Modest Mussorgski: Boris Godunow

Wiener Staatsoper 17.1.

Boris Godunow, Zar von Russland: Ferruccio Furlanetto
Pimen, Chronikschreiber und Eremit: Kurt Rydl
Grigori Otrepjew, der falsche Dimitri: Marian Talaba
Marina Mnischek, Tochter des Wojwoden von Sandomir: Nadia Krasteva
Rangoni, geheimer Jesuit: Egils Silins
Dirigent: Sebastian Weigle
Regie und Ausstattung: Yannis Kokkos

Mussorgski war ein Wenig-Komponierer und im Kernrepertoire haben sich nur zwei Stücke gehalten: „Die Bilder einer Ausstellung“ und „Boris Godunow“. Diese Oper kannte ich bis vor einigen Wochen noch nicht, bis ich mich auf den gestrigen Abend vorzubereiten begann. Ein Versäumnis, denn Mussorksi schuf damit nicht nur eine musikalisch sehr ansprechende Kreation, sondern auch einen neuen Operntyp, was sie musikgeschichtlich und ästhetisch besonders interessant macht.

In den Musikgeschichten wird Mussorksi gerne unter den „Russischen Nationalisten“ abgehandelt (gemeinsam u.a. mit Glinka, Borodin, Rimsky-Korsakov und heute weniger bekannten Figuren), welche die akademisch gelehrte Musiksprache an den neu gegründeten russischen Konservatorien ablehnten. Betrachtet man „Boris Godunow“, ist diese Schublade nicht unangebracht. Mussorski schuf ein Werk vollgestopft mit russischer Mythologie und Freunde der russischen Literatur werden sich spätestens beim Auftreten eines Staretz zu Hause fühlen. Wie Dostojewksij oder Tolstoi versucht der Komponist, die russische Gesellschaft als Ganzes einzubeziehen: So tritt nicht nur die Machtelite (Zar, Adlige, Kleriker) auf, auch das hungernde Volk, ein Narr oder Soldaten usw. sind Teil des Bühnengeschehens. Eine Szene spielt in einem Wirtshaus an der litauischen Grenze, die nächste im Zarenpalast.

Ästhetisch war es Mussorksi ein Anliegen, seine Musiksprache so natürlich wie möglich dem gesprochenen Wort anzupassen, also das Gegenteil dessen zu versuchen, was Wagner mit seinen bis heute bespöttelten Stabreimen betrieb. Soweit man das, ohne Russisch zu können, beurteilen kann, gelingt ihm das ausgezeichnet. Er verzichtet auf klassische musikalische Mittel der Oper (Arien, Koloraturen), schafft es aber trotzdem, musikalisch hervorragende Qualität zu liefern. Dieser innovative ästhetische Ansatz dürfte das größte Verdienst der Oper sein.

Die Aufführung selbst gestern war ungewöhnlich gut. Die Inszenierung versucht einen Mittelweg zwischen Kostümoper und moderner Inszenierung zu finden, was überraschenderweise nicht schlecht gelang. Das Ensemble war durch die Bank hervorragend disponiert.  Kurt Rydls Stimme ist immer noch eine Urgewalt, aber auch Ferruccio Furlanetto war hervorragend in Form.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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