Über den Wert der Kultur

In unserer Gesellschaft wird überwiegend monetär zum Ausdruck gebracht, was wirklich wichtig ist. Popsternchen und Fußballstars verdienen ein Vermögen, Komponisten und Autoren leben oft auf Sozialhilfe-Niveau. Viele Kulturpreise sind lächerlich dotiert. Kunstschaffende speisen Sponsoren gerne mit ein paar tausend Euro ab, Summen, die sie als jährliche Bonuszahlung als Beleidigung zurückweisen würden. Das ist ein altes, oft beklagtes Muster.

Was mir seit einigen Jahren aber verstärkt auffällt, ist der Preisverfall bei den hochwertigen Kulturprodukten. Die gesammelten Werke von Franz Kafka werden für 9,99 Euro feilgeboten. Den kompletten Beethoven gibt es für 50 Euro (80 CDs) in passabler Qualität, den kompletten Bach (160 CDs) für 170 Euro. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Alleine mit dem Gesamtwerk Beethovens könnte man sich viele Jahre, wenn nicht sein ganzes Leben beschäftigen.

Man könnte nun argumentieren, das wäre ein großer emanzipatorischer Erfolg. Geld zu haben, sei keine Voraussetzung für Bildung und Kultur mehr. Diese Ansicht hat einen wahren Kern, und es gibt sicher eine Reihe von interessierten Menschen, die davon profitieren. Allerdings wäre mir nicht bekannt, dass Hartz 4 – Empfänger nun verstärkt Beethoven oder Bach hören, nur weil es diese Angebote gibt.

Ich befürchte dagegen, dass bei vielen Menschen der in einer Konsumgesellschaft gut trainierte Effekt einsetzt: Was nicht viel kostet, kann auch nicht sehr viel wert sein. So gesehen dürften diese kulturellen Billigpreise der Kultur mehr schaden als nützen.

5 Antworten auf Über den Wert der Kultur

  • Ich denke, Kafka, Bach und Beethoven sind aus mehreren Gründen nicht geeignete Beispiele, um über den »Wert der Kultur« zu sprechen. Wir bezahlen in diesen Fällen nicht für die Kultur, sondern nur für ihre materielle Erscheinung. Wir alle können eine Kafka-Ausgabe machen, wenn wir wollen – oder eine Beethoven-Symphonie einspielen. Es geht kein Geld an die Künstler oder aber ihre Nachkommen (die Musiker ausgenommen, welche CDs einspielen).
    Heute wertvolle Kultur sind TV-Serien. Sie verbinden literarische, visuelle und musikalische Inputs zu einem Gesamtkunstwerk – und haben durchaus einen monetären Wert. Eine Folge einer anspruchsvollen Serie kostet so viel wie ein großer europäischer Spielfilm – und auch im Geschäft kriegt man die nicht umsonst.

  • heruler sagt:

    Schon mal darüber nachgedacht, daß jemand von zuviel Beethoven hören, Kant lesen und Manet gucken leicht zum Hartz4-Empfänger werden kann? Gerade auch wegen des angeführten Preisverfalls.

  • Christian, welche Schlußfolgerungen ziehst Du nun daraus? „Kultur muß teuer sein, damit sie wertgeschätzt wird“? „Kultur darf nicht billiger sein als …, sonst wird sie nicht mehr ernst genommen“? Und was hat die Hilfebedürftigkeit mit dem Preis von Kulturgütern zu tun? Ich nehme beispielsweise gerne die Ermäßigungen für Schwerbehinderte in Museen und in Theatern in Anspruch, weil es mir sonst nicht möglich wäre, im gleichen Umfang am kulturellen Leben teilzunehmen. Und, ja, ich meine tatsächlich, Kafka, dessen Urheberrecht abgelaufen ist, sollte nicht nur für 9,99 Euro, sondern völlig umsonst zu haben sein, deshalb fördere ich als Wikipedianer auch Freies Wissen, unter anderem Wissen über Kafka. Du verwechselst leider den Preis mit dem Wert einer Sache. Der Wert kann nicht in Geld ausgedrückt werden. Man muß ihn fühlen, und das geht nur mit dem Herzen, niemals mit dem Portemonnaie.

  • Meine unrealistische Schlussfolgerung bestünde darin, dass man nicht alles monetär bewerten sollte, was leider überwiegend der Fall ist.

  • Manu sagt:

    Schon Oskar Wilde klagte: „Heutzutage kennen die Leute vom allem den Preis, aber von nichts mehr den Wert.“ Dennoch: Bei den Hartz-IV-Empfängern täuschst Du Dich, würde ich sagen. Allein die angeführten „Komponisten und Autoren“ sind vermutlich dankbar über günstige Angebote, wobei diese ihnen eventuell nicht gut genug sind (man möchte ja nicht irgendeine beliebige Ausgabe vom Billigwühltisch). In der Bemerkung über Hartz-IV-Empfänger schwingen die üblichen Vorurteile bzw. Klischees mit: ungebildet, desinteressiert, Unterschichten-TV. Umgekehrt gibt es einen Haufen Leute mit viel Geld, die Kultur als eines der Statussymbole konsumieren, mit denen sie sich nach unten abgrenzen können. Beispielsweise möchte ich bezweifeln, dass all die wichtigen und aufgetakelten Leute, die in einer Opernvorstellung sitzen, daran wirklich interessiert sind oder deren kulturellen Wert zu schätzen wissen. Auch das ist eine Variante von elitär und monetär zum Ausdruck gebrachter Kulturkonsum!

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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