Architektur

Otto Neurath – Gypsie Urbanism

Museum für angewandte Kunst 10.4.

Dem Philosophen Otto Neurath eine Ausstellung zu widmen, ist eine glänzende Idee. Er war Mitbegründer des Wiener Kreises und damit eine wichtige Figur für die analytische Philosophie. Die Stadt Wien würdigt ihn übrigens mit einer scheußlichen Straße in einem noch scheußlicheren Industriegebiet weit weg vom Zentrum der Stadt.

Mein Enthusiasmus für das Projekt ließ etwas nach als ich erkannte, dass sich die Ausstellung nur einem Thema widmet: Seiner „Erfindung“ der Isotype, einer normierten Bildsprache nicht nur für Statistiken. Es sind viele Beispiele und Berichte darüber im MAK zu sehen. Nun passt das natürlich im weitesten Sinn in Neuraths philosophisches Konzept, in der klare und eindeutige Kommunikation einen wichtigen epistemologischen Stellenwert einnimmt. Außerdem war deren Wirkung enorm. Man kann sich heute Medien ohne diese stilisierten Symbole gar nicht mehr vorstellen. Man hätte aber die Gelegenheit nutzen können, Neurath über dieses Thema hinaus zu präsentieren.

Man freut sich also, dass endlich etwas für Otto Neurath unternommen wird, und ärgert sich ein wenig darüber, dass man nicht den Mut zu einem größeren Wurf gefunden hat. (Bis 5.9.)

Balkanology

Architekturzentrum 5.1.

Wie sehr sich Österreich in Südosteuropa wirtschaftlich engagiert ist bekannt. Es ist sehr begrüßenswert, dass diese ökonomische Expansion auch durch intellektuelle Neugier begleitet wird. Ein Beispiel dafür ist die Ausstellung Balkanology im Wiener Architekturzentrum. Sie setzt sich mit den urbanen Prozessen auf dem Balkan der jüngsten Vergangenheit auseinander. Dokumentiert durch Fachleute vor Ort werden diverse Thesen über die Stadtentwicklung in einer Krisenregion durchgespielt.

Die Schau ist eine sehr akademische Angelegenheit. Auf Schautafeln, Monitoren und in Filmen wird anhand ausgewählter Städte gezeigt, wie sich einzelne Viertel entwickelten. Begleitet ist das von theoretischen Modellen. Wer Architekturfotografie erwartet, wäre fehl am Platz. Ich fand vor allem spannend, dass es angesichts der vielen Alltagsprobleme nach dem Krieg überhaupt Architekturinitiativen gab (gibt), die diese Prozesse so detailliert beobachteten und analysierten. (Bis 18.1.)

Leon Battista Alberti

Die sehr lesenswerte Biographie über den Renaissance-Architekten, geschrieben von Anthony Grafton, gibt es bei Amazon gebunden jetzt für nur 11 Euro. Ich las das Buch 2002.

Sechs Theorien zum Pyramidenbau

Eine kurze, übersichtliche Zusammenfassung der Theorien findet man bei Talking Pyramids.

Neue Hypothese zum Pyramidenbau

Die bisher vorgeschlagenenen Hypothesen zum Bau der Pyramiden in Ägypten lassen sich grundsätzlich durch zwei verschiedene Ansätze unterscheiden: Vorschläge, die senkrecht auf den Baukörper zuführende Rampen vorsehen – wie von Dieter Arnold, Jean-Pierre Houdin, Jean-Philippe Lauer oder Rainer Stadelmann – und solche, die spiralförmig entlang der Pyramidenseite geführte Rampen annehmen – wie von Georges Goyon, ebenfalls Jean-Pierre Houdin, Rosemarie und Dieter Klemm oder Mark Lehner. […]

Grundideen der neue entwickelten Hypothese zum Pyramidenbau sind die Errichtung des stufenförmigen Kernmauerwerks über steil angelegte Rampen unter Einsatz von Seilwinden sowie die Errichtung einer Umbauung als Arbeitsplattform. Damit werden der Bau der Pyramidenspitze und die Verlegung sowie Bearbeitung und Glättung der Steine der Außenverkleidung problemlos möglich. Alle Arbeiten werden stets zeitgleich auf allen vier Seiten der Pyramide vorgenommen, womit die vollständige Errichtung der Pyramide einschließlich des Aufsetzens des Pyramidion nach einer einheitlichen Bauverfahren in kürzest möglicher Zeit gewährleistet wird. in der Kombination zweier archäologisch nachgewiesener Bautechniken – Rampe und Seilwinde – liegt der Ansatz für diesen neuen Vorschlag für den Pyramidenbau im Alten Reich. Wenn auf diese Weise die Pyramide des Mykerinos erbaut werden konnte, so ist dieser Vorschlag prinzipiell auch für die Errichtung der anderen Pyramiden – mit individuellen Anpassungen – gültig.

