Aurelius Augustinus: Vom Gottesstaat (12)

Buch 17 und 18 dtv-bibliothek

Im Mittelpunkt stehen diesmal die Propheten und deren Weissagungen. Gleich zu Beginn erläutert Augustinus seinen hermeneutischen Ansatz und läßt drei verschiedene Interpretationsarten der Prophezeiungen zu. Eine „himmlische“, eine „irdische“ und eine Mischform. Eine wörtliche Lesart, wie sie heute bei einigen fundamentalistischen Gruppen üblich ist, hätte nur seinen Spott herausgefordert. Er ist für einen Mittelweg:

Aber wie mir diejenigen in großem Irrtum befangen zu sein scheinen, die meinen, keinerlei in jenen Schriften dargestellten Ereignisse bedeuten etwas anderes als das, was sich damals zugetragen, so kommen mir auch diejenigen verwegen vor, die behaupten, hier sei alles sinnbildlich zu verstehen. [S. 361]

Dieses Prinzip wendet der Philosoph dann auf diverse Prophetenworte und Psalmen an. Darunter sind auch einige Auslegungen, die nur schwer nachzuvollziehen sind, da sie vom Bibeltext weit abweichen.

Damit ist der chronologische Kommentar des Alten Testaments abgeschlossen und Augustinus wendet sich wieder systematischen Themen zu. Das achtzehnte Buch beschäftigt sich so mit dem Nebeneinander von Weltstaat und Gottesstaat von Abraham bis Christus. Unter „Weltstaat“ wird vor allem die griechische und römische Geschichte verstanden. Selbst der griechischen Mythologie, in seiner Terminologie „heidischen Fabeln“, ist ein Abschnitt gewidmet. Als Quelle allgemein dienen im Werke des berühmten römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro (116-27 v.u.Z.), der angeblich 74 Werke verfasste.

Natürlich geht das nicht ohne polemische Seitenhiebe auf „die spitzfindige und haarspaltende Geschwätzigkeit der Philosophen“ [S. 454] ab. Augustinus bestreitet vehement, dass die ägyptische Zivilisation älter ist als seine barbarischen Hirtenstämme:

[…] da doch nicht einmal Ägypten, das sich fälschlich und grundlos des Alters seiner Gelehrsamkeit zu rühmen pflegt, mit seiner Weisheit, sie mag sein, wie sie will, der Weisheit unserer Urväter zeitlich zuvorgekommen ist. [S. 481]

Ein klassisches Beispiel für selektive Wahrnehmung ist der Abschnitt 41 „Die Philosophen widersprechen einander, die Heilige Schrift ist einhellig“. Würde Augustinus nur einen kleinen Teil seiner hermeneutischen Willkür, die er auf die Bibel anwendet, auf die Philosophie übertragen, könnte er ebenso bequem deren Widersprüche weginterpretieren. Denn selbstverständlich ist auch das Alte Testament voller Kontradiktionen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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