Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang“. Der letzte Brief vom 25. November 1988 ist bitter: „[…] wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, „nicht mehr können“, dann streichen Sie mich aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Wie kompliziert das Verhältnis zwischen Bernhard und Unseld in Wirklichkeit war, ist in diesem Band glänzend dokumentiert.

Der Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf Geschäftlichem. Leitmotivisch ziehen sich Bernhards Forderungen nach Krediten und Honoraren durch viele Briefe. Er war mit seinen Ansprüchen nicht zimperlich, und man muss es Siegfried Unseld hoch anrechnen, dass er keine Mühen scheute, Bernhard für den Suhrkamp Verlag zu halten. Der Verleger sah von Anfang an, dass Bernhard das Potenzial hatte, einer der wichtigsten und unverwechselbarsten Gegenwartsautoren zu werden.
Ein weiteres Dauerkonfliktthema, das auch den Streit kurz vor Bernhards Tod ausgelöst hatte, war die Veröffentlichung der autobiographischen Schriften im Residenz Verlag. Bernhard verstieß damit mehrmals gegen explizite Abmachungen mit dem Suhrkamp Verlag und setzte diese Seitensprünge gezielt als Druckmittel ein. Er hielt auch immer wieder Manuskripte so lange zurück, bis finanzielle Forderungen zu seiner Zufriedenheit beglichen wurden. In den späten siebziger und achtziger Jahren entspannte sich Bernhards ökonomische Lage speziell durch den Erfolg seiner Theaterstücke.

Unseld spielte den rationalen Part in der Beziehung. Wie vielschichtig die Verhältnisse zwischen Autor und Verleger sein konnten, wusste Unseld nicht nur aus eigener Erfahrung. Er hatte sich auch literaturgeschichtlich mit diesem Thema beschäftigt und legte 1991 die Monographie „Goethe und seine Verleger“ vor. Unseld erkannte schnell, dass er Bernhard als den Ausnahmeautor behandeln musste, als der sich Bernhard selbst sah. Ohne regelmäßige finanzielle Zugeständnisse wäre die Beziehung zum Suhrkamp Verlag nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Das Konfliktritual lief immer ähnlich ab: Bernhard stellt rhetorisch brillant eine ultimative Forderung finanzieller oder verlegerischer Natur. Unseld versucht brieflich oder telefonisch zu kalmieren. Es kommt zu einem persönlichen Treffen, und sei es am Frankfurter Flughafen, wo Bernhard auf einen Weiterflug wartet. Unseld übergibt den verlangten Geldbetrag, oft große Summen, in bar. Bernhard revanchiert sich mit einem Manuskript. Unseld hält nach dem Treffen brieflich die oft komplizierten finanziellen Vereinbarungen noch einmal fest. Für einige Zeit hält die neue Harmonie an, bis der nächste Streit vom Zaun bricht.

Es wäre aber ein Fehler, Bernhards finanzielle Hartnäckigkeit auf den schnöden Mammon zu reduzieren. Richtig ist zwar, dass der Autor Kostspieliges wie Immobilien, Autos und Reisen schätzte. Das Hauptmotiv für seine Geldforderungen dürfte aber der Wunsch nach dauerhafter Absicherung seiner schriftstellerischen Autonomie gewesen sein. Wie existenziell wichtig ihm seine Arbeit war, ist an vielen Stellen evident.

Die Edition der Briefe ist vorbildlich. Die Anmerkungen sind direkt unter dem jeweiligen Brief abgedruckt, was mühsames Blättern überflüssig macht. Ergänzt werden sie durch umfangreiche Berichte des Siegfried Unseld. Er führte Aufzeichnungen über seine Zusammenkünfte mit Autoren und schrieb Reiseberichte. Diese Einschübe informieren den Leser ausführlich über die vielen Treffen mit Bernhard sowie über die Theaterpremieren seiner Stücke und sind damit ein wichtiger Teil dieser Edition. Unseld kann in ihnen sehr direkt sein: „Es ist ja immer dasselbe: er ist rücksichtslos, erpresserisch und erhebt das auch zu einer künstlerischen Ideologie. Und diese wird jedes Mal schlimmer werden.“ (März 1975)
Die Briefe Unselds enthalten immer wieder aufschlussreiche Informationen über den Suhrkamp Verlag. So schreibt er beispielsweise am 15. Juli 1968 als Trost an Bernhard, dass sich von Becketts „Molloy“ seit 1954 nur 2.554 Stück verkauft hätten. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wer gute Literatur schreibt, sollte keine Bestseller-Verkäufe erwarten.

Klopft man die Briefe auf literarisch-ästhetische Einblicke ab, wird man kaum fündig. Bernhard schreibt so gut wie nie über das Spezifische seiner Kunst. Er setzt sein literarisches Genie voraus und formuliert das mit der arroganten Selbstsicherheit einer seiner fiktiven Geistesmenschen. Auf andere Autoren des Suhrkamp Verlags wie Peter Handke oder Martin Walser reagiert er eifersüchtig. So schreibt er über Walsers „Brandung“:
„Die Schamlosigkeit, mit der Sie dieses schauerliche Walserbuch in die Höhe gestemmt haben, ist absolut geschmacklos und auf die verlegerische Zukunft bezogen, deprimierend!“ (26.11. 1985)
Für „Alte Meister“ dagegen hätte der Verlag kaum etwas getan. Der Vorwurf an Unseld, der Verlag vernachlässige seine Bücher in unerhörter Weise, wiederholt sich regelmäßig. Unseld reagiert dann mit langen Aufzählungen, was man konkret für einzelne Titel unternommen hätte.

