Koestler: Sonnenfinsternis

Dieser deutsche Roman, der 1940 zuerst auf Englisch unter dem Titel Darkness at Noon erschien, ist ein Klassiker des politischen Romans und gehört damit in eine Reihe mit Orwells 1984 und Huxleys Brave New World. Auch in Sonnenfinsternis stehen die Auswirkungen des Totalitarismus im Zentrum des Romans, allerdings jener der Gegenwart. Der fiktive Rubaschow war während der russischen Revolution eine wichtige Figur und findet sich plötzlich, wie viele seiner prominenten Kollegen, auf Anordnung Stalins im Gefängnis wieder. Die Handlung kreist um die Vorbereitung seines Schauprozesses. Zuerst verhört in ein alter Bekannter, der dann selbst in die Mühle der stalinistischen Säuberungen gerät. Danach ein amtseifriger jüngerer Fanatiker. Körperlich gefoltert wird er nicht – im Gegensatz zu einem Kronzeugen gegen ihn. Allerdings arbeiten seine Peiniger mit Schlafentzug. Hier gerät nun eine wichtige Ebene des Romans in den Fokus, nämlich was eine totalitäre Ideologie im Kopf eines Menschen anrichtet. Schon die Zeitgenossen wunderten sich über die vielen „freiwilligen“ Geständnisse im Gerichtssaal. Wie es zu dieser „Freiwilligkeit“ kommen kann, führt Koestler in seinem Buch im Detail aus: Zentral ist die Überzeugung auch in diesem Moment noch einen Beitrag für die gute Sache des Kommunismus leisten zu müssen. Das Individuum demütigt sich für eine Utopie und opfert sich selbst für einen vermeintlich höheren Zweck. Psychologisch sind hier ganz ähnliche Muster am Werk wie bei islamistischen Selbstmordattentätern. Die Enttarnung dieser Mechanismen brachte Koestler nach der Veröffentlichung den Hass vieler Kommunisten ein.

Erzählerisch ist Sonnenfinsternis ebenfalls gelungen. Koestler gelingt es nicht nur die psychischen Prozesse seiner Hauptfigur überzeugend darzustellen. Er macht den Charakter Rubaschows auch durch gut ausgewählte Rückblenden plausibel.

An der Oberfläche wird der Roman aktuell bleiben, so lange politische Gefangene in Gefängnisse gesteckt werden, wie in diesen Wochen Zehntausende in Erdogans Türkei. Ein Klassiker bleibt das Buch, weil es das Wesen des Totalitarismus und der menschlichen Psyche seziert – gültig auch für die nächsten Zeitalter der Menschheit.

Ich las eine ältere antiquarische Ausgabe. Letztes Jahr wurde erfreulicherweise ein neues frühes Manuskript des Romans gefunden. Die Details können in folgendem Artikel der New York Review of Books nachgelesen werden: A Different ‚Darkness at Noon‘.

Sonnenfinsternis Roman (Europaverlag)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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