Lessing: Schriften gegen Goeze

WBG Werkausgabe Band 8

Die öffentliche Auseinandersetzung des Aufklärers Lessings mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717-1786) zählt zu den berühmtesten publizistischen Kontroversen des 18. Jahrhunderts. Wer nun dächte, diese Schriften seien „nur“ aus geistesgeschichtlichen Interesse lesenswert, täuschte sich. Lessings Religionskritik ist angesichts des zunehmenden Fundamentalismus (nicht nur des islamischen wohlgemerkt) aktueller als wünschenswert. Stilistisch sind Lessings Polemiken brillant, selbst mit ausschließlich ästhetisch-literarischem Fokus lohnte die Lektüre.

Auslöser der Kontroverse war Lessings Veröffentlichung der Reimarus-Fragmente einige Jahre vorher, von denen hier an anderer Stelle bereits ausführlich die Rede war. Man sollte sie vor den Schriften gegen Goeze lesen, da ansonsten viele Bezüge unklar sind.

An dieser Stelle ist ein Lob angebracht: Die von Herbert G. Göpfert herausgebene und Ende der siebziger Jahre herausgebenen „Werke in acht Bänden“ ist eine vorzügliche Edition für Leser. So finden sich im achten Band nicht nur alle Schriften Lessings gegen Goeze (publiziert und aus dem Nachlass, etwa 350 Seiten), sondern auch die Antworten des protestantischen Fundis in voller Länge. Ergänzt durch einen ausführlichen und genauen Kommentar zur Kontroverse im Anhang.

Goeze griff Lessing wegen der Publikation der Fragemente scharf an. Lessing sollte ihn die atheistische Ecke gestellt werden, was damals existenzbedrohend war. Gleichzeitig versuchte der Pastor durch geschickte Vergleich die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen: Er vergleicht fundamentale Religionskritik immer wieder mit Herrschaftskritik (berechtigterweise muss man anfügen). Lessing gerät deshalb etwas in die Defensive, da eine fundamentale Relgionskritik öffentlich zu üben, nicht möglich ist. Deshalb wehrt er sich vehement gegen den Atheismusvorwurf und bringt zahlreiche Argumente, warum rationaler Diskurs in theologischen Fragen der Religion nützt. Goezes autoritäres Weltbild verrät sich besonders schön durch ein vorgebliches Einlenken: Kritik sei ja schön und gut, aber Lessing hätte sie auf Lateinisch veröffentlichen müssen, damit nicht die Gefahr bestehe, unbedarfte Gläubige zu verunsichern Die Schriften sind also auch sehr lehrreich, wenn man verstehen will, warum Religion und Freiheit gegenläufig sind.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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