Mussorgski: Chowanschtschina

Wiener Staatsoper 30.9. 2015

Dirigent: James Conlon
Regie: Lev Dodin

Iwan Chowanski: Dmitry Belosselskiy
Andrei Chowanski: Christopher Ventris
Golizyn: Herbert Lippert
Schaklowity: Evgeny Nikitin
Dossifei: Ain Anger
Marfa: Elena Maximova
Schreiber: Norbert Ernst

Für mich war Chowanschtschina die unerwartete Entdeckung eines düsteren Meisterwerks, das hervorragend in unsere Zeitläufte passt. Russische Warlords, Verzeihung: Fürsten, treiben ihr kompetitives Unwesen mit den kriegsüblichen Begleiterscheinungen: Morde und Vergewaltigungen, angetrieben von Machtgier und Dummheit.
Musikalisch setzt das Mussorgski beeindruckend in Szene: Neben ausdrucksstarken Individualstimmen, überzeugen vor allem die vielen Chorszenen, die ein weites Spektrum von klagenden Gesängen bis zu sakralartigen Chorälen einsetzen. Vokal wird ausnahmelos auf hohem Niveau gesungen. Instrumental tangiert der Komponist immer wieder wirkungsstarke Disharmonien.

Die Inszenierung ist eine der besten, die derzeit an der Wiener Staatsoper zu sehen ist. Die düstere Thematik wird durch entsprechende Lichtregie ergänzt. Die Figuren bewegen sich auf einem mehrstöckigen Gerüst, dass dank der Bühnentechnik im Boden versenkbar ist. Das ist an sich schon symbolträchtig, wird durch die wilden Verzierungen aber noch verstärkt, mit der sich religiöse Symbolik assozieren lässt: Neben eindeutigen Kreuzen sind viele windschiefe, kreuzähnliche Strukturen zu sehen. Überhaupt ist die Religion ein wichtiges Handlungselement, endet die Handlung doch mit einem rituellen Massenselbstmord.

Chowanschtschina sollte mindestens so oft auf den Opernspielplänen zu finden sein wie der viel bekanntere Boris Godunow. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich diesen Wiener Opernglücksfall nicht entgehen lassen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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