Marco Polo: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts

Dieser Klassiker der Reiseliteratur steht schon lange in einem meiner Bücherregale. Der Anstoß, ihn jetzt zu lesen, war die für dieses Jahr geplante Chinareise. Von vielen berühmten Büchern, die man noch nicht las, hat man oft eine seltsam genaue Vorstellung. Meine Erwartungshaltung war, einen möglichst präzisen Eindruck vom mittelalterlichen China zu bekommen. Das trifft den Sachverhalt allerdings im besten Fall nur halb. Zwar ist Marco Polo eine der wichtigsten Quellen, aber ein guter Teil des Reiseberichts beschäftigt sich mit der Hin- und Abreise. Deshalb nehmen neben China auch andere geographische Regionen viel Platz in Anspruch. Genannt seien etwa Zentralasien, Indien und, in geringerem Maße, Japan.

Für eine Publikation des 13. Jahrhunderts ist die Beschreibung erstaunlich objektiv. Dieses Urteil ist natürlich in Bezug auf den zeitgenössischen Referenzrahmen zu verstehen. Einige der mittelalterlichen Legenden von seltsamen Wesen in der Ferne schlichen sich auch bei Marco Polo ein. Vermutlich hat er sie von Kaufleuten vernommen, die oft aus eigennützigen Gründen die Konkurrenz durch Schreckgeschichten von lukrativen Handelsgegenden fernhalten wollten.
Die Debatte, ob Marco Polo wirklich in China war, dauert immer noch an. Einige damals in Europa unbekannte „Details“, so seine korrekte Beschreibung des Papiergeldwesens, sprechen jedoch sehr gegen eine Existenz als Schreibstubengelehrter. Bei der Lektüre drängen sich teilweise Parallelen zu Herodots Historien auf. Dahingehend nämlich, dass man auch bei Marco Polo das Balancieren zwischen „Wissenschaftlichkeit“ und „Mythos“ an einigen Stellen sehr anschaulich beobachten kann. Man findet ebenfalls Quellenverweise und expliziten Zweifel an Gehörtem. Allerdings ist Herodots Jahrtausendbuch kein fairer Vergleichsmaßstab für den Autor aus Vendig.
Trotzdem findet man sehr hübsche Geschichten wie etwa über die Entstehung der Assassinen:

Auch hielt der Fürst an seinem Hof eine Anzahl zwölf- bis zwanzigjähriger Jünglinge, die er aus denjenigen Einwohnern der benachtbarten Gebirge ausgewählt hatte, die kriegerisch veranlagt waren und besonders verwegen zu sein schienen. Diesen erzählte er täglich von dem vom Propheten verkündigten Paradies und von seiner Macht, sie in dasselbe einzuführen: Von Zeit zu Zeit aber ließ er ihnen dann ein Schlafmittel einflößen und sie, wenn sie in todesähnlichen Schlaf waren, in die verschiedenen Paläste seines Gartens bringen. Wenn sie nun aus ihrem tiefen Schlummer erwachten, waren sie wie berauscht von all den Herrlichkeiten […] ein jeder sah sich von lieblichen Mädchen umgeben, die sangen, spielten und sich durch die bezauberndsten Liebkosungen angenehm machten […]

Man kann sich denken, wie es weiter geht: Den Jungen wird der Eingang ins Paradies in Aussicht gestellt, wenn Sie sich für ihren Herrn aufopfern, was sie unter diesen Umständen gerne tun. Das Prinzip dieser Rekrutierungsmethode scheint sich in den letzten 700 Jahren nicht verändert zu haben.

Die Ausgabe des Erdmann Verlags ist empfehlenswert. Es liest sich nicht nur die Übersetzung angenehm, sondern es sind in kursiver Schrift immer wieder Kommentare und Erläuterungen im Haupttext eingeschoben, was der Verständlichkeit sehr förderlich ist. Man denke nur daran, dass die meisten geographischen Namen nicht den heutigen entsprechen.

Marco Polo: Von Venedig nach China. Die größte Reise des 13. Jahrhunderts (Edition Erdmann)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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