Frank Müller-Römer

Antike Welt 2/2009, S.57 f.

Empfehlungen: Dumont Kunstreiseführer

Viele Reiseführer kratzen nur an der Oberfläche und beschränken sich darauf, die Klischees zu perpetuieren, welche die Touristen ohnehin im Kopf haben, garniert mit vielen Shopping Tipps. Eine große Ausnahme in diesem Genre sind die Dumont Kunstreiseführer, von denen mich inzwischen eine zweistellige Zahl in diverse Ecken dieser Erde begleitet hat.
Geboten wird akademisches Niveau und meist auch eine gehörige Portion Skeptizismus, was das touristische Gebaren der Länder angeht. Geschrieben von ausgewiesenen Fachleuten beginnt jeder Band mit einem ausführlichen allgemeinen Teil, wo die (Kultur-)geschichte der Gegend im Mittelpunkt steht und ein Überblick über die relevanten Kunstepochen gegegeben wird. Aktuelle politische Verhältnisse kommen natürlich auch nicht zu kurz.

Ein herausragendes Beispiel ist Frank Rainer Schecks Band über Jordanien. Er referiert immer wieder den aktuellen Stand der Forschung und formuliert sogar provokante Thesen, was die Entwicklung der islamischen Kunstgeschichte angeht, in dem er auf die Rückständigkeit der frühen arabischen Kultur im Vergleich zu den damaligen Hochkulturen hinweist.
Jeder Band ist reichhaltig mit Plänen von Stätten und Bauwerken sowie mit hochwertigen Fotos ausgestattet. Zu Beginn erhält man einen Überblick mit Seitenzahlen bezüglich der herausragenden Sehenswürdigkeiten. Am Ende folgt ein Block mit praktischen Hinweisen. Dieser ist für Individualreisende sicher zu wenig umfangreich, so dass hier ein zweiter Reiseführer zu empfehlen ist, der den Schwerpunkt auf den Ratgeberteil legt.

Der größte Nachteil der Reihe sei nicht verschwiegen: Die Bände sind ziemlich schwer und für das Genre unhandlich geraten. Ich habe es aber bisher noch nie bereut, immer einen oder zwei Bücher davon im Handgepäck zu haben.

Reise-Notizen Italien (1): Goethe und Kirchen in Rom

Viel war ich schon unterwegs auf den Spuren des römischen Reiches, das Zentrum desselben ließ ich bisher allerdings sträflicherweise links liegen. Anders als Athen, wo ich bereits mehre Male war. Wer sich für Antike und Kunst interessiert, fühlt sich in Rom wie ein Kind im Spielzeuggeschäft.

Allerdings begann ich meine Besichtigungen, nach einem ersten Spaziergang, mit einem vergleichsweise entlegenen Ziel: Der Wohnung Goethes während seines Italienaufenthalts (Casa di Goethe). Nun ist vom Inventar, wenig überraschend, kaum mehr etwas vorhanden, und die Dauerausstellung besteht vor allem aus diversen Faksimiles von Goethes Briefen und Zeichnungen aus dieser Zeit bzw. solchen seiner Zeitgenossen. So ist es vor allem der genius loci, der fasziniert, wenn man am Fenster steht und wie Goethe damals auf die turbulente Via del Corso hinaus sieht.

Erwähnenswert ist die Bibliothek der Institution, die viel Goethe-Literatur und natürlich auch die wichtigen Goethe-Ausgaben enthält. Ein ruhiger Ort im quirligen Rom, ich war längerer Zeit alleine dort.

In wenigen Tagen kann man die Stadt nur oberflächlich streifen, alleine die Besichtigung der wichtigsten Kirchen würde deutlich länger dauern. Das Gesamtkunstwerk der Santa Maria Maggiore sei als erstes herausgegriffen. Die Mosaiken dort zählen zu den bedeutendesten Werken der frühchristlichen und mittelalterlichen Kunst. Gleichzeitig vermittelt die Vielzahl der Reliquien einen guten Eindruck über die Geschäftstüchtigkeit der Betreiber.

Eine Viertelstunde davon entfernt ist S. Pietro in Vincoli, die man aus einem Grund besucht: Der Moses des Michelangelo ist dort zu sehen. Selbst wenn man, wie der Verfasser, kein spezieller Freund des Barock ist, sollte man doch einige dieser Kirchen besichtigen. Die Jesuitenkirche Sant’Ignazio besticht durch perspektivisch perfekt ausgeführte illusionistische Deckenmalerei.

Im Pantheon sieht man eine der wenigen noch original erhaltenen Wanddekorationen aus der Antike. Das hilft dem Vorstellungsvermögen beim Besuch weniger erhaltener Stätten auf die Sprünge. Der Petersdom schließlich ist ein kongeniales Symbol des katholischen Größenwahns. Trotz der gigantischen Ausmaße wohlproportioniert und vollgestopft mit hochrangigen Kunstwerken. Man muss der Kirche immerhin nachhaltige ästhetische Verdienste bescheinigen.

