Breaking Bad

Als auf Hochkultur spezialisierte Seite, will ich hier eigentlich nicht über Serien schreiben. Eine Ausnahme war bereits The Wire. Das von Vince Gilligan geschaffene Breaking Bad bekommt ebenfalls eine Notiz, weil die Produktion wohl zum Besten gehört, was bisher für das Fernsehen produziert wurde.

In etwa sechzig Stunden wird die Geschichte des Chemielehrers Walter White (Bryan Cranston) erzählt, der nach einer Krebsdiagnose noch schnell seine Familie versorgen will: Er steigt gemeinsam mit seinem Ex-Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul) in das Meth-Geschäft ein. Als hoch begabter Chemiker stellt White den besten Stoff des Kontinents her. Er verdient nicht nur unglaublich viel Geld – fast 100 Millionen Dollar am Ende -, sondern kommt auch schnell auf den Geschmack, Einfluss und Macht auszuüben. Die Handlung gewinnt eine unglaublich Dynamik und Spannung. Er legt sich erfolgreich mit Drogenkartellen an und „outsmarted“ alle seine Gegner.

Das ist zwar eine originelle Geschichte für sich, aber Handlung ist bei Werken von hoher Qualität nur selten das wichtigste Element. Mehrere Faktoren heben Breaking Bad aus der Masse audiovisueller Produktionen heraus. Der wichtigste ist für mich die moralische Komplexität der Handlung bei gleichzeitiger Ambivalenz. Alles, was mit der berühmten amerikanischen Familie und deren Werten zusammenhängt, wird systematisch hinterfragt. Zuerst subtil, am Ende brachial. White schlägt seine Verbrecherlaufbahn ja für seine Familie ein und kann diese Selbsttäuschung bis zum Ende durchhalten. Man wird wenige zeitgenössische amerikanische Romane finden, welche das Familienthema so intelligent beleuchten. Das liegt auch an der engen Verbindung mit den Themen Geld & Gier samt der damit verbundenen Heuchelei. Hier liegt einer der entscheidenden Spannungsbögen der Serie. Der Zuseher wird ständig mit ethischen Herausforderungen konfrontiert. So wünscht man Walter White trotz seiner Verbrechen Erfolge in seinem Tun.

Ein weiterer Faktor ist die Entwicklung der Figuren, die allesamt schauspielerisch exzellent dargestellt werden. Nicht nur wird aus einem biederen Highschool-Lehrer ein genialer Schwerverbrecher, gleichzeitig wird aus dem kleinkriminellen Idioten der Serie, Jesse Pinkman, die moralische Vorzeigefigur. White und Pinkman entwickelt sich über die gesamten sechzig Stunden hinweg quasi negativ gespiegelt. Das läuft mit der Präzision einer chemischen Reaktion ab und ist eines von vielen Beispielen, wie gekonnt die Autoren weite strukturelle Bögen spannen. Diese Bögen werden nun ergänzt durch eine Fülle intelligenter Details. Das fängt bei der Auswahl der Lokalitäten an und hört bei der Namenswahl nicht auf. So heißt der Studienfreund, der mit Hilfe eines Patents von White reich geworden ist, sicher nicht zufällig Swartz.

Wer sich nur intelligent unterhalten will, ist bei Breaking Bad ebenso gut aufgehoben wie jemand, der sich für den Zustand der Noch-Weltmacht-USA interessiert.

Breaking Bad (Blu-ray)

3 Antworten auf Breaking Bad

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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