Schnitzler: Professor Bernhardi

Burgtheater 24.4.

Regie: Dieter Giesing
Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann

Dr. Bernhardi, Professor für interne Medizin, Direktor des Elisabethinums: Joachim Meyerhoff
Dr. Ebenwald, Professor für Chirurgie, Vizedirektor: Roland Koch
Dr. Cyprian, Professorin für Nervenkrankheiten: Caroline Peters
Dr. Pflugfelder, Professor für Augenkrankheiten: Udo Samel
Dr. Filitz, Professor für Frauenkrankheiten: Oliver Masucci
Dr. Löwenstein, Dozent für Kinderkrankheiten: Martin Schwab
Professor Dr. Flint, Unterrichtsminister: Nicholas Ofczarek
Hofrat Dr. Winkler, im Unterrichtsministerium: Branko Samarovski

Es gibt Momente im Theater, wo fast alles passt: Ein hochkarätiger und aktueller Klassiker trifft auf ein erstklassiges Ensemble und einen verständnisvollen Regisseur. „Professor Bernhardi“ (1912) ist ein kritisches Gesellschaftsdrama, das die Machtmechanismen der k.u.k. Gesellschaft am Beispiel des Antisemitismus seziert. Bernhardi verweigert einem Priester aus humanistischen Gründen, den Zugang zu einer sterbenden Kranken, die deshalb glücklich, aber ohne Sakrament stirbt. Die Wiener Gesellschaft und die Wiener Politik bauscht das zu einem Skandal auf, in dem Bernhardis Judentum natürlich eine wichtige Rolle spielt. Das Parlament spielt dabei eine unrühmliche Rolle, wie meist zu dieser Zeit. Nachzulesen im höchst informativen Buch Hitlers Wien von Brigitte Hamann. Schnitzler arbeitet diese Skandalisierungsmechanik gut heraus, prinzipiell funktioniert das heute noch sehr ähnlich.

Die Stärke des Schnitzlerischen Stücks ist, dass es auf leisen Sohlen daher kommt. Es fehlen „starke Momente“ wie man sie etwa bei Hauptmann oder Ibsen fände. Die Wirkung auf den Zuseher wird dadurch größer. Meyerhoffs Interpretation des Bernhardi unterstützt diesen dramaturgischen Kunstgriff. Er legt den Professor nicht als Opfer an, sondern arbeitet auch die unangenehmen, rechthaberischen Seiten seines Charakters gut heraus. Das unterstreicht die Differenziertheit des Stücks. Auch die anderen Schauspieler legen eine Glanzleistung hin. Die rhetorischen Duelle zwischen Meyerhoff und Ofczarek sind hier an erster Stelle zu nennen.

Die Regie setzt mutig auf ungestörtes Sprechtheater. Eine der besten Inszenierungen seit längerer Zeit.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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