Pascal: Pensées

Da die Menschen nicht Tod, Elend und Unwissenheit heilen konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, auf den Einfall gekommen, nicht daran zu denken.

Pascal (1623-1662) ist ein schwieriger Fall. Seine unvollendeten Pensées wurden 1669 zum ersten Mal publiziert und zählen heute zu den berühmtesten Büchern der Weltliteratur. Diese Gedanken sind Passagen unterschiedlicher Länge: Die Spannbreite reicht von Aphorismen bis zu mehrseitigen Essays. Moderne Ausgaben gliedern sie meist thematisch, obwohl das angesichts der Vielschichtigkeit der Textpassagen oft schwierig ist. Für mich ist die Qualität des Werks sehr divergent. Viele Sätze sind ausgesprochen treffend und fassen die Misere der Menschen brillant zusammen. Man könnte Dutzende zitieren:

Wie hohl und voller Schmutz ist doch des Menschen Herz.

Da man nicht allseitig sein und alles erfahren kann, was man über alles wissen könnte, muß man ein wenig von allem wissen, denn es ist weitaus schöner, etwas von allem zu wissen, als alles von einer Sache zu wissen.

Unsere ganze Würde besteht also im Denken.

Bist du weniger ein Sklave, weil dein Herr dich liebt und dir schmeichelt?

Das Wichtigste für das ganze Leben ist die Wahl des Berufs; und der Zufall entscheidet darüber.

Ich nehme es als Tatsache an, wenn alle Menschen wüßten, was die einen von den anderen sagen, so gäbe es keine vier Freunde auf der Welt.

Diese Gedanken sind gut gedacht und gut geschrieben. Anders sieht es aus, wenn sich Pascal mit dem eigentlichen Thema der Pensées beschäftigt, nämlich der Religion. Hier wird aus Brillanz übergangslos Blindheit. Es ist verblüffend, wie effektiv Religion als Hirnausschalter funktioniert. Dieses Phänomen zeigt sich in vielen Büchern von begabten religiösen Menschen. Am Beispiel von Augustinus Gottesstaat gehe ich ausführlicher darauf ein.
Pascal hat zuerst ein methodisches Problem: Er ist der prinzipiell plausiblen Meinung, dass es aussichtslos ist, der Religion mit den Mitteln der Vernunft zu Leibe zu rücken. Allerdings bleibt dann wenig übrig für ein Buch, das bei anderen Themen von seinem Scharfsinn lebt.
Viele Beispiele könnte ich als Beleg bringen. Nehmen wir dieses:

Erbarmenswert ist zu sehen, wie so viele Türken, Ketzer und Ungläubige der Lebensart ihrer Väter aus dem einzigen Grunde folgen, daß man ihnen allen die vorgefaßte Meinung aufgezwungen hat, dies sei das beste … Gerade deshalb wissen die Wilden nichts mit der Vorsehung anzufangen.
[S. 107]

Wie intelligent Pascal war, zeigen seine bahnbrechenden Beiträge zur Mathematik. Wie konnte er nicht sehen, dass es bei den Katholiken nicht anders ist als bei den Türken ist, und die Religion ebenfalls deshalb angenommen wird, weil sie jene der Eltern und des Umfelds ist?
Wenn man diese Metaebene bei der Lektüre bewusst mitnimmt, also wie Religion die Qualität des Denkens eines Genies negativ beeinflussen kann, enthält man eine faszinierende Zusatzdimension.

Eine andere Klasse an Unfug über Religion ist Pascals Blindheit gegenüber Fakten:

Nicht so verhält es sich bei der Kirche, denn in ihr gibt es wahrhaftige Gerechtigkeit und keine Gewalttätigkeit.

Der von mir so geschätzte Montaigne war in Religionsdingen wesentlich hellsichtiger. Ein Grund dafür, warum Pascal regelmäßig an Montaigne herumkrittelt.

Unter Philosophiegeschichtlern gibt es seit langem die Debatte, ob man Pascal überhaupt als „Philosoph“ bezeichnen sollte. Ich schließe mich der Auffassung an, dass „Apoleget“ deutlich besser das Projekt der Pensées trifft. Philosophen des 17. Jahrhunderts schufen systematische Theorien und versuchten, diese kohärent zu argumentieren. Descartes wäre ein Beispiel, Leibniz ein anderes. Hinzukommt, dass Pascals Hauptintention nicht wahr, die Welt zu verstehen, sondern den Katholizismus zu verteidigen.

Wer Pascal lesen will, dem kann ich die unten verlinkte Ausgabe sehr empfehlen. Sie ist bibliophil ausgestattet, schön gedruckt und die Zeichnungen des Johannes Heisig treffen die anthropologische Dimension der Gedanken ausgezeichnet.

Blaise Pascal: Gedanken (Faber & Faber)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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