Wenn der Briefwechsel aber eines veranschaulicht, ist es Bernhards Perfektionsanspruch bezüglich seiner Werke. Bei Schlampereien in der Produktion wird er fuchsteufelswild. Er besteht auf seine eigenwillige Interpunktion, die alleine der Musikalität seines Stils untergeordnet ist und die Regeln des Duden oft ignoriert. Er mischt sich oft gegen den beschwörenden Rat seines Verlegers in die Publikationstermine seiner Bücher ein. So sollten etwa auf keinen Fall zu viele Bücher in kurzem Abstand erscheinen. Er besteht gegen das wiederholte Flehen seines Verlegers auf den Romantitel „Verstörung“. Unseld prophezeit deshalb schlechte Verkäufe, behält Recht, und muss sich dann von Bernhard böse Worte über die schlechten Absatzzahlen anhören.
Derartigen verlagslogistischen Angelegenheiten sind neben den finanziellen Dingen ein großer Teil der Korrespondenz gewidmet. Später ergänzt durch Diskussionen, inwiefern manche seiner boshaftesten Stellen juristische Konsequenzen haben könnten. Breiten Raum nimmt ebenfalls die Theaterpraxis ein. Bernhard pochte auf sein Mitspracherecht, welche Häuser die Rechte für seine Stücke bekommen sollten.

Nun sollte aber keinesfalls der Eindruck entstehen, der Band sei langweilige Geschäftskorrespondenz. Er ist ein Lesevergnügen ersten Ranges! Bernhards Briefe passen stilistisch zu seiner Literatur: Es sind kleine Sprachkunstwerke angereichert mit Tiraden, Boshaftigkeiten und komischen Apercus. Die Entwicklung der konfliktreichen Freundschaft zwischen Autor und Verleger trägt ebenfalls zu einer spannenden Lektüre bei.

Dieser Briefwechsel ist sicher die wichtigste Publikation zu Thomas Bernhard seit längerer Zeit. Es gab aber noch weitere aufschlussreiche Veröffentlichungen. „Meine Preise“ wurde aus dem Nachlass herausgegeben und enthält Bernhards Berichte und Reflexionen über das deutschsprachige Literaturpreistheater. Wie sehr er diese Anlässe gehasst hat, ist ebenso bekannt wie die Skandale, die einige von ihnen auslösten. Die 1980 von Bernhard fertiggestellten Texte gehören nicht zum Besten, was er geschrieben hat. Ihnen fehlt immer wieder die Schärfe und Brillanz, die man als Bernhard-Leser erwartet. Man kann seine Entscheidung nachvollziehen, sie nicht zu veröffentlichen. Ein großer Pluspunkt ist die schonungslose Selbstanalyse des Autors: „Aber ich war doch die ganzen Jahre, in welchen noch Preise auf mich zukamen, zu schwach, um nein zu sagen. Hier hat, so dachte ich immer, mein Charakter ein großes Leck (…) Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.“ (S. 100f.).

Eine exzellente Ergänzung zum Briefwechsel ist die opulente Bildbiographie des Residenz Verlags. Die Fotografin Erika Schmied und der Kunsthistoriker Wieland Schmied stellten den Band zusammen. Beide waren mehr als 20 Jahre mit Thomas Bernhard befreundet. Die Fotos und Texte widmen sich den Schauplätzen der Kindheit und Jugend, seinem Leben in Oberösterreich sowie den Orten in Bernhards Prosa. Die Bilder zeigen oft einen „anderen“ Bernhard, wenn er sich beispielsweise lachend auf dem Kirtag in Laakirchen Schuhe kauft.

Erwähnenswert ist schließlich der Katalog zur Ausstellung im Wiener Theatermuseum „Thomas Bernhard und das Theater“. Herausgegeben von Manfred Mittermayer und Martin Huber, zwei ausgewiesenen Bernhard-Kennern, dokumentiert der Band das Theaterschaffen des Autors. Nach zwei einleitenden Beiträgen der Herausgeber über Bernhards Verhältnis zu Salzburg (und den Festspielen) sowie zum Burgtheater folgen eine Reihe informativer Artikel über diverse Teilaspekte seiner Stücke. Es kommen auch Theaterpraktiker ausführlich zu Wort, von Claus Peymann über Bernhard Minetti zu Gerhard Voss. Eine ausführliche, kommentierte Chronologie aller Stück schließt den Band ab.

Thomas Bernhard / Siegfried Unseld: Briefwechsel (Suhrkamp)

Thomas Bernhard: Meine Preise (Suhrkamp)

Erika Schmied; Wieland Schmied: Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten. Salzburg: Residenz Verlag

Manfred Mittermayer / Martin Huber (Hrsg.): Thomas Bernhard und das Theater (Christian Brandstätter Verlag)

Publiziert in Literatur und Kritik (September 2010)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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