Warum Goethe lesen?

Diese nicht-rhetorische Frage stellte man mir kürzlich auf Twitter und sie erheischt natürlich eine über 140 Zeichen hinaus gehende Antwort. Warum Klassiker-Lektüre allgemein wünschenswert ist, beantwortete ich ja bereits an anderer Stelle. Goethe ist einer der stetigen Begleiter meines Leselebens. Woran das liegt, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Um mit dem offensichtlichsten Grund anzufangen: Er hat einige der besten Bücher geschrieben, die ich kenne. Dazu zähle ich neben der Lyrik zuvörderst den Faust, die Wahlverwandtschaften und seinen Briefwechsel mit Schiller.

Goethe bemühte sich wie kaum ein anderer um ein solides intellektuelles Fundament seiner Schriften. Die Faszination für die Antike und seine Katalysatoren-Rolle für ihre Rezeptionsgeschichte (und damit die Grundlage für die humanistische Erziehung in Deutschland) ist für uns Freunde des Altertums prinzipiell erfreulich. Goethes geistige Unabhängigkeit ist von zwei konträren Seiten spannend. Als Kind der Aufklärung vertraute er seinem Verstand, ließ sich auch von prominenten Kritikern nicht einschüchtern, und ging gerade und aufrecht den verschlängelten Weg des Polyhistors. Diese Autonomie war damals und ist auch heute noch eine Seltenheit. Die Schattenseite dieser Medaille war, dass Goethe speziell bei naturwissenschaftlichen Fragestellungen mit Vorliebe und voller Inbrunst in Sackgassen stolziert ist. Besonders stolz war er beispielsweise darauf, in der Optik Newton widerlegt zu haben. Nimmt man beides zusammen, erhält man ein großartiges Lehrstück, warum geistige Freiheit von methodisch ausgebildetem Denken begleitet werden muss.

Mit anderen Worten: Goethe ist mein liebster intellektueller Reibebaum. Geniales steht neben dem Dummen. Anarchie neben einem braven Minister- und Hofratsleben. Große Prosa neben reaktionärer Propaganda. Intellektuelle Hebammenkunst neben boshaftester Vernichtung von Kritikern. Gastfreundschaft neben Ausbeutung von Mitarbeitern (Eckermann!). Internationalität und Multikulturalismus (Divan!) neben Weimarer Provinzialismus. Kunstenthusiasmus neben Musikdilettantismus.

Goethes Leben ist das erste große Paradebeispiel eines modernen Intellektuellenlebens und den damit verbundenen unvermeidlichen Kompromissen. Wer den Briefwechsel Bernhards mit Unseld liest, der erkennt als Blaupause die Beziehung zwischen Goethe und Cotta. Je länger man sich mit Goethe beschäftigt, desto mehr Facetten seines Lebens und Schreibens treten an den Tag. Probiert es aus!

7 Antworten auf Warum Goethe lesen?

  • Jürgen sagt:

    Goethe als Reibebaum, die Formulierung finde ich gut.

    Er wird sich innerlich auch oft gerieben haben; unlängst kam mir anläßlich eines Filmchens – Goethe als Schlachtenbummler – wiederholt seine „Ordnungsliebe“ unter, die Szene beim Auszug der „Kollaborateure“ aus dem bezwungenen Mainz.

    Bei Friedrich Siegburg lese ich gerade und weil es passt kommentiere ich hier:

    „Goethe erklärte seine Unlust, Institutionen anzugreifen, mit dem Wort: »Es mag sein, dass ich zu früh höflich wurde.«“ – Im Sinne des Ganzen, das hinter allen seinen Büchern steht.

    Nun ja.

  • Alois Mantler sagt:

    Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb
    der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt;
    aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet,
    wenn jenes unerlässlich geforderte Ebenmaß abgeht.
    Dieses Unheil wird sich in der neueren Zeit noch öfter hervortun;
    denn wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart,
    und zwar in schnellster Bewegung, genugtun können?

    Johann Wolfgang von Goethe

  • Cosima sagt:

    Ich habe mich in nicht mehr ganz jugendlichem Übermut dazu hinreissen lassen, Goethes Gesamtwerk für meine Abschlussprüfung zu lesen. Der Professor schaute mich fragend an, wollte mir Kleist ans Herz legen, das machen alle – ich blieb bei Goethe. Und ich habe es nicht bereut. Und nein, ich bin nicht strebsam oder übertrieben arbeitssuchend. Aber Goethe war faszinierend. In seiner Weite, Breite, Tiefe. Er schrieb mit Gefühl, mit Verstand, liess die Themen, die brannten, nie aus. Er war Wissenschaftler und Poet, eine Quelle für alle Facetten des Lebens. Und wenn man seinen Ausspruch kennt, dass alles Schreiben autobiographisch ist, liest man alles nochmals anders. Und liest aus allem einen Menschen heraus, der es nicht nur einfach hatte im Leben. Er hat eine Generation geprägt, sein Werther tat das auf eine ganz eindrückliche und auch erschreckende Weise. Wie will man da NICHT Goethe lesen?

    Er war ganz und gar dem verschrieben, was er tat – das dringt durch seine Bücher durch:

    „In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.“
    Johann Wolfgang v. Goethe

    Mein Lebensbegleiter ist Thomas Mann, dem habe ich (nach Goethe) mein Lesen und Forschen verschrieben. Aber Goethe dringt bei ihm ja immer durch – und bleibt mir so erhalten. Und das ist schön und gewollt.

    • Bei war die Weimarer Klassik einer der Schwerpunkte für mein Rigorosum. Erhebe aber bis heute nicht den Anspruch, das Gesamtwerk gelesen zu haben. Dafür ist ja schon die Münchner Ausgabe viel zu umfangreich. Freue mich hier natürlich über alle Goethe-Freundinnen und -Freunde.

    • Martin sagt:

      Dieses wunderbare Goethe-Zitat schwirrt in Unmengen (und in zahlreichen Versionen;) im Netz herum. Immer brav mit dem Verweis auf G., nie aber mit einer nachvollziehbaren Quellenangabe (Volltextsuche bei Projekt Gutenberg liefert 0 Ergebnisse). Hat jemand ne Idee?

    • Susanna Abendroth sagt:

      und
      bitte, bitte!

      Wo bei Goethe im Gesamtwerk steht denn nun dieser Satz?:
      “In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.”
      Johann Wolfgang v. Goethe

      ich bin der Ansicht, dass da einer einfach mal „Goethe“ druntergeschrieben hat und es nun im Internet so weiterzitiert wird.

      Ich lass mich aber auch gern belehren,..mit der exakten Quellenangabe

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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