Shakespeare: Measure for Measure

Shakespeares einziges Stück, das in einem fiktiven Wien spielt, darf hier natürlich nicht fehlen. Measure for Measure zählt zu den schwieriger zu verstehenden Dramen des Autors. Traditionell wurde es gerne zu den Komödien gezählt, heute bezeichnet man es oft als „problem play“, weil es auf eine interessante Weise auch Elemente der Tragödie enthält. Vieles weist bereits auf die Stücke des Spätwerks voraus. Trotzdem ist der Text leichter zugänglich, weil er einen auf Spannung angelegten Plot hat.

Auf einer philosophischen und anthropologischen Ebene liefert das Werk Shakespeares immer noch jede Menge aktueller Erkenntnisse. Neben den sprachlichen und formalen Qualitäten der Hauptgrund für den Kultstatus des Klassikers. Measure for Measure ist aber auch in einem viel oberflächlicheren Sinn hochaktuell, gerade in diesen Monaten. Im Mittelpunkt des Stücks steht nämlich politische Korruption und Heuchelei, kombiniert mit versuchtem sexuellen Missbrauch. Vincentio, der Herzog Wiens, will einen seiner Höflinge testen, den als Tugendbolzen bekannten Angelo. Dazu wird er für eine vermeintliche Abwesenheit des Herzogs zu dessen Stellvertreter mit allen Rechten ernannt. Vincentio verkleidet sich als Mönch, entscheidet sich für seinen Beobachtungsbetrug also für eine klerikale Ausstattung. Strukturell geschickt lässt Shakespeare auf die erste Szene, die am Hof im Zentrum der Macht spielt, ein Bordell als Handlungsort folgen, ein Wechsel vom höchsten sozialen Rang zum niedrigsten. Katalysator für die weitere Handlung ist das Todesurteil gegen den jungen Claudio aufgrund eines lange nicht mehr exekutierten Gesetzes: Er schwängert unverheiratet eine Frau. Als seine Schwester, die Nonne Isabella, bei Angelo für das Leben Claudios bittet, wandelt sich dieser zum Bösewicht. Eine Nacht mit ihm, und er würde Claudio begnadigen, was Isabella empört zurückweist. Wer fühlt sich da nicht an die heutigen Heuchler in der Politik erinnert, die strenge Moral predigen, aber privat ständig dagegen verstoßen? Wie kürzlich ein bekannter amerikanischer Abtreibungsgegner, der seine Freundin zu einer Abtreibung zwingen wollte? Nicht wenige der Intrigen finden danach im Kloster statt, was auch ein hübscher impliziter Kommentar über die Moralität vermeintlich heiliger Orte ist.

Die mehrfach verschachtelte moralische Ambivalenz zwingt den Leser bzw. Zuseher eine ausführliche ethische Reflexion auf. Jede der Hauptfiguren stolpert in mindestens ein moralisches Dilemma hinein für das es keine einfache Lösung gibt. Besser wird Weltliteratur nicht.

William Shakespeare: Measure for Measure. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Frank Günther (ars vivendi)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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