Michael Haneke: Trilogie

Obwohl ich eine Reihe seiner Filme im Kino sah, beschäftigte ich mich bisher nie systematisch mit den Filmen des Michael Haneke. Den Anfang machten nun seine ersten drei Kinofilme, die als DVD-Box erhältlich sind.

Der siebente Kontinent ist der Auftakt der Trilogie. Eine auf den ersten Blick mustergültige Familie läuft letztendlich Amok. Im ersten Teil des Films sehen wir einen ganz normalen Tag der Eltern und der Tochter. Im zweiten Teil kommen diverse Löcher im sozialen Gefüge zum Vorschein und im furiosen Finale sperren sich die Drei in ihrem Haus ein und zerstören das komplette Inventar. Die Eltern ermorden ihre Tochter und begehen Suizid. Haneke erzählt dies mit einer eisigen Distanz. Diese kühle narrative Ästhetik entfaltet aufgrund des Kontrasts zur Handlung eine enorme Wirkung.

Eine unerklärliche Gewalttat steht auch im Zentrum von Bennys Video. Der fünfzehnjährige videobesessene und aus den gehobenen Mittelstand stammende Benny nimmt ein Mädchen mit heim, wo er sie schließlich nach etwas Small Talk mit einem Schlachtschussapparat in mehreren Raten tötet und dieses Tun natürlich filmt. Seine schockierten Eltern entschließen sich nach einer Analyse der Lage, die Leiche verschwinden zu lassen. Während der Vater dieses Zerstückelungswerk verrichtet, verbringt Benny eine Woche mit seiner Mutter in Ägypten. Alles geht gut! Benny denunziert am Ende seine Eltern bei der Polizei. Als Stilmittel greift Haneke erneut auf radikale Distanzierung zurück.

Die Vorgeschichte eines Amoklaufs erzählen die 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls. Ein Student erschießt scheinbar grundlos mehrere Menschen in einer Bank. In 71 kurzen und meist mitten in der Szene abgeschnittenen Episoden zeigt Haneke wie der Täter mit seinen Opfern zusammenfindet. Kausalität spielt allerdings keine Rolle: Der Film sieht dem Zufall bei der Arbeit zu. Die vielen hineingeschnitten TV-Nachrichten-Szenen kreisen um Gewalt und den Balkankrieg. Das gibt dem Film eine misanthrope Grundhaltung, welche durch die emotionale Kälte aller gezeigten Milieus noch einmal verstärkt wird.

Die frühen Arbeiten des Michael Haneke erinnern an das Frühwerk eines anderen deutschsprachigen Filmemachers. Rainer Werner Fassbinder schickte seine Filmfiguren ebenfalls gerne mit analytischer Intention in ein sozial eisiges Umfeld hinein, samt abschließender Katastrophe. Warum läuft Herr R. Amok? sei als Beispiel genannt. Beide Regisseure setzen ihr Mittelstandspublikum der gerne verdrängten Erkenntnis aus, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Beide Regisseure fanden zu diesem Zweck eine beeindruckende neue Filmsprache.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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