Reise-Notizen: Belgrad

Eine Stadt voller Kontraste. Begibt man sich auf eine ausgedehnte Stadtwanderung, so ist man über die zahlreichen Gegensätze verblüfft. Neben Ostblock-Architektur in diversen scheußlichen Ausprägungen und heruntergekommenen Wohnhäusern finden sich schöne Ensembles, die einem Vergleich mit Wien durchaus standhalten. Speziell die Innenstadt ist sorgfältig saniert und von anderen europäischen Städten dieser Größe (1,5 Millionen Einwohner) kaum zu unterscheiden. Das Publikum ist jung und vergnügt sich so zahlreich in den vielen Cafes, Bars und Restaurants, dass sich die Frage aufdrängt, wie das mit einem kärglichen Durchschnittslohn von ca. 330 Euro pro Monat eigentlich zusammen passt.

Der osteuropäische Wirtschaftsaufschwung scheint inzwischen in Serbien angekommen zu sein, wenn man der regen Bauaktivität Glauben schenken darf. Auch die Vielzahl der Geschäftsreisenden aus der ganzen Welt, welche im Frühstücksraum meines Hotels ihr Tagesprogramm vorbesprachen, bestätigt diesen Eindruck. Österreichs Firmen sind bereits breit im Land vertreten, speziell hiesige Banken und Versicherungen sind sehr im Stadtbild präsent. Ein pensionierter Serbe, der lange in Deutschland lebte, lobte das kulturelle Verständnis der österreichischen Wirtschafstreibenden (im Gegensatz etwa zu den deutschen) und führte dies auf die monarchischen Zeiten zurück, um mir anschließend von Kriegsgewinnlern gebaute Villen an der Donau und die lokale orthodoxe Kirche zu zeigen.

Als Kulturtourist sollte man Belgrad dieser Tage eher meiden. Die beiden wichtigsten Museen, das Nationalmuseum (mit angeblich interessanter antiker Abteilung) und das Museum für Gegenwartskunst sind beide wegen (dem Anschein nach dringend notwendiger) Sanierungsarbeiten auf unabsehbare Zeit geschlossen. Es bleibt eine kleine Galerie, welche religiöse Fresken seit dem Mittelalter zeigt und das Niklas Tesla Museum, das mit zahlreichen Exponanten rund um dessen brillante Erfindungen aufwarten kann. Unbedingt sehenswert ist das Militärmuseum: Die großserbische Ideologie kommt durch die selektive Auswahl und das militärhistorische Brimborium hübsch zur Geltung. Der letzte Raum ist den Nato-Bombardements gewidmet, inklusive einer stolz präsentierten Uniform eines ums Leben gekommenen amerikanischen Soldaten. Auf die wahre Ursache des Krieges wird naturgemäß mit keinem Wort eingegangen: Ethnisch motivierte Massenvertreibungen passten denkbar schlecht in den eigenen Opfermythos. Das Gebäude des Militärmuseums spiegelt symbolträchtig diese Geisteshaltung wider: Dunkle, niedrige Räume und Gänge mit dem Charme eines sanierungsbedürftigen Krankenhauses. Risse in den Wänden und ein säuerlicher Geruch in der Luft.

Wer Belgrad besuchen will, kann ein aktives urbanes Leben erwarten sowie spektakuläre Flusslandschaften, nicht nur vom Kalemegdan-Park in der Innenstadt aus, der über dem Zusammenfluss von Save und Donau angelegt ist. Man kann an beiden Flüssen ausgiebige Spaziergänge unternehmen und die zahlreichen vorzüglichen Fischrestaurants ausprobieren.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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