Macht Liebe blind?

Erschienen in The Gap Nr. 138

Michel Serres schreibt über die vernetzte Generation, ihre Däumlinge, und den radikalen Umbruch, den sie erlebt – ganz ohne Kulturpessimismus, dafür fällt er ins andere Extrem.

Kann es gut gehen, wenn ein Dreiundachtzigjähriger der jungen Netzgeneration seine Liebe erklärt? Der französische Philosoph Michel Serres versucht genau das in seinem kurzen neuen Buch „Erfindet euch neu!“, das eben auf Deutsch erschienen ist. Es gibt eine lange Tradition seit der Antike, in der die Alten der Jugend vorwerfen, die neue Generation sei schlechter als die alte. Stichwort: Werteverfall. Keine Moral mehr, diese Jugend! Und die Sprache: Fürchterlich!

Serres unterbricht erfreulicherweise diese Litanei und fällt ins andere Extrem. Er ist in vielen Punkten exzellent über die aktuellen Lebensgewohnheiten seiner Enkel informiert. Das Buch scheitert nicht an seiner guten Absicht, sondern an seiner Argumentation:

„Heute weiß jeder kleine Däumling von der Straße glänzend Bescheid über Atomphysik, Leihmütter, genmanipulierte Organismen, Chemie, Ökologie.“

Smartphones – Tragbare Kognitionsbüchsen

Dieses Zitat ist typisch für Serres Pauschalierungen und seine ungenaue Verwendung von Begriffen. Es reicht natürlich nicht aus, ein Smartphone in der Tasche zu haben, um etwas über Chemie zu wissen. Serres behauptet aber genau das: Er bezeichnet ein Smartphone sogar als „objektivierte Kognitionsbüchse.“ Für einen Philosophen, der sich selbst als gelernter Epistemologe bezeichnet, ist das eine erstaunlich naive Sicht auf Erkenntnis. Zum einen reicht es nicht aus, Zugriff auf Informationen zu haben: Man muss diese auch verstehen können. Ein Blick auf die Pisaergebnisse seiner „Däumlinge“ hätte Serres belehrt, dass es bei vielen mit dem sinnerfassenden Lesen nicht so weit her ist. Es ist deshalb anzunehmen, dass Serres Thesen in erster Linie durch die Beobachtung seiner Elitelernenden in Stanford entstanden sind. Es war offenbar auch niemand delikat genug, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass der größte Teil des modernen Datenverkehrs nicht durch Videos über Chemie oder Atomphysik verursacht wird, sondern durch Pornographie.
Dass er die neue Generation als „Däumlinge“ anspricht, wirkt zumindest auf Deutsch herablassend und passt nicht zu seiner Forderung einer machtfreien Kommunikation.

Auf doppelt wackeligen Boden begibt sich der Philosoph, wenn er über Erkenntnis und Computertechnik schreibt:

„Mein Denken ist unterschieden vom Wissen, von den Erkenntnisprozessen…die, samt Synapsen und Neuronen, in den Computer ausgelagert sind.“

Die Neuroinformatik beschäftigt sich zwar intensiv mit derartigen Konzepten, ist aber noch ein paar Lichtjahre von einer Umsetzung entfernt, die der menschlichen Kognition auch nur nahe käme.

Daten-Wunderwaffen

Der Philosoph stilisiert die Informationstechnik zu einer Wunderwaffe. Sie sei der Schlüssel zu einer dringend notwendigen Komplexitätsreduktion des modernen Lebens. Der reale Alltag sei hoch komplex, aber „ein paar Ingenieure reichen aus, dieses Problem zu lösen, indem sie zum informatischen Paradigma übergehen, das aufgrund seiner Leistungsfähigkeit den Simplex bewahrt“. In Wahrheit bedarf es hier natürlich einer Vielzahl von Ingenieuren und diese Technik ist nicht nur selbst hoch komplex: Sie verursacht auch jede Menge neuer komplexer Probleme. Beispielsweise schaffen die westlichen Demokratien derzeit freiwillig die perfekte technische Überwachungsinfrastruktur für zukünftige Diktaturen, obwohl es eigentlich ihre Pflicht wäre, zukünftigen Diktatoren prophylaktisch die Tyrannei zu erschweren. Statt auch nur einen dieser kritischen Punkte zu erwähnen, bringt er ausgerechnet einen „virtuellen Pass“ mit allen persönlichen Daten als positives Beispiel.

Zwar äußert Serres die Prognose, dass die Digitalisierung der Welt zu dem größten gesellschaftlichen Umbruch seit der Renaissance Anlass geben wird. Man liest diese Zukunftsprognosen allerdings mit Skepsis, weil bereits seine Gegenwartsdiagnosen problematisch sind.

Er beschreibt viele Entwicklungen und Trends in der Gesellschaft über die es jede Menge wissenschaftlicher Untersuchungen gäbe. Mit Belegen zu seinen Behauptungen gibt sich Serres jedoch nicht ab. Ein Ergebnis dieser philosophischen Formulierungsfreiheit sind Fehler. So nähert sich die Zahl der Facebooknutzer natürlich nicht jener der Weltbevölkerung an (Facebook: 1,2 Milliarden. Weltbevölkerung: 7,1 Milliarden). Aber vermutlich hat Serres die Zahl nur schnell mit seiner Kognitionsbüchse gesucht und ist auf eine fehlerhafte Webseite geraten.

Ein radikaler Umbruch

Was die gesellschaftliche Entwicklung angeht, sieht der Philosoph nun zum ersten Mal die Gelegenheit gekommen, die seit Anbeginn bestehenden gesellschaftlichen Machtstrukturen zu durchbrechen. In der Vor-Internetzeit gab es „oben ohrlose Münder, unten stummes Gehör“. Heute dagegen wolle alle Welt sprechen, alle Welt kommuniziere mit aller Welt in zahllosen Netzwerken. Zweifellos findet hier ein radikaler Umbruch statt und zweifellos sieht Serres hier viele valide Punkte. Unkritischer Optimismus ist aber auch gesellschaftspolitisch unangebracht, wie der Zusammenbruch des ägyptischen Frühlings diesen Sommer zeigte.

Beim Lesen des Buches drängt sich die Frage auf, wie man im 21. Jahrhundert Philosophie betreiben soll. Michel Serres und andere französische Philosophen setzen auf einen oft dunklen, assoziativen Sprachstil und scheren sich nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse. Andere aktuelle Philosophen wie der an der Oxford University tätige Quantenphysiker David Deutsch, gehen da einen ganz andere Wege. Deutsch denkt von der Wissenschaft weg statt gegen die Wissenschaft an und kommt damit zu wesentlichen plausiblen Erkenntnissen als Michel Serres.

Michel Serres: Erfindet Euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation (edition suhrkamp)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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