Mein Abschied von Facebook

Biorama bat mich, meinen Abschied von Facebook kurz zu begründen. Ein Nebeneffekt der Aktion ist natürlich, dass Links in den Notizen auf Facebook-Fotoalben nicht mehr funktionieren werden.

„Facebook ist der Völkische Beobachter des kleinen Mannes“. Der Blogger Christian Köllerer erklärt, warum er nach reiflicher Überlegung aussteigt. Ein Gastkommentar über einen Facebookabschied.

Wenn man die Zahl der Leser und die in den sechsstelligen Bereich gehenden Interaktionen als Kriterium nimmt, bin ich auf Facebook einigermaßen erfolgreich. Neudeutsch ein „Influencer“. Neun Jahre lang investierte ich viel Zeit, um mir diese Reichweite aufzubauen.
Der Wunsch, meinen Facebook-Account zu löschen, wurde im letzten Jahr von Monat zu Monat größer. Es gibt einige persönliche Gründe – Stichwort: Zeitfresser –, primär sind allerdings politische und gesellschaftliche Aspekte für meine Entscheidung ausschlaggebend.

Facebook ist inzwischen zu einem mächtigen und gefährlichen Katalysator für antidemokratische Prozesse geworden. Barbaren aller Couleur bedienen sich der Plattform als zentrales Kommunikations-Werkzeug: Facebook ist der „Völkische Beobachter“ des kleinen Mannes.

Die Flut an Hass-Postings dort ist inzwischen allgemein bekannt. Ebenso das populistische Ping-Pong-Spiel mit dem Boulevard, deren fragwürdige Meldungen von FPÖ-Politikern auf Facebook geteilt werden. So wird die virtuelle Hass-Generierung ständig von interessierter Seite befeuert.

Unterstützt wird das durch das geschickte Ausnutzen neurologischer Mechanismen, welche die Menschen süchtig machen. Jede Reaktion auf einen eigenen Facebook-Beitrag kurbelt die Dopamin-Produktion an. Gleichzeitig schottet der Algorithmus die Nutzer nach längerer Nutzung immer stärker von Meinungen ab, welche der eigenen konträr sind. Stichwort: Filter-Bubble.

Zwar habe ich persönlich kaum schlechte Erfahrungen auf Facebook gemacht, aber die millionenfache Replizierung von widerwärtigem Stammtischgeschwätz ist Gift für das gesellschaftliche Zusammenleben.

Facebook sah diesen Umtrieben lange nicht nur tatenlos zu, sondern nahm auch gerne Hetzanzeigen von russischer Seite entgegen. Einige der aus Russland einschleusten Anzeigen hatten das klare Ziel, unterschiedliche amerikanische Gruppen gegeneinander aufzuhetzen. Frei nach dem Motto: Rubel sind auch Geld. Ein Hearing im amerikanischen Kongress belegte das eindrücklich.
Die widerwärtige Möglichkeit, Anzeigen an Zielgruppen wie „Judenhasser“ zu adressieren, wurde auch erst dann eingestellt, als sie öffentlich bekannt wurde. In allen diesen Fällen stellte Facebook trotz solide gefüllter Kassen Profit über Anständigkeit. Auch an Fake- und Hass-Postings verdient Facebook bekanntlich gutes Werbegeld.
Ich kann und will kein Teil mehr davon sein.

Ad personam:
Christian Köllerer ist einer der wichtigsten Kultur-Blogger im deutschsprachigen Raum. Auch auf Twitter ist der Germanist hyperaktiv: @drphilponus.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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