Reise-Notizen: New York

März 2012

New York gehört zu den wenigen Städten, in denen ich mich sofort zuhause fühle. Das liegt nicht nur am sensationellen kulturellen Angebot, sondern auch an der Akzeptanz der New Yorker für alles Fremde: Jeder gehört sofort zur Stadt. Egal woher er kommt, egal wie gut sein Englisch ist. New York ist das beste Beispiel, dass Menschen unterschiedlichster Kulturen und Herkunft auf engem Raum zusammenleben können. Deshalb ist es Ideologen aller Couleur so verhasst. Andererseits versichern mir Bekannte, die viele Jahre in New York wohnten, dass der überwiegende Teil dieses Funktionierens auf das Konto der Gleichgültigkeit gebucht werden kann. Das geht freilich nicht alles bei so einer Menschenmasse.

Ich bin nun zum zweiten Mal in der Stadt. Fünf Tage nur und als ich am Ende mit einem exzellent deutsch sprechenden pakistanischen Taxifahrer zum JFK fahre, fasse ich den Entschluss: Nächstes Mal werde ich 2 Wochen in New York verbringen! Mein Vorsatz war, einiges in Ruhe anzusehen anstatt viel in kurzer Zeit. Über den grandiosen Don Giovanni in der MET berichtete ich bereits. Diesem Prinzip fiel unter anderem das Guggenheim Museum zum Opfer. Ausführlich dagegen besuche ich ich das Metropolitan Museum, mit Schwerpunkt auf den klassischen Gemälden, der Mittelalter- und der Orientsammlung. Dass im Metropolitan eine Vielzahl von hochwertigen Kunstwerken zu sehen sind, ist bekannt. Die Art der Präsentation verdient aber auch der Hervorhebung. So sind die mittelalterlichen Skulpturen in großen Hallen ausgestellt, deren Atmosphäre an Kirchenräume erinnert. Oder die famose Präsentation des Tempels von Dendur in einem eigens errichteten riesigen Ausstellungsraum mit einer enormen Glaswand.

Zum ersten Mal betrete ich die Frick Collection, die mich durch ihre Ungewöhnlichkeit sehr beeindruckt. Das Museum ist in der Villa des Multimillionärs Henry Clay Frick (1849-1919) eingerichtet, der sein enormes Vermögen in hochkarätige Klassiker investierte. Die Sammlung ist zwar klein, enthält aber mehr Meisterwerke als viele bekannte Museen, in denen bekanntlich ja auch viel Zweitklassiges ausgestellt wird. Vermeers (Plural!), Rembrandts und Bellinis hängen im buchstäblich im Wohnzimmer der Villa. Keine Nebenwerke versteht sich, sondern das Beste vom Besten. Dieser verrückte Qualitätsanspruch imponiert. Noch nie sah ich so viel großartige Kunst auf so engem Raum.

Wie zu den Zeiten Fricks ist auch heute New York ein Pflaster, auf dem arge Armut neben ungeheuerlichen Reichtum gleichzeitig existiert. Auf einer Schiffsfahrt umrunde ich Manhattan komplett und bin erstaunt, welche hochgradig heruntergekommenen Plattenbauten man in der Bronx sieht. Dermaßen schäbige Wohnsubstanz sah ich zuvor nur in armen Entwicklungsländern. Auf der anderen Seite schlendert man durch dynamische Bobostadtviertel mit ihren Schallplatten- und edlen Weinläden wie Tribec und SoHo.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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