Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

Eine der wichtigeren Funktionen der Literatur ist es, hinter die oberflächliche Fassade der Menschen zu blicken. Anstatt analytisch in die Tiefe zu blicken, klebt ein guter Teil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur jedoch an der Oberfläche und konzentriert sich auf Beziehungsbefindlichkeiten und ähnlichen Kram. Eine höchst erfreuliche Ausnahme ist deshalb das erste Buch des Jonas Lüscher. Eine kurze Novelle, die allerdings intellektuell mehr auf das Papier bringt als so mancher dicke Roman.

Die Handlung ist schnell erzählt: Der wohlhabende Unternehmer Preising ist geschäftlich in Tunesien. Seine Geschäftspartnerin besitzt mehrere Luxushotels im Land. In ihrem Berberzelt-Ressort in der Wüste wird Preising bequem untergebracht. Eine große Gruppe junger, reicher Finanzschnösel aus London ist ebenfalls anwesend. Ein Pärchen dieser Finanzschickeria bildet sich ein, unbedingt in der Wüste mit großem Tam-Tam heiraten zu müssen. Im Hintergrund dräuen katastrophale Finanzprobleme in England. In der Hochzeitsnacht bricht das englische Finanzsystem zusammen. Die in ihren Luxuszelten hockende Finanzelite ist geschockt und die dünne Schicht der Zivilisation zerbröselt in kurzer Zeit.

Lüschers Thema ist damit in erster Linie ein anthropologisches: Was muss passieren, damit scheinbar wohlerzogene junge Menschen in die Barbarei kippen? Nicht viel, wenn man den einzigen Lebensinhalt nur in Geld und Status zu finden weiß. Zusätzlich schafft es Lüscher viele weitere aktuelle Themen in sein kleines Buch zu packen und zwar ohne dass es hineingestopft wirkt: Der arabische Frühling ist ebenso präsent wie Kinderarbeit in tunesischen Sweatshops. Überhaupt gelingt es der Novelle gut, Tunesien und deren Einwohner authentisch einzufangen.

Formal agiert Lüscher überwiegend geschickt. Preising erzählt seine Geschichte „live“ einem Freund, der bei Bedarf als Kommentierungs- und Entschleunigungsinstanz eingreifen kann. Allerdings hält Lüscher diese Perspektive nicht immer durch und arbeitet ab und zu mit auktorialen Einschüben, die aus diesem Rahmen fallen. Die plumpen jungen Engländer bekommen ein Gegengewicht durch interessante Figuren und deren Perspektiven, als da sind die Eltern des Bräutigams: eine kluge Englischlehrerin und ein Soziologieprofessor, der sich am Ende allerdings auch zum Affen macht.

Der Autor findet einige beeindruckende Bilder, etwa eine Gruppe toter und sterbender Kamele um einen Touristenbus. Er traut der Kompetenz seiner Leser aber nicht über den Weg, weshalb er Preising einmal explizit sagen lässt, dass Kamele in seiner Geschichte als Symbole fungieren.

Aber das sind Nebensächlichkeiten. Lesen!

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren (C.H. Beck)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Kategorien

Tweets