100 Prozent Wien – Eine statistische Kettenreaktion

Wiener Festwochen 29.5.

Regie: Rimini Protokoll

Theater der ganz anderen Art gab es gestern in der Halle E des Museumsquartiers zu sehen. Hundert Wiener wurden nach allen Regel der statistischen Kunst ausgewählt, um alle Wiener zu repräsentieren. Zu Beginn stellten sich alle kurz vor: Vom Kleinkind über den eben sponsionierten Exstudenten mit 37 Jahren bis hin zum ehemaligen Direktor der Nationalbank. Natürlich waren auch viele aus dem Ausland Zugezogene vertreten. Wiens Bevölkerung ist bekanntlich sehr bunt, was eine der großen Stärken der Stadt ist.

Danach ging es dann in medias res, und dargestellte Statistik stand auf dem Programm. Es wurden diverse Fragen gestellt (Wer ist ohne Vater aufgewachsen? Wer ist für die Todesstrafe? usw.), die dann auf unterschiedliche Weise durch die Bewegung der Beteiligten veranschaulicht wurden. Ab und an war das etwas unbeholfen. Bedenkt man aber, dass hier 100 Laienschauspieler auf der Bühne stehen mit nur kurzer Probezeit, funktionierte es ausgesprochen gut.

Rimini Protokoll ist bereits seit längerer Zeit damit sehr erfolgreich, das „echte Leben“ ins Theater zu holen anstatt dieses von Schauspielern repräsentieren zu lassen. Das ist eine spannende Sache und rückt den Prozesscharakter und das Performative für alle Beteiligten in den Mittelpunkt. Das Erlebnis der Laiendarsteller zählt hier ebenso viel wie die Eindrücke der Zuschauer. Spontaneität und die Möglichkeit des Scheiterns wird absichtlich in Kauf genommen.

Das Ergebnis ist eine frische, abwechslungsreiche Produktion. Das Konzept ist witzig und stellt die Ambivalenzen (und Absurditäten!) der statistischen Weltbetrachtung ebenso dar, wie deren Verdienste. Wer Wien kennt, merkte natürlich schnell, dass dort oben tatsächlich ein repräsentativer Haufen seiner Mitmenschen stand.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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