Goethe: Die Wahlverwandtschaften [4.]

Münchner Ausgabe Bd. 9 (Amazon Partnerlink)

Dieser Roman gehört zweifellos zu meinen Favoriten und die vierte oder fünfte Lektüre änderte nichts an diesem Urteil, ganz im Gegenteil. Es ist ein makelloses Kunstwerk (soweit das möglich ist) und verdient eine ausführliche Beschäftigung. Goethes Kunstsprache ist brillant. Sie hält eine delikate Balance zwischen Künstlichkeit und Realismus. Dem Leser bleibt angesichts dieser elegant dahin fließenden Sätze immer bewusst, dass er es mit einem künstlichen Gebilde zu tun hat. Das trübt aber keinesfalls den realistischen Gehalt des Romans. Diese gelungene Kombination zwischen einem en detail konstruierten Werk auf der einen Seite und dem gesellschaftlichen Inhalt auf der anderen Seite, ist wohl Goethes größter ästhetischer Verdienst.

Das Buch gehört zweifellos zu den durchgeformtesten Werken Goethes und steht in dieser Hinsicht auch in der gesamten deutschsprachigen Romanliteratur ziemlich einsam da. Die perfekt komponierten großen Romane Thomas Manns kommen einem noch in den Sinn oder einige Romane Thomas Bernhards, der freilich eine völlig andere Ästhetik pflegt, und deshalb kein adäquater Vergleich ist.

Goethe selbst hat in seiner bescheidenen Art betont, „Die Wahlverwandschaften“ müsse man mindestens dreimal lesen. Um damit zu einem guten Verständnis zu gelangen, muss man aber schon ein geübter Leser sein, würde ich hinzufügen. Es gibt kein Detail im Buch ohne ästhetischen Mehrwert. Wer den Roman zum ersten Mal liest, möge sich darüber bewusst sein, dass jede Kleinigkeit seine ästhetische Funktion erfüllt. Es gibt eine Fülle von symbolischen und inhaltlichen Vor- und Rückverweisen („Isotopien“ wie Literaturwissenschaftler gerne sagen). Thomas Mann hat Goethes Technik sehr genau verstanden und diese dann zu seiner Leitmotivtechnik weiterentwickelt. Auch die Romanräume und deren Durchgestaltung, man denke nur an die Umgestaltung des Parks, ist keine unwichtigte Szenerie. Generell gibt es eine Menge an Anspielungen an mythologische, ikonographische und literarische Themen.

Beschreibt man die „Die Wahlverwandschaften“ formal jemanden, der das Buch nicht kennt, müsste dieser Zuhörer denken, er hätte es mit l’art pour l’art zu tun. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die Rezeption des 1809 erschienen Buches zeigt, dass man es nicht als gelungene, aber harmlose ästhetische Spielerei auffasste, sondern als Skandalroman. Besonders der novellistische Höhepunkte (Goethe plante ursprünglich eine Novelle für die „Wanderjahre“), nämlich der geistige Ehebruch von Charlotte und Eduard (beide schlafen miteinander imaginieren aber den Hauptmann bzw. Ottilie) schockierte die Zeitgenossen. Das Kind aus dieser Nacht hatte dann auch eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den beiden Abwesenden.
Das Portrait, welches Goethe vom damaligen Landadel zeichnet, den Eduard als Prototyp verkörpert, ist wenig schmeichelhaft. Diese Gesellschaftsschicht war damals nicht nur ökonomisch in einer Abwärtsspirale begriffen, was im Roman auch sehr deutlich wird (Verkäufe von Besitz, strenges Haushalten von Charlotte etc.). Der Leser sieht eine Klasse kurz vor ihrem endgültigen Untergang, der bald durch die industrielle Revolution und die Aufhebung feudaler Privilegien eingeleitet werden wird.

Als sei das alles noch nicht ausreichend, packt Goethe eine weitere Ebene dazu: Die naturwissenschaftliche Analogie wie sie im Titel zum Ausdruck kommt. Er geht auf die 1785 erschienene deutsche Übersetzung des schwedischen Werks
Tobern Bergman zurück: „Wahlverwandschaften“ (original „De attractionibus electivis“). Dieser Brückenschlag zwischen Literatur und Naturwissenschaften war damals ein ziemlich avantgardistisches Unterfangen und zeigt Goethes Ablehnung jeglichen Schubladendenkens. Dass Goethe, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf naturwissenschaftlichem Feld ein sturer Dilettant war, ändert nichts daran.

Diese kurzen Andeutungen, warum mich dieses Buch immer wieder fasziniert, mögen an dieser Stelle genügen. Wer den Roman aufmerksam liest, wird eine Fülle weiterer Aspekte finden.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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