Stendhal: Rot und Schwarz. Chronik aus dem 19. Jahrhundert [2.]

Hanser/Wissenschaftliche Buchgesellschaft bzw. dtv (Amazon Partnerlink)

Elisbeth Edl als Herausgeberin und Übersetzerin ist diese in jeder Hinsicht vorbildliche neue Ausgabe des großen Romans zu verdanken. Die neue Übertragung liest sich ausgezeichnet. Das ausführliche Nachwort ist höchst informativ und unprätentios geschrieben. Der Stellenkommentar ist nützlich und auf eine Zusammenstellung der Äußerungen Stendhals über sein Buch braucht man ebenfalls nicht zu verzichten. Kurz: Der Hanser Verlag versteht es nach wie vor, ausgezeichnete Klassikerausgaben herauszubringen. Mögen noch viele folgen.

„Rot und Schwarz“ nimmt in meinem Privatkanon einen wichtigen Platz ein. Heute liest sich der Roman wie einer der vielen realistischen Romane des vorletzten Jahrhunderts. Deshalb muss man sich vor Augen führen, dass 1830 diese nüchterne Ästhetik des kalten Blicks höchst ungewöhnlich war. Die Kritik konnte diese psychologisch sezierende Vorgehensweise nicht ertragen und bemängelte die Kälte und Unwahrscheinlichkeit der Figuren.

Wenn man sich die Restaurationszeit vor Augen führt, in welcher der junge und zynische Julien Sorel seine Erfahrungen mit der französischen Gesellschaft macht, spiegelt sein Scheitern authentisch das reaktionär-klerikale Klima des Landes. Sozialer Aufstieg war kaum möglich.
Im Vergleich zu Balzac gibt es weniger Ausrutscher in Richtung Kolportage. Während Balzac seine Romane mit einem weiten Spektrum an Figuren ausstaffiert, die bis zu den Nebenfiguren quicklebendig wirken, konzentriert sich Stendhals Erzählkunst auf wenige Protagonisten. Das Umfeld bleibt ab und zu blaß, Paris als Schauplatz ist seltsam unpräsent. Das schadet dem Roman aber kaum.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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