Josef Winkler: Domra

Es gibt Bücher, die so ungewöhnlich sind, dass sie in keine der üblichen Schubladen passen. Domra gehört zum Merk-würdigsten, was ich seit langem las. Natürlich druckt Suhrkamp ein verkaufsförderndes Roman auf den Titel. Der Text hat aber nur wenig mit dieser Gattung gemein. Der Ich-Erzähler trägt viele autobiographische Züge von Josef Winkler und beschreibt seinen langen Aufenthalt in Varanasi, dem Zentrum des hinduistischen Totenkults. Am Ufer des Ganges werden ständig öffentlich Leichen verbrannt (genauer: geschmort) und Winkler schildert das in einer Eindrücklichkeit und brutalen Detailtreue, die beim Lesen eine Menge von Reaktionen freisetzen: Grauen, Abwehr, Faszination, Beklemmung, Erstaunen. Es stellt sich schnell ein Gefühlszustand ein wie nach einem Ingmar-Bergman-Klassiker.

Eine der großen Stärken des Buches ist der ethnologische Blick: Winkler wertet nicht. Er sieht mit der Sprache. Ich las es vor meiner Reise, und seine eingestreuten Alltagsbeschreibungen bereiten besser auf Indien vor als jeder Reiseführer es könnte. Die Domra gehören übrigens zur Kaste der Unberührbaren und sind auf diese Leichenverbrennungen spezialisiert. Winkler schafft das Kunststück, einen Text geschrieben zu haben, der unglaublich informativ ist, und gleichzeitig einen hohen literarischen Wert hat, da er sich seine eigene Ästhetik erschafft. Besser kann Gegenwartsliteratur nicht sein.

Josef Winkler: Domra. Am Ufer des Ganges. Roman (Suhrkamp Taschenbuch)

Eine Antwort auf Josef Winkler: Domra

  • MAGsein sagt:

    Eine klare, das Wesentliche transportierende Buchbesprechung; man weiß, um was es geht, ohne zu viel zu erfahren. Schön, dass ich diese Seite gefunden habe. Werde öfters mal vorbeischauen. Danke, Twitter, was tät ich nur ohne Dich! :-)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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