Citizenfour

Filmcasino 1.1. 2015

USA 2014

Regie: Laura Poitras

Seit Hitler und Stalin Hand in Hand Europa verwüsteten, waren Freiheit und Demokratie im Westen nicht mehr so stark gefährdet wie heute. Eine unrühmliche Rolle spielen dabei die Religionen, die auf der ganzen Welt Extremisten produzieren, welche mit Gewalt vormoderne Zustände erreichen wollen. Das trifft nicht nur für die besonders aktiven Islamisten zu. Auch christliche Fanatiker (z.B. Evangelisten in Afrika) oder brandschatzende Buddhisten in Südostasien arbeiten heftig an der Rückkehr zu archaischen Zeiten mit. Gleichzeitig werden die meisten Demokratien mit Geld und Korruption von innen her ausgehöhlt.

Die mit Abstand größte Bedrohung für Freiheit und Fortschritt ist aber die inzwischen universelle Überwachung. Jede Diktatur der Weltgeschichte hatte und hat ein ausgeklügeltes Spitzelwesen. Die westlichen Geheimdienste haben nun unter dem Vorwand der Sicherheit nach 9/11 ungehindert die größte Überwachungsinfrastruktur der Geschichte aufgebaut, allen voran die amerikanische NSA und der britische GCHQ.

Viele haben es seit Jahren geahnt: Es gab diverse Indizien dafür. Seit aber Edward Snowden im Juni 2013 anfing, diese Praktiken als Whistleblower offen zu legen, liegen viele Fakten auf dem Tisch. Genützt hat es insofern, als die Weltöffentlichkeit nun darüber informiert und eine breite Gegenbewegung entstanden ist. Passiert ist bisher allerdings nichts. Der Direktor der NSA hat nachweislich Kongress und Öffentlichkeit belogen: Er ist immer noch im Amt. Sollte der „point of no return“ bereits erreicht sein, wird das 21. Jahrhundert einen sehr unerfreulichen Verlauf nehmen. Die zukünftigen Putins und Erdogane bekommen das perfekteste Unterdrückungsinstrument aller Zeiten in ihre Hände.

Laura Poitras ist jene Journalistin, mit der Edward Snowden zuerst eine verschlüsselte Kommunikation zustande brachte. Im Hotelzimmer in Hong Kong sitzt dann auch Glen Greenwald, der die ersten Enthüllungsgeschichten für den Guardian schreibt. Poitras filmt die erste Woche der Begegnung mit dem jungen Ex-Geheimdienstmitarbeiter und diese Szenen sind der Kern ihres Dokumentarfilms. Wie sehr es Snowden um die Sache geht und wie wenig um seine Person, wird schon nach wenigen Sätzen deutlich. Er spricht intelligent und bescheiden.

Citizenfour selbst ist zwar eine der wichtigsten Filme seit Jahren und unbedingt sehenswert, strukturell finde ich ihn aber etwas verwirrend. Grandios gelungen ist das Porträt Snowdens in Hong Kong. Die Vor- und Nachgeschichte bestehen aus unterschiedlichen Szenen, die sich mit den Enthüllungen beschäftigen. Diese rütteln zwar auf, sind für meinen Geschmack aber doch etwas konfus aneinander gereiht. Etwas mehr Struktur, hätte dem Werk gut getan.

Edward Snowdens Zivilcourage und seine Bereitschaft, für seine Überzeugung ein komfortables Leben in Hawaii mit dem Leben eines Flüchtlings einzutauschen, beeindruckt auf jeden Fall tief. Wir können alle nur hoffen, dass die Welt noch viele Snowdens hervorbringen wird. Es gibt kaum ein Wort, das ich weniger mag als „Held“. Wenn aber jemand diese Bezeichnung voll und ganz verdient, ist es Edward Snowden.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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