Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

Manche Bücher nehmen seltsame Umwege. Von Jeder stirbt für sich allein mußten beispielsweise erst im angelsächsischen Raum (Alone in Berlin bzw. Every Man Dies Alone) eine halbe Million Exemplare verkauft werden, bevor der Aufbau Verlag nun die erste ungekürzte Auflage auf Deutsch veröffentlichte. Mehr als ein Dutzend weitere Neuübersetzungen sind geplant.

Nun erfreuen sich Themen rund um den Zweiten Weltkrieg in den USA und Großbritannien traditionell großer Beliebtheit. Das allein kann aber nicht der Schlüssel zum Erfolg sein. Vielmehr dürfte die Kombination aus inhaltlichen Neuigkeitswert und höchst spannender Erzählweise den besten Erklärungsansatz bieten. Sprach man bisher vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus, zielte man meist auf den kommunistischen Widerstand oder auf die Gruppe rund um Stauffenberg ab. Weniger im Bewusstsein verankert war der Widerstand der „kleinen Leute“. Fallada nahm sich nun für seinen Roman – von einem realen Fall inspiriert – eines Ehepaars aus dem Kleinbürgertum an. Nach dem „Heldentod“ ihres einzigen Sohnes Otto, fangen die Quangels an kritische Postkarten über das Regime zu schreiben, und in Berliner Wohnhäusern abzulegen. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Gestapo beginnt.

Damit nimmt der Roman viele Anleihen aus der Kriminalliteratur. Durch den Perspektivenwechsel zwischen Gestapo und den Quangels trägt Fallada geschickt zum Spannungsaufbau bei. In nur 24 Tagen schrieb er die erste Fassung des fast siebenhundert Seiten langen Romans. Trotz der Überzeichnungen einiger Figuren (Nazifamilie Persicke) und einiger Unwahrscheinlichkeiten, kann man den Roman als realistische Darstellung des Milieus lesen. Man erfährt viel über die alltäglichen Ängste der Berliner in den vierziger Jahren und über die grausamen Umtriebe der Gestapo. Spitzel, Kriminelle und Prostituierte haben ebenso ihren Auftritt wie brav gebliebene Bildungsbürger und hoch motivierte Hitlerjungen.

Die literarischen Qualitäten des Buches bestehen im übersteigerten Realismus und in einer sprachlich sehr genauen Beobachtungsgabe. Fallada schaffte das Kunststück, aus Elementen der Unterhaltungsliteratur einen fesselnden und glaubwürdigen Roman über den Widerstand in Berlin aufs Papier zu bringen.

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein. Roman. (Aufbau)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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