Steinerne Zeugen. Relikte aus dem Alten Wien

Hermesvilla / Wien Museum 30.3.

Wer sich für Skulpturen und/oder Wien interessiert, und wer tut das nicht, sollte sich auf den Weg zum Lainzer Tiergarten machen, in dessen Mitte die Hermesvilla liegt. Franz Joseph schenkte sie seiner Sissi und ließ sie in der Mitte des ehemaligen kaiserlichen Jagdgebiets errichten.
Jetzt dient sie als Dependence des Wien Museums, wo nun restaurierte Stücke aus dem Lapidarum zu sehen sind. Zur Slideshow.

Ausgestellt sind Kunstwerke aus Stein, die dazu dienten, Bauwerke zu verzieren. Die meisten davon landeten in Depots als die Häuser abgerissen wurden und können deshalb einen guten Eindruck über den historischen Städtebau in Wien vermitteln. Der Überblick ist allerdings kursorisch, man hätte sich mehr Exponate gewünscht. Allerdings findet man sehr charmante Stücke darunter. Angeordnet sind sie thematisch (Bürgerhäuser, Adelspalais etc.).

Stift Melk (10.10.)

Das als „Perle des Barock“ viel gepriesene Stift lohnt in der Tat einen Besuch. Neben erstklassiger Barockarchitektur bekommt man auch ein Lehrstück an ideologischer Geschichtsauffassung geboten, wie man es von der Kirche erwarten darf. Eine Führung durch die Anlage beginnt nach der Kaiserstiege in einer Art Geschichtsmuseum. Dieses führt den Interessenten in manchen Teilen eine (sagen wir) „extravagante“ Geschichtsauffassung vor Augen. So findet an einer Wandtafel „Abstieg im 14. Jahrhundert“ die gewagte Zusammenfassung „Päpste unter dem Diktat der französischen Könige“. Als hätte sich der Klerus nicht wunderbar in Südfrankreich eingerichtet und sich lange gesträubt in das damals vergleichsweise bescheidene Rom zurückzukehren. Amüsant auch folgende Texttafel über das 18. Jahrhundert:

Textkritik der Heiligen Schrift =
wissenschaftlicher Aufschwung.
Die Bibel wurde immer wichtiger.

Ganz so als hätte man damals mit großer Freude die kritischen Bibelausgaben begrüßt. In Wahrheit war natürlich das Gegenteil der Fall (siehe Notiz über Bart Ehrman weiter unten).
Höhepunkt der Besichtigung ist die großartige Bibliothek, welche alleine schon den Besuch verlohnt. Für Germanisten wird als Zusatzattraktion das neu entdeckte Fragment des Nibelungenlieds ausgestellt.

Stift Klosterneuburg

3.5.

Die Augustiner verwandelten das Stift nahe bei Wien im Laufe der Jahrhunderte in ein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Pro Jahr werden hier immer noch mehrere hunderttausend Hektoliter Wein umgesetzt. Ein Buch, das dringend geschrieben werden müßte (so es noch nicht getan wurde), wäre eine Wirtschaftsgeschichte religiöser Institutionen. Von den ägyptischen Tempeln über die griechischen Orakel bis zu den europäischen Klöstern handelte es sich ja meist um hochprofitable ökonomische Institutionen. Diese aufschlussreiche Perspektive darf man bei religionsgeschichtlichen Betrachtungen nicht vernachlässigen.

Das Stift selbt besteht aus einer gotischen Kirche samt angebauten Barockbau (von Maria Theresia beauftragt und eingerichtet, jedoch nie bezogen). Der Barockbau enthält die unbenützte Originaleinrichtung. Aus konservatorischer Sicht sind unbewohnte Wohnungen offensichtlich ideal, wovon nicht zuletzt die Farbpracht eines kolossalen Deckengemäldes Zeugnis ablegt.

Ebenfalls in diesem Flügel untergebracht ist das Stiftsmuseum, das überraschend viele hochkarätige Kunstwerke besitzt. So hängen dort vier Bilder des achtzehnjährigen Egon Schiele ebenso wie einige schöne Stücke der Donauschule. Bemerkenswert auch ein Raum mit Bildern des mir bis gestern unbekannten Malers Rueland Frueauf der Jüngere (1470-1545), die einen überraschend frischen und originellen Eindruck hinterlassen. Der Bestand überlebte den 2. Weltkrieg unbeschadet: Die Kunstwerke versteckte man im dritten Kellerstock des Weinkellers. Die russischen Soldaten soffen sich aber nur bis zum 2. Kellerstock vor, weshalb alles erhalten blieb.

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING

Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Kategorien

Tweets