Popper und die analytische Philosophie

In den letzten Jahren ist der Wiener Kreis verstärkt in den Blick der philosophiehistorischen Forschung gerückt. Das ist sehr erfreulich, handelt es sich dabei doch um eine der spannendsten intellektuellen Unternehmungen des letzten Jahrhunderts. Anstatt der sonst weit verbreiteten philosophischen Vorgehensweise (habilitierter Guru sammelt mit esoterischen Wortspenden Schüler um sich, die seine Lehre dann mit esoterischen Wortspenden weiter tragen), wurde in dem Kreis rund um Moritz Schlick ernsthaft versucht, mit rationalen Methoden zu neuen philosophischen Theorien zu gelangen, inspiriert durch den Aufschwung der Naturwissenschaften und in bester Tradition der Aufklärung. In schnellen Abstand wurden diese Theorien kritisch auseinandergenommen und durch bessere Varianten ersetzt, das kann man z.B. rund um die Entwicklung eines Verifikationskriteriums verfolgen oder an Poppers Kritik am Positivismus klassischer Prägung.

Malachi Haim Hacohen rückt diese Zeit in den Mittelpunkt ihrer umfangreichen neuen Studie: Karl Popper: The Formative Years, 1902-1945: Politics and Philosophy in Interwar Vienna (Cambridge University Press).

Colin McGinn nimmt dieses Buch zum Anlass, Poppers Theorien unter die Lupe zu nehmen* (The New York Review of Books Nr. 18/2002). Dabei würdigt er einerseits Popper als brillanten Skeptiker, hält seine Wissenschaftstheorie allerdings für praxisfern, was er u.a. am Thema Induktion ausführt:

The simple fact is that induction is deeply embedded in science and common sense, and there is no convincing reason why we should declare it irrational. A adequate account of scientific method qould recognize both verification and falsification as necessary procedures, not insist in one at the expense of the other. And there is something contrived and artificial about setting up an opposition here: for falsifying a statement is equivalent to verifying its negation.

McGinn gelingt es, einige der bekannten Probleme von Poppers Induktionstheorie pointiert zusammenzufassen. Trotzdem übersieht er, den Hauptvorteil des Falsifikationsverfahrens: Dieses kombiniert radikale rationale (Selbst)kritik erkenntnistheoretisch mit den Naturwissenschaften als zuverlässigste Wissens-bringer.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

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(5. Januar 2013)

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