Reise-Notizen Ägypten (1): “No bomb, Sir?” (Februar 2005)

War ich mir auf dem Flug nach Kairo noch unschlüssig, ob es tatsächlich diesen vielzitierten Unterschied zwischen abendländischer und morgenländischer Mentalität gäbe, bekam ich am Ende des Fluges eine erste Demonstration orientalischer Gelassenheit. Minuten vor dem Landeanflug wurden die kleinen rosa farbigen Formulare verteilt, von denen dutzende Millionen ausgefüllt in ägyptischen Ämtern lagern müssen und welche man für die Einreise auszufüllen hat. Nun will ich nicht darauf hinaus, dass man diesen Dienst an der ägyptischen Bürokratie nicht hätte früher leisten können, immerhin war man seit über drei Stunden in der Luft. Das späte Ansinnen der ägyptischen Obrigkeit veranlasste jedoch eine ältere Dame auf der Suche nach einem Schreibgerät wenige Minuten vor der Landung aufzustehen, das Gepäckfach über ihr zu öffnen und ihre Taschen nach einem Stift zu durchwühlen. Ähnliches erlebte ich vor Jahren auf einem Flug der British Airways, wo sich sofort zwei Stewards laut in schönstem Britisch schreiend auf den Betroffenen stürzten und ihn mit sanfter Gewalt in seinen Sitz zurückbefördeten, nicht ohne weiterhin lautstark auf die Veletzung des strengen Landeanflugprotokolls hinzuweisen und ihm die Lebensgefahr vorzuhalten, der er gerade entgangen sei.

Ihre ägyptischen Kollegen? Beide saßen seelenruhig ein paar Meter angeschnallt auf ihren Crewsitzen und sahen der Dame gelangweilt zu, während das Flugzeug sanft landete. Willkommen im Orient.

Müßte ich ein repräsentatives Geräusch für meine erste Ägyptenreise wählen, so wäre es das ubiquitäre hochfrequente Piepsen der Metalldetektoren. Überall sind sie zufinden: An Hoteleingängen und vor Geschäften, vor Museen und auf den Nilschiffen. Die Touristen laufen brav hindurch, und es piepst jedesmal, weshalb man im halben Land von einem Dauerpiepsen umgeben ist. Aber die Sicherheitsvorschriften müssen ja eingehalten werden. Einigen Sicherheitsbeamten scheint die Absurdität dieser Maßnahmen jedoch bewusst zu sein, gleich zwei mal im Verlauf meiner Reise wurde ich, nach dem Verlassen der piepsenden Schleuse höflich gefragt: „No bomb, Sir“?

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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