Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Karamasow [2.]

In meinen Bibliomanen Betrachtungen beschrieb ich die Veränderung meines Leseverhaltens hin zum Bewährten. Nach etwa zwanzig Jahren „erwachsener“ Lektüre erscheint es mir an der Zeit, die literarischen Höhepunkte noch einmal aufzusuchen und alte Urteile zu überprüfen. Jeder Leser verklärt die „großen Lektüren“ im Laufe der Zeit. Ein Freund und Vielleser meinte deshalb, er schrecke aus diesem Grund vor solchen Wiederlektüren zurück.

Dostojewkij nimmt nun in meinen literarischen Pantheon einen besonderen Platz ein. Einige seiner Hauptwerke las ich bereits mehrmals. Zuletzt „Verbrechen und Strafe“ (Schuld und Sühne) und war wohl vor allem ob meiner hohen Erwartung letztendlich enttäuscht. Anders „Böse Geiste“ (Dämonen): die Zweitlektüre war ästhetisch mindestens so zufriedenstellend wie die erste. Wie würde es nun mit den „Brüdern Karamsow“ sein, in meiner Erinnerung einer der besten Romane, die ich je las? Das liegt allerdings mindestens fünfzehn Jahre zurück.

Skeptisch begann ich nicht zuletzt deshalb, weil ich mich inzwischen auch verstärkt mit Dostojewskijs kruder Weltanschauung auseinandergesetzt hatte. Man könnte sie auf den Nenner „naiver Religionskitsch“ bringen, der mit einigen politischen Unappetitlichkeiten garniert wird. Bekanntlich sollte Moskau als drittes Rom mit der urwüchsigen Kraft des russischen Volks nicht weniger als die Welt durch eine neue religiöse Revolution erlösen.

Nun spielt dieser Themenstrang in den „Brüdern Karamasow“ tatsächlich eine wichtige Rolle auf vielen Ebenen, aber das verblüffende Resultat: er schadet dem Roman nicht. Die literarische Qualität des Romans „besiegt“ die weltanschauliche Verquastheit. Das kommt in der Literatur nur ausgesprochen selten vor und ist ein Beleg für die herausragende Qualität des Buches.

Worin diese besteht, läßt sich in einer kurzen Notiz nicht im Detail belegen. Sieht man sich aber die Art und Weise an, wie Dostojewksij sein Weltbild literarisch vermittelt, bekommt man erste Hinweise. Es sticht sofort die Polyphonie des Romans ins Auge. Gegenpositionen zur eigenen Position werden nicht nur zugelassen, sondern furios mit großer literarischer Wucht gestaltet. Nebenbei sei bemerkt, dass Robert Musil später im „Mann ohne Eigenschaften“ das Prinzip perfektioniert, Weltanschauungen durch Romanfiguren zu repräsentieren. Als Beispiel bei Dostojewskij sei nur Iwans zurecht berühmte Erzählung vom „Großinquisitor“ und Iwans (imaginäre?) Unterhaltung mit dem Teufel in bester faustischer Tradition angeführt.

Ausgesprochen geschickt relativiert der Autor auch die Figur des idealisierten Mönchs Starez Sossima, in dem er seine Leiche nach dessen Ableben schnell einen Verwesungsgeruch ausströmen läßt. Diesen hätte es nach dem Volksglauben nicht geben dürfen. Er löst im Kloster Aufruhr aus und stürzt Aljoscha in Tiefe Zweifel. Ich bin versucht, hier von einer „Polyphonie“ zweiter Stufe zu sprechen. Denn es stehen sich nicht nur grundsätzlich verschiedene Positionen polyphon gegenüber, sondern sogar innerhalb einzelner Positionen differenziert Dostojewsij diese weiter. Dieser Kunstverstand, der sich vom „religiösen Kleinhirn“ nur bedingt verwirren ließ, ist bewundernswert.

Über die Kunst Dostojewskijs, die menschliche Psyche seiner Figuren bis in die letzten Verästelungen zu ergründen, wurde bereits so viel geschrieben, dass ich hier kein weiteres Loblied anstimmen muss. Vielleicht noch wenige Worte zur Komposition: Der umsichtige Romanaufbau und die langsame Beschleunigung bis hin zur furiosen Kriminalhandung ab etwa der Mitte des Textes hat selten seinesgleichen. Ich kann allen nur dringend raten, sich dieser tausenddreihundertseitigen Romanwelt nicht zu verschließen.

Abschließend sei noch vermerkt, dass konkreter Anlass der Lektüre die lang erwartete Taschenbuch-Ausgabe der Übersetzung Swetlana Geiers war. Da ich des Russischen nicht mächtig bin, kann ich nur unterschiedliche Übersetzungen vergleichen. Geiers Übertragung scheint Dostojewskijs ästhetischer Strategie sehr nahe zu kommen, speziell was die brillanten, langen Dialoge angeht. Die Übersetzungen Geiers sind eine literarische Großtat, die leider viel zu wenig gewürdigt wird.

Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Karamasow (Fischer Taschenbuch)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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