Frans de Waal

Our Inner Ape. A Leading Primatologist Explains Why We Are Who We Are (Riverhead Trade)
(Deutsche Ausgabe)

Der Untertitel der Taschenbuch-Ausgabe klingt etwas präpotent, The Best and Worst of Human Nature der gebundenen Ausgabe ist treffender. Gelesen habe ich allerdings keine der beiden Ausgaben, sondern hörte eine Komplettlesung.

Seit der Antike wird über die Natur des Menschen mit Inbrunst gestritten, und die Anthropologie ist bis in die Gegenwart ein beliebtes ideologisches Schlachtfeld. Sich diesem Thema von Seiten der Biologie zu nähern, wird von vielen prinzipiell abgelehnt, dräut doch der Sozialdarwinismus sein böses Haupt zu erheben. Dass eine biologische und stammesgeschichtliche Perspektive durchaus erhellend sein kann, zeigt Primatenforscher Frans de Waal in diesem Buch.

Sein Ziel ist es – in der gebotenen Vorsicht – das Verhalten unserer genetisch engsten Vorfahren auf erhellende Bezüge zu dem des Homo sapiens sapiens abzuklopfen. Er macht dies anhand verschiedener Themen: Gruppenverhalten und Hierarchieverhältnisse, Aggression, Sex, Kommunikation etc. Das ergibt so manch aufschlussreiche Querbezüge und Metaphern wie „Alphatier“ sind näher an der Realität als man gerne glauben mag.

De Waal ist der Auffassung, das Primaten wie Menschen von konträren Verhaltensmustern geprägt sind. Ausgeprägtes aggressives Verhalten ist die eine Seite. So gehen etwa Schimpansen auf organisierte „Kriegszüge“ aus. Sozialverhalten und Empathie die andere Seite. Das wäre nun nichts Neues. Interessant aber ist, dass de Waal beides gleichrangig im Wesen des Menschen verankert sieht. Das wird ebenfalls durch die neuere Hirnforschung bestätigt. Demnach ist die lange weit verbreitete Ansicht falsch, dass die Aggression das quasi „natürliche“ Verhalten sei, dem dann Gesellschaft und Kultur einen zivilisatorischen Riegel vorschiebt. Es scheint dagegen beides gleichberechtigt im menschlichen Wesen verwurzelt zu sein. Angesichts der unzähligen Ereignisse in Geschichte und Gegenwart, wo sich Barbarei mit Kultur fröhlich in kurzen Abständen abwechselt, scheint für diese Hypothese einiges zu sprechen.

Das Buch regt sehr zum Nachdenken über unsere seltsame Säugetierart an und ist deshalb lesenswert.

2 Antworten auf Frans de Waal

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING

Aktuell in Arbeit

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Kategorien

Tweets