Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (15 und Ende)

Buch 22 dtv-bibliothek

Das Thema des letzten Buches dieses Mammutwerks liegt selbstverständlich auf der Hand: „Die ewige Seligkeit“. Das wortreiche (und nicht so unberechtigte) Bejammern der Tristheit des menschlichen Lebens liefe rhetorisch ja ins Leere, könnte ihr Augustinus nicht seine Jenseitsutopie entgegen setzen.

Wie gewöhnlich fängt er mit einer Auslegung der entsprechenden Bibelstellen an und führt seine üblichen Plausibilisierungsargumente an. Besonders empört ist er über den Einwand, die Schwere menschlicher Körper passe in Kombination mit der Schwerkraft nicht mit dem luftigen Aufenthaltsort derselben nach der Auferstehung zusammen:

Hier sieht man, mit welchen Beweisgründen die von Eitelkeit aufgeblasene menschliche Schwachheit der göttlichen Allmacht sich widersetzt. [S. 782]

Danach werden eine Reihe von wichtigen Detailfragen behandelt, etwa wie es um die Auferstehung von Frühgeburten bestellt ist (sie auferstehen). Oder ob auch Frauen ewig selig sein dürfen (sie dürfen!). Schließlich werden sich die Patienten von Schönheitschirurgen freuen zu hören, dass ihr Auferstehungsleib ein makelloser sein wird.

Gegen Ende werden dann Plato und Porphyrius noch als Vorläufer des Auferstehungsglaubens eingemeindet.

Abschließend stellt sich nun die Frage, ob die Lektüre dieser 1600 Seiten (mit Kommentar) in einem sinnvollen Verhältnis zur dafür notwendigen Zeit steht. Meine kursorischen Notizen über den „Gottesstaat“ implizieren natürlich bereits eine positive Antwort. Nähert man sich diesen Büchern mit der richtigen Mischung aus Skepsis und Offenheit, dann wird man mit einer Fülle von neuen Erkenntnissen belohnt. Damit meine ich einerseits das geistesgeschichtliche Faktenwissen zum Christentum, das dieses zentrale Buch vermittelt, andererseits auch zahlreiche Metabeobachtungen. Hochgradig verblüffte mich beispielsweise die intellektuelle und literarische Brillanz der ersten zehn Bücher. Immer wenn es gegen die Feinde des Christentums geht (Römer, Philosophen, Häretiker) läuft Augustinus zu einer Hochform auf, die ihn auf eine Stufe mit den besten antiken Philosophen stellt. Je „positiver“ er wird, also je christlich-dogmatischer, desto geringer wird seine intellektuelle Leistung und Überzeugungskraft. Wobei hier zu ergänzen ist, dass man intellektuell nicht mehr aus dem Christentum herausholen kann. Wer sich einen Überblick über die philosophische Satisfaktionsfähigkeit des Christentums verschaffen will, braucht nur Augustinus und Thomas von Aquin zu lesen. Etwas Besseres gibt es nicht, weshalb man letztendlich das Fazit zieht, dass diese Weltanschauung nicht einmal durch die klügsten Köpfe der Geistesgeschichte zu retten ist.

Einen Vorzug den Klassiker von der Statur des „Gottesstaates“ aktuellen Büchern voraus haben, ist der semantische Mehrwert, welcher durch den historischen Abstand entsteht. Diese Vergleichsmöglichkeit von „klassischem“ Denken mit der Gegenwart kann eine Neuerscheinung per definitionem nicht bieten. Je mehr und länger ich diese alten Bücher lese, desto weniger könnte ich auf sie verzichten (auch und vor allem um die Gegenwart besser zu verstehen).

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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