Karl-Markus Gauß

Im Wald der Metropolen (Paul Zsolnay Verlag)

Das Ungewöhnliche am neuen Buch des Karl-Markus Gauß zeigt sich bereits daran, dass es kaum möglich ist, passende Notizen-Kategorien dafür zu finden. Ohne Zweifel handelt es sich um ein herausragendes Werk der Gegenwartsliteratur. Es ist aber so dicht versehen mit interessanten Einsichten zur europäischen Kultur- und Literaturgeschichte, um nur zwei Gebiete zu nennen, dass sich die zusätzliche Klassifikation als Sachbuch ebenfalls aufdrängt.

Gauß ist seit vielen Jahren als reisender Berichterstatter über entlegene (mittel)europäische Kulturen und Regionen bekannt. Er rückt das scheinbar Ferne so in den Blick des Lesers, dass sich überraschende Bezüge zur eigenen Gegenwart herstellen. Das Periphere und Randständige rückt plötzlich ins Zentrum und man erkennt, wie oberflächlich und ärmer Europa ohne diese Minderheiten wäre.

Im Wald der Metropolen geht Gauß nun einen großen Schritt weiter: Er verknüpft die auf seinen Reisen gemachten Erlebnisse und Einsichten mit autobiographischen Aspekten, kulturgeschichtlichen Begebenheiten, literarischen Portraits und weiteren Zutaten zu einer neuen Buchform. Zumindest wäre mir kein vergleichbares Werk bekannt. Die Besonderheit liegt auch in der vielschichtigen Verknüpfung der einzelnen Ebenen. Auf den ersten Blick besteht das Buch aus zahlreichen mehrseitigen Abschnitten. Schon bei der ersten Lektüre stellt man aber fest, dass die einzelnen Teile wie Takte in einer Komposition funktionieren. Sie gehen nicht nur inhaltlich meist elegant ineinander über und sind quer durch das Buch durch wiederkehrende Motive und Themen strukturell verbunden, auch stilistisch gibt es einen sehr engen Zusammenhalt. Jede Digression ist sorgfältig eingefügt.
Gleichzeitig wird – wie bei einem Mosaik – durch die einzelnen Bausteine eine umfassende Geschichte erzählt, die auf einer viel abstrakteren Ebene spielt als es zuerst den Anschein hat. Gauß liefert dem Leser Anhaltspunkte für eine Kulturgeschichte (Mittel-)Europas samt deren Einbettung in einen größeren historischen Kontext, indem er teils höchst entlegene, teils bekanntere Begebenheiten erzählt. Er liefert systematische Denkanstöße, die sich im Bewusstsein des Lesenden zu einer europäischen Geschichte formen können, wenn er seine eigenen Kenntnisse mit einbezieht. Gauß schmeichelt seinen Lesern, indem er sie implizit für so intelligent erklärt, dass sie seinem Anliegen auch ohne didaktische Fingerzeige zu folgen vermögen.

Trotz dieses Überbaus liest sich das Buch unterhaltsam und geistreich: man muss ihn nicht zur Kenntnis nehmen. Speziell auf ihre Kosten kommen auch Liebhaber literarischer Raritäten. Gauß liefert eine Fülle von anregenden literarischen Portraits. Einige kannte ich nur dem Namen nach, andere gar nicht. Schon während der Lektüre habe ich Antiquariate nach diversen Titeln durchstöbert und auch einige bestellt. Es ist erstaunlich, welche Vielfalt sich auf dreihundert Buchseiten unterbringen läßt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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