Charles Rosen über T.W. Adorno

Rosen darf wohl ohne viel Übertreibung zu den wichtigsten Musikgelehrten des letzten Jahrhunderts gezählt werden, spannend also, was er über Adornos musiktheoretische Werke zu sagen hat. Sein langer Essay ist in der New York Review of Books Nr. 16/2002 nachzulesen („Should We Adore Adorno?“*).

Die wenigen Komplimente an der Oberfläche sollten einen nicht täuschen: Rosen kritisiert Adorno, berechtigterweise möchte man ergänzen, auf der ganzen Linie. Seine simplistische Gegenüberstellung von Schönberg und Strawinsky sei von kulturellen Stereotypen beeinträchtigt. Danach weist Rosen akribisch nach, wie fehlerhaft Adornos Beethovendeutung ist, des Komponisten also, mit dem sich Adorno am meisten beschäftigte:

What Adorno sees as discontinuity in the late style ist in fact a more powerful integration on a larger scale, one that can reconcile the most brutal contrasts. What causes him to misrepresent the character of the late work is his too easy identification of convention with objectivity and original expression with subjectivity. This relegates the conventional to the inexpressive, but the musical conventions have in fact an expressive charge of their own and the art of the composer lies in knowing how to release that charge with the greatest effect. Adorno perceives the importance of the convention in the work of elderly artists like Beethoven and Goethe, but he does not see the power of the most banal aspects of the musical and poetic languages […]

Verquere Sprache ist sehr oft ein Zeichen für eben solches Denken: An ihrer Sprache werdet ihr sie erkennen :-)

Ein Denker wie Rosen hat mit diesem dunklen Geschwafel selbstverständlich auch seine Schwierigkeiten:

Under Adorno’s hands, many of the terms so frequently repeated begin to lose a great part of their meaning. He himself makes a fetish of „fetishism“, as well as of „bourgouis“, „subjecitivity“, „regressive“, and „infantile“, and other words, which tend to become vacous when applied so mechanically and uncritically.

Hinter dieser Sprache versteckt sich weniger Originalität als gemeinhin angenommen wird:

His intelligence, nevertheless, was derivative rather than original. One important influence on Adorno not mentioned by his admirers because it is no longer intellectually respectable: the Oswald Spengler of the once-famous „Decline of the West“. Like Spengler, he preferred intuition to empirical research and theory to empirical description.

Kein Wunder, dass Adorno derzeit wieder so hoch in Mode ist.

* Der Artikel ist mittlerweile Teil des kostenpflichtigen Archivs der NYRB.

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(5. Januar 2013)

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