Apologie des Sokrates

Sokrates Apologie zählt zu jenen Lieblingsklassikern, die ich regelmäßig immer wieder lese. In dieser Verteidigungsrede gegen jene verächtliche Anklage aus dem Jahre 399 BCE, die schließlich zu seinem berühmten Tod durch den Schierlingsbecher führt, finden sich viele geistige Schlüsselelemente für die europäische Entwicklung. Zuvörderst sind das die Autonomie des Individuums kombiniert mit dessen Kritikfähigkeit, Wahrheitsliebe sowie Gedanken- und Redefreiheit. Sokrates steht seinen Anklägern als freier Mann gegenüber und nimmt kein Blatt vor dem Mund. Er könnte wie die meisten Angeklagten rhetorisch taktieren, stattdessen spricht er uneingeschüchtert die Wahrheit über seine Anklage aus, nämlich dass sie ein leicht zu durchschauender Vorwand seien, und widerlegt die einzelnen Anklagepunkt schnell mit seinem scharfen Verstand.

Alle sokratischen Dialoge kreisen um das Thema Wahrheitssuche: Sokrates versucht durch geschicktes Befragen seinen Gesprächspartnern zu zeigen, dass ihre Theorien und Konzepte einer konstruktiven Kritik nicht standhalten. Gleichzeitig gab der Athener Jugend mit seiner Methode ein Werkzeug an die Hand, die „Allwissenheit“ der Erwachsenen anzuzweifeln. Das war sicher einer der versteckten Gründe für die Anklage:

So kommt es denn, daß die von ihnen [der Jugend] Überführten gegen mich voller Zorn sind und statt gegen sich selber und von einem gewissen Sokrates reden, einem gottlosen Menschen und Verführer der Jugend.

Er kündigt seinen Richtern und den anwesenden Athenern an, dass er sich nie ändern wird:

Solange ich noch Atem und Kraft habe, werde ich nicht aufhören, der Wahrheit nachzuforschen und euch zu mahnen und aufzuklären und jedem von euch, mit dem mich der Zufall zusammenführt, in meiner gewohnten Weise ins Gewissen zu reden“.

Bis heute eine unverzichtbare Charaktereigenschaft für freie Gesellschaften.

2 Antworten auf Apologie des Sokrates